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Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht?

Rezensionen

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Apoplex

Apoplex (Schlaganfall für Münster - anarchistisch, lokal, monatlich, linksradikal) Nr. 43, 4. Jg., November 1998, S. 10 f.

Statt einer Rezension

Offener Brief über Bernd Drücke und seine Dissertation "Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland"

Kann es eine absurdere Situation geben als eben diese?

Gewiß, Tausende - aber ich bestaune sie jede dahin kriechende Sekunde: Ich liege im Bett, hustend, krank, bis oben hin voll mit den Erzeugnissen der pharmazeutischen Industrie, eigentlich mehr tot als lebendig. An meinem Schreibtisch sitzt Bernd Drücke, von mir schon seit Jahren spöttisch bei seinem Spitznamen "Doktor" gerufen; ein Name, der, als ich ihn erstmals - nebst einem schlecht gezielten Schneeball - hinter Bernd herwarf, nur sehr wenig wissen konnte von dem, was gerade auf meiner Schreibtischplatte geschieht. Denn nun ist Bernd tatsächlich "Doktor", und "Professor" als ironischer Rufname kommt mir hölzern und an den Haaren herbeigezogen vor. Schöner Spott stirbt nie, und Bernd wird - und sei es mir zuliebe - wohl eine Weile "Doktor" bleiben, wie er nun dasitzt, vornüber gebeugt, die langen Haare wie ein eingekochter Topf Spaghetti baumelnd, und "signiert". Er signiert, nach fünf Jahren Arbeit, seine von Prof. Dr. Christian Sigrist mit "Summa cum laude" gefeierte und im Verlag Klemm & Oelschläger erschienene Dissertation "Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland" ...und signiert und signiert und signiert!

Bernd Drücke ist nicht einmal in der Lage, ein Autogramm, die mithin simpelste und belangloseste Dienstleistung eines Autors für seine LeserInnen, auf ein handelsübliches Maß zu beschränken. Eine Signatur erstreckt sich bei ihm - liebevoll ausgestaltet und bemüht leserlich - über eine knappe Buchseite. Seine Thesenpapiere geben andere Menschen als fertige Magister- oder Diplomarbeiten ab. Und seine Dissertation, obwohl auf Drängen des Verlages schon rabiat gekürzt, hat immer noch 640 Seiten. Der Kaufpreis ist dementsprechend grob: 59,90 DM. Es sei sogleich und vorweg gesagt: Wer sich von Preis und Seitenzahl abschrecken lässt, ist zu bedauern. Denn dieses Buch ist genau das, als was es in der "Szene" bereits frenetisch gefeiert wird: ein "Meilenstein", nicht nur der universitären Anarchismusforschung, dieser exotischen soziologischen Topfpflanze, die ihre LiebhaberInnen angelegentlich mit Tinte begießen. Wenige allerdings haben bislang so gründliche Gartenarbeit geleistet wie Drücke. Seine Analysen sind wasserdicht und werden dem harten Regen der Kritik standhalten. Das Kernstück seiner Arbeit ist bestenfalls staunend zur Kenntnis zu nehmen: 475 libertäre Zeitungen, Klein- und Kleinstpublikationen hat Drücke für die (vormals) sogenannte "Bundesrepublik" zusammengetragen, und ganze 21 für die (ebenfalls vormals) sogenannte "DDR". Jede dieser Zeitungen wird von ihm gewürdigt und in ihren historischen wie soziologischen Kontext eingeordnet. Daß dabei große überregionale Zeitungen wie etwa der "Schwarze Faden", die "Graswurzelrevolution" oder die "radikal" umfassender in ihrer Entwicklung und Geschichte dargestellt werden als etwa solch winzige Publikationen wie der Münsteraner "Bandenrundbrief" (Über dessen Entdeckung sich der "Doktor" so gefreut hat wie weiland Goethe über die Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens) liegt an der unterschiedlichen Ergiebigkeit des vorhandenen Matetrials und nicht, wie bei der thematisch verwandten Dissertation Holger Jenrichs, an mangelnder wissenschaftlicher Sorgfalt. Besser: an einem viel zu weit gesteckten inhaltlichen Claim. Denn auch Drücke bleibt nicht "nur" bei seinen archivierten Zeitungen. Eingebettet in solide Definitionen seines Themenbereichs (die hoffentlich Stoff zu vielen produktiven Diskussionen bieten werden) präsentiert er, flüssig lesbar, gut fundiert und voll überraschender, neuer Fakten und Zusammenhänge, praktisch die gesamte Geschichte des deutschen Anarchismus, von seinen Anfängen über die Zwischenkriegsjahre bis heute - und die seiner Presse, der Jenrich in seiner Arbeit die Wirkungslosigkeit eines Dackelzüchterfachblattes bescheinigte. Aber wo Jenrich hauptsächlich dem großen Guru der anarchistischen Buchregale (bei allem Respekt, versteht sich!) Horst Stowasser nach dem Munde redet, erlaubt sich Drücke ein eigenes und eigenständiges Urteil: "Die seit 1968 in der Bundesrepublik und von 1986 bis zur Auflösung am 3. Oktober 1990 in der DDR herausgebrachten neolibertären Zeitschriften haben mehr zu den gesellschaftlichen Auseinandersetzu8ngen und Umbrüchen (...) beigetragen, als das heute der Allgemeinheit bekannt ist bzw. von ihr wahrgenommen wird."

