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381 september 2013
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Ein Reisebericht aus Istanbul

Frischer Wind für die Klimabewegung. Global Power Shift und die Solidarität mit der Gezi-Park-Bewegung

Man bringe 500 Klimaaktivist_innen aus über 130 Ländern für eine Woche in Istanbul zusammen, lasse sie lernen, kollaborieren, Pläne schmieden, Strategien entwickeln, nach Hause gehen und in ihren Ländern eine Welle von Aktionen starten, die ihres Gleichen suchen.

Global Power Shift

350.org, eine Nicht-Regierungsorganisation aus den USA, richtete diese Zusammenkunft unter dem Namen Global Power Shift zusammen mit Partnerorganisationen wie Greenpeace International und Friends of the Earth aus. Etwa 5000 Menschen bewarben sich für Global Power Shift, weil sie der Überzeugung sind, dass der Klimawandel eine der drängendsten Bedrohungen unserer Zeit darstellt, und wir gemeinsam von unten Druck ausüben müssen, um Politik und Wirtschaft zum Handeln zu bringen. Aus 134 Ländern reisten Ende Juni 2013 die Delegationen an, um neue Fähigkeiten zu erlernen und gemeinsame Strategien für die Klimabewegung der kommenden Jahren zu entwickeln.

Ich bin Studentin, habe im letzten Herbst ein Praktikum bei 350.org gemacht und arbeite seit vielen Jahren in emanzipatorischen Bewegungen.

Um nach Istanbul zu kommen, reiste ich vier Tage mit dem Zug an. Eine schöne Tour durch schöne Länder. Ich kam zwei Tage vor Beginn von Global Power Shift in Istanbul an und war gespannt, was ich von den dortigen Protesten um den Gezi Park mitbekommen sollte.

Schon bei einem Kaffeebesuch fand ich die ersten Anzeichen der anhaltenden Proteste: Ein neu erschienener Bildband mit eindrucksvollen Fotos der letzten Wochen um den Taksim Platz lag zum Kauf aus. Bilder von friedlicher Kooperation, Bilder, die nach Straßenfest aussehen, aber auch Bilder der Gewalt und der beängstigenden Macht der Polizei.

"Überall ist Taksim. Überall ist Widerstand"

Kurze Zeit später, bei einem Spaziergang durch das Viertel Kadiköy, welches auf der asiatischen Seite des Bosporos liegt, traf ich dann auf die erste Demonstration.

Etwa 500 Menschen hatten sich auf einer der Hauptkreuzungen in Kadiköy versammelt, riefen und sangen Slogans, die ich nicht verstand. Ich näherte mich einer Gruppe von Männern und Frauen um die 30. Sie erklärten mir, dass die Demo der fünf getöteten Menschen gewidmet sei, die seit dem Beginn der Proteste ihr Leben durch Polizeigewalt verloren hatten. Auch deswegen hielten viele der Demonstrant_innen fünf Blumen in ihren Händen. Ich war überrascht, als die Gruppe mich fragte, ob ich sie zum Taksimplatz begleiten wolle. Nach kurzem Zögern konnte ich mich der solidarischen Stimmung nicht entziehen und warf alle Versprechen über Bord, die ich meiner Familie vor meiner Abreise gemacht hatte. Mein Aktivistinnenherz gewann über die Vorsicht.

Auf dem Weg zur Fähre, die nach Karaköy zur europäischen Seite fahren würde, und auf unserem weiteren Weg zum Taksimplatz lernte ich die Slogans und andere Demonstrant_innen kennen. Als Zeichen der Solidarität klatschten vorbeiziehende Passanten und stimmten in die Slogans ein.

Jede Menge Autos hupten, um uns zu unterstützen. Die Fährgesellschaft ließ uns sogar kostenlos zur Europäischen Seite und zurück reisen. Es war bemerkenswert. Dies war nicht nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der gegen die aktuelle Politik des Tayyip Erdogan protestierte. Es war eine Massenbewegung aus allen Bevölkerungsschichten. Mit einer Einschränkung: Ich habe keine Frauen mit Kopftüchern auf dieser und den folgenden Demos gesehen.

