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Erinnerung an Ekkehart Krippendorff

geboren am 22. März 1934 in Eisenach - gestorben am 27. Februar 2018 in Berlin

50 Jahre 1968 und der "Fall Krippendorff"

Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King, Jr., in den USA ermordet. Mit diesem rassistischen Mord eskalierte in den USA und vielen anderen Ländern die Revolte, an die jetzt zum 50. Mal erinnert wird. Am Abend dieses 4. April 1968 zog in Berlin ein spontaner Demonstrationszug von mehreren tausend Menschen zum Schöneberger Rathaus. Die Erinnerungsrede an M.L. King hielt damals, vor 50 Jahren, Ekkehart Krippendorff. Er sprach von dem "anderen Amerika", das "größer und besser ist als seine Regierungen und deren Politik" (E. Krippendorff: Lebensfäden. Zehn autobiographische Versuche, Verlag Graswurzelrevolution 2012, S. 250; im Folgenden: LF, 250). Zu Kings Vermächtnis meinte er später: "Uns mit diesem mutigen Visionär eines Amerika identifizieren zu können, das die großen Ideale der eigenen Revolution wieder ernst nimmt und zur Richtschnur ethisch begründeter Politik macht, gab der APO Kraft und Perspektive" (ebd.).

Im damaligen Westdeutschland und in Berlin begann die StudentInnenbewegung in Wirklichkeit schon drei Jahre früher, mit dem sogenannten "Fall Krippendorff", der in die Geschichte der APO als zündendes Ereignis eingegangen ist.

1965: Das "Kuby-Krippendorff"-Semester und der Beginn direkter gewaltfreier Aktionen der StudentInnen

Krippendorff war Assistent des neu berufenen Professors Ziebura am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität geworden. Nebenher, das war für ein Mitglied des Lehrkörpers ungewöhnlich, schrieb er politische Kolumnen für die Tageszeitung Spandauer Volksblatt. Bereits 1960 war dem linken Publizisten Erich Kuby Hausverbot erteilt worden, weil der die Benennung "Freie Universität" als grassierenden Antikommunismus - implizit gegen die Universitäten in der DDR gerichtet - kritisiert hatte. Als Kuby zum 8. Mai 1965 an der Uni reden sollte, wurde dies wiederum verboten. Daraufhin hatte der FU-Beauftragte für politische Bildung, Kurt Sontheimer, als Redner Karl Jaspers eingeladen, der als einer der wenigen Intellektuellen vor 1968 öffentlich von der "moralischen Schuld" der Deutschen am Nationalsozialismus gesprochen hatte. Uni-Rektor Lüers tadelte Sontheimer und wollte Jaspers wieder ausladen. Krippendorff empörte sich im Spandauer Volksblatt über ein scheinbar geplantes Redeverbot für Jaspers - für diesen Kommentar sollte Krippendorffs Assistenzvertrag nicht verlängert und er aus der Universität als Lehrender verbannt werden: die dritte von insgesamt sechs Schikanen der Unileitung gegen seine Lehrtätigkeit, die Krippendorff in seiner Autobiographie aufzählt (LF, 155ff.). Seine StudentInnen wollten gegen den Rauswurf öffentlich vorgehen, wussten aber nicht wie. Krippendorff tat sich mit ihnen zusammen und berichtete von seinen Jahren 1960-63 in den USA, wo er die direkten gewaltfreien Aktionen der Bürgerrechtsbewegung kennengelernt hatte:

"Ich berichtete von meinen Amerika-Erfahrungen der Bürgerrechtsbewegung mit 'Sandwich-Männern', Flugblättern und mit griffigen Parolen vor bestimmten prominenten Orten wie, in diesem Fall etwa, dem Rektorat - und genau das hatten sie dann auch getan. (...) Mit 10.000 solidarischen FU-Studentinnen und -Studenten hatte ich starke Verbündete. Am Ende musste der Rektor nachgeben, indem er versprach, für mich ein Habilitationsstipendium zu erwirken. Zwei Jahre später, 1967, erhielt ich ohne viel Aufsehens unter einem neuen Rektor meine Stelle wieder." (LF, 156, 158)

Der Fall wurde zum öffentlichen Skandal mit Stellungnahmen in allen großen Tageszeitungen, erbittertem Streit auch unter Professoren und Solidaritätsbekundungen aus Jüdischen Gemeinden. "Mit dem 'Fall Krippendorff' von 1965 begann, historisch gesehen, in Deutschland das Jahr 1968", schrieb er (LF, 158).

