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stern / zerbrochenes gewehr
kalender 1998

Freiheit universal und total global

Liebe Leserin, lieber Leser,

von einem neuerlichen Meilenstein in der Geschichte der Befreiungen, der noch vor der Jahrtausendwende das I-Tüpfelchen auf die 8er-Reihe der Revolutionen und Revolten von 1848, 1918/19 und 1968 setzen würde, scheinen wir weiter entfernt denn je. Gegenwärtig erschreckt die massiv beschleunigte Gegenrevolution, deren Verfechter entschlossen scheinen, die Beherrschung der Welt grundlegend neu zu formulieren. Eine neue Weltordnung ohne Wüstenkrieg gegen den Irak als symbolträchtigem Schauplatz. Die Front verläuft auf dem Arbeitsmarkt und allen übrigen Märkten. Entscheidend sind Ladenschlußgesetze, Bilanzierungsrichtlinien, Präsenz an den Aktienmärkten, die Höhe der Arbeitskosten, das Reglement für die Fernsehkanäle und Telekommunikation, die Härte von Währungen usw. In erster Linie geht es um ökonomische Zielsetzungen, aber es steht auch die Anpassung gegenüber technisch- wissenschaftlichen Veränderungen, die Bereitschaft zu Neuorientierungen und Einschränkungen jeglicher Art auf dem Programm. Das Stichwort für all die Veränderungen lautet Globalisierung.

Die Globalisierung ist ein weltweit gültiges Argument, das den "unterentwickelten" Regionen der Erde Wohlstand durch Integration in den Weltmarkt verspricht. In den Industriestaaten drohen hingegen Verhältnisse wie in der "3. Welt". Deregulierung und Flexibilisierung der ökonomie sollen diese Entwicklung angeblich aufhalten.

Trotz der Ungleichheiten braucht die Globalisierung keine Landkarten. Die "Global Players" als die Privilegierten bewegen sich in einer Sphäre ökonomischer Institutionen, städtischer Areale, Verkehrsinfrastrukturen, Hotel- oder Konferenzwelten, die überall gleiche Standards bereithält. Wenn sie sich überhaupt bewegen, und nicht durch die elektronisch vernetzten Märkte und Datenhighways unabhängig von Raum als auch jeweiliger Ortszeit ihre Geschäfte in Echtzeit tätigen. Die sich entwickelnden Länder brauchen keine Atlanten, weil sich die Globalisierung in ihren Ländern überwiegend als Zurückdrängen sozialer Errungenschaften innerhalb der eigenen Gesellschaft realisiert. War mit der Kolonisierung der neuentdeckten Erdteile noch die Hoffnung verbunden, an den Gewinnen der Ausbeutung in der Fremde teilhaben zu können, so kehrt nun der dort noch bestehende Standard als Maßstab in die Metropolen zurück.

Wir haben in diesem Kalender Beiträge versammelt, die mit gewaltfrei-libertär geschärftem Blick hinter die Kulissen der Globalisierung schauen und Defizite sowie ideologische Trugbilder der dazugehörigen Debatten aufzeigen.

Mit dem angeblichen Niedergang des Nationalstaates im Zuge der Globalisierung, vor dem von grün- sozialdemokratischer als auch marxistischer Seite gewarnt wird, beschäftigt sich der Artikel "Geht dem Staat die Puste aus?". Darin wird deutlich gemacht, daß es mit dem Staat keineswegs zu Ende geht, er vielmehr eine feste Größe in neoliberalen Gesellschaftsentwürfen ist. Für die Bundesrepublik ist nach der Einverleibung der DDR gerade ein Erstarken des Nationalstaates festzustellen. Die Bundeswehr rüstet sich zu weltweiten Einsätzen, die bisherigen Stationen dieser Entwicklung werden in dem Beitrag "Globale Verantwortung - auf dem Weg zum unbegrenzten Einsatz der Bundeswehr" nachgezeichnet.

Frauen sind von der Globalisierung der ökonomie besonders betroffen. Christa Wichterich macht in ihrem Artikel "Billig, flink und flexibel. Frauen als Reservearmee der ökonomischen Globalisierung" deutlich, daß sie überwiegend zu den VerliererInnen dieses Prozesses gehören.

