graswurzelrevolution
417 märz 2017
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stern / zerbrochenes gewehr
es wird ein lächeln sein
>> 417 märz 2017

"Make food, not borders!"

Solidarität, die durch den Magen geht

Die Gruppe "foodnotborders" kocht in Halle (Saale) bereits seit über einem Jahr gegen Spende. Anschließend leitet die Gruppe das Geld weiter an Flüchtlingsinitiativen. Marco Pellegrino war für die Graswurzelrevolution unterwegs und hat sich das aus nächster Nähe angeschaut.

"foodnotborders kocht wieder!", so erfahre ich es an einem trüben Novembertag über https://www.facebook.com/foodnotborders/. Der vielsagende Name der Gruppe sagt mir erstmal nichts und ich stutze kurz. Beim Blick auf die fb-Seite bestätigt sich dann die erste Vermutung: Es handelt sich um eine Gruppe junger Leute, die gegen Spende kochen. Anschließend leiten sie das Geld an soziale, politisch-emanzipatorische Projekte, Gruppen und Einzelpersonen bzw. Aktivist_innen weiter.

"Schon wieder so ein paar mitteleuropäische Wohlstandskinder, die sich ein reines Gewissen erkaufen wollen", denke ich im ersten Moment nüchtern. Doch dann kommt mir der Gedanke, dass ich mir das Ganze mal anschauen könnte. Warum denn auch nicht, gibt ja schließlich was zu Essen.

Gesagt, getan: Per E-Mail nehme ich mit der Gruppe Kontakt auf. Wir verabreden, dass ich bei der nächsten Kochaktion dabei sein und der Gruppe ein paar Fragen stellen kann. Besagte Aktion findet am 10. Dezember im Rahmen eines Stadtteilfests im halleschen Stadtteil Freiimfelde statt, und ich mache mich an dem Nachmittag früher als nötig auf den Weg, um schon vor Beginn der Aktion ein paar Worte mit den Aktivist_innen zu wechseln.

In Freiimfelde angekommen begebe ich mich direkt zur "Brache", wo ich die Aktivist_innen an ihrem Stand treffen möchte. Die "Brache" sieht so aus, wie es sich anhört: Es handelt sich dabei um ein größeres, etwas heruntergekommenes Grundstück, das momentan von den dortigen Stadtteilinitiativen wieder in Schuss gebracht wird. Am Rande der Brache treffe ich auf Cosima, die mich - mehrere Werkzeuge unter Arm tragend - fragt, ob ich "dieser Typ" von der Graswurzelrevolution sei. Ich bejahe das, und sie trommelt im Handumdrehen auch Hannah, Carla und Isabel zusammen. Ich bin zunächst stutzig, da ein dumpfes Bauchgefühl mir sagt, dass mein Eindruck sich bestätigen könnte, lasse mich aber drauf ein und die vier erzählen.

Zunächst erzählen sie mir davon, wie alles begonnen hat: Alle vier sind Student_innen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, und dort hat die Gruppe auch ihren Ursprung. Der Grundgedanke war von Anfang an, Kochaktionen zu organisieren mit dem Hintergrund, nicht nur globale Inhalte zu berücksichtigen (ökologisch, sozial, tierethisch, politisch), sondern Essen direkt auch für alle zugänglich zu machen - unabhängig von finanziellen Verhältnissen. Darüber hinaus stand der Gedanke im Mittelpunkt, die eigenen Privilegien zu nutzen und einen Teil der Zeit des Studiums und auch dort vor Ort wiederum finanzielle Mittel zu generieren, die dann in progressive Projekte andernorts fließen können. Zuletzt ging und geht es darum, eine Plattform zu schaffen, Themen und Ereignisse sichtbar zu machen, indem diese bewusst in einem universitären Kontext getragen werden und zur Diskussion, zur Auseinandersetzung frei gegeben werden.

Die Gruppe bestand zunächst aus einem Kern von acht Leuten sowie einem kleinen Unterstützungskreis, wobei dann schnell klar wurde: Da kann man auch mehr draus machen!

Also beließ man es nicht dabei, nur zu kochen, sondern verband das Ganze mit praktischer Hilfe in Form von Spendensammlungen. Das Prinzip ist einfach: Die Gruppe kündigt ihre Kochaktion kurze Zeit vorher an, und wenn es soweit ist, wird gegen Spende gekocht. Die Spenden, die bisher dabei eingenommen worden sind, gingen jeweils an das Medinetz Halle e.V., eine Initiative zur medizinischen Versorgung von Geflüchteten, sowie an selbstorganisierte Flüchtlingsproteste.

