Billig, flink und flexibel
Frauen als Reservearmee der ökonomischen Globalisierung
Wenn wir gebeten würden, an der Garderobe alles abzugeben, was nicht in diesem Land hergestellt wurde, dann stünden wir alle ziemlich nackt und bloß da. Die Jeans kommen vielleicht aus Vietnam, das Hemd aus Mexiko, die Schuhe aus Marokko, mit Sicherheit aber aus Frauenhänden in den Exportfabriken des Südens oder bald auch des Ostens. In Deutschland ist dieUmschlagfrequenz von Klamotten extrem hoch: Jede Person verbraucht im Jahr 26 kg Textilien, in den USA 8 kg, in Kamerun 0,5 kg.Globalisierung und Geschwindigkeit gehören zusammen. Der US-Ökonom Lester Thurow hat sie zu einem Begriff verschmolzen: Turbo-Kapitalismus. Ex und hopp - das Wegwerfen von Produkten, in denen ein schneller materieller und moralischer Verschleiß eingebaut ist, läßt die Wirtschaft florieren. Ex und hopp kennzeichnet aber auch den Umgang mit Arbeitskräften, die immer flexibler eingesetzt werden. Prototypisch für diese Entwicklung stehen die jungen Frauen in den Weltmarktfabriken und die 610-Mark- Arbeitskräfte bei uns. Frauen, die schon immer Reservearmee für den Erwerbsarbeitsmarkt waren, eignen sich vorzüglich für die schnellen, flexiblen und mobilen Beschäftigungsformen auf dem globalisierten Markt.
Die Welt ist zum Schachbrett geworden, auf dem nicht nur Produkte, Finanzen und Nachrichten verschoben werden. Ebenso sind Produktionsstätten und Arbeitskräfte konvertibel gemacht und über Grenzen hinweg mobilisiert und flexibilisiert worden.
Doch dieses globale Monopoly ist keineswegs ein win-win-Spiel. Die eine Seite der Globalisierungsmedaille ist die Integration entlegendster Winkel der Erde in den Weltmarkt. Die andere ist die Ausgrenzung und Marginalisierung großer Bevölkerungs- und Ländergruppen aus dem Prozeß, den die Inderin Vandana Shiva "Dollarisierung der Ökonomien" nennt.
Die Gewinner sind bei uns wie auch im Süden die Mittelschichten als KonsumentInnen einer ungeheuren Warenfülle. Gewinner sind die Finanzspekulanten, die transnationalen Konzerne und eine neue Unternehmerklasse in fast allen Ländern.
Frauen gehören jedoch in überproportionaler Zahl zu den VerliererInnen. Das zeigt sich allein daran, daß 70 Prozent der Armen weiblich sind. Frauen geraten in den Sog des Weltmarkts, der Globalisierung und des Neoliberalismus, die meisten aber werden zu Randfiguren degradiert. Ich will dies mit drei Beispielen illustrieren:
- In den siebziger und achtziger Jahren wirkten weibliche Arbeitskräfte
in Schwellenländern wie Korea, Mexiko und Marokko als Durchlauferhitzer
für das Wirtschaftswachstum: billig, flink und flexibel.
Exportorientierte Wirtschaft war frauenorientierte Wirtschaft,
arbeitsintensive Industrie war frauenintensive Industrie. T-Shirts
und Jeans, Schuhe und Computer Chips waren die Einstiegsvehikel
dieser Länder in den Weltmarkt, mit einem weiblichen Beschäftigungsanteil
von 80 Prozent. Diese Strukturen sind derzeit auch in den neuen
Billiglohneldorados: Bangladesh, Vietnam, Kambodscha, Laos und
China zu beobachten.
Dabei wiederholt sich dieser Anschluß an den Weltmarkt nicht nur in den herkömmlichen Exportindustrien, sondern auch in den neuen exportorientierten der Dienstleistungsbranchen, vor allem in der computerisierten Datenverarbeitung. Hier sind es wiederum zu 80 Prozent weibliche Arbeitskräfte in Südasien und der Karibik, die z.B. Buchungen unserer Banken und Kreditkartenfirmen, Versicherungs- und Fluggesellschaften eingeben.
Frauen gelten deshalb als Arbeitsplatzgewinnerinnen der Weltmarktintegration. Die Vereinten Nationen sprechen von einer Feminisierung der Beschäftigung.
Dieser quantitative Vormarsch und Fortschritt für Frauen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt ist jedoch ambivalent. Die meisten bezahlen für den neu gewonnenen Aktionsradius einen hohen Preis: miese Arbeitsbedingungen, wenig Rechte, minimale Löhne und keine neue Existenzsicherheit.