Nach zweistündigem friedlichen Zusammenseins auf dem Taksimplatz entschied ich mich zu gehen. Ich war erst ein paar Meter gegangen, als ich sah, dass die Polizist_innen anfingen sich zu vermummen. Der ganze Gezi Park, der gleich neben dem Taksimplatz liegt, war dauerhaft von Polizist_innen besetzt, der Taksimplatz von ihnen geradezu umzingelt. Busse, die sonst den öffentlichen Nahverkehr bedienen, waren zu mobilen Gefängnissen umfunktioniert und konnten jederzeit Hunderte von Gefangenen festhalten. Ich war schon in der Haupteinkaufstraße, als der Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas begann. Als ich mich mit anderen Demonstrant_innen in Sicherheit brachte, überwog ein Gefühl: Empörung. Es hatte keinerlei Provokation von Seiten der Demontrant_innen gegeben.

Trotzdem hatte auch diesmal die Polizei mit voller Wucht eingegriffen, und gewaltvoll gezeigt, wem sie dient. Trotz der Gewalt blieben die Mitstreitenden um mich herum ruhig und selbstbewusst. Ich hatte den Eindruck, dass sie wussten: Diese Bewegung ist größer, als die Repression. Zusammen machten wir uns auf den Rückweg nach Kadiköy.

Die Stimmung auf der Fähre war wieder ausgelassen. Ich konnte keine Verletzten sehen und hoffte, dass die meisten mit dem Schrecken davon gekommen sind.

Solidarität mit der Gezi-Park-Bewegung

Zwei Tage später begann Global Power Shift im Zeichen der Solidarität mit der Gezi Park Bewegung. Die türkischen Organisator_innen hatte anstrengende Wochen hinter sich, die Proteste und das Planen einer Konferenz für 500 Menschen hatten ihnen nur wenige Stunden Schlaf gegönnt.

Die Zusammenkunft fand in den Räumen der Technischen Universität Istanbul (ITU) statt. Die Größe der Delegationen variierten je nach Land von ein bis zu fünfzehn Teilnehmenden. Alle Teams, darunter auch die neun Köpfe aus Deutschland, ordneten sich dabei sogenannten Tracks zu.

Die Tracks policy, media, digital campaigning, creative und non-violent direct action wurden von möglichst einer Person eines jeden nationalen Teams für eine Woche belegt. Zusätzlich gab es sogenannte regional Sessions, in denen sich z.B. die Europäischen oder Westafrikanischen Delegationen trafen und für die kommende Arbeit in der Klimabewegung vernetzten. Zu guter Letzt gab es eine Reihe von Roots Camps, d.h. offenen Workshops, die von den Teilnehmenden selbst organisiert wurden. Darunter z.B. auch "Warum Atomkraft keine Alternative zu fossilen Brennstoffen ist" oder "Keeping your mental health while organizing".

Während Global Power Shift überwog das Gefühl der Solidarität. Die Menschen, die ich in Istanbul traf, engagierten sich nicht nur im Bereich Umwelt und Klima. Sie alle waren Teil der anhaltenden Kämpfe in ihren Heimatländern, sei es Passi Livre in Brasilien, die Revolution in Ägypten, Idle No More in Nordamerika oder die Proteste rund um die Finanzkrisen der Welt. Diese Solidarität und das Bewusstsein, dass all unsere Kämpfe miteinander verbunden sind, hat mir viel Kraft gegeben und mich bestärkt, dass wir mehr sind als die Summe unserer einzelnen Teile.

Neben der gefühlten und ausgesprochenen Solidarität fand eine intensive Vernetzung auch innerhalb des europäischen Teams statt. Wir einigten uns auf ein gemeinsames Vorgehen für die COP 19, die diesjährige UN-Klimakonferenz in Warschau. Das polnische Team wird mit unserer Hilfe eine Conference of the Youth organisieren, um ein Gegengewicht zu den zähen, unambitionierten UN-Verhandlungen zu geben. Um vom Politikbetrieb unabhängig zu sein, organisieren wir weitere Aktionen. Auf Europäischer Ebene wird es nationale Powershifts geben, die ähnlich wie die Klimacamps aktivistisches Lernen und Vernetzen unterstützen.