Obwohl der Name, angelehnt an die "Food Not Bombs"-Bewegung auf derzeitige Verhältnisse und Themen anspricht, ist angedacht, über antirassistische Initiativen und Proteste Geflüchteter hinaus auch Geld an andere unterstützenswerte Projekte und marginalisierte Gruppen fließen zu lassen, wie beispielsweise das Ladyfest in St. Petersburg oder das lokale freie Radio.

Die Kochaktionen selber sind durch Essensspenden möglich, die u.a. vom Bioladen "Öko Halle" kommen, wobei es sich ausschließlich um bio-vegane Lebensmittel handelt. Außer von "Öko Halle" wird die Gruppe noch von einer lokalen Gärtnerei unterstützt. Insgesamt habe man bei sieben Veranstaltungen über das ganze Jahr 2016 hinweg verteilt ca. 2.500 Euro an Spendengeldern eingenommen. Gekocht wurde u.a. bei der Jahresausstellung der Burg Giebichenstein bzw. bei der

Fête de la Musique, erzählen mir die Aktivist_innen.

Auf die Frage, was bei den Aktionen im Mittelpunkt steht, erhalte ich verschiedene Antworten. Isabel meint, dass das gemeinsame Essen Gemeinschaft schaffe, und Hannah betont noch einmal, dass der kulinarische Aspekt ebenfalls wichtig sei - das Essen soll in jedem Fall vegan, saisonal und auch regional sein. Die Gruppe hat in diesem Punkt also einen hohen Anspruch an sich selbst, jedoch ist das Essen an sich bzw. die Tatsache, dass der Genuss viel zu sehr im Mittelpunkt steht, der kritischste Aspekt an dem ganzen Projekt: Wo man sich eigentlich kritisch mit einer Thematik auseinandersetzen sollte, steht der Konsum im Vordergrund. Die Gruppe ist sich dessen bewusst, weiß aber nicht, wie dieser Widerspruch gelöst werden kann. Vielleicht muss er auch gar nicht gelöst werden, denn wichtig ist, was bei den Aktivitäten der Gruppe an Geld rumkommt, und das ist in der Tat eine Menge.

Darüber hinaus schafft die Gruppe einen Spagat, den viele nicht so leicht hinbekommen: die Balance zwischen der Unterstützung lokaler und nicht-lokaler Initiativen: So bleiben die eingenommenen Spenden teilweise vor Ort in Halle, aber man hat beispielsweise auch schon eine größere Menge Geld bei den Leuten vom "No Border Kitchen" auf Lesbos vorbeigebracht, wie Cosima erzählt.

An dieser Stelle muss das Gespräch leider unterbrochen werden, denn wir haben uns verquatscht. Die Gruppe gerät etwas unter Zeitdruck, weshalb ich mich aufmache. Wir einigen uns aber darauf, später in einer ruhigen Minute nochmal kurz miteinander zu reden. Ungefähr zwei bis drei Stunden später komme ich zurück, in freudiger Erwartung der Fortsetzung des Gesprächs, doch schnell stelle ich fest: Bei dem Andrang, der hier gerade herrscht, wird das nie was. Anscheinend schmeckt der Borschtsch so gut wie er riecht, weshalb ich mich ebenfalls anstelle, um davon zu probieren. Gleich beim ersten Bissen denke ich mir: "Lecker! Ist schon eine tolle Sache, wenn Solidarität durch den Magen geht und dabei auch noch so gut schmeckt!"

Zu guter Letzt muss ich mir dann auch eingestehen, dass sich mein anfänglicher Eindruck nicht bestätigt hat: von wegen "mitteleuropäische Wohlstandskinder, die sich ein reines Gewissen erkaufen wollen"! Man merkt, mit wieviel Elan und Eifer die Aktivistinnen bei der Sache sind. Die machen das nicht für sich, sondern für diejenigen, die auf Hilfe dringend angewiesen sind - und auch wenn sich dabei der Widerspruch zwischen kritischem Anspruch und konsumorientierter Wirklichkeit nicht auflösen lässt: Hier wird bei Veranstaltungen, die Spaß machen und bei denen leckeres Essen gekocht wird, Geld gesammelt für Initiativen, die auf Unterstützung dringend angewiesen sind. Das ist das, was zählt.

Marco Pellegrino
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