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375 januar 2013
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>> 375 januar 2013

Der "Maulwurf" vom Hambacher Forst

Widerstand gegen Braunkohleabbau im Raum Düren

Ein schmaler junger Mann, vielleicht Mitte Zwanzig (sein genaues Alter verrät er nicht), Brille, blondes Bärtchen: das ist der "Maulwurf" vom Hambacher Forst westlich von Köln, der sich im November 2012 an die 90 Stunden lang unter der Erde der Räumung der WaldbesetzerInnen entzog (s. GWR 374).

Etwa sechs Meter unter der Erde hatten sie einen verwinkelten Gang von ungefähr 15 Metern Länge und zwei kleine Räume gegraben. Höhe: ca. 1 Meter. Stehen war also nicht möglich, wohl aber Hocken und Liegen auf der mitgebrachten Luftmatratze. Für diese gab es eine elektrische Luftpumpe, die mit Batterien in Gang gesetzt werden konnte. Sie diente aber auch der Versorgung mit Luft über einen Schlauch, der ins Freie führte. Für Notfälle hatte er sogar eine Flasche mit Sauerstoff dabei, wie sie Taucher benutzen.

Auf den Informationstafeln der Gruppe der WaldbesetzerInnen, seit dem April zwischen zwanzig und dreißig Menschen, sah man Logos von Umweltverbänden: Die regionalen Bürgerinitiativen unterstützten die Besetzung, aber auch der BUND wurde genannt, Robin Wood, Greenpeace.

Es scheint, dass die WaldbesetzerInnen von solchen Gruppen viele praktische Kenntnisse übernehmen konnten: Wie man Baumhäuser baut zum Beispiel, aber auch, wie man in der Erde verschwindet. Auf "Skill Sharing Camps" konnte man solche Dinge lernen. Der "Maulwurf" betont aber die Unabhängigkeit der eigenen Gruppe.

Leider gab es unter den BesetzerInnen eine regelrechte Abneigung gegen Plenumsdiskussionen, damit aber auch gegen die Bildung gemeinsamer Standpunkte und Überzeugungen. Das Argument war, man solle offen bleiben für neu Hinzugekommene.

Trainings in gewaltfreier Aktion etwa gab es nicht, einen Konsens zu gewaltfreiem Verhalten allenfalls unausgesprochen. Klarer Konsens war aber die Anonymität. Jedes Mitglied hatte irgendeinen Spitznamen, und man redete sich nur mit diesem an.

Das hat im Fall von "Maulwurf" nicht verhindert, dass die Polizei sogar seine Eltern aufsuchen konnte, obwohl diese einen anderen Familiennamen haben als er.

"Wozu also die Geheimnistuerei?", fragte ich ihn.

Sie scheint mit einem gewissen Gruppengefühl zu tun zu haben, aber auch mit der Absicht, nicht Einzelne hervortreten zu lassen, sondern immer alle. Ähnlich argumentierten auch die Frauen der russischen Punkband "Pussy Riot", die ebenfalls anonym bleiben wollten.

Insgesamt wurden im Hambacher Forst schließlich von der Polizei 23 Personen geräumt.

Es gab allerdings im Wald durchaus Anweisungen für bestimmte Fälle, die ich kennen lernte, als ich im Oktober einmal Nachtwache gemacht habe.

Für den Fall, dass Nazis auftauchen sollten, gab es ein Signalhorn, dann sollten alle zusammenkommen und sich verteidigen, aber auch per Handy Hilfe rufen. Wenn aber Polizei komme, hieß es, müsse man sich verstecken oder in die Baumhäuser klettern, damit sie einen nicht erwischen.

Die Polizei kam schließlich an einem Dienstag früh um 8 Uhr. Der "Maulwurf" kletterte nicht in ein Baumhaus, sondern in das in langwieriger Arbeit gegrabene Loch unter die Erde.

"Ich fühlte mich eigentlich auch psychisch recht gut vorbereitet", sagte er; außer gelegentlicher Langeweile habe er keine Probleme gehabt. Er hatte ausreichend Batterien für seine Taschenlampe und etwas zu lesen dabei. Kalt war es nicht, im Gegenteil: "Wenn ich mich zu viel bewegt hatte, geriet ich ins Schwitzen und musste mir etwas ausziehen. Und die Stille unten tat gut, ohne den Lärm von der nahen Autobahn oder vom Bagger auf der anderen Seite."

Ich kann es mir immer noch nicht genügend vorstellen, auch wenn ich inzwischen weiß, dass der Raum, wo sich der "Maulwurf" meistens aufgehalten hat, nur wenige Quadratmeter groß und nicht höher als einen Meter war; die Gänge hatten eher nur 50 cm Höhe.

Es gebe ein Video, das den Gang von innen zeigt, sagt der "Maulwurf", das werde sicher bald ins Netz gestellt.

"Am ersten Tag habe ich ziemlich viel von meinen Vorräten verbraucht", erinnert er sich. "Danach habe ich mich etwas gebremst, und als sie es schließlich geschafft hatten, mich rauszuholen, hatte ich erst die Hälfte meiner Lebensmittel aufgegessen."

Nach meinem Besuch fallen mir natürlich alle möglichen Fragen ein, die ich vergessen habe zu stellen: Wie war die Absicherung gegen einen Abbruch von oben genau? Hatte er eine Matte auf dem Boden, um nicht im Dreck zu sitzen?

Der Gang sei nicht einsturzgefährdet gewesen, sagt er, er habe sich sicher gefühlt. Andere Fragen stelle ich erst gar nicht, vielleicht aus Scham: Wie hat er sich gefühlt nach 5 Tagen, ohne sich zu waschen? (Man wäscht sich ohnehin viel zu viel in unserer Kultur.) Wie war es mit den Fäkalien? (Wahrscheinlich ein kleines Loch im allerletzten Ende des Ganges, was sonst.)