Wer das nicht glauben mag, muß nur im "Großen Drücke" nachschlagen. Ein Tip übrigens an alle Interessierten: Lest das Buch nicht am Stück! Die Hälfte wäre nach dem hinteren Buchdeckel wieder vergessen. Viel schöner und lustiger ist es, zu stöbern, die Ordnung Ordnung sein zu lassen (Das Inhaltsverzeichnis begreift ein normaler Mensch ohnehin erst nach vier Semestern Kryptologie), abends im Bett (mit oder ohne Grippe) herumzublättern und Perlen zu finden wie etwa die Selbstdarstellung des Bochumer "Infoladen-Info", komplett, wie fast alle besprochenen Zeitungen, mit Cover-Reproduktion. Zum weiteren Vorgehen der RedakteurInnen in Sachen Zeitung heißt es da: "Das alles machen wir natürlich ALLEIN! Kritik zerreißen wir in der Luft - wenn wir sie überhaupt wahrnehmen, redaktionelle Mitarbeit ist uns verhasst, Leserbriefe verpönt, aktuelle Informationen ein Greuel und natürlich kotzen uns Diskussionsbeiträge außer unseren eignen nur an. Aus diesen Gründen treffen wir uns auch vorerst donnerstags um 19.00 Uhr im Infoladen, damit wir unsere Ruhe haben" (S. 274-275).

Aber nun schreibe ich doch eine Rezension, und wollte einen "offenen Brief" schreiben. Viel lieber erinnere ich mich daran, wie "Doktor" jahrelang, praktisch täglich, bei mir ins Zimmer schneite, um mir einen "allerletzten Vorabdruck" seiner Arbeit auf den Tisch zu pfeffern, ganz gleich, ob ich gerade meine Fußnägel schnitt, eminent wichtige Überflüssigkeiten las oder im Begriff war, zu einem mehrwöchigen Urlaub aufzubrechen. "Un-be-dingt" müsse ich "das vorher/ sofort/ auf der Stelle" noch lesen. Und begeistert schnabulierte, blubberte und schwirrte es vor mir über Zeitungstitel, die ich in meinem Leben nie gehört hatte. Was schon anderes tun: höflich lächeln, lesen, seufzen - weitermachen. Oder unser gemeinsamer Marsch zum Prüfungsamt, der eher einem olympischen Kraftsportwettbewerb glich. Denn "Doktor" hatte seine nun endgültig fertige Arbeit unter dem Arm, einen ominösen Klumpen von mindestens 8 Kilogramm Gewicht, und ich bekomme heute noch Magenkrämpfe bei dem Gedanken an meine Mühen, mir das Lachen zu verbeißen, als Bernd, von der ewig missgelaunten Sekretärin ohnehin von oben bis unten taxiert, frech diesen Felsbrocken von einem Buch auf ihren Tisch fallen ließ und ich bei dem Geräusch dachte, das Haus müsse zusammenbrechen.

