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stern / zerbrochenes gewehr
kalender 1998

Kann der Anarchismus noch universalistisch sein?

Für eine transnationale Erneuerung libertärer Theorie

In seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" formulierte Rudolf Rocker 1937 das libertäre Ideal eines fließenden Kulturbegriffs. "Kultur" beschreibt danach den qualitativen, kreativen und intellektuellen Schaffenszustand einer Gesellschaft, der in der Vergangenheit umso höher war, je intensiver ein transnationaler Austausch stattfand, je mehr und unterschiedlicheren Einflüssen eine Gesellschaft ausgesetzt war. Nationalismus, d.h. Abschottung und Abriegelung, waren nach Rocker Kennzeichen des Kulturverfalls. Der Anarchismus blieb im 20. Jahrhundert allerdings eine Minderheitenposition und der überregionale Austausch blieb eher auf formale Kontakte zwischen den nationalstaatlichen Organisationen beschränkt. Zwar wurde über die mexikanische Bauernbewegung um Zapata mit Sympathie berichtet und in den zwanziger Jahren die gandhianische Massenbewegung in Indien sowie andere nichtwestliche, libertäre und/oder gewaltfreie Bewegungen mit Interesse verfolgt. Doch blieben dies randständige Ausnahmen.

Typisch für den Anarchismus war und ist, daß er westlich-universalistisch geprägt ist und diese einseitige Orientierung zu selten und zu wenig hinterfragt. Wenn AnarchistInnen heute einen großen theoretischen Wurf wagen, beziehen sie sich noch immer auf die euro-amerikanische Kulturgeschichte, wie zuletzt Murray Bookchin, der in seiner libertären Betrachtung der Entwicklungsgeschichte der Stadt, den Verlauf von der griechischen Antike bis zur Neuzeit rekonstruiert. Mit der einseitigen Ausrichtung anarchistischer Theorie und Geschichtsschreibung auf Nordeuropa und die USA muß radikal gebrochen werden, wenn der Anarchismus nicht als eine der vielen westlichen Ideologien (wie auch der Marxismus) unter die "westliche Kultur" subsummiert werden will, der die anderen "Kulturen" feindlich gegenüberstehen. Die anarchistische Gesellschaftsanalyse und Theoriebildung hat sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob der universalistische Anspruch auf Verallgemeinerung libertärer Prinzipien gerechtfertigt ist, angesichts der globalen Verbreitung und des Anpassungsdrucks an westliche Gesellschaftsmuster. Dabei ist die aktuelle Auseinandersetzung mit modernem individuellen und institutionellen Rassismus und Nationalismus von Bedeutung. Sie hat dazu geführt, daß herrschende westliche Werte (parlamentarische Demokratie, freier Markt, Leistungsideologie, aber auch Säkularismus und Menschenrechte) als universalistische Werte kritisiert werden, die anderen Regionen der Erde gewaltsam aufgedrängt worden sind. Die zeitgenössischen islamistischen Bewegungen etwa, so gewaltsam und terroristisch sie auch handeln, sind nicht zuletzt aufgrund der Arroganz entstanden, mit der im Westen Säkularismus, parlamentarische Demokratie und freier Markt als universal menschheitsbeglückend ausgegeben werden. Die Kritik antirassistischer TheoretikerInnen an dieser Art Universalismus kann von anarchistischer Seite sicher zugestimmt werden. Auf der anderen Seite hat sich jedoch als Gegentendenz dazu eine antiuniversalistische Identitätspolitik entwickelt, die im Schutz intern nicht weiter kritisierter "Kulturen" eine Alternative zum westlichen Universalismus aufbauen will, die sich allzuoft darin erschöpft, Nationalismus zu wecken, der im Ruf nach einem eigenen Staat mündet.

Von rechtsextremer Seite ist zudem dieser Relativismus aufgegriffen und als zeitgenössischer Rassismus neu formuliert worden. Danach müßten Menschen schon deshalb in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden, weil ihre "Kultur" eben "anders" sei und eine "Multikultur" zwischen fest-identitären Gemeinschaften hierzulande nur zu Problemen führe. Der Berater des US-Außenministeriums, der Politikwissenschaftler Samuel S. Huntington, formulierte in diesem Zusammenhang seine reaktionäre These vom zukünftigen "Kampf der Kulturen".