Es war die Entscheidung gegen die autoritären Universitätsleitungen und die Ordinarienuniversität, die hier begann; der Wille zu demokratischen Strukturen, auch innerhalb der StudentInnenschaft, die bis dahin eine "nichtöffentliche Kabinetts- und Verhandlungspolitik" (1) betrieben hatte.

1968: Kritik des Vietnamkriegs und der SU-Intervention in der CSSR

Die sich wie ein Buschfeuer ausbreitende Bewegung begleitete er aktiv, "als einer der ganz Wenigen aus dem akademischen Lehrkörper; zwar war ich Assistent, fühlte mich aber ganz und gar als Student und den acht bis zehn Jahre jüngeren KommilitonInnen zugehörig". (LF, 158)

1968 schloss er sein Habilitations-Manuskript "Die amerikanische Strategie" ab und wurde als Aktivist der Außerparlamantarischen Opposition (APO) zum profilierten Kritiker der US-Außenpolitik und des Vietnamkriegs. Er kritisierte Kapitalismus, Imperialismus und Ausbeutung in der "Dritten Welt" und stand dabei in der Tradition der Kritischen Theorie, "glücklicher Weise ohne der Versuchung eines dogmatischen Marxismus zu erliegen. Letzteres fiel insofern nicht schwer, als wir ja den real praktizierten Marxismus gewissermaßen vor der Haustüre hatten - ein abschreckendes Beispiel." (LF, 159)

Am 21. August 1968 nahm Krippendorff an der "spontan sich formierenden Protest-Demonstration der Westberliner Linken gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die tschechoslowakische Republik teil. (...) Von einem Teach In an der TU Berlin zog ein vieltausendköpfiger Zug zur Tschechischen Militärmission" (LF, 162), die damals noch in der Hand der Dub?ek-AnhängerInnen war. Krippendorff war Teil einer vierköpfigen Delegation der Demo, die eine Solidaritätsadresse "gegen jede Form bürokratischer Herrschaft in den verschiedenen Gesellschaftssystemen" überbrachte, unterschrieben von den Berliner Asten, dem SDS, dem Republikanischen Club, dem SHB und den Falken. "Keiner unserer Kalten Krieger, kein Westberliner Friedensverteidiger hat sich so spontan und qualifiziert geäußert und seine Solidarität mit den tschechoslowakischen DemokratInnen deutlich sichtbar gemacht wie die universitäre Linke." (LF, 162)

Der Vorlauf der "Amerika"-Jahre 1960-1963

Die Möglichkeit, studentischen DemonstrantInnen aus dem Stand heraus Tipps für Strategie und Taktik gewaltfreier Aktionen geben zu können, waren Folge von Krippendorffs Aufenthalt in den USA, wo er von 1960 bis 1963 als Dr. phil. der Politikwissenschaft in Harvard, Yale und der New Yorker Columbia-University dozierte. Er war eingereist als der erste, der in der BRD "von Anbeginn ausschließlich Politikwissenschaft gewissermaßen 'schmalspurig' studiert hat und dann mangels anderer Abschlussmöglichkeiten nach acht Semestern [Studium ab 1954 in Freiburg, dann in Tübingen, dann in West-Berlin] 1959 auch in diesem Fach zum Dr. phil. promovierte. Deutschlands ältester Politologe." (LF, 142)

Die Politologie, aus den USA kommend und Political Science genannt, war jedoch zu der Zeit eine rein deskriptive Wissenschaft, geschichtslos und ökonomisch nicht fundiert - erst viel später, während seiner Lehrtätigkeit in Italien (1969-1978), lernte Krippendorff die europäische Tradition der Gesellschaftskritik genauer kennen, las Marx und Hegel und begründete seinen Ansatz der Politikwissenschaft historisch und ökonomisch, später sogar noch literarisch - er wurde zum Verfechter interdisziplinärer Ansätze und auch des "Studium Generale".