Nein, bei aller Achtung des kritischen Lesers vor der großen und bleibenden Leistung des Dr. phil. Bernd Drücke werde ich auch in Zukunft immer meine kleine Freude nähren über den Erfolg eines Freundes, eines wahren Papstes miserabler Witze, einer liebenswerten Nervensäge und eines Menschen, der mehr bewegt hat und bewegen wird, als sich die meisten träumen lassen.

Joseph Steinbeiß

anarchismus.de

http://www.anarchismus.de/aktuelles/literaturtipps.htm

Rezension zu "Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland

Jede/r am Anarchismus interessierte sollte sich - trotz des Preises - diese Fleißarbeit des Autors zulegen. Nicht nur libertäre Zeitschriften - hauptsächlich aus den Jahren 1985 bis 1995 - werden aufgelistet und beschrieben. Bernd Drücke gelingt es auch die Zeitschriften in den aktuellen Zusammenhang der anarchistischen Bewegung sowie in die bundesdeutsche Gesellschaft zutreffend einzuordnen. Dies wird vor allem in den einleitenden Kapiteln mit den Begriffsdefinitionen deutlich sowie im Resümee am Ende des Buches.

Gelungen ist Bernd Drücke die Einbindung der BesucherInnen-Umfrage während der Libertären Tage 1993 in Frankfurt/Main. Diese Erhebung, die in der Libertäre Tage '93-Dokumentation veröffentlicht wurde, ist eines der wenigen Zeugnisse aus der anarchistischen Bewegung, das konkretere Aussagen über die Gesamtheit der anarchistische Bewegung zuläßt - zumindest für das Jahr 1993.

Dem Autor ist anzumerken, daß er schon jahrelang in der anarchistischen Bewegung sehr aktiv ist. Durch vielfältige persönliche und schriftliche Kontakte hat er das im Buch versammelte Wissen zusammengetragen. Umso bemerkenswerter ist, daß es ihm gelingt, nicht in Selbstbeweihräucherung der Bewegung zu verfallen, sondern in notwendiger Distanz auch kritisch Erfolge und Mißerfolge anarchistischer Zeitschriften und Projekte zu beleuchten.

Das Buch ist sicher eines der wichtigsten Werke der letzten Jahre über die anarchistische Bewegung.

Gerald Grüneklee

Graswurzelrevolution

Graswurzelrevolution Nr. 232 (Libertäre Buchseiten, Oktober 1998)
http://www.graswurzel.net/232/a-presse.shtml

Kiesel des Anstoßes...

...präsentiert eine Arbeit, die das Zeug zum Meilenstein in der Anarchismus-Forschung hat

Es gibt wohl nur wenige politische Strömungen, die wider besseres Wissen mit so hartnäckigen Klischees behaftet sind, wie der Anarchismus. Dagegen, daß Anarchie nicht Terror und Gewalt bedeutet, streut diese Zeitung allmonatlich ihren publizistischen Kiesel ins Getriebe der öffentlichen Meinungsmache. Chaos und blinder Aktionismus sind zwei ebenso beliebte Ressentiments, die in Form und Inhalt schon lange nicht mehr so gründlich widerlegt werden konnten, wie in der vorliegenden Studie zur libertären Presse in Deutschland. "Ich denke", schreibt der anarchistische Autor und Verleger Uli Klemm, "daß diese Arbeit als 'Steinbruch' noch vielen Anarchismus- Studien in den kommenden Jahren nützlich sein wird. Sie wird, so hoffe ich, in die Geschichte der deutschen Anarchismus-Forschung als ein 'Meilenstein' eingehen." Und diese Hoffnung ist nicht unbegründet. Denn hier ist tatsächlich ein Brocken erschienen, der sämtliche libertären Verstreuungen zusammenfaßt und gliedert, und so nicht bloß ein an "Wir über uns"-Diskursen interessiertes Publikum zu beglücken imstande ist.