Und die Gewinnerinnen von heute sind im Handumdrehen bereits wieder Verliererinnen. Denn die Unternehmer wenden verschiedene Strategien an, um ihre Produktionskosten zu senken. Zum einen verlagern sie derzeit ihre Produktion aus den neu industrialisierten Ländern wie Südkorea und Thailand in billigere Regionen. Die Dummen sind die thailändischen und koreanischen Arbeiterinnen, die ihre Fabrikjobs verlieren.
Wo nationale Konkurrenten sich unterbieten, Löhne und Lohnnebenkosten steigen, die Arbeitsschutzgesetzgebung und die Gewerkschaften erstarken, werden Beschäftigungsverhältnisse zunehmend flexibilisiert und informalisiert. Konzerne vergeben Aufträge an Subunternehmer im informellen Sektor. In Sweatshops, Hinterhöfen und Heimarbeit sind Arbeitsschutzgesetze und ökologische Vorschriften leichter zu umgehen, Mindestlöhne werden unterlaufen, gewerkschaftliche Organisierung ist schwieriger, Kinderarbeit nimmt zu. Die Frauen sind nicht mehr kontinuierlich beschäftigt, sondern werden nur noch flexibel zu Stoßzeiten eingesetzt. Die Exportindustrie wird immer mehr zur Subunternehmer- und Zeitarbeitsindustrie.
Beim Übergang zu kapitalintensiver Produktion verlieren viele Frauen ihre Jobs wieder. Wo automatisiert wird, werden Frauenarbeitsplätze wegrationalisiert. In den Exportfabriken Mexikos, in Singapur und Mauritius fiel der Frauenanteil in den achtziger Jahren bereits wieder von 80 auf 60 Prozent. Kurz: Je mehr Maschinen, je mehr Technologie, desto weniger Frauen. Ein neuer Rationalisierungsschub steht durch die Computertechnologie auch im Dienstleistungssektor bevor. Der Fortschritt für die Frauen in der Beschäftigungslandschaft ist jedenfalls nicht nachhaltig.
- Laut UNDP sind zwei Drittel aller von Frauen geleisteten
Tätigkeiten unbezahlte Arbeit. Das ist die Erziehungs-,
Versorgungs- und Pflegearbeit in der Familie, die Arbeit zur
Deckung des Eigenbedarfs im Haushalt und auf dem Feld. Die Deregulierung
und der Abbau sozialer Leistungen führen zu einem Rückzug
des Staates aus den sozialen Aufgabenfeldern. Sie werden in
die privaten Haushalte zurückverlagert, an zivilgesellschaftliche
Kräfte, sprich: ehrenamtliche Organisationen und Selbsthilfegruppen
delegiert oder dem freien Markt, d.h. privaten Anbietern, überlassen.
Dies gilt weltweit, in West, Ost und Süd. Diese Aufgaben
übernehmen überwiegend Frauen sowohl in den Haushalten
als auch in den NGOs, z.B. im Bereich der Gesundheitsversorgung,
der Alten- und Krankenpflege wächst die Arbeitslast der
Frauen. Das heißt: Die Marktökonomie externalisiert
die Kosten für ihre eigene Reproduktion, indem sie den
Frauen für Gottes Lohn und Liebe, auf jeden Fall unbezahlt,
überantwortet wird. Mit ihrer Gratisarbeit subventionieren
die Frauen demnach pausenlos und derzeit wieder in wachsendem
Maße die globalisierte Marktwirtschaft.
- Eine Folge der Dynamik der Globalisierung sind regionale
und überregionale Ströme der Arbeitsmigration. Als
Verschiebemasse innerhalb von Ländern und über Grenzen
und Meere hinweg sind Millionen MigrantInnen eine fest einkalkulierte
Größe sowohl in den privaten und staatlichen Haushalten
der Herkunftsländer als auch auf den Arbeitsmärkten
der Empfängerländer. Für die Philippinen und
Sri Lanka ist weibliche Arbeitskraft seit Jahren ein Exportschlager
und eine unentbehrliche Devisenquelle - auch eine Variante des
globalen Finanztransfers. Dieser Export wird von Händlerringen
und Schleppern grenzüberschreitend und illegal organisiert.
Migrantinnen, oft ohne gültige Dokumente, stellen ein immer
neues Potential dar, das gezwungen ist, seine Arbeitskraft unter
ausbeuterischsten Bedingungen zu verkaufen. Sie werden darüber
hinaus häufig Opfer sexueller Gewalt und sind einem wachsenden
Rassismus ausgeliefert. Dies gilt exemplarisch für den
Prostitutionsmarkt, der sein "Menschenmaterial" aus den Nachschubregionen
des Ostens und Südens erhält.
Christa Wichterich
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