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¡Guerra! Spaniens heimliches Trauma

Jason Webster: ¡Guerra! Eine Reise im Schatten des Spanischen Bürgerkriegs. Übersetzung Tobias Raubuch, CONTE Verlag, St. Ingbert 2014, 322 Seiten, ISBN 978-3-941657-32-8, 16.90 Euro, www.conte-verlag.com

Unüberhörbar kreischen die Krallen der Bestie des Krieges am eisernen Tor ihres Verließes. Entfesselt ist sie erneut im tumben Wahn der Grenzen und des Nationalismus an einem entgrenzten Europa. Schon greift die Angst um sich. Die Angst als schlechter Ratgeber zu mehr Rüstung, mehr Soldaten und mehr "Abschreckung". Ein höllischer Schlund tut sich vor der vermeintlichen "Festung Europa" auf, an deren Rand blinde Politiker und Generäle taub umhertaumeln, dumpfe Drohungen ausstoßend.

Erstmals seit Goebbels hat im alten Europa wieder ein Politiker, Poroschenko, das Wort vom "totalen Krieg" in den Mund genommen und die Journaille scheut sich nicht es unkommentiert tausendfach nachzudrucken. Vielleicht sollte Petro Poroschoko sich lieber darauf beschränken Schoko-Weihnachtsmänner zu gießen, statt Zinnsoldaten. Wird die Ukraine zum neuen Sarajevo? Selbst Militaristen wie der Altbundeskanzler Schmidt warnen davor.

Der Spanische Bürgerkrieg

Vor 76 Jahren wurde durch politisches Kalkül und demokratische Ignoranz die Spanische Republik von den vereinigten Faschisten in einem bis dahin, auch weit nach der Niederlage, beispiellosen Blutbad ersäuft.

Längst liefen die Rüstungsmaschinerien in Deutschland und Italien auf Hochtouren und produzierten für den Großen Krieg, für den Spanien nur Testfeld und Startbahn war. Als im September 1939 von der Hitler-"Wehr"macht Polen überfallen wurde und Stalin sich zusammen mit seinem Spanien-Gegner die Beute teilte, hatte sich der Lindwurm des Krieges längst in die Lüfte erhoben. In die Lüfte, die diesen neuen Krieg bestimmen würden - von Guernica bis Hiroshima und Nagasaki.

Mit ¡Guerra! hat Jason Webster, ein bis zur Buchveröffentlichung zwölf Jahre in Spanien ansässiger und mit einer spanischen Tänzerin verheirateter Reiseschriftsteller aus San Francisco, einen internationalen Bestseller geliefert (2006 in Englisch), der für breite Leser*innenkreise erstmals ein grelles Licht auf die Gräuel des Spanischen Bürgerkrieges von 1936-39 und die Zeit danach wirft. Als eine alte Nachbarin ihm von einem republikanischen Massengrab auf seinem Grundstück erzählt, das in Sichtweite zu seinem romantischen Haus in den Bergen nördlich Valencias liegt, kriegt Webster die Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Sein mythisches spanisches Reiseprospekt-Idyll bekommt Risse, durch die er eine schreckliche Vergangenheit erahnt.

Bemüht, sich erst mal auf keine Seite zu schlagen, fängt er an, die jüngere Geschichte zu recherchieren und sich mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinanderzusetzen. Hierzu startet er während einer Tournee seiner Frau zu einer Odyssee durch ganz Spanien mit Stationen in Valencia, Madrid, der spanischen Exklave Ceuta / Spanisch-Marokko (Franco-HQ), Granada - Vìznar (Ermordungsort García Lorcas), Castuera (KZ), Toledo (Alcázar), Burgos, Zaragoza Das Tal der Gefallenen (Valle de los Caídos), Baajoz, Perpignan (Lager der Spanienflüchtlinge), die ihn buchstäblich in Abgründe blicken lässt und ihm die Bekanntschaft immer neuer Menschen mit ihren individuellen Geschichten vermittelt.

Die Episoden seiner Reise werden unterbrochen von lebendig erzählten Kapiteln über die geschichtlichen Hintergründe, Personen wie Orwell und Orte wie Guernica. Dabei zeigen sich Schwächen des Buches.

Geschichtliche Fakten sind offenbar nicht in der notwendigen Tiefe recherchiert worden und so in Teilen fehlerhaft. So werden der anarchosyndikalistischen CNT 1936 eine Million Mitglieder zugeordnet, während es in Wirklichkeit zwei waren, mindestens jedoch eineinhalb - gegen Kriegsende sollen es nach manchen Quellen sogar drei Millionen gewesen sein. Während von anarchistischen Exzessen gegen Priester und Kirchen die Rede ist, die es zweifelsohne gegeben hat, ist wenig bis gar nicht von den kirchlichen Exzessen gegen das einfache Volk die Rede, bis hin zu den bewaffneten Geistlichen, die in vollem Ornat in Kämpfe eingriffen. Auch ist an keiner Stelle über von Anarchisten gerettete Geistliche und Kirchen zu lesen.