Der Anarchist Bernd Drücke beschäftigt sich in seiner soziologischen Dissertation mit dem, was heutige AnarchistInnen (als AnarchistInnen) vermutlich am meisten tun: Papier beschriften, zusammenheften und verbreiten. Insgesamt 484 (!) Zeitungen und Zeitschriften hat der Soziologe nicht nur gezählt, sondern auch zu einem großen Teil ausgewertet. Die infolge der Studierenden-Revolte von '68 erschienenen Blätter und Periodika werden dabei eingeordnet in die Geschichte des Anarchismus und seiner Presse. Im Gegensatz zu den klassenkämpferischen Druckerzeugnissen aus der Zeit des Kaiserreiches und der Weimarer Republik hat die anarchistische Gegenwartsliteratur mehr den gesellschaftlichen Reproduktionsbereich und die teilnehmende Berichterstattung aus den Neuen Sozialen Bewegungen zum Thema. Von den Kämpfen gegen die Atomenergie über antirassistische, feministische und antiimperialistische Auseinandersetzungen bis hin zu kulturtheoretischen und anthropologischen Positionen, bietet Drückes Arbeit einen detaillierten Einblick in die verschiedensten Debatten des Gegenwartsanarchismus. Wer oder welche z.B. den Vorläuferband zur anarchistischen Presse von Holger Jenrich zum Vergleich nimmt, wird in mehrerlei Hinsicht positiv überrascht sein. Drücke ist Teil der Strukturen, über die er schreibt und verdankt nicht zuletzt diesem Tatbestand seine intensive, vielseitige und genaue Recherche. Eigentlich alles, was dem Buch des heutigen taz-Sportjournalisten Jenrich, der sich dem A-Blätterwald vor 1985 gewidmet hatte, gefehlt hat, liefert Drücke nach. Daß er beispielsweise auch "autonome" Druckerzeugnisse wie radikal, Interim oder UnZensiert mit aufgenommen hat, entspricht sicherlich den realen inhaltlichen Überschneidungen in den verschiedenen libertären Szenerien.

Nun ließe sich vielleicht doch fragen, was eine solche Studie eigentlich interessant macht für Leute, die nicht in subversiven Zirkeln oder beim Verfassungsschutz aktiv sind? Eingeleitet wird die Besprechung der verschiedenen, nach Erstveröffentlichung sortierten Publikationen jeweils mit einem Überblick über die politischen, nicht nur szenerelevanten Ereignisse des jeweiligen Jahres. So ergibt sich für den Untersuchungszeitraum (1985 bis 1995; für die Buchveröffentlichung aktualisiert bis Juli 1998) eine ungewöhnliche und leider selten gewordene Art von Zeitgeschichte - in etwa das, was sich früher "Geschichte von unten" genannt hätte. Drücke spart nicht mit Hin- und Verweisen, die belegen, daß hier - trotz oft geringerer Auflagenstärke - nicht über ein Phänomen wie die Dackelzüchterpresse verhandelt wird (Ein Vergleich, der vom momentan wohl auflagenstärksten deutschsprachigen Anarchisten Horst Stowasser stammt). "Dem Anarchismus", heißt es also im Resümee, "kann innerhalb des Spektrums der Ideengeschichte der Rang einer belebenden und oft progressiven Kraft nicht abgesprochen werden".

Vielleicht bringt mich böserweise gerade Stowasser auf den ersten meiner beiden Nachschübe, die manche für überflüssig oder sogar langweilig erachten mögen, die aber zum Klischee spielenden Anfang der Rezension gehören: Bernd Drücke widerlegt mit seiner Arbeit vor allem auch zwei ziemlich haltbare anti-libertäre Vorurteile: Friedrich Engels schrieb einmal über den Anarchisten Bakunin, dieser habe von sozialer Revolution keine Ahnung, sondern nur deren politische Phrasen verstanden. Daß MarxistInnen dem Anarchismus seine Theoriedefizite vorwerfen oder ihn deshalb nicht ernstnehmen, ist seitdem eine beliebte Diskursfigur. In der anarchistischen Theorieproduktion hat es sicherlich immer auch genug Anlässe für die permanente Reproduktion dieser Figur gegeben. Mit Drückes Arbeit raunt es aus der libertären Schriftzunft dagegen nun eindeutig: Wir können auch anders! Denn eingebunden ist die ganz und gar nicht chaotische Fleißarbeit außer in Pappdeckel noch in soziologische Theorie. Und zum anderen widerlegt er ein weiteres Mal die verbreitete Annahme, politische Parteilichkeit sei nicht nur unredlich, sondern könne auch den Ansprüchen nicht gerecht werden, die eine proklamierte Wissenschaftlichkeit verlangt. Die Detailverliebtheit und Genauigkeit auch bei vermeintlichen Nebensächlichkeiten ist hier vielmehr der Verbundenheit zum Gegenstand zu verdanken. Diese Arbeit hätte kein/e Nicht-AnarchistIn besser (oder überhaupt) schreiben können.