Die zweite Phase

Diese und andere Aktionen stellen die zweite Phase von Global Power Shift dar. In Deutschland liegt der Schwerpunkt von Phase zwei auf einer neuen Vernetzung von Umweltorganisationen und Graswurzelgruppen, die zum Thema Klimawandel arbeiten. Im Juli gab es ein erstes Vernetzungstreffen in Berlin. Ein weiteres findet auf dem diesjährigen Klimacamp im Braunkohlerevier im Rheinland statt (23.8. -2.9.). Die Gruppen sind sich einig, dass es ein übergreifendes, starkes Netzwerk geben muss, mit ähnlich hohem Bekanntheitsgrad und Anerkennung in der Bevölkerung, wie in der Anti-Atomkraftbewegung.

Fossil Free

Gleichzeitig gewinnt eine neue Kampagne an Energie. Sie heißt Fossil Free und steht unter dem Zeichen von Global Power Shift Phase 2. Das Vorbild kommt aus den USA. Das neue Stichwort ist Desinvestition.

Desinvestition bezeichnet ein Konzept, welches öffentliche Institutionen jeglicher Art dazu auffordert ihre Investitionen, Aktien und Geldanlagen in die fossile und nukleare Brennstoffindustrie zu stoppen und in Erneuerbare Energien zu reinvestieren. Zu den Institutionen die desinvestieren können, gehören Hochschulen, Städte, religiöse Einrichtungen, Gewerkschaften, Stiftungen und Rentenfonds.

Die Bewegung reagiert damit auf die dramatischen Zahlen des Klimawandels. Laut der Carbon Tracker Initiative darf die Menschheit nur noch 565 Gigatonnen CO2 emittieren, um unter einer Erderwärmung von 2°C zu bleiben. Auf dieses Ziel haben sich auch die konservativsten Länder bei den UN Klimaverhandlungen 2009 mit dem Copenhagen Accord geeinigt.

Die fossile Industrie hat allerdings bereits heute etwa fünf mal so viel, genau 2795 Gigatonnen CO2 als Brennstoffreserven registriert und plant diese zu verbrennen. Die Konsequenzen sind kaum vorstellbar. Schon heute, bei einer Erderwärmung von etwa einem Grad, sind die immer häufiger werdenden extremen Wetterereignisse desaströse Folge des vom Menschen angetriebenen Klimawandels. Fossil Free reagiert darauf und greift die fossile Industrie dort an, wo es sie am meisten schmerzt. Beim Geld.

Erfolge

Schon können erste große Erfolge gefeiert werden. So entschied sich sowohl der norwegische Pensionsfonds "Storebrand", die niederländische Bank "Rabobank", die Kirche von England, die United Church of Christ (USA), als auch die Vereinigte Kirche von New South Wales (Australien)

Inzwischen werden auch die European Investment Bank (EIB), die European Bank for Reconstruction and Development (EBRD) und die Weltbank auf die Problematik von fossilen Investitionen aufmerksam. Man spricht von einer Carbon Bubble, die ähnlich wie die Immobilienblase platzen könnte. Laut Carbon Tracker Initiative wird die fossile Industrie durch neue CO2-Emissionsreduktionsziele etwa 80% ihrer als Reserve und auf dem Aktienmarkt registrierten fossilen Brennstoffreserven nicht fördern und verbrennen können. Dadurch verlieren sowohl die Unternehmen, als auch "fossile Aktien" in Zukunft drastisch an Wert. Die Carbon Bubble droht zu platzen.

Die Klimabewegung weltweit und in Deutschland ist sich der Problematik bewusst. Wir werden nicht aufhören zu kämpfen und alle Register ziehen, um eine post-fossile Zukunft möglich zu machen, sei es mit Powershifts, Klimacamps oder Desinvestition.

Tine Kurz
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