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427 märz 2018
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Wunderbare Spuren

Martin Baxmeyers Buch über Amparo Poch y Gascón bewahrt das Leben und Werk einer einflussreichen spanischen Anarchistin vor dem Vergessen

Erneut ist im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch erschienen, das sich mit der Biographie und dem Werk einer beinahe vergessenen Anarchistin auseinandersetzt. Wie schon zuvor Lou Marin mit seinem Band zu Rirette Maîtrejean würdigt Martin Baxmeyer damit eine weitere wichtige Persönlichkeit der anarchafeministischen Bewegung.

Der Band ist in zwei Teile gegliedert: Er beginnt mit einer umfassenden und intensiv recherchierten Biographie der Autorin und Anarchistin Amparo Poch y Gascón und endet mit ihrer von Martin Baxmeyer erstmals ins Deutsche übersetzten Kurzprosa. Baxmeyer selbst - und ich würde ihm da zustimmen - schlägt in seinem Vorwort vor, zuerst die literarischen Texte zu lesen und dann die Biographie, also das Buch von hinten aufzurollen.

Zum besseren Verständnis hat Baxmeyer die Kurztexte mit hilfreichen Fußnoten versehen, die nicht nur den historischen Kontext skizzieren und die Andeutungen aufschlüsseln, sondern auch Vermerke zur Motivik und zu Bezügen zu anderen literarischen Werken enthalten.

Auf diese Weise erhält der*die Leser*in eine verständliche Kontextualisierung sowie einen guten Einblick in die erstaunlich dichte und kraftvolle literarische Sprache dieser Autorin.

Poch y Gascón und die Mujeres Libres

Amparo Poch y Gascón war eine schillernde, widerspruchsvolle Persönlichkeit der libertären, gewaltfreien Bewegung in Spanien.

Baxmeyer fasst das Besondere an dieser Frau in prägnanten Worten zusammen: "Ihr ganzes Leben lang tat sie, was man nicht erwartet hätte: Sie setzte sich unermüdlich für die Gesundheit und die Rechte von Kindern ein, besaß aber praktisch kein eigenes Familienleben; sie war eine revolutionäre Anarchistin, die zeitweilig im Staatsdienst arbeitete und Mitglied einer regulären Partei war; sie gründete eine radikalfeministische Organisation, hielt aber nichts von einer Trennung der Geschlechter; sie war eine unerschütterliche, gewaltfreie Aktivistin mitten in einem Bürgerkrieg und einer durchaus gewalttätigen Revolution; eine kämpferische Feministin in einer Bewegung voller Machos und Pantoffelhelden; eine überdurchschnittlich begabte Schriftstellerin und Dichterin, die stets Amateurin blieb und deren Werk winzig und bis heute fast vergessen ist; und eine lebenslange, staatsfeindliche Umstürzlerin, nach der heute in Spanien staatliche Einrichtungen benannt sind." (15f.)

Auf etwas mehr als hundert Seiten zeichnet Baxmeyer das Leben und Wirken von Amparo Poch y Gascón nach: ihr Studium der Medizin, das nur wenigen Frauen offenstand und das sie mit Bravour meisterte, ihren Weg in den Anarchismus und insbesondere ihr spannungsreiches Verhältnis zu den Männern in der anarchistischen Bewegung Spaniens, die leider viel weniger von einer Gleichheit zwischen den Geschlechtern geprägt war, als es zumeist angenommen wird. Als Reaktion darauf gründete Poch y Gascón gemeinsam mit anderen Frauen der Bewegung die Organisation Mujeres Libres (Freie Frauen). Baxmeyer beleuchtet die Tätigkeit dieser Organisation während des Bürgerkriegs: "Während der sozialen Revolution wurden die Mujeres Libres, nicht zuletzt durch Poch y Gascóns Zutun, zu einem entscheidenden Faktor, um die weitreichenden Ziele der anachistischen (sic) Utopie nicht unter dem Schutt des Kriegs, des Alltags oder der Gewohnheit verschwinden zu lassen." (57)

