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stern / zerbrochenes gewehr
aktuelles 22.8.2010 

Bakuninhütte bei Meiningen sucht Tradition und neues Leben

"Freies Land und freie Hütte / Freier Geist und freies Wort / Freie Menschen, freie Sitte / zieht mich stets zu diesem Ort" - ehemaliger Hüttenspruch

In Südthüringen laden Berge und Täler, Wälder und weite Landschaften zum Wandern ein und so hat diese Freizeitbeschäftigung auch bei den Familien der Arbeiter_innenschaft eine lange Tradition.

Geschichte...

In den ''schlechten Zwanzigern'' des vorigen Jahrhunderts verknüpfte sich damit oft das Pilze- und Beerensammeln, um die hungrigen Münder und Mägen zu füllen. Diese gab es auch bei den Arbeiter_innen des Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Meiningen und viele mussten ihren kargen Lohn durch Selbstversorgung aufbessern. Zu diesem Zweck pachteten und kauften einige gemeinsam mit anarchistischen Genoss_innen ein Stück Land auf der Hohen Maas bei Meiningen. Da die Menschen des Öfteren von Regen und Gewitter überrascht wurden, kam die Idee für eine Unterstellmöglichkeit auf. Diese bestand zu Anfang aus einem einfachen Steinwall mit einem Bretterdach. Später wurde daraus eine erste feste Hütte.

Auch in den ''Goldenen Zwanzigern'', als der Anbau von Kartoffeln und Gemüse keine Notwendigkeit mehr war, trafen sich die Leute an der Hütte. Sie erfreute sich wachsender Beliebtheit. Zur rechtlichen Absicherung wurde der Siedlungsverein ""Gegenseitige Hilfe"" e.V. gegründet, der Eigentümer der Hütte wurde. Weil viele der regelmäßigen Besucher_innen Mitglieder der anarchosyndikalistischen FAUD waren, erhielt die Hütte den Namen ""Bakuninhütte"" und es wurde ein Gedenkstein für Michail Bakunin errichtet.

Die Hütte entwickelte sich Anfang der 30-er Jahre zu einem Kleinod für Erholung und Gedankenaustausch libertärer Menschen. Sie wurde zu einem wichtigen Treffpunkt deutscher Anarchisten. So war z.B. Erich Mühsam hier und es wurde das 1. Reichsferienlager der Syndikalistischen Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD) abgehalten. Es entstanden Pläne für den weiteren Ausbau der Hütte und Fritz Scherer wurde Hüttenwart. Er pflegte die Hütte, führte das Hüttenbuch und rettete es über die Zeit des Nationalsozialismus.

Die Nazis konnten einen anarchosyndikalistischen Verein und dessen Besitz natürlich nicht bestehen lassen, enteigneten die Hütte und verfolgten die Mitglieder.

... und Gegenwart

Über die Zeit bis zur Enteignung der Hütte wurde durch die Mitglieder und Sympathisant_innen des neu gegründeten Wandervereins Bakuninhütte e.V. schon einiges erforscht. Es liegt aber auch noch vieles im Dunkeln, was ans Licht gebracht werden will. Darin besteht auch ein Ziel des Vereins.

Vor allem geht es aber um die Erhaltung und Wiederbelebung des kulturhistorischen Ortes, der im Sinne seiner Erbauer ein Treffpunkt für Wanderfreunde und -freundinnen werden soll.

Um den Verfall aufzuhalten wurden nach dem Kauf der Hütte bereits Sicherungs- und Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt. Auch sollte die Hütte durch Rekonstruktion ihre alte Funktion als temporär geöffnete Anlaufstelle und Schutzhütte für Wanderer_innen wiedererlangen. Leider gibt es diesbezüglich gerade einen Rechtsstreit mit der unteren Bauaufsichtsbehörde, die jegliche Nutzung und das Betreten der Hütte untersagt hat.

Für den Verein macht das deutlich, dass es vom Kauf der Hütte bis zu ihrer endgültigen Nutzbarkeit ein langer Weg ist. Für Feund_innen des Wanderns sind steinige Wege aber keine unüberwindbaren Hindernisse, es bedarf jedoch Durchhaltevermögen, Kraft und vielseitiger Unterstützung.

Das BildungsKollektiv (Biko) fühlt sich den ideellen Zielen mit dem Wanderverein verbunden und ist in seiner Bildungsarbeit auch immer wieder auf den Spuren des Anarchismus unterwegs. Auf dieser Basis war es nicht schwer, im vergangenen Jahr gemeinsam ein Seminar zur Geschichte der Bakuninhütte bis 1933 zu veranstalten. Dieses soll in diesem Jahr vom 27. - 29. August eine Fortsetzung mit einer Betrachtung der Geschichte nach 1945 finden. Thema des Wochenendes ist einmal die Frage: Was wurde aus den Erbauern der Hütte? Dazu gibt es zur Einführung einen Film über Fritz Scherer, der am Freitagabend in Erfurt gezeigt wird.

Am Samstag und Sonntag werden wir dann in Meiningen und an der Hütte sein und es werden Rechercheergebnisse des Vereins vorgestellt. Der Fokus des Wochenendes soll allerdings nicht nur auf der Bakuninhütte liegen. Vielmehr geht es um anarchistische Ideen und deren Verbleib und Veränderung nach 1945, bis sie 1968 von Teilen der Studentenbewegung wieder aufgegriffen und propagiert wurden. Als Referenten haben wir dazu GWR-Redakteur Bernd Drücke eingeladen.

Natürlich wird bei den Tagen an der Hütte das Wandern nicht zu kurz kommen. Sicher gibt es in der Gegend um die Hütte manch schönen Flecken zu entdecken und spannende und interessante Geschichten zu erfahren. Dazu seien alle Wanderfreundinnen und -freunde sowie Interessierte herzlich eingeladen.

Uwe Flurschütz
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Kontakt & Infos

Wegbeschreibung, Infos zur Hütte und zum Verein unter: www.bakuninhuette.de

Anmeldungen für das Seminar und weitere Informationen gibt es per Mail an biko@arranca.de oder unter Telefon 0176/23282564


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