Jens Petz Kastner

Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen / Contraste

Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen Nr. 4-98 und in Contraste, Monatszeitschrift für Selbstorganisation (November 1998).

Bernd Drücke will mit dem aus seiner Münsteraner Dissertation entstandenen Buch die "Geschichte der libertären Zeitschriften und Rundbriefe für die Nachwelt erhalten". Er gibt einen historisch-chronologischen überblick über die Entwicklung der libertären Presse in der BRD und der DDR bis einschliesslich 1995. Seine Arbeit schliesst an die Veröffentlichung von Holger Jenrich (Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985, Grafenau 1988) an. Drücke hat selbst mehrere tausend Zeitschriftenexemplare gesammelt, an der Arbeit selbst hat er fünf Jahre lang gearbeitet, einige einschlägige Bewegungsarchive besucht und vielfältig recherchiert. Nach einer kurzen, weniger spannenden Einleitung in dem Herrschaft und Anarchie vorläufig begrifflich definiert werden, folgen zwei kurze Abschnitte zur anarchistischen Presse der Bundesrepublik 1949-1968 und der von 1968 bis 1985. Dann werden alle libertären Zeitschriften vorgestellt, die vor 1985 gegründet wurden, und im Jahre 1985 noch erschienen sind. Hier tauchen die bekannteren Titel der libertären Szene wie z.B. Graswurzelrevolution, Schwarzer Faden, Direkte Aktion, aber auch radikal auf. Danach werden für 1986 bis 1995 die meisten Zeitschriften näher vorgestellt, die in einem Jahr neu gegründet wurden. Dieser Abschnitt ist der wichtigste des Buches, hier ist es am tiefgehendsten. Die einzelnen Titel - um nur einige bekanntere zu nennen: Unzertrennlich, Interim, PROJEKTil, Land unter, Ruhrgebietsinfo - werden vorgestellt und ihre Entwicklung nachgezeichnet. In einem zwangsläufig sehr viel kürzeren Kapitel geschieht nach dem selben Muster dasselbe für das Gebiet der ehemaligen DDR (bis zu deren Auflösung 1990). Drückes separat abgedruckte Bibliographe umfasst insgesamt 475 erfasste Titel für die BRD und 21 für die DDR. Sie enthält, sofern bekannt, Untertitel, Erscheinungsort, -weise und -zeitraum, Auflage, Vor- und Nachfolgeprojekte, Anschrift und weitere Bemerkungen, ein Standortnachweis findet sich nicht. In einem abschliessenden Resümee ordnet Drücke viele Titel den elf verschiedenen, von ihm aufgestellten "Strömungen des Neoanarchismus" zu, geht kurz auf die Kriminalisierung libertärer Medien ein und deutet die Vielfalt und auch die Kurzlebigkeit libertärer Presse als ihre Stärken, da diese sich auch als Wandlungsfähigkeit, Vernetzung und Fähigkeit der Selbsterneuerung deuten lassen. Drücke hat in bislang einmaliger Form Informationen zusammengetragen, sein Buch ist eine wahre Fundgrube. Es hat aber auch den Nachteil, dass es sich politischer Wertungen, die über eine vage postulierte Relevanz libertärer Ideen, etwa in den CASTOR-Protesten, hinausgehen, weitgehend enthält. Untersuchungen über die Rezeption libertärer Presse fehlen mangels auswertbarer Daten weitgehend, so kann auch Drücke diese nicht referieren und liefert auch selbst keine. So sind aber Aussagen über die Relevanz libertärer Presse jenseits von Floskeln kaum möglich. Problematisch ist auch das Verhältnis zwischen libertärer und autonomer Presse, sind doch die Autonomem eine weit grössere linksradikale, aber eben nur sehr eingeschränkt mit der libertären identische Strömung. Drücke macht zwar diese wichtige Unterscheidung, um sie dann doch wieder aufzuheben, indem er eine Rubrizierung "autonome Presse mit libertärer Tendenz" einführt, unter die er dann nahezu alle Zeitschriften der Autonomen einordnet. Dies hat den Vorteil, dass jene nun endlich wissenschaftlich, wenn auch nicht vollständig aufgearbeitet sind - dem Untertitel von Drückes Arbeit entspricht es aber nicht. Drücke hat eine Veröffentlichung vorgelegt, die für die Auseinandersetzung mit diesem Spektrum der sozialen Bewegungen wichtig ist. Nicht zuletzt ist es ein schönes Buch für die Bibliophilen und Sammler, von denen es auch unter Linksradikalen etliche gibt. Bernd Hüttner

