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stern / zerbrochenes gewehr
kalender 1999

Befreiung der Revolution

Vor zehn Jahren gerieten die bis dahin scheinbar starren und unveränderbaren politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in Osteuropa und die "Ordnung" des Kalten Krieges in Bewegung. Minderheiten drückten offen ihren Protest aus und die autoritären Ein-Parteien- Regimes verloren zunehmend an innerer und äußerer Unterstützung. Die Massenbewegungen brachten die staatssozialistischen Herrschaftssysteme, die sich selbst in der Tradition der Russischen Oktoberrevolution von 1917 sahen, schließlich endgültig zum Einsturz. Die Revolutionen von 1989, in denen plötzlich und überraschend grundlegende gesellschaftliche Veränderungen möglich schienen, waren allerdings nur von kurzer Dauer. Der Westen blieb weitgehend unverändert. In Deutschland wurde auch in den nun neuen Bundesländern das Machtvakuum schnell wieder gefüllt. Westliche Eliten, teils verbündet mit den FunktionsträgerInnen der alten zusammengebrochenen Staatsbürokratien, übernahmen in Politik, Verwaltung und Ökonomie leitende Positionen. In kurzer Zeit mündete die Revolution in der Etablierung bundesdeutscher Verhältnisse in der ehemaligen DDR.

Von der Atmosphäre, die einen Augenblick davon bestimmt war, gesellschaftliche Verhältnisse in größerem Umfang beeinflussen zu können, ist nichts geblieben. Die Erinnerung an die damalige Euphorie und Begeisterung, wie sie z.B. Catrin Ulbricht in ihrem Beitrag für diesen Kalender beschreibt, ist verblaßt.

Die kurze Sonderkonjunktur der Wirtschaft im Westen Deutschlands hat längst dem Rationalisierungsdruck der Globalisierung Platz gemacht, begleitet von der Misere der Staatsfinanzen, den Ungewißheiten der europäischen Währungsintegration, den Finanz- und Staatskrisen in Osteuropa und nun auch Asien. Statt der alles bestimmenden Frontlinie zwischen kapitalistischen und sozialistischen Staaten sind es nun mehr oder weniger stark konstruierte ethnisch-religiöse Weltkonflikte, durch die die "Weltgemeinschaft" kurz vor dem Jahrtausendwechsel angeblich bedroht ist.

Es steht das Ende eines Jahrhunderts bevor, das von Hannah Arendt in den sechziger Jahren als "Jahrhundert der Revolutionen" charakterisiert wurde. Die Umbrüche im Osten, die u.a. die Nachkriegsteilung Deutschlands aufhob, und das Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika, ein Prozeß, der hierzulande viel zu wenig beachtet und gewürdigt wurde, sind also möglicherweise die letzten "revolutionären Großereignisse" dieses Jahrhunderts gewesen? Sind damit auch Revolutionen prinzipiell überholt?

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wenn man/frau die Zeitung aufschlägt und sich in die Kaufhäuser begibt. Revolutionen haben offenbar Hochkonjunktur. Bsp. RWE Und tatsächlich, Ökonomie, Staat usw. wollen aus den Fesseln ihrer Routinen heraus, da sie zu wenig profitträchtig sind. Fortschritt, der lange ohne besonderes Pathos auskam, wird nun wieder beschworen. Der neueste PC wird als Computer-Revolution angekündigt und der PKW wird vom Gebrauchtwagenmarkt "Autopia" angeboten. Es scheint, jeder Anbieter möchte wenigstens eine Revolution an den Mann und natürlich auch an die Frau bringen. Sei es, um seine Aktien oder Handys zu verkaufen, sei es, um Multimedia, neue Fahrradtechnologie, Sitzmöbel und immer wieder Waschmittel zu "promoten". Die Werbebranche erwartet in Deutschland eine "Revolution an der Litfaßsäule", weil sie die Erlaubnis zu vergleichender Werbung erhalten hat. Wie zuvor schon die Fußballbundesliga durch Aufhebung des Transferreglements für Spieler revolutioniert wurde. Die Banken erwarten durch das online-banking eine Revolution und die Post oder die Bahn durch Privatisierung.

Aber auch in der Wissenschaft zeichnen sich grundlegende Veränderungen ab. Die gentechnische Revolution ist in vollem Gange. Sie wird zur Zeit mit großen Heilserwartungen aufgeladen, um ebensolche Profite zu realisieren. Politik und Wirtschaft sind sich daher auch weitgehend einig, daß sie deshalb weder reglementiert noch behindert werden soll.

Wenn man/frau den Lobpreisungen Glauben schenkt, mit der die digitale Revolution begleitet, oder besser, erst zu einer solchen stilisiert wird, dann stehen uns grundlegende Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und in der sog. Freizeitgestaltung bevor. Wie diese vermutlich aussehen und was von den Verheißung zu halten ist, beleuchtet der Beitrag Die digitale Revolution frißt Arbeitsplätze in diesem Kalender. Wem diese revolutionären Umtriebe in der Gegenwart nicht ausreichen, der findet historische Revolutionen höchst aktuell aufbereitet und sehr lebendig präsentiert. So viele Revolutionsfeiern wie anläßlich des Jubiläums der 1848er Revolution, hat es wohl noch nicht mal in den Hochzeiten des staatssozialistischen Regimes in der DDR gegeben. Die Kaffeetasse mit der Paulskirche, bedruckte T-shirts usw. werden lange daran erinnern.