Die Bevölkerungspolitik in den Schwellen- und "Entwicklungsländern" beeinflußt ebenfalls die Lebensbedingungen der Frauen. Mit der "Feminisierung der Bevölkerungspolitik" beschäftigt sich Carla Romancini. Sie diskutiert die Folgen der Integration von feministisch orientierten Organisationen und Frauen in die Institutionen der Bevölkerungspolitik.

Der Beitrag "Kann der Anarchismus noch universalistisch sein?" setzt sich mit der Tatsache auseinander, daß die als universalistisch geltenden westlichen Politik- und ökonomie-Systeme: parlamentarische Demokratie und kapitalistische Marktwirtschaft, von vielen Bewegungen in anderen Teilen der Erde abgelehnt werden, da sie als kolonialistisch und aufgezwungen empfunden werden.

Die Stadt wird häufig als Brennglas der ökonomischen und sozialen Verwerfungen durch die Globalisierung beschrieben. Der Artikel "Die Autonomie der Stadt-BürgerIn: ein Phantom in der Weltgesellschaft" spitzt das Thema zu und geht davon aus, daß die Stadt als soziale Einheit gar nicht mehr existiert. Von dieser These ausgehend werden Ideen der lokalen Selbstorganisation, wie sie z.B. Murray Bookchin vertritt, kritisch hinterfragt.

Der scheinbar lähmenden Totalität und Unausweichlichkeit der Globalisierung zum Trotz, gibt es überall auf der Welt Organisationen und Bewegungen, die sich für durchgreifende Demokratisierungen und gegen die Auswirkungen neoliberaler Modernisierungen zur Wehr setzen. Als ein Beispiel aus Afrika stellen wir den 'Pan-Afrikanischen Versöhnungsbund' vor. Ausführlich und kenntnisreich beschreibt Helmut Thielen in dem Beitrag "Landlos - aber nicht wehrlos" die Entwicklung und Bedeutung der brasilianischen Landlosenbewegung 'Sem Terra'.

Charakteristisch und erstaunlich zugleich ist, daß in der gegenwärtigen Globalisierungsdiskussion die Ökologie kein Thema ist. Dies zeigt die Defizite und Einseitigkeit dieser Debatte, zumal wenn bedacht wird, daß es für die Ökologie selbstverständlich ist, die gesamte Erdkugel in die Überlegungen einzubeziehen. Es ist klar: Umweltzerstörungen machen nicht an Grenzen halt. Der Kalenderartikel "Ökologie global - Kein Thema" befaßt sich mit dieser Problematik als auch den Perspektiven und Widersprüchen einer Mobilisierung, die möglicherweise daraus hervorgeht, daß die Globalisierung eine ökologisch unreflektierte Strategie ist.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Debatte über die 'Nachhaltigkeit', wie Globalisierung ein Begriff, der inzwischen inflationär verwendet wird. Der Beitrag "Nachhaltigkeit: Juniorpartner der Globalisierung" macht deutlich, daß es sich hierbei keineswegs um einen Gegenentwurf zur Globalisierung handelt, wie vielfach angenommen wird, sondern um zwei sich ergänzende Konzepte.

Die Welt als vernetztes und miteinander kommunizierendes "global village", dieses Bild wird immer wieder bemüht, um die angeblich positiven Auswirkungen der Globalisierung zu verdeutlichen. Die Entwicklungen der Telekommunikation haben in der Tat die gegenwärtigen ökonomischen Globalisierungstendenzen zu einem großen Teil ermöglicht. Allerdings wird in der Regel unterschlagen, daß es in weiten Teilen der Welt, wie in Afrika z.B., gar keine stabile Stromversorgung geschweige denn ausreichend Telefonanschlüsse gibt, also die Grundvoraussetzungen fehlen, um sich in das "global village” einzuklicken. Fernsehen und Radio spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, durch sie wächst die Welt angeblich zusammen. Ausgehend von der Kritik Noam Chomskys beschäftigt sich der Artikel 'Medienmacht im Zeitalter der Globalisierung' mit diesem Phänomen.

Das Kalendarium mit zahlreichen Hinweisen zu Personen und Ereignissen gewaltfrei-anarchistischer und sozial- emanzipativer Bewegungen sowie ein ausführliches Adressenverzeichnis machen diesen Kalender zu einem informativen und hilfreichen Begleiter durch den globalisierten Alltag.

Die Redaktion
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