Die Aktion

Die Aktion, Heft 186/190, Edition Nautilus, Hamburg, März 1999

Eine sehr informative Untersuchung zur Geschichte der libertären Publizistik. Der Autor zeigt Stärken und Schwächen, Kontinuitäten und Diskontinuitäten unserer Presse auf. Das Buch lädt zur kritischen Reflexion ein und natürlich ist es auch eine Herausforderung an die schöpferischenb Köpfe der libertären Bewegung, ihre schriftstellerische Praxis zu verbessern.

Mrtin Rheinlaender

Informationsmittel für Bibliotheken

Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8 (2000) 1/4 Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund

(...) Solch ein Buch kann nur in enger Verbundenheit und Zugehörigkeit zur "Szene" geschrieben werden: Zunächst eine politikwissenschaftliche Analyse des Phänomens Anarchismus resp. libertärer Sozialismus verbunden mit einem Überblick über die Geschichte der libertären Presse in Deutschland, danach eine detaillierte Beschreibung und Diskussion von 96 westdeutschen und 6 ostdeutschen libertären Periodika und schließlich eine kommentierte Bibliographie von 475 westdeutschen und 21 ostdeutschen libertären Periodika, die in der Zeit zwischen dem 31.12.1985 und dem 31.12.1995 veröffentlicht worden sind. Materialgrundlage für die Studie ist das Privatarchiv des Verfassers, eine schriftliche Umfrage unter den auf den "Libertären Tagen" 1993 vertretenen Gruppen, von denen einige in vertiefenden Interviews befragt wurden: Im Juli 1998 umfaßte sein Archiv mehr als 7000 Hefte (z.T. auch Photokopien); Kleinanzeigen in der TAZ und in einigen der libertären Zeitschriften halfen, die Materialgrundlage zu erweitern, Kontakte herzustellen und Rundbriefe, Fragebögen und Bitten um Material auch an die richtigen Adressen gelangen zu lassen. Die Zusage, alle Texte über die Gruppen durch diese selbst autorisieren zu lassen, half Vertrauen aufzubauen und Informationen zu gewinnen, doch Vollständigkeit ist aufgrund des illegalen oder halblegalen, in jedem Fall aber zersplitterten und unter sich zerstrittenen Forschungsgegenstandes von vornherein nicht möglich. Drücke schließt sich eng an die ältere, ebenfalls Münsteraner Dissertation von Holger Jenrich [1] zur anarchistischen Presse in Deutschland 1945 bis 1985 an, die er allerdings als unvollständig kritisiert und folgerichtig in einem umfangreichen Kapitel um 20 Titel ergänzt. Freilich wird auch für Drückes Arbeit die von ihm zitierte Kritik "aus der Szene" gelten: "... die anarchistische (oder libertäre, oder autonome) Szene ist so vielfältig, daß sie vielleicht gar nicht in einer derartigen Arbeit faßbar ist."[2] Insbesondere für die libertäre Presse der DDR, für Kleinstpublikationen und Schülerzeitschriften nimmt Drücke diese mögliche Kritik an seiner Arbeit selber vorweg (S. 23). Einer weiteren Dissertation zum Thema in etwa 10 Jahren steht insofern wenig entgegen, wäre da nicht die zwiespältige Chance des Internet, die libertären Zeitschriften in die belegfreie Sicherheit des Virtuellen zu entrücken. Drücke bewertet diese Chance einerseits als für die "Szene" positiv, da Verschlüsselungstechniken und geringe Kosten die Verbreitung erleichtern und absichern, andererseits sieht er die Gefahr, daß sich linke Politik vollständig ins Virtuelle verabschiedet. "Die Vernetzung muß dazu führen, daß die Leute im wirklichen Leben zusammenkommen, um gemeinsame Politik zu machen" (Zitat, S. 482).

