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422 oktober 2017
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Zwischen Alltagsrassismen und völkischen Ideen

Leonhard F. Seidl: Fronten, Edition Nautilus, Hamburg 2017, 160 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-96054-051-9

Mit dem Kriminalroman "Fronten" findet Leonhard F. Seidl nach seinen beiden Deichsler-Krimis zur Ernsthaftigkeit seines Debüts "Mutterkorn" zurück. Wie schon seinen früheren Büchern ist auch Seidls neuestem Werk eine gründliche Recherche anzumerken.

Der Roman basiert auf einem wahren Fall vom 4. März 1988, als ein Mann in Dorfen drei Polizisten erschoss. Die Tatsache, dass der Täter aus Jugoslawien stammte, schürte damals die Fremdenfeindlichkeit vor Ort massiv.

Seidl hat diesen Fall seiner dauerhaften Aktualität entsprechend in das Jahr 2016 verlegt. Doch seine Erzählung beginnt schon lange vorher: Roja Özen erfährt während ihrer frühen Kindheit bewaffnete Auseinandersetzungen im kurdischen Teil Iraks, in Oberbayern stirbt die Mutter von Markus Keilhofer im Kindbett und der Bosnier Ayyub Zlatar erlebt als Kind den Krieg in Jugoslawien. In Rückblenden begleitet die Handlung ihre drei Protagonist*innen durch einzelne Tage in den Jahren 1988, 1995, 2001, 2007, 2013 und 2015. Im Zentrum stehen die Verletzungen, die sie erleben, und ihre Bemühungen damit umzugehen.

Markus wächst in der fiktiven Kleinstadt Auffing bei seinen Großeltern auf: schrulligen und waldliebenden Anhänger*innen der Reichsbürger-Ideologie, die über "Chemtrails" und "die jüdisch-amerikanische Weltverschwörung" schimpfen. Auch wenn Markus sich verzweifelt wünscht, seine Mutter möge noch leben und er wäre den Übergriffen seiner tonangebenden Großmutter nicht ausgeliefert, wächst er doch mit den verschwörungstheoretischen und fremdenfeindlichen Ansichten seiner Großeltern auf und macht sie nach und nach zu seinen eigenen.

Roja hingegen ist während ihrer Kindheit in Oberbayern immer wieder konfrontiert mit Vorurteilen und Alltagsrassismen. Trotzdem gelingt es ihr sich gut an die Kleinstadt anzupassen und ihren Traum Ärztin zu werden wahr zu machen. Hin und her gerissen zwischen einerseits ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter und andererseits einer heimlichen Liebe; zwischen einerseits überzeugter Religiosität und andererseits einer Nostalgie für den kurdischen Freiheitskampf ihres atheistischen Vaters, versucht sie ihren Alltag zu meistern. Sie bringt sich aktiv in das Kleinstadtleben ein.

Weniger integriert ist Ayyub, der als Kind die Ermordung seines Vaters mitansehen musste und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam. Er lebt in Auffing zwischen verstörenden Erinnerungen, dem Gefühl bedroht zu werden und einer Faszination für Gewalt. Er versucht im Schützenverein Anschluss zu finden. Seine Freundin Maria bemüht sich ihm Halt zu geben - dennoch driftet er zunehmend in Wahnvorstellungen ab.

Die Wege der drei Protagonist*innen begegnen sich wiederholt: die Menschen dort kennen einander und Meinungen verbreiten sich schnell. Als Ayyub im März 2016 von seinen Wahnvorstellungen gepeinigt drei Polizisten erschießt, überschlagen sich die Ereignisse: Roja, die zum Zeitpunkt der Tat vor Ort war und davon verstört ist, muss mit öffentlichen Anfeindungen umgehen. Nach und nach wenden sich nicht nur die Menschen auf der Straße, sondern auch Patient*innen, Ehemann und die beste Freundin von ihr ab, während Markus sie zum Ziel seiner Rache an allem Fremden macht.

Die vielschichtigen und glaubwürdigen Charaktäre des Romans sind getrieben von geheimen Leidenschaften und tief sitzenden Verletzungen. Sie bewegen sich in einer Gesellschaft, die komplex und widersprüchlich ist. Neben vielfältigen und offenen Begegnungen stehen Alltagsrassismen und völkische Ideen. Die ungeschönten, klaren Bilder gewinnen durch Seidls derbe Prosa an Kontur. "Fronten" ist kein leichter Krimi für die Abendunterhaltung, sondern eine Einladung mitzudenken und sich einzumischen.

Franziska Wittig
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