Der Grund für den Aufbruch in die USA, die Krippendorff liebevoll, wenn auch altmodisch "Amerika" nennt, in dessen Begriff für ihn immer auch eine utopische Verheißung durchschimmerte, war zunächst ein privater: seine Liebe zu Eve Slatner, einer tschechisch-englisch-US-amerikanischen Jüdin, die er 1958 in Berlin im Theater kennengelernt hatte und die nun in New York lebte. Sie führte ihn in ihr jüdisches Familienmilieu und die jüdischen, intellektuellen Kreise in New York ein, die ihn trotz aller historischen Belastung sofort annahmen, wenngleich er der erste Deutsche war, den sie kennenlernten.

Obwohl er schon in seiner Berliner Studienzeit begann, gesellschaftskritisch zu denken, waren es doch die USA, die Aufbruchsjahre der Kennedy-Präsidentschaft, die er miterlebte, die in ihm seinen kritischen Geist freisetzten. Dazu gehörte auch die tägliche Lektüre der New York Times, die mit der Berichterstattung über Vorgänge in Lateinamerika, Afrika, Asien viel weltläufiger war als der deutsche Provinzjournalismus der damaligen Zeit, der sich fast nur mit Kaltem Krieg und der deutschen Teilung beschäftigte.

Diese "Amerika"-Jahre waren für Krippendorff von naiver Begeisterung u.a. auch über die lockeren Beziehungen von StudentInnen zu ProfessorInnen geprägt, die er von den steifen, disziplinarischen und distanzierten deutschen Ordinarien-Universitäten so gar nicht kannte. Wer folgende Beschreibung Krippendorffs von damals liest, möge sie mit den Angst-Psychosen und Tendenzen in den heutigen Trump-USA vergleichen, jemanden, der ein Privatgrundstück betritt, zunächst mit der Waffe zu bedrohen und erst dann zu fragen, was er wolle:

"Fast niemand schloss bei Abwesenheit seine Haustür ab - der Campus war weithin von Einfamilienhäusern umgeben - man ließ alles offen, Diebstahl kam nicht vor; auch die Autoschlüssel ließ man gewöhnlich im Wagen stecken." (LF, 146)

Der gerade angekommene Krippendorff hatte den Kennedy-Wahlkampf erlebt und zunächst eine naive Hoffnung auf die Kennedy-Brüder an der Macht projiziert - die er erst Stück für Stück und in späteren Jahren in eine harsche Kritik der Vietnamkriegs-Ausweitung umwandelte, die bereits Kennedy vorantrieb. Auch zur Kuba-Krise 1962 schreibt der spätere Krippendorff, dass Kennedy "bereit gewesen war, um seines Images und Prestiges willen den Atomkrieg auszulösen. Was uns (...) gerettet hat, war das klügere Nachgeben der anderen Seite, Nikita Chruschtschows." (LF, 248)

An der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ist er, anders als an Kennedy, jedoch nie verzweifelt. Sie gehört zu seiner zweiten euphorischen Erfahrung in den USA - und ihr blieb er treu. Er erlebte 1961 eine Rede von Malcolm X in Harvard. Am Tag seiner Rückkehr nach Europa, dem 28. August 1963, hielt Martin Luther King seine Rede "I have a dream". Es waren die Jahre von SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee) (2), den direkten gewaltfreien Massenaktionen in den Südstaaten, die "Freedom Rides, die Sit-Ins und Bus-Boykotte, die verschiedenen Formen zivilen Ungehorsams, das Unterlaufen rassistischer Gesetze":

"Da konnte ich, 1963, an die FU Berlin zurückgekehrt, meine amerikanischen Erfahrungen mit sichtbarem Erfolg in den Lernprozess der Außerparlamentarischen Opposition einbringen. So übersetzte ich zum Beispiel eine kleine Schrift über Demonstrationstechniken, die in Berlin große Verbreitung und auch rasch praktische Anwendung fand. (3) Amerika-Erfahrung zu haben galt damals als etwas Besonderes und war es auch, besonders für Linke." (LF, 242)