So haben wir in Drückes Dissertation sicherlich eine der letzten Arbeiten zur libertäten Presse, die sich auf Belege berufen und diese auch vorstellen kann: Die einschlägigen Fachinstitute und Bibliotheken sind dringend aufgerufen, sich um Drückes Privatarchiv zu bemühen und es für die Öffentlichkeit zu bewahren. Die Zeitschriften z.Z. in der ZDB suchen zu wollen, ist bekanntermaßen und von vornherein in den allermeisten Fällen vertane Mühe.

Wilbert Ubbens

[1] Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985 / Holger Jenrich. - Orig.-Ausg., 1. Aufl. - Grafenau-Döffingen : Trotzdem-Verlag, 1988. - 273 S. : Ill. - (Libertäre Wissenschaft ; 6.) - Zugl.: Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1988. - Inhaltsgliederung, Aufmachung und Buchformat werden von Drücke nahezu deckungsgleich übernommen.

[2] Brief an den Verfasser (S. 22).

Alhambra-Zeitung

Alhambra-Zeitung, Oldenburg, 1999

"Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht?"

Unter diesen Titel stellt Bernd Drücke sein Buch über Anarchismus und libertäre Presse in Deutschland (...) Um es vorweg zu nehmen: Bernd Drücke fasst den Begriff Anarchismus glücklicherweise sehr breit auf. So wird so manches Blatt thematisiert, dessen Selbstbeschreibung nicht unbedingt den Begriff "libertär" enthalten würde. Die Klammer um alle Projekte ist die (teil mehr, teils weniger) grundsätzliche Kritik an den herrschenden Gesellschaftsverhältnissen. Also das, was einige als linksradikal bezeichnen würden.

Circa 500 Periodika aus Ost- und Westdeutschland hat Bernd Drücke in seiner bombastischen Dissertation offensichtlich mit Sachverstand und Liebe untersucht. Mit einer Akribie, wie sie Anarchismus-Feinde einem Libertären niemals zutrauen würden, hat er die bekannten bundesweiten anarchistischen Periodika wie "Direkte Aktion", "Graswurzelrevolution" und "Schwarzer Faden" untersucht und ihnen jeweils mehrere Seiten lange Kapitel gewidmet. Bernd Drücke hat sich aber auch autonomen Zeitschriften und kleinen nur regional bekannten - teils auch skurrilen - Blättchen gewidmet. Und all dies mit einer gelungenen Mischung aus Hingabe und Distanz, solidarisch, aber nicht unkritisch. So liegt ein umfangreicher Fundus vor, der die Vielfalt anarchistischer aber eben auch autonomer und allgemein linksradikaler Periodika facettenreich widerspiegelt.

Bei all dieser Kompetenz kann auch die Verwendung teils ominöser Quellen dem Werk keinen Abbruch tun ("Laut Alhambra-Archiv Oldenburg eine libertäre Zeitschrift", heißt es über ein Blättchen). Allein, ein Stichwortregister hätte dem Nachschlagewerk gut getan.

Auch unserem "Moin"-Chauvinismus hat das Werk durchaus etwas zu bieten: Mit mehr als 20 Erwähnungen im Ortsregister liegt Oldenburg deutlich vor anderen Metropolen wie Dortmund und Stuttgart - allerdings gleichzeitig weit abgeschlagen hinter Heidelberg. Ganze drei Seiten widmet Bernd Drücke allein der "Alhambra-Zeitung und Programm".

