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stern / zerbrochenes gewehr
häuserkampf 23.4.2005 

Sind wir nicht alle ein bisschen yorck59?

Die yorck59 ist seit 16 Jahren ein selbstverwaltetes Hausprojekt in Berlin-Kreuzberg. Zur Zeit wohnen dort etwa 60 Menschen (zwischen 0 und 43) und es gibt viel Raum für politische und kulturelle Veranstaltungen. Auch vorhandene Büroräume werden von verschiedenen politischen Initiativen wie z.B. der AntiRassistischen Initiative Berlin (ARI), dem Anti-Hartz-Bündnis, internationalistischen Gruppen, etc. genutzt. Auch Sport- und Theatergruppen treffen sich dort.

Seit Januar 2004 gibt es einen neuen Hauseigentümer: die Yorckstr.59 GbR (Geschäftsführer: Marc Walter; Hausverwalter: Boris Marweld) kaufte das Haus von der Zwangsverwaltung. Das Kaufangebot der BewohnerInnen wurde übergangen. Der Gewerbemietvertrag mit dem Hausverein Färbung e.V. endete im September 04. Die BewohnerInnen wollten ihr Optionsrecht auf eine Verlängerung des Vertrags ausüben, was aber von Seiten des Eigentümers unmöglich gemacht wurde. Schikanen seitens der neuen Hausverwaltung gehören zum Alltag. Weihnachten 2004 hatte Marweld in einer Nacht- und Nebelaktion die Zugänge zur 2. und 3. Etage, in denen sich Büroräume befinden, zumauern lassen. Gleichzeitig war er durch körperliche Gewalt gegen HausbewohnerInnen aufgefallen. Nachdem die BewohnerInnen die Mauern wieder entfernt hatten, ließ Marweld die Schlösser austauschen. Seitdem häufen sich auch Vorfälle wie durchschnittene Telefonleitungen, aufgebrochene Briefkästen und aufgeschlitzte Fahrradreifen.

Der neue Hausbesitzer legte Räumungsklage gegen den Hausverein Färbung e.V. ein. Diese ist seit dem 23.12.04 in erster Instanz entschieden. Eine Räumung ist nun faktisch jederzeit möglich. Nur über ständige Präsenz in der Öffentlichkeit und politischen Druck kann die Räumung verhindert werden.

Es geht um mehr als Wohnraum. Es geht um ein nicht ersetzbares politisches Projekt und den Erhalt linker Freiräume. Deshalb ist der Hauskampf um die yorck59 auch mit anderen (bedrohten) linken Projekten vernetzt, wie z.B. den Wagenplätzen Schwarzer Kanal und Laster und Hänger, dem Hausprojekt Brunnenstr.183, der Voigtstr., der Rigaer94, der Offenen Uni BerlinS und dem Hausprojekt EHK in Wien. Die Solidarität gilt allen Initiativen für linke soziale, politische und kulturelle Räume. Ausdrücklich richtet sich der Kampf der BewohnerInnen auch gegen die Stadtumstrukturierung in Berlin und anderswo, im Zuge derer Häuser in der Innenstadt teuer saniert werden, so dass sich die vorherigen MieterInnen die Wohnungen danach nicht mehr leisten können. Sie fordern bezahlbare Mieten für alle!

In der yorck59 wollte der neue Hausbesitzer zunächst eine Mietsteigerung von 100%, dann immer noch 50% und nun die Räumung - ihm geht es "ums Prinzip" (taz Berlin 6.1.05). Die BewohnerInnen fordern den Erhalt des Projektes und wollen das Haus kaufen - zu einem angemessenen Preis. Kürzlich wurde ermittelt, dass Marc Walter im Dezember 2003 das Grundstück Yorckstr. 59 für nur 1,45 Mio Euro kaufte. Dies steht im eklatanten Kontrast zu den 2,5 Mio Euro, die er den BewohnerInnen der yorck59 als Kaufpreis "anbietet" bzw. ein Ersatzobjekt des Liegenschaftsfonds zu diesem Wert erwartet.

Räumung ist keine Privatsache - her mit der politischen Lösung!

Der Konflikt um das Hausprojekt ist eskaliert und derzeit Thema auf allen politischen Ebenen. Einzig gangbare politische Lösung, die zu einem Projekterhalt führt, ist das seitens der Politik vorgeschlagene Tauschobjekt für den Hauseigentümer Marc Walter aus dem Berliner Liegenschaftsfonds. Bei diesem Dreiecksgeschäft würde Walter das Objekt yorck59 gegen eine gleichwertige Immobilie aus dem Fundus des Liegenschaftsfonds eintauschen. Die BewohnerInnen und Initiativen des Hausprojektes könnten danach das Hinterhaus vom Liegenschaftsfonds kaufen. Ein Finanzierungskonzept für einen solchen Kauf in Zusammenarbeit mit dem Mietshäusersyndikat besteht seit über einem Jahr.
Nun ist die Politik gefordert, Walter dazu zu bewegen, sich auf diese einzige Möglichkeit der Konfliktbeilegung einzulassen. Die Berliner Landesregierung und das Abgeordnetenhaus müssen sich nun der Öffentlichkeit und Walter gegenüber mit Nachdruck für eine solche Lösung einsetzen. Das in diesem Sinne bekundete Engagement der SenatorInnen Körting, Wolf und Junge-Reyer, des Bundestagsabgeordneten Ströbele, mehrerer Landesabgeordneter und der Bezirkspolitik ist noch lange nicht ausgeschöpft. Klare öffentliche Äußerungen sind nun gefragt, dass Investoren wie Walter, die ihr einzelwirtschafliches Profitinteresse durch die Verdrängung von alteingesessenen BewohnerInnen zu erzielen versuchen, unerwünscht sind.

