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Anarchy in the UK

Ein Sammelband durchleuchtet Anarcho-Punk als Subkultur und soziale Bewegung

Mike Dines und Matthew Worley (Hg.): The Aesthetic of Our Anger. Anarcho-Punk, Politics and Music. Colchester/ New York/ Port Watson 2016 (Minor Compositions)

"'Anarckeeey!' Genau! 'Anarckeeey!' Kein Zweifel. Das war es. Das musste es einfach sein." Schorsch Kamerun, Sänger der Post-Punk-Band Die Goldenen Zitronen, beginnt so seine memoirenhafte Geschichte "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens" (2016).

Punk und Anarchie, das schien eine Zeit lang die organischste politkulturelle Verbindung, die man sich denken konnte. Der Bruch mit den Normen, die politisch noch vom autoritären Charakter der Nachkriegszeit und kulturell schon vom antiautoritären 68er-Habitus geprägt waren, fand Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre eine sozio-politische Rahmung im Selbstbestimmungsethos des Neoanarchismus.

Im Kontext dieses subkulturellen Aufbegehrens entstand der Anarcho-Punk. Schon dieses zusammengesetzte Wort, diese Spezifizierung des Punk macht deutlich, dass weder jeder Punk anarchistisch noch dass jeder Anarchismus gleich Punk war. Und selbst Anarcho-Punk war kein einheitliches Phänomen.

Dieser subkulturellen Formierung widmet sich nun, rund vierzig Jahre nach der Entstehung jener Punk genannten Mischung aus Dreiakkordmusik, Hippie-Hass und Do-it-Yourself-Organisierung ein Sammelband.

In "The Aesthetic of Our Anger" wird diese Strömung im Großbritannien der 1970er und 80er Jahre verortet und nicht nur in "einen breiteren Kontext der Gegenkultur" (*) (11) gestellt. Anarcho-Punk wird plausibel als Antwort auf den Thatcherismus gedeutet und zugleich als Auslöser für ein allgemeines Anarchismus-Revival gesehen.

Der Anarchie-Bezug im Punk fand allerdings auf sehr unterschiedliche Art und Weise statt. Wurde er einerseits als nihilistischer Lebensstil und individueller Non-Konformismus gepflegt, gab es andererseits auch die soziopolitisch engagierte Variante. Der Schwerpunkt des Buches liegt vor allem auf letzterer Subströmung. Die Rede ist auch von einer "zweiten Welle des Punk" (Peter Webb) (182), die entstand, als die Bands der ersten Stunde - Sex Pistols, The Damned, The Clash u.a. - bereits bei großen Plattenfirmen unter Vertrag und in den Hitparaden waren. Die zweite Welle war anti-kommerziell ausgerichtet. Und es ging, wie bei so vielen Neuerungsbewegungen in der Kulturgeschichte, um den Anspruch, die proklamierten Ideale im Gegensatz zu den Vorgängerinnen und Vorgängern auch wirklich umzusetzen.

Die zentrale Band dieser politisierten Punk-Welle war CRASS. Die Band taucht in allen Beiträgen des Buches auf, sie bestand zwischen 1977 und 1984 und war tatsächlich so etwas wie das Zentrum der Anarcho-Punk-Szene. Sie veröffentlichte 1978 ihr erstes Album "The Feeding of the 5000" auf Small Wonder Records. Alle weiteren Platten erschienen auf dem selbst gegründeten Label Crass Records, auf dem in den folgenden Jahren rund 100 Bands veröffentlichten. Konzerte wurden mit Filmabenden und Infoveranstaltungen kombiniert. "Crass und befreundete anarchistische Bands", wird der Drummer und Mitbegründer der Band, Penny Rimbaud, nicht unbescheiden zitiert, "verwandelten Worte in Aktion und ermutigten eine ganze Generation, dasselbe zu tun". (181)

Das Buch widmet sich nun den verschiedensten Aspekten jener Bewegung, für die nicht allein CRASS prägend war. Dass beispielsweise auch und gerade von Frauen gegründete Bands für die anarchistisch inspirierte Bewegung stilbildend waren, hebt etwa Helen Reddington hervor. "Innerhalb des Anarcho-Punk", schreibt sie, "war der Feminismus dazu da, weibliche Musikerinnen zu ermächtigen, die ausdrückliche Einbeziehung feministischer Inhalte in die Song-Lyrics zu forcieren und die Akzeptanz von Abweichungen von der 'Rock-Band'-Norm hinsichtlich des Alters und des Geschlechts durchzusetzen". (114) Neben dem aufkommenden Anti-Sexismus waren Anti-Militarismus und Anti-Staatlichkeit wichtige Motive der Bewegung. Neben diesen Inhalten werden auch die Methoden besprochen, mit denen sie umgesetzt wurden: der "kulturelle Schock" (Mike Dines) ganz allgemein, oder die Zines, die selbstgestalteten Publikationsorgane der Bewegung ganz konkret. Diese seien nicht nur für die "Ikonographie und den Symbolismus" (Matt Grimes) (178) wichtig gewesen, sondern auch als "diskursive Praxis" zur Verbreitung von Inhalten und Identitäten. Auch die Rolle des Anarcho-Punk in anderen Bewegungen wie etwa jener frühen Mobilisierung gegen die Gentrifizierung - "Stop the City" (1983) - wird diskutiert (Rich Cross).

Dass die Politisierung und das positive Lebensgefühl auch begleitet waren von Drogensucht, Gewalt und von durch Unsicherheit geprägte Lebensbedingungen etwa in besetzten Häusern, darauf weist etwa Peter Webb hin. Auch die Kritik an CRASS und an der "selbstgerechten Haltung" (Ana Raposo) (88) im Punk-Politaktivismus wird besprochen.

Die durchgängig gewählte Form des mehr oder weniger akademischen Aufsatzes samt Fußnoten mag zwar sehr unpunkig erscheinen und wird auch als widersprüchlich thematisiert - "Punk is anti-academic" (Helen Reddington) (91). Sie trübt das Lesevergnügen aber keineswegs.

Der vor allem ereignisgeschichtliche Fokus ohne große Theoretisierungen macht das Buch zu einem guten Grundlagenwerk. Bloß der lokal beschränkte Fokus ließe sich dem Band vorwerfen. Hardcore Punk in den USA wird zwar erwähnt, ansonsten bleiben die Beiträge aber auf Großbritannien und Irland begrenzt. Aber, das sagen die Herausgeber selbst, "die Globalisierung des Anarcho-Punk ist ein Gegenstandsbereich, der weitere Forschung erfordert". (19)

Nachvollziehbar wird jedenfalls auch so, warum Leute wie Horsti, der junge Punk-Protagonist aus der Norddeutschen Provinz in Schorsch Kameruns Buch, einfach "aus einer Ahnung heraus" meinten: "'Anarckey!' Nie mehr aufhören müssen, dieses eine Wort zu rufen."

Jens Kastner
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Anmerkungen

(*) Alle Zitate wurden vom Autor aus dem Englischen übersetzt.

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