Die anarchistische Seite kommt fast ausschließlich in Form von (dickbäuchigem) Durruti, (undisziplinierten) Milizen und Gewaltakten zur Sprache und kaum als soziale Revolutionär*innen mit ihrem bemerkenswerten und anfangs vielfach erfolgreichen Versuch, einen freien Sozialismus aufzubauen. Die ebenso starke Gewerkschaft der Sozialisten UGT, an der Basis verbündet mit den Anarchist*innen, wird gar noch weniger erwähnt, ebenso wenig wie das gemeinsame Motto UHP (Unidad Hermanos Proletarios: Einigkeit Proletarische Brüder!).

Wenigstens bleibt die fatale Rolle der Abgesandten Stalins und der GPU nicht unerwähnt, die ihre eigenen Folterkeller und Erschießungskommandos hatten und die für die SU-Waffenlieferungen den Spanischen Goldschatz kassierten (vgl. El Campesino, "Morgen werde ich frei sein").

Ein Exkurs über den über Radio Sevilla eineinhalb Jahre allabendlich um Schlag zehn geifernden und mordkeifenden General Queipo de Llano, ist einer der Höhepunkte des Buches und lässt unwillkürlich an die Massaker der "Hutu" an den "Tutsi" denken, die ebenfalls radiogesteuert waren. Auch die Geschichte des Mordes an Federico Garcìa Lorca und die Schilderung seiner trostlosen Gedenkstätte sticht heraus.

Fettnäpfchen

Bei der Lektüre des Buches kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein etwas trotteliger Ami auf seinem Trampeln durch die bereitstehenden Fettnäpfchen und verrottende Schafskadaver immer wieder vom Regen in die Traufe kommt. Das fängt schon damit an, dass ihn ein Bekannter auf ein faschistengesponsortes Zweikampfevent mitschleppt, auf dem reichlich Blut fließt und wo sich die Kämpfer gegenseitig halb totschlagen. Das auf den T-Shirts der Besucher aufgedruckte Symbol des sich aufbäumenden Stiers scheint ein Symbol der NeoFaschisten zu sein und dies ziert auch das Cover des Buches. Auf seiner Odyssee durch die Orte klerikalfaschistischer Massaker gerät Webster an Leute von beiderlei Seiten, die ihm erschütternde Einblicke in das Kriegsgeschehen verschaffen - und in den Alltag des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Nicht nur das Kriegsgeschehen steht im Mittelpunkt, sondern das, was im heutigen Spanien nur kurz unter der Oberfläche wabert. Die modernen Spanier*innen sind weit entfernt davon, sich von den Traumata des Krieges und Franco-Faschismus erholt zu haben.

Obwohl immer mehr Menschen das Wort ergreifen und die Öffentlichkeit suchen, liegt das vergangene Grauen noch wie ein Alp unter der Haut und im Unterbewussten der Menschen.

Auch vor den republikanischen Massakern macht der Autor nicht Halt. Dennoch ist seine Abscheu gegenüber den Franco-Generälen nicht zu überhören, die zynisch von Anfang an beschlossen hatten, mit einem maximalen Terror und Morden über ihr eigenes Volk herzufallen, um größtmöglichen Schrecken zu verbreiten. Das Rezept dazu hatten Franco und Kumpane in den Kolonialkriegen gelernt. Dass sich diese katholischen Christen hierzu ausgerechnet der einst verhassten Mauren, der marokkanischen "Moros" bedienten, ist eine pikante Note bei diesen unmittelbaren Erben der Inquisition. Aber auch die Republik hatte strategisch und moralisch versagt, als sie Marokko die Freiheit versagte.

Die innere Zerrissenheit der Spanier*innen wird auch in der Figur eines transsexuellen Freundes sichtbar, der zwar selbst, einmal entdeckt, zum Opfer rechter Gewalttäter werden könnte, der aber für gewisse Aspekte des Franco-Faschismus offene Sympathien zeigt. Sympathien, "den Mut" zu haben, von einem Extrem ins andere zu fallen. Vom Republikaner zum Faschisten zu werden. Dieses Menschenbild hat verstörende Elemente, die von einer zerstörten Psyche zeugen.

Fazit

Das Buch ist packend geschrieben und eröffnet Einblicke in ein geheimes und geheimnisvolles Spanien, das schlaflos und leergeweint unter der Oberfläche des trubelig-bunten Touristenlandes liegt.

Der Reportage-Roman ist zum besseren Verständnis mit einer Chronologie des Spanischen Bürgerkrieges, einem Schlüsselpersonenverzeichnis, einem Endnotenverzeichnis, einem (zu kurzen) Literaturverzeichnis (mehr als eine halbe Seite leer verschenkt), einem Personen- und einem Ortsverzeichnis versehen.

Leider fehlt eine Kapitelübersicht und ein paar ärgerliche Fehler wären bei einem etwas besseren Lektorat zu vermeiden gewesen. Dennoch ist die Lektüre unbedingt zu empfehlen, besonders wenn mensch in der Lage ist, die geschilderten Fakten historisch richtig einzuordnen. Für gänzlich Spanienkrieg-Unbeleckte ist das Buch unkommentiert eher nicht zu empfehlen.

R@lf G. Landmesser (LPA Berlin)
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