Solidarität ist eine Waffe

Der Konflikt mit der Yorck59 wirkt sich bereits auf Marc Walters Immobiliengeschäfte aus. Marc Walter arbeitet mit der IHZ GmbH (Sitz: Friedrichstr. 95) zusammen. Sie ist einer der größten Immobiliendienstleister Berlins, die im Auftrag der ehemals gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Mitte WBM deren Objekte veräußert und somit die Verdrängung von MieterInnen, z.B. im Kreuzberger Waldekiez, betreibt. Zusammen mit Marweld kaufte Walter im Sommer 2004 das Objekt Friedrichstr. 129/Claire Waldoff Str.2-12 zu einem sehr günstigen Preis über die IHZ. Er verfügt über gute Kontakte zur WBM, u.a. durch seine jahrelange Tätigkeit als Filialleiter bei der Deutschen Hypothekenbank am Gendarmenmarkt, bei der er die Finanzierung von Immobiliengeschäften betreute. Jüngst versuchte er, ein weiteres Filetgrundstück in der Friedrichstraße zu erwerben. Es handelt sich um die "Spreeterrassen", den Wohn- und Hotelkomplex (Hotel Riverside) an der Spree, Friedrichstr.105-6/Ziegelstr.2-3. Den beinahe abgeschlossenen Verkauf der Immobilie machte die IHZ jedoch rückgängig - Marc Walter konnte die vereinbarte Kaufsumme nicht aufbringen und musste eine Vertragsstrafe zahlen. Hintergrund des gescheiterten Verkaufs sind auch Proteste betroffener MieterInnen der Friedrichstr. 129 und die Furcht der IHZ, in den Konflikt um die Yorck59 einbezogen zu werden. Die IHZ versuchte wohl auch den Verkauf des Objekts Friedrichstr. 129, vor dem schon Protestaktionen der yorck59 stattfanden, rückabzuwickeln. Dies scheiterte jedoch, da der Verkaufsprozess schon zu weit voran geschritten war.

Wir begrüßen es, dass auf diese Weise Immobilienspekulanten wie Walter Grenzen aufgezeigt werden, und sind uns sicher, dass dies dazu beitragen wird, dass Walter auf das Angebot des Liegenschaftsfonds eingehen wird.

Der Druck von den BewohnerInnen und UnterstützerInnen der yorck59 in den letzten Monaten war und ist vielfältig und kreativ, wie bspw. die Besetzung vom Rathaus Kreuzberg, Kundgebungen vor dem Wohnsitz des Hausverwalters, eine Radrallye mit anderen bedrohten Projekten gegen die Stadtumstrukturierung, das Anbringen eines 30m-Transpis an der Siegessäule, eine Kinderdemo, solidarische Scheinbesetzungen in Berlin und anderswo, internationale Solidarität durch gesammelte Unterschriften gegen die Räumung, die in verschiedenen Ländern deutschen Botschaften übergeben wurden.

Da sich die Situation zuspitzt, ist es grade jetzt wichtig, den Druck aufrecht zu erhalten und aktiv zu werden. In diesem Sinne: seid kreativ und habt Spass dabei!

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Anmerkungen

Am 1. Mai, 13 Uhr gibt es eine Demo von der yorck59 gegen Prekarisierung und Verwertung, am 14. Mai, 18 Uhr ist eine große Anti-Räumungsdemo vom Heinrichplatz zur yorck geplant.

Kommt zum "Tag Y" in die yorck59 und unterstützt uns im Falle einer Räumung! Abends wird dann um 18 Uhr eine Demo ab U-Bhf Mehringdamm stattfinden. Weitere Infos unter www.yorck59.net

Spenden

Spendenkonto für Prozesskosten
Konto Nr.: 3039600
BLZ: 10020500
Bank für Sozialwirtschaft
Kontoinhaberin: ARI
Stichwort: "Hausprojekt, Yorck59"

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Hausbesitzer:
Marc Walter
Mommsenstr. 9
10629 Berlin

Hausverwalter:
Boris Marweld
Kantstr. 134
10179 Berlin

Innensenator:
Erhard Körting
Klosterstr. 97
10625 Berlin


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