Revolution hat also offenbar Konjunktur. Doch diesen Revolutionen fehlt der befreiende Charakter, den Hannah Arendt als deren besonderes Merkmal bezeichnet hat und der jeder historischen Revolution ihre Langzeitwirkung sicherte. Die Verheißungen von 1789 "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" und die der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bilden bis heute Bezugssysteme oppositioneller Bewegungen, die den "Verrrat" an deren Versprechen und die inneren Grenzen (waren SklavInnen, Frauen, Fremde mitgemeint oder gar offen ausgeschlossen?) der bisherigen Revolution aufheben wollten.

Von den kulturrevolutionären Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre gingen die jüngsten weltweit wirkenden Versuche radikaler Veränderungen aus. Revolution beabsichtigte Selbstveränderung und Selbsterfindung, es war reizvoll gesellschaftliche Grenzen und Tabus im Umgang mit dem eigenen Körper zu überwinden, sich neue Räume zu erobern, aus Kleidungsschemata auszubrechen. Heute werden dynamische, leistungsfähige und anpassungsbereite Körper gefordert, denen das regelmäßige Fitneßtraining angesehen werden muß.

Der massenhafte Bruch mit der vorgefundenen Ordnung wird heute auf technisch ökonomische Rationalisierung verengt, von oben organisiert. Nie war mehr Bewegung, Geschwindigkeit. Und Zukunft hat sogar ihren eigenen Minister. Alles wird beschleunigt, die Geschwindigkeit ist zum Maßstab in allen Lebensbereichen geworden, dem "rasenden Stillstand" (Virilio) wird alles untergeordnet. Revolution sollte materiellen Wohlstand und Sicherheit bringen, die Existenzen sichern. Heute wird ständig mehr produziert, das materielle Wachstum steigt rasant, wird aber zum Selbstzweck einer leerlaufenden Produktionsmaschinerie. Revolutionen sollten international verschwestern, heute werden ökonomische und politische Abläufe internationalisiert, um die Ausbeutungsverhältnisse mit dem Ziel maximaler Kapitalrenditen zu optimieren. Revolution sollte ein gesellschaftliches und persönliches Erlebnis sein. Heute gerät der Alltag zu einem Konsum zahlloser Angebote, die "Fun" und den totalen "Thrill" versprechen. "Events" von konkurrierenden Sport- und Freizeitanbietern, samt deren medialer Präsenz, täuschen Lebendigkeit und Veränderung nur vor.

Digitalisierung, Globalisierung, Beschleunigung im als alternativlos geltenden globalen Kapitalismus stärken meist die etablierten Mächte und Strukturen. Dagegen haben soziale Bewegungen, wenn sie sich als Bewegung überhaupt am Leben erhalten konnten, ihre Ansatzpunkte oft verloren und neue Perspektiven nicht sehr wirksam entwickeln können.

Wenn die "Revolution" also ihre befreiende Wirkung eingebüßt hat, brauchen wir dann nicht eine Befreiung der Revolution?

An der Verbindung von Revolution und Befreiung konnte bereits seit längerem gezweifelt werden, wenn man/frau nachrevolutionäre Gesellschaften betrachtete. Mit Ausnahmen ging es den meisten Menschen nach mehr oder weniger gewaltsamen Umstürzen nicht sehr viel besser. Häufig fand nur ein Austausch der Eliten statt.

Ist es also unvermeidlich, daß Befreiung und Revolution Gegensätze werden? Oder gibt es Chancen, sich die Revolution wieder anzueignen, um sie in den Dienst der Befreiung zu stellen? Eine wichtige Aufgabe dafür ist, das Verhältnis von individuellem und sozialem Gehalt einer Revolution neu zu bestimmen.

Die individuelle Empörung, die für Bakunin so wichtig gewesen ist, fehlt heute als Antrieb. Sich zu organisieren, um die für eine soziale Revolution so wichtige Macht einer sozialen Bewegung aufzubauen, scheint nicht notwendig zu sein, da es zahllose Angebote gibt, sich individuell von Frustrationen, Perspektivlosigkeit und Leere abzulenken. Ziel ist oft nicht, Zwänge abzuwerfen, sondern sich identifizieren zu können, "in" zu sein, die innere Leere zu verdrängen. Der biographische Zusammenhang von Revolution und Befreiung verändert sich dadurch grundlegend. Das persönliche Leben kennzeichnen so vielleicht noch Episoden der politischen Aktivität und des punktuellen Widerstandes, aber eine Identität im Widerstand kann so nur verkümmern. Boten früher die Biographien großer Revolutionäre Orientierungen, so sind sie heute in Westeuropa und Deutschland kaum mehr sinnvoll zu schreiben.

Soll eine Revolution etwas für Befreiung leisten, so muß sie zwei Funktionen erfüllen: Zum einen muß sie bestehende Herrschaft abbauen, indem sie Ungerechtigkeiten oder Unterdrückung beseitigt.

Zum zweiten werden Formen der Freiheit für eine künftige freie Gesellschaft wichtig. Frühere Revolutionen waren selten in der Lage, beides zu erreichen. Schon früh erkannten aktiv an Revolutionen beteiligte Minderheiten die Grenzen revolutionärer Bestrebungen. Vor allem libertäre Kräfte kritisierten autoritäre Absichten ihrer Mitkämpfer, die zur Herrschaft gelangen wollten. Libertäre Bewegungen lernten, daß emanzipatorische Ziele durch Errichtung neuer Herrschaftsstrukturen und "Verkriegung" der Revolution bedroht wurden. Sie richteten ihren Blick auf die Merkmale und Eigenschaften der sozialen Bewegungen, die zu einer Gefahr für die Freiheit werden, wenn sie bestehende Gewaltstrukturen reproduzieren.

Die Aufgabe einer Revolution müßte also sein, daß sie den Verhältnissen eine revolutionäre Melodie vorspielt und daß sie einen Bruch mit der etablierten Politik, dem Lohnsystem und Gewaltverhältnissen bewirkt.

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