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stern / zerbrochenes gewehr
anarchismus 14.9.2009 

Ein beharrlicher Säer anarchistischer Ideen

Horst Stowasser (* 7. Januar 1951 bei Wilhelmshaven - † 30. August 2009 in Neustadt an der Weinstraße) - Trauerrede von Bernd Drücke, gehalten am 7. September 2009.

Am 30. August 2009 ist der anarchistische Schriftsteller Horst Stowasser im Alter von 58 Jahren an einer Sepsis gestorben. Am 7. September 2009 wurde er in Neustadt an der Weinstraße beerdigt. Knapp 300 Menschen nahmen an der bewegenden Trauerfeier teil. Anknüpfend an die Trauerreden von Bernd Elsner (Projekt A), Lutz Schulenburg (Edition Nautilus), Andreas Hohmann (FAU/Verlag Edition AV) und eines Genossen vom Eilhardshof, hat der Graswurzelrevolution-Koordinationsredakteur Bernd Drücke eine Trauerrede gehalten, die wir hier dokumentieren:

Liebe Familie Stowasser, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,
wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von einem lieben und geliebten Menschen, dem großartigen Schriftsteller und Anarchisten Horst Stowasser.

Klaus von der FAU Neustadt hat mich gebeten hier über Horst zu sprechen, als Freund, als jemand, der in den letzten Jahren viel mit Horst zu tun hatte, und auch als Redakteur der Monatszeitung Graswurzelrevolution.

Ich erinnere mich gerne an Horst. Seit ich vor acht Tagen die Nachricht von seinem Tod erhalten habe, bin ich erschüttert und schlafe schlecht. Sein Tod macht mich traurig. Es ist unfassbar, dass Horst zu plötzlich und für uns alle unerwartet gestorben ist.

Er stand mitten im Leben. Vor wenigen Tagen haben wir noch ausgiebig telefoniert: Horst wollte eine Rezension für die Libertären Buchseiten und einen weiteren Artikel für die November-Ausgabe der Graswurzelrevolution schreiben, über das generationsübergreifende Wohnprojekt "Eilhardshof", das er hier in Neustadt mit vielen Freundinnen und Freunden ins Leben gerufen hat. Gemeinsam wollten wir auch das etwas angestaubte Layout der Graswurzelrevolution überarbeiten. Er steckte voller Lebenskraft und Tatendrang - seiner Kinderlähmung zum Trotz. Seine große Menschenfreundlichkeit und sein Optimismus waren mitreißend. Er war ein unermüdlicher Säer libertärer Utopien. Ein toleranter, genießender und großherziger Mensch. Sektierertum und Dogmatismus waren ihm fremd. Stattdessen begegnete er allen Menschen mit einer großen Offenheit, unabhängig von ihrer Weltanschauung. Er konnte gut zuhören, reden, diskutieren, Menschen integrieren und begeistern. Ganz im Sinne Gustav Landauers war Anarchie für ihn keine Sache der Forderungen, sondern des Lebens.

Horst wird uns fehlen.

Er war seit den 70er Jahren durch die von ihm mitgeprägten Bewegungszeitungen, durch seine Vorträge und Bücher der wohl einflussreichste Anarchist in Deutschland.

Auch bei meiner persönlichen Politisierung spielte er eine große Rolle. Als Jugendlicher, Anfang der 80er Jahre, habe ich das vor allem von ihm verfasste "Was ist eigentlich Anarchie?" aus dem Karin Kramer Verlag gelesen. Seitdem verstehe ich mich als Anarchist. Als ich sein Standardwerk "Leben ohne Chef Staat" zum ersten Mal gelesen habe, war ich 20 und begeistert. So lebendig und klar, ohne verschwurbelte Fachtermini, ohne soziologenchinesische Tendenzen - so wie Horst schreiben leider nur wenige AnarchistInnen. Sein "Projekt-A-Buch" wurde konspirativ verbreitet. Es hatte aber dennoch einschlagende Wirkungen. Auch in meiner Wahlheimatstadt Münster spielte es z.B. bei der Gründung libertärer Zentren und Projekte eine große Rolle.