Dieses Buch bietet auf über 600 Seiten aber nicht nur ein vorzügliches Nachschlagewerk, es regt mit seinen teils lebendigen Darstellungen der Entwicklungen in so manchem linksradikalen Zeitungsprojekt auch einfach zum Schmökern an. Zusätzlich bieten insbesondere die vorangestellten Kapitel, die sich mit der Bestimmung des Forschungsgegenstandes beschäftigen, auch gute Textgrundlagen für längst mal wieder anstehende Grundsatzdiskussionen um Selbstverständnis und Inhalte der Linksradikalen. Hier wird Material zur Begriffsklärung und Diskussion u.a. von "Macht", "Herrschaft" und "Anarchismus" geboten. Schwerpunktmäßig beschäftigt sich Bernd Drücke (...) mit linksradikalen Zeitschriften und Zeitungen im Zeitraum 1985 bis 1995. neben Inhalten und Hintergründen einzelner Periodika werden auch Aspekte wie das Layout thematisiert, denn die anarchistische Presse entwickelte immer auch ihre eigene Ikonographie (z.B. Seyfried und das Bombenmännchen).

Welche und wer also wissen will, warum auch Kardinal Josef Moser mit "Der Herr ist die Kraft meines Lebens" Aufnahme in dieses zukünftige Standartwerk über linksradikale Periodika gefunden hat, sollte (...) diesen 657 Gramm schweren "Meilenstein" erwerben.

Syndikat A Info

Syndikat A Info, Moers, 1998

Das gehört in jedes libertäre Buchregal.

(...) Eine sehr interessante Schwarte!

Semesterspiegel

Semesterspiegel, Uni Münster

"Für die Anarchismus-Forschung eine der gewinnbringendsten Erzeugnisse seit langer, langer Zeit."

Barrikade Nachrichten

Barrikade Nachrichten, Moers, 1998

Der Münsteraner Bernd Drücke hat seine Doktorarbeit gemacht, fünf Jahre recherchiert und diese 640 Seiten starke Arbeit als Buch heraus gebracht.

Kritiker sprechen schon zwei Wochen nach der Veröffentlichung von einem "Meilenstein" in der Anarchismusforschung.

Und so unrecht haben sie nicht.

Trotz des "Niedergangs" sozialer Bewegungen und der sogenannten Linken, scheint die anarchistische Bewegung, zumindest ihrer Publikationen nach, immer noch voller Vitalität zu sein. Bundesweite anarchistische Zeitungen wie die Direkte Aktion, Graswurzelrevolution, Schwarzer Faden und ihrer Gruppen, Zusammenhänge und Organisationen werden detailliert beschrieben. Aber auch sogenannte autonome Zeitungen wie die Interim und Radikal werden ausführlich beschrieben. Bei der Geschichte und der Skizzierung des politischen Profils dieser Publikationen bleibt der Autor nicht stehen. Auf den ersten 80 Seiten leistet Bernd eine fundierte Definition der Begriffe Macht, Herrschaft, Anarchie, autonom, libertär usw.

Eine unerlässliche Vorarbeit für die spätere Kategorisierung und Beschreibung der entsprechenden Zeitungsprojekte. Dadurch ist das Werk auch gut für eine Einführung in unser theoretisches Grundverständnis geeignet. Nach dieser umfassenden Einführung startet der Autor mit dem eigentlichen Hauptthema der Arbeit und beschreibt die anarchistische Presse während des 1. Weltkriegs, der Weimarer Republik bis nach dem 2. Weltkrieg. Auch die Untergrundpublikationen in der DDR werden entsprechend ausgiebig behandelt.

Für mich als Aktivisten innerhalb der FAU sind selbstverständlich der Überblick über die letzten dreißig Jahre besonders interessant.

Und da findet sich alles... Von noch so kleinen Zeitungen wie z.B. die Moerser "Barrikaden - Nachrichten" bis hin zu den bundesweiten "Großen" unserer Bewegung wird alles erfasst und die Gruppen und Organisationen mit ihrem politischen Profil beschrieben. Daß der Autor einer von "uns" ist, kann ihn offensichtlich nicht dran hindern, auch kritische Bemerkungen über diverse anarchistische Richtungen und Publikationen einfließen zu lassen. Das macht er aber mit Distanz, so daß die Lesende sich immer noch selbst ein Bild machen kann. Also erfrischend wissenschaftlich.

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