Was bedeutet dies für den Anarchismus? Es ist notwendig zu unterscheiden, zwischen einem Herrschaftsuniversalismus und der universalistischen Geltung emanzipatorischer Werte. Wo immer staatliche und ökonomische Macht Menschen unterjocht und in Unfreiheit hält, ist die anarchistische Herrschaftskritik angebracht. Anarchistische Prinzipien wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde sind universell gültig. Welt- und Menschenbilder sowie Traditionen und Erfahrungen der Befreiung sind allerdings so vielfältig, daß es anmaßend wäre, den westlich geprägten Anarchismus als allgemeingültig anzusehen. Dieser muß vielmehr in der Kulturgeschichte anderer Länder nach Bewegungen suchen, die freiheitlichen Idealen verbunden sind, auch wenn sie zum Beispiel mit religiösen Bildern an die Menschen herantreten. Ein vorschnell arroganter anarchistischer Atheismus ist in anderen Ländern dem Verständnis anarchistischer Prinzipen oft abträglich. Auch Bakunin hat seinem Atheismus nicht abgeschworen, als er davor warnte, die russischen Bauern und Bäuerinnen unvermittelt dazu aufzufordern, der Kirche den Rücken zu kehren - eher schon sollte in deren Sprache auf Hierarchie und Unterdrückung hingewiesen werden. Einige Narodniki-Fraktionen und Tolstoi taten dies in der Zeit vor und nach der ersten russischen Revolution schließlich auch. Gandhi brachte der indischen Landbevölkerung den europäischen Individualismus und die Gewaltfreiheit ebenfalls in einer religiösen Sprache nahe, die die Menschen auch verstanden.

Bei intensiverer Suche wird westlichen AnarchistInnen zudem auffallen, daß es in nahezu jedem heute umkämpften Land selbst gewaltfrei-libertäre Traditionen gibt, auf die sich soziale Bewegungen zum Teil schon bezogen haben. Im Sudan beispielsweise bestand bis zur Hinrichtung des islamischen Reformtheoretikers Mahmud Taha Mitte der 80er Jahre die Hoffnung, die mit ihm verbundene Bewegung könne den islamistischen Fundamentalismus aufbrechen und den Krieg mit dem christlichen Süden beenden. Taha hat seine libertäre Rechtskritik und seine Vision einer gewaltfreien und gesetzesfreien Gesellschaft, die sich vor allem innerhalb des Islam gegen die islamistische Sharia richtete, aus einer Zweiteilung des Lebens Mohammeds begründet. Dessen erste Predigerzeit mit freiheitlichen Suren in Mekka, als der Prophet Unterdrückter und eine Art Outlaw war, hat Taha als zeitlos geltend der zweiten Predigerzeit in Medina gegenübergestellt. Mohammed war mit den Mächtigen und Kriegern Medinas vereint, als die Sharia entstand. Die Suren dieser zweiten Zeit seien nach Taha rein zeitbedingt und hätten demnach heute keine Geltung mehr. Aufgrund dieser innerislamischen Interpretation kommt Taha zu einer libertären Gesellschaftsanalyse und -vision. Warum ist dies unter westlichen AnarchistInnen heute so unbekannt? Wer kennt Abdul Ghaffar Khan, den "Rothemden"-Gandhi aus der Zeit der indisch-pakistanischen Unabhängigkeitsbewegung, der mit vergleichbaren innerislamischen libertären Begründungen 1930 die Kommune von Peshawar ausrief? Ist die Sprache der BefreierInnen nicht die westliche, hört die westliche anarchistische Bewegung nicht hin!? Dabei sind die Prinzipien, auf die sich die Taha- und die Ghaffar Khan-Bewegung bezogen, dieselben, auf die sich auch westlich libertäre Gruppen gut einigen könnten: Kritik der Herrschaft, Hierarchie und Gewalt. Befürwortung sozialer Gerechtigkeit, Freiheit, individueller Freiräume sowie Gleichheit von Mann und Frau.

Würden nicht-westliche libertäre Bewegungen ernsthaft zur Kenntnis genommen, könnte der Anarchismus möglicherweise zu einem Universalismus gelangen, der nicht auf Unverständnis und Ablehnung stößt. Es ließen sich freiheitliche Theorien und Bewegungen finden, die dieselben Prinzipien verfechten wie die westlichen AnarchistInnen, nur nicht von ihnen aufgedrängt oder übergestülpt, sondern von den Menschen aus ihrer philosophischen und geistigen Tradition selbst entwickelt. Erst wenn westliche AnarchistInnen diese wahr- und ernstnehmen, kann der westliche Anarchismus von nicht-westlichen Libertären als Bündnispartner im Kampf gegen den herrschenden westlichen Universalismus wahrgenommen werden. Westliche AnarchistInnen müßten dabei übrigens nicht hinter libertäre Standards - auch des Rationalismus und der Aufklärung - zurückfallen. Nur so kann es einen anarchistischen Universalismus im Zeitalter der Globalisierung geben.

Lou Marin
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Literatur

Rudolf Rocker: Nationalismus und Kultur, 2 Bde., 1937, hier 1977 Impuls Verlag Bremen, wird im Trotzdem Verlag neu herausgegeben.

Murray Bookchin: Agonie der Stadt, Trotzdem Verlag, Grafenau 1996.

Wider den "Kampf der Kulturen". Samuel P. Huntingtons Thesen über Machtpolitik und Kriege im 21. Jahrhundert, in GWR 215.

Annette Oevermann: Die "Republikanischen Brüder" im Sudan. Eine islamische Reformbewegung im Zwanzigsten Jahrhundert. Peter Lang, Frankfurt/M. 1993.


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