Die bundesweiten, szeneinternen Konflikte um das Projekt A führten allerdings dazu, dass sich Horst ab 1995, nach Erscheinen seines "Freiheit pur"-Wälzers, 10 Jahre lang enttäuscht aus der libertären Szene zurückzog. Er arbeitete viel und verdiente zeitweise gutes Geld. Aber er verfasste 10 Jahre lang keine Artikel für anarchistische Zeitungen und er schrieb keine Bücher mehr.

Als ich in den 90er Jahren meine Doktorarbeit über Anarchistische Presse geschrieben habe, konnte ich zig Bewegungs-Archive in Europa besuchen und dort libertäre Schätze auftun. Natürlich habe ich zu jener Zeit auch mehrfach Horst Stowasser angeschrieben, um das von ihm 1971 gegründete, legendäre "AnArchiv" zu besuchen. Ich bekam damals keine Antwort. Es war die Zeit, in der Horst die Schnauze voll hatte von der anarchistischen Szene.

Trotzdem habe ich in den anderen Bewegungsbibliotheken 500 verschiedene Periodika gefunden und auswerten können, darunter auch viele, an denen Horst in den 70er und 80er Jahren beteiligt war - z.B. die anarchosyndikalistische "direkte aktion", die 1977 von ihm mit ins Leben gerufen worden war und heute immer noch alle zwei Monate als bundesweites Sprachrohr der Freien ArbeiterInnen Union (FAU) erscheint.

"Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht?", der als Frage formulierte Titel der 1998 veröffentlichten Buchfassung meiner Dissertation, bezieht sich auf eine These von Horst. In "Freiheit pur" hatte er geschrieben, der Anarchismus in Deutschland bewege sich "seit 20 Jahren im Wesentlichen nur zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht". Diese These habe ich in meiner Studie verworfen. Und letztlich tat das auch Horst. Nicht zuletzt inspiriert auch durch seine Werke, entstanden nämlich viele Projekte, darunter Kommunen, libertäre Zentren und Wohnprojekte, wie der generationsübergreifende Eilhardshof hier in Neustadt.

Im November 2005 habe ich ein einstündiges Radiointerview mit Horst geführt. Es wurde im Bürgerfunk auf Antenne Münster ausgestrahlt, erschien gekürzt in der Graswurzelrevolution und in einer überarbeiteten Version in dem Interviewband "ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert". In vielen Gesprächen und bei gemeinsamen Veranstaltungen entwickelte sich nun eine tiefe Freundschaft.

Ich bin stolz darauf, dass ich Horst dazu motivieren konnte Artikel für die GWR zu schreiben und sein Standardwerk "Freiheit pur" zu aktualisieren und um weitere Kapitel zu ergänzen. "Freiheit pur" heißt jetzt "Anarchie!". Es ist das beste Buch zum Anarchismus, das im Deutschland des 21. Jahrhunderts erschienen ist. Während "Der kleine Stowasser" ein Buch ist, mit dem seit Generationen Latein-Schülerinnen und Schüler gequält werden, ist "Der große Stowasser" ein Werk, das Generationen von Anarchie-Begeisterten hervorbringen wird.

Horst ist gestorben. Aber sein Traum von einer herrschaftslosen Gesellschaft, von einem Leben ohne Chef und Staat, ist lebendig.

Wir sollten alles tun, damit dieser Traum Wirklichkeit wird.

Ich schließe mit einem Zitat des 1934 von den Nazis ermordeten Anarchisten Erich Mühsam: "Wollt ihr denen Gutes tun, die der Tod getroffen, Menschen lasst die Toten ruhen und erfüllt ihre Hoffen."

Bernd Drücke, 7.9.2009
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