Ekkehart Krippendorff darf gerade im Jahre des 50jährigen Jubiläums der StudentInnenbewegung als politisch-strategische Vermittlungsperson der entwickelten gewaltfreien Aktionskultur in den USA in die westdeutsche und westeuropäische Aktionskultur der revoltierenden StudentInnen hinein gelten. Das ist aus meiner Sicht sein größtes Verdienst.

Das "andere Amerika"

Im Jahre 2003, als sich Krippendorff im Rahmen der eben nicht "deutschen", sondern einer internationalen, ja weltweiten Friedensbewegung gegen die US-geführte Militärinvasion im Irak aussprach und zum Sturz von Saddam Hussein gandhianische Methoden, ausgeführt von der eigenen Bevölkerung, vorschlug, wurde er auf übelste Weise von antideutscher Seite, von Leuten, die damals mit US- oder Israel-Fahnen gegen die Antikriegs-Massendemos provozierten, oder von Kriegstreibern in der "taz" (Hannes Stein) oder im "Spiegel" (Henryk Broder) als "Anti-Amerikaner" und natürlich "Antisemit" beschimpft. In Israel hatte Krippendorff "Refuzeniks" wie Zvi Schuldiner und Roni Hammermann unterstützt, die sich dem Kriegsdienst in den besetzten Gebieten verweigerten, u.a. dadurch, dass Krippendorff Zvi Schuldiner an der FU Berlin promovieren ließ, nachdem ihm die Hebrew University seine Promotion aus politischen Gründen verwehrte. Er unterstützte Daniel Barenboim 1999 bei der Gründung des "Divan-Orchesters", bestehend aus arabischen und israelischen MusikerInnen. Für Krippendorff gab es ein "anderes Israel", so wie es für ihn ein "anderes Amerika" gab.

Kurz vor Fertigstellung des Manuskripts für seine Autobiographie 2011 brachen in den arabischen Staaten die Aufstände gegen Diktaturen aus, meist gewaltlos, bevor sie vielerorts in Militärputsch, Bürgerkriegen und Militärinterventionen untergingen. Doch die Kriegstreiber von damals wollen sich nicht mit den hunderttausendfachen Opfern der militärischen Irak-Invasion konfrontieren, die sie 2003 propagiert hatten , weil ja eine arabische Bevölkerung unfähig zum Sturz eines "Wiedergänger Hitlers" sei, genau wie in den Dreißigerjahren die deutsche.

Ebenso wenig waren sie bereit, zuzugeben, dass arabische Bevölkerungsgruppen tatsächlich mit gandhianischen Methoden brutale Diktaturen stürzen konnten - allein der Gedanke einer näheren, auch historischen Untersuchung dieser Möglichkeit galt ihnen ja bereits 2003 als anti-amerikanisch und antisemitisch!

Diese Leute haben Krippendorffs Maxime nie begriffen: "Historisch ist, was möglich war." (LF, 282)

Krippendorff hat denn auch immer wieder betont, dass sich "meine Amerika-Kritik gegen die amtierende Regierung und deren Politik richtete und nichts mit 'Anti-Amerikanismus' zu tun hatte". (LF, 250)

Wenn jemand von "Amerika" gelernt hatte, dann doch wohl Ekkehart Krippendorff.

Lou Marin
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Anmerkungen

(1) Bergmann, Dutschke, Levèfre, Rabehl: Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition, rororo-TB, 1968, S. 18.

(2) Zur Gesamtgeschichte von SNCC vgl. Clayborne Carson: Zeiten des Kampfes. Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den sechziger Jahren, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2004.

(3) Anleitung zum Handeln. Taktik direkter Aktionen, Voltaire/Oberbaumpresse, Berlin 1967; übersetzt aus: Martin Oppenheimer, George Lakey: Manual for Direct Action, Quadrangle Books, 1965.


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