Die Kommunikation per Mobiltelefon war unter der Erde nicht möglich, wohl aber über den Schlauch. Später stellte die Grubenwehr, die die Polizei engagiert hatte, ihm ein kabelverbundenes Telefon zur Verfügung. Selbstverständlich waren nicht immer nur seine Freunde am anderen Ende der Leitung. Man hatte ausgemacht, mit ihm in Kontakt zu bleiben, aber immer wieder mussten die Freunde sich verabschieden und ankündigen: Ich muss jetzt Schluss machen. Dann meldeten sich die "Freunde" von der Polizei, die inzwischen Helfer von der Grubenwehr angefordert hatten. Das sind Spezialisten aus dem Bergbau, die Menschen in der Tiefe retten sollen, die verunglückt sind.

Der "Maulwurf" wollte aber nicht gerettet werden, er wollte so lange wie möglich unten bleiben. Ihm ist es wichtig, die falschen Besorgnisse der Polizei richtig zu stellen, die immer davon sprach, er sei akut gefährdet. Die Polizei wollte zum Beispiel nicht glauben, dass er über seine Fahrradpumpe Luft aus der Außenwelt ansaugen konnte. Allerdings hatte er einen Betonklotz mit Armbefestigungen unten und hätte sich damit definitiv anketten können.

Was aber wäre dann passiert? Wäre das nicht Selbstmord gewesen? Nein, sagt er, es hätte nur noch mehr Zeit benötigt, und man hätte ihn eben ausgraben müssen.

Die Darstellung aller dieser Einzelheiten sollte aber nicht von dem Thema ablenken, das der Aktion zugrunde lag: Auf die brutale Zerstörung der Natur hinzuweisen, die RWE aus Profitgründen betreibt. Die Netzseite der UmweltschützerInnen tut das ausführlich (1) , sie verweist auch auf die "Hetzartikel" des Kölner "Express", der, wie auf der Seite erläutert wird, der RWE gehört.

Was ist das Ergebnis der Waldbesetzung?

In Bonn gebe es eine Gruppe von UmweltaktivistInnen, die wollten sich jetzt ebenfalls aktivieren, sagt der "Maulwurf". Er ist bereit, bei Veranstaltungen über die Besetzung zu sprechen. Aber er wolle nicht als Held dastehen, sondern bloß zeigen, dass Widerstand möglich ist. Die Reaktion der Öffentlichkeit sei aber bereits jetzt ein großer Erfolg.

Der Braunkohlenabbau durch RWE war ja immer wieder Gegenstand der Auseinandersetzungen, zuletzt hatte man von dem Kampf um Garzweiler gehört. Aber das war schließlich erfolglos und verschwand aus der öffentlichen Aufmerksamkeit (2).

Und der Hambacher Forst?

Das jetzt geräumte Stück war eines aus dem letzten Drittel dieses Geländes. Eine Autobahn, die A 4, führt mitten hindurch, das ist für RWE kein Hindernis: Die Autobahn wird gerade verlegt, die neue Trasse, parallel zur Bahnlinie, hart am Ort Buir entlang, ist beinahe fertig. Hier ist für RWE also erst einmal Schluss, aber es gibt schon neue Pläne, weiß der "Maulwurf": Zwischen Düren und Nörvenich liege das nächste Objekt der Begierde von RWE, wo man aber auch noch ein paar Dörfer räumen müsste, um die Braunkohle abzubaggern.

Der Widerstand geht also weiter: Auf einem Feld in der Nähe von Morschenich - auch ein von der Räumung bedrohtes Dorf - haben die WaldbesetzerInnen auf Privatgelände eine neue Bleibe gefunden.

Ein beheizbarer Bauwagen dient ihnen als Versammlungsraum, sie schlafen mitten im Winter in Zelten, Wohnwagen und in einem Zentrum am Westrand von Düren: Die Werkstatt für Aktionen und Alternativen (WAA), im September 2011 im Anschluss an die Klimacamps gegründet, will eine dauerhafte Struktur des Widerstandes in der Region verankern.

Die Aktion "Das Gelbe Band" will die "normalen Bürger" in der Region mit ins Boot holen: Ähnlich wie das große X im Wendland, das den Widerstand der Region symbolisiert, soll das Gelbe Band (an der Kleidung, am Haus…) es jedem ermöglichen, seine Solidarität mit dem Widerstand öffentlich zu machen.

Gegenwärtig wird - auch im Zusammenhang mit dem Maya-Kalender - das apokalyptische Denken mancher ZeitgenossInnen ins Lächerliche gezogen. Natürlich ist es kindisch, das Ende der Welt an einem bestimmten Tage zu erwarten.

Stattdessen passiert aber etwas Unheimliches, kaum weniger Schlimmes: Aufgrund der Profitpolitik des Kapitalismus schrumpft der Lebensraum, und das merklich. Fukushima ist das Ende für eine ganze Region, so wie es Tschernobyl war und die übrigen Orte auf diesem Planeten, die bereits radioaktiv verseucht sind.

Der Hambacher Forst ist ein weiteres Beispiel, dem sich andere anschließen werden, man denke nur an das Fracking. Die Verwüstung bedroht auch uns hier in Deutschland, nicht nur das Nigerdelta, nicht nur die sibirische Steppe.

Darauf aufmerksam zu machen, ist das größte Verdienst der WaldbesetzerInnen.

Gerd Büntzly
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Anmerkungen

(1) http://hambacherforst.blogsport.de/

(2) Immerhin kann man im Internet noch etwas darüber lesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebau_Garzweiler


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