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412 oktober 2016
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Geschichten von der Möglichkeit des Auswegs

Laurie Pennys anarchafeministische Kurzgeschichten

Laurie Penny: Babys machen und andere Storys, Edition Nautilus, Hamburg 2016, 178 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-96054-000-7

Nun schreibt sie auch noch Fiktion! Nachdem Laurie Penny sich mit mehreren politischen Manifesten und in den sozialen Netzwerken einen Namen als anarchistische Feministin gemacht hat, legt sie nun einen Band mit Kurzgeschichten vor, in denen es um Hexen, Engel, Sagengestalten und verrückte Wissenschaftlerinnen geht - aber vor allem eben um Frauen.

Männer kommen in Pennys Geschichten hauptsächlich als Statisten und Nebenfiguren, als Verkörperung der Herrschaft oder als Mordopfer vor. Im Zentrum der meisten Handlungen stehen definitiv Frauen. Intelligente Frauen, mächtige Frauen, verrückte, arbeitende, drogensüchtige, mordende Frauen; Frauen, die sich rächen, Frauen mit Liebeskummer und Katzen. Doch Penny wäre nicht Penny wenn sie dabei stehen bleiben würde. Genderfragen werden bei ihr stets mit anderen gesellschaftlichen Themen verknüpft, vor allem mit der Frage nach Arbeit und Ausbeutung und der Möglichkeit von individueller Freiheit innerhalb der kapitalistischen Klassengesellschaft. Gerade hier zeigt sich das Politische in Pennys Fiktionen: Sie stattet ihre Frauenfiguren mit Handlungsmacht aus, gerade in Welten, in denen ihr Schicksal vom guten Willen anderer - meistens von Männern - abhängt und weist damit auf die Auswege, die Freiräume und die Möglichkeiten widerständigen Handelns im Hier und Jetzt. Genau deshalb sind Pennys Geschichten nicht wütend oder gänzlich traurig. Sie sind wunderbare, phantasievolle und größtenteils lustige Erzählungen, die am Ende auf die eine oder andere Art gut ausgehen.

So schmiedet sich in "Babys machen" eine sympathisch-verrückte Wissenschaftlerin ihr eigenes Baby um den Unannehmlichkeiten der Schwangerschaft und der Geburt zu entgehen und macht am Ende der Geschichte das, wovon vermutlich alle Eltern zwischenzeitlich träumen: Sie drückt für einen Moment den Aus-Knopf an ihrem schreienden Kleinkind. Diese Geschichte wird aus der Perspektive ihres leicht tölpelhaften Mannes erzählt, der mit der Intelligenz seiner Frau notorisch überfordert ist. Dabei macht eine große Portion schwarzen Humors die Lektüre zu einem echten Stimmungsaufheller. Davon zeugt auch die Geschichte einer Hexe, die für die US-Präsidentschaft kandidiert (!) und dabei männermordend das patriarchalische System aufmischt ("Praktische Magie"). Doch all diesen Schenkelklopfern fehlt es nicht an politischen Tönen. So lässt Penny ihre Hexe den vielleicht für das Buch symptomatischen Satz sprechen: "Das Recht, sich zu entscheiden. Das Recht zu entscheiden, was mit unserem Körper geschieht. Das Recht, um jeden Preis über unser Schicksal zu bestimmen. Das Recht, wie ein Mensch behandelt zu werden. Um jeden Preis. Dafür stehe ich ein." (S. 101)

Doch es gibt auch melancholische Geschichten, die von traurigen Heldinnen erzählen: Frauen, die in unterdrückenden Systemen leben müssen, aber - und das ist Pennys starker Punkt - die es immer schaffen, sich selbst für einen Weg zu entscheiden und damit handlungsmächtig zu sein. So erzählt sie in "Kleine Gnaden" von einem weiblichen Engel, der in einem himmlischen Call-Center die Gebete der Menschen entgegennehmen und nach Handbuch abhandeln muss. Trotz strenger Vorgaben (sieben Minuten für ein ‚Telefonat' und keine Liebesgeschichten mit Menschen) findet der traurige Engel Wege, sich dem kalten Trott zu entziehen, sich in Affären mit Sterblichen zu stürzen und - zugegeben, ein bisschen kitschig - ihrem Herzen zu folgen anstelle des Handbuchs.

Utopien von herrschaftsfreien zukünftigen Gesellschaften ("Das Haus der Unterwerfung") und Dystopien von ausbeuterischen Fast-Food-Arbeitsplätzen, die man nur auf Drogen ertragen kann ("Hush"), ergeben nebeneinander ein wunderbares Mosaik aus feministischen Weltentwürfen und am Schluss bleibt immer dieses positive Gefühl von Happy-End.

Pennys Schreibe ist sicher keine erzähltechnische Meisterleistung, weist aber einen bemerkenswert gut funktionierenden Wechsel an Erzählperspektiven auf. "Babys machen" ist eine leichte politische Lektüre, die Spaß macht und die bestens für die nun kommenden langen Winterabende geeignet ist.

Kerstin Wilhelms-Zywocki
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