graswurzelrevolution
417 märz 2017
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
libertäre buchseiten
>> 417 märz 2017

Pazifistischer Antifaschist

Eine Biographie über Emil Julius Gumbel

Dietrich Heither: Ich wusste, was ich tat. Emil Julius Gumbel und der rechte Terror in der Weimarer Republik, PapyRossa Verlag, Köln 2016, 131 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-89438-621-4

"Sein Name stand auf der ersten Ausbürgerungsliste" der Nazis (S. 85) im Jahre 1933. Der Antimilitarist Emil Julius Gumbel (1891-1966) war ihnen verhasst wie kaum ein anderer Intellektueller Weimars. Gumbel, Weltkriegsteilnehmer 1914, wurde schnell zum Kriegsgegner.

Er hatte zuerst 1919 für den Bund Neues Vaterland, dem er schon im Herbst 1915 beitrat, eine Schreckensbilanz des Krieges gezogen: "Vier Jahre Lüge".

Es folgten Dokumentationen über rechte Gewalttaten, politische Morde zwischen 1918 und 1922, Geheimbünde, Verschwörer, Fememorde und die Schwarze Reichswehr, durch die er bei denen, die zunächst in den Freikorps waren und sich dann in der Nazi-Partei sammelten, besonders ins Visier genommen wurde.

Gumbel gilt als Mitbegründer linker Analysen zur politischen Justiz, welche die Weimarer Republik durch die neokonservative preußische Tradition überformte. Gumbel war zunächst in der USPD und hielt eine Rede auf der ersten Versammlung des Spartakus-Bundes, wo er zu denen gehörte, die sich gegen die "Diktatur des Proletariats" (S. 23) und zunächst für die parlamentarische Demokratie aussprachen.

1922 wandte er sich gegen den Parlamentarismus und trat kurzzeitig für ein Rätesystem von "unten" (S. 27) ein. Letztlich ging er zurück in die SPD und wurde zum Verteidiger der Weimarer Republik, obwohl er deren Prägung durch reaktionäre Militärs und Richter so klar erkannte und öffentlich anprangerte.

Die Weißglut der Nazis rührte gerade aus Gumbels Genauigkeit, unterlegt mit unwiderlegbaren Fakten.

Walter Fabian, enger Mitarbeiter Gumbels, meinte, dessen "peinliche Exaktheit machte alle seine Publikationen unwiderlegbar: bei keiner seiner Schriften konnte ihm je der geringste Fehler nachgewiesen werden" (S. 103).

1923 wurde Gumbel Privatdozent für Statistik an der Universität Heidelberg. Dass diese Uni einen erklärten Pazifisten und einen Wissenschaftler jüdischer Herkunft aufnahm, war zunächst ein Ausweis von Liberalität.

Doch schnell wendete sich das Blatt und Gumbel wurde von der reaktionären Professorenschaft und dem Nazi-Studentenbund in die Zange genommen. Es kam zu mehreren "Gumbel-Skandalen".

Gumbel setzte sich so richtig in die Nesseln des deutschen Nationalismus, z.B. schon im Juli 1924, als er bei einer Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft in Heidelberg eine Rede hielt und meinte, dass die Soldaten im Weltkrieg, "ich will nicht sagen, auf dem Feld der Unehre gefallen sind, aber doch auf grässliche Weise ums Leben kamen" (zit. nach S. 65). Da fiel den hingeschickten Nazi-Studentenbeobachtern die Klappe runter, sie hörten nur "Feld der Unehre" - auch wenn Gumbel das ja gerade nicht sagen wollte.

Die Nazis beantragten ein erstes Verfahren zum Entzug der Lehrerlaubnis. Es ist erschreckend zu lesen, wie wenige Intellektuelle Gumbel verteidigten und wie viele sich damals schon hinter die Nazis stellten, etwa Uni-Rektor Kallius.

Der dritte Gumbel-Skandal vom Mai 1932 führte im August 1932 zum offiziellen Ausschluss Gumbels von der Uni: Gumbel hatte während einer Diskussion mit linken StudentInnen vorgeschlagen, anstelle einer Jungfrau mit Siegespalme angesichts von 700.000 Toten allein des "Kohlrübenwinters" 1917/18 doch eher eine große Kohlrübe als Denkmal zum Weltkrieg zu errichten.

Gumbel hatte sich immer politisch engagiert. Nachdem er 1928 schon einmal kurz aus der SPD wegen deren Bauentscheidung für einen Panzerkreuzer austrat, trat er 1931 schließlich zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) über und wurde auch im Umfeld des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds (ISK) aktiv beim Versuch, SPD und KPD zu einer Einheitsfront gegen den Nazismus zu vereinen - vergeblich, so wie später im Exil auch weitere Versuche, etwa eine Volksfront unter deutschen Exilierten in Frankreich zu schaffen.

Zu Gumbel waren vor allem in den 1980ern und Anfang der 1990er-Jahre Biografien und Neuauflagen seiner Weimarer Bücher erschienen. In den letzten Jahren war es aber still um ihn geworden, von Veröffentlichungen des US-Historikers Arthur Brenner über Gumbels Exilzeit in Frankreich und den USA abgesehen.

Obwohl Autor Dietrich Heither diese Literatur im Wesentlichen nur zusammenfasst - die Exilzeit kommt m.E. dabei zu kurz -, ist sein Buch empfehlenswert, weil sich in Gumbel einer der mutigsten pazifistischen Antifaschisten verkörpert, aber auch das Dilemma, dass er eine demokratische Republik verteidigen wollte, deren strukturelle Unfähigkeit, den Nationalsozialismus aufzuhalten, er selbst bereits früh erkannt hatte. Gumbel ist auch für Libertäre eine spannende Rückbesinnung, denn laut Heither kann man heute je nach politischer Motivation "den Pazifisten, den libertären und anti-dogmatischen Radikaldemokraten (...), den vertriebenen Exilanten, den 'Anti-Stalinisten' oder den 'kritisch-solidarischen Sympathisanten der Sowjetunion' entdecken" (S. 109).

Letzteres durchaus auch in zu geringer Abgrenzung zu Lenin und Trotzki, eindeutig war Gumbel nur bei seiner Stalin-Kritik.

Coastliner
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben




 


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net