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372 oktober 2012
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Veganismus als postmoderner Anarchismus?

Bernd-Udo Rinas: Veganismus. Ein postmoderner Anarchismus bei Jugendlichen?, Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2012, 311 S., 28 Euro, ISBN 978-3-940213-71-6

Das Buch ist eine veröffentlichte Uni-Dissertation, in der Bernd-Udo Rinas die Verbindung zwischen Anarchismus, Postmoderne und Veganismus herleiten will. Er interpretiert zunächst den Veganismus als zeitgenössische Jugendbewegung, die vor dem Hintergrund von Individualisierung der Gesellschaft und der Suche nach nicht-traditionellen Identitäten gesehen werden müsse.

Rinas zeichnet dann in einem zweiten, historischen Kapitel die Entwicklung des Veganismus nach, von Hinduismus/Buddhismus ausgehend über die Antike (Phytagoras), die Entwicklung einer nicht-anthropozentrischen Ethik bis zur vegetarisch/veganen Bewegung im 20. Jahrhundert.

Es folgt ein Kapitel über die zentralen Begriffe und Bewegungen der Postmoderne, des Anarchismus und des Veganismus.

Schließlich versucht Rinas im letzten Kapitel eine theoretische Begründung für seine These, dass die vegane Bewegung eine zeitgemäße, postmoderne Form des Anarchismus sei, wobei der Autor insbesondere den in den sozialen Bewegungen diskutierten "Triple-Oppression"-Ansatz in einen "Unity-of-Oppression"-Ansatz, der auch das Herrschaftsverhältnis Mensch-Tier mitberücksichtigt, erweitern will.

Rinas fordert eine Infragestellung des klassischen Anarchismus aus der Perspektive postmoderner Dekonstruktion, um traditionell auf die Moderne ausgerichteten Schlüsselbegriffen wie Herrschaft, Freiheit, Solidarität einen erweiterten Inhalt zu geben (z.B. Solidarität nunmehr im Sinne von Solidarität auch mit Tieren) und sie dadurch mit postmodernen veganen Bewegungen und Lebensstilen verknüpfen zu können.

Der Charakter einer Uni-Arbeit ist dem Buch anzumerken. Beim Lesen war für mich die auf vielen Seiten vorkommende, wortgleiche Wiederholung ein- und desselben Satzes störend.

Die ersten einhundert Seiten wirken sehr referierend und kritiklos.

Doch bei den Themen "Holismus" und der "Erdbefreiungsbewegung" setzt auch die Kritikfähigkeit des Autors ein und bleibt dann das Buch hindurch angenehm präsent. Werden etwa Jeremy Bentham oder Peter Singer anfangs unkritisch dargestellt, so werden Singer, Benthams Utilitarismus und Kaplan auf S. 215ff. von Rinas gut kritisiert und ihre Defizite (Ignoranz gegenüber Kapitalismus; Behindertenfeindlichkeit) als "völlig unakzeptabel" (S. 216) bezeichnet.

Widersprüchlich finde ich allerdings, dass dann trotz dieser Kritik direkt im Anschluss mit denselben Theoretikern versucht wird, den Gleichheitsgrundsatz zwischen Mensch und Tier bei "ähnlichen Interessen" (S. 222) zu begründen. Der dabei zentral werdende Begriff des "Interesses" wird dabei nicht hinterfragt.

Besonders gut finde ich Rinas' Darstellung der anarchistischen Polemik zwischen Murray Bookchin, Janet Biehl und dem "Lifestyle"-Anarchismus. Denn aus Letzterem ging dann die Nach-Seattle-Bewegung hervor und rückblickend waren hier Bookchin/Biehl tatsächlich altbacken und verständnislos gegenüber neuen libertären Lebensformen Jugendlicher.

Rinas bringt eine Fülle an Material und Denktraditionen zusammen, das ist die Stärke des Buches.

Seine Verknüpfungen finde ich nicht immer evident: Die vegane Bewegung arbeitet subjektiv mit einem Wahrheitsanspruch und könnte insofern genauso gut als anti-postmodern klassifiziert werden. Vieles wäre genauer zu diskutieren. Aber die Defizite sind Rinas bewusst und er sieht "noch Diskussionsbedarf [...] für die Tierrechtsbewegung" (S. 241).

S. Tachelschwein
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