Die radikalfeministische Organisation forderte beispielsweise die "maternidad conciente", also die ‚bewusste Mutterschaft' und stellte damit die für das Spanien der 30er Jahre "revolutionäre Forderung" nach sexueller Aufklärung, Verhütung, Abtreibung und Gleichheit der Geschlechter auf. (70) Gleichzeitig wehrten sie sich gegen den Begriff "Feminismus", der ihnen bürgerlich und mit den Zielen der anarchistischen Bewegung unvereinbar erschien (72). Im Anhang findet sich ein literarischer Text von Poch y Gascón, "Fürchterlicher Fehlschlag" (126ff.), in dem sie diesen ‚Feminismus' aufs Bitterste verspottet. Der Feminismus der Mujeres Libres richtete sich ausdrücklich nicht gegen Männer, so Baxmeyer, sondern gegen die "dreifache Versklavung" (76) der Frauen durch ausbeuterische und sexistische Arbeitsverhältnisse, ihre Rolle in den Familien und durch mangelnde Bildung. Baxmeyer stellt dar, wie die Mujeres Libres diese dreifache Versklavung bekämpfen wollten und wie schwierig sich das Verhältnis dieser Frauenorganisation zu den von Männern dominierten Organisationen der anarchistischen Bewegung gestaltete.

Die Zeitschrift Mujeres Libres und das literarische Schaffen Poch y Gascóns

Ab 1936 gaben die Mujeres Libres eine gleichnamige Zeitschrift heraus, die schon bald zum "geistigen Rückgrat" (84) der Organisation avancieren sollte. Obwohl unter den schweren Bedingungen des Bürgerkriegs nur 13 Ausgaben erschienen und die Zeitschrift schon 1938 wieder eingestellt wurde, kann man, so Baxmeyer, "den Einfluss von Mujeres Libres auf die Verbreitung anarchafeministischer Ideen in Spanien und innerhalb der anarchistischen Bewegung gar nicht überschätzen." (85) Es war als "'Lernmedium' für proletarische Frauen und Mädchen konzipiert" (89) und enthielt ausschließlich von Frauen verfasste Texte. Unter anderem eben auch jene literarischen Kurztexte, die Amparo Poch y Gascón verfasste und die Baxmeyer im Anhang ins Deutsche übersetzt vorlegt.

Das literarische Werk steht also in einem deutlichen politischen Kontext und dient dazu, die theoretischen Positionen der anarchafeministischen Utopie zu illustrieren. Doch die Prosa Poch y Gascóns geht weit über diesen Propagandazweck hinaus. Stark wird Baxmeyers Buch dort, wo sich Biographie und Literaturwissenschaft treffen: Es gelingt ihm die politische Überzeugungsarbeit, die Poch y Gascóns Texte leisten möchten, zusammenzubringen mit ihrer besonderen literarischen Qualität, die eben gerade nicht bei diesem Zweck stehen bleibt. Er beschreibt für Laien bestens verständlich, wie die Literatur zum Experimentierraum für die politische Utopie wird und zugleich die literarische Sprache zum Ort, an dem diese Utopie immer schon Wirklichkeit ist. Baxmeyer legt wunderbare Spuren durch ein winzig kleines literarisches Werk, das sich durch ihren Anspielungsreichtum und ihre komplexe poetische Verfasstheit zu einem kleinen Universum entfaltet. Diese Spuren findet er in ihrem eigenen Lebensweg, z.B. der Tätigkeit als Medizinerin, der anarchistischen Literatur und Theorie, aber auch in der spanischen Literatur und Kultur: "Erasmus von Rotterdam, San Juan de la Cruz, Francisco de Goya, Juan Ramón Jiménez und Santiago Ramón y Cajal waren für Amparo Poch y Gascón und ihr Schreiben mindestens ebenso wichtig wie Michail Bakunin, Peter Kropotkin oder die Mujeres Libres." (10)

Martin Baxmeyer legt mit seiner Biographie und den Übersetzungen von Amparo Poch y Gascón ein wichtiges Buch vor, das zum einen dazu beiträgt die Rolle und die Bedeutung von Frauen und ihren Organisationen in der libertären Bewegung Spaniens zur Zeit des Bürgerkriegs aufzuarbeiten. Zum anderen bewahrt er ein hochwertiges literarisches Werk vor dem Vergessen und verdeutlicht die politische Wirksamkeit von Literatur im historischen Kontext der sozialen Revolution im Spanien der 1930er Jahre.

Kerstin Wilhelms-Zywocki
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