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soziale bewegung

Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) - ein Lehrstück!

Aus: Zeiten des Kampfes

zeiten des kampfes

Vorwort

Spätestens seit 1999 ist mit den "Kindern von Seattle" eine weltweite soziale Bewegung entstanden, die die Kriege, Ausbeutungsmechanismen und rassistischen Hierarchien des Weltstaatensystems nicht mehr hinnehmen will, und zwar weder in Europa, den USA, noch in den Ländern der "Dritten Welt". Diese Bewegung hat die Fallstricke rigider nationalistischer Ideologien und separatistischer Identitätspolitiken des 20. Jahrhunderts weitgehend überwunden. Die in ihr aktiven Menschen arbeiten transnational und grenzübergreifend zusammen. In ihr ist die emanzipative Form der Integration verschiedener Kulturen und Hautfarben zum Teil bereits Wirklichkeit geworden, zumindest wird eine emanzipative Form der Kulturvermischung angestrebt. Jedes Gipfeltreffen der westlichen Staatenlenker wird durch alternative Aktionstage mehr oder weniger direkt behindert. Jeder rassistische Krieg der westlichen Industrienationen wird inzwischen in vielen Ländern der Erde durch Massenproteste auf breiter Linie kritisiert, was sich besonders stark bei der Mobilisierung gegen den Irak-Krieg 2002 verdeutlichte.

Diese aktuelle Massenbewegung gegen die kapitalistische Globalisierung ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie hat die Traditionen der neueren spontaneistischen und grenzübergreifenden Bewegungen seit den sechziger Jahren, der 68er Revolte, der Frauen-, der antimilitaristischen und der Ökologiebewegung produktiv aufgegriffen und in eine zeitgemäße Form verwandelt. Diese Bewegungen haben einen wesentlichen ihrer vielen Ursprünge in der antirassistischen Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den US-Südstaaten der sechziger Jahre. Die Bürgerrechtsbewegung war nicht nur zeitlich die früheste aller heute so genannten "neuen" sozialen Bewegungen, sondern sie bewirkte durch ihre gewaltfreien Aktionen und ihren graswurzelrevolutionären Organisationsansatz einen Bruch mit traditionell hierarchischen Formen bürgerlicher wie auch parteikommunistischer Traditionen und prägte nachdrücklich alle darauf folgenden Bewegungen, und zwar nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und weiteren Teilen der Welt. "Sit-In", "Go-In", "Teach-In" waren als Aktionsformen den europäischen und lateinamerikanischen StudentInnen bereits bekannt oder galten als Vorbild, als sie 1968 massenhaft die Universitäten besetzten und auf die Straße gingen.

Die Geschichte der afro-amerikanischen ("african-american", wie dort der heute gebräuchliche Begriff lautet) Bewegung in den USA und ihrer in den sechziger Jahren wichtigsten Organisation, des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), ist beispielhaft für alle sozialen Bewegungen bis zur heutigen Zeit, im emanzipativen Sinne ebenso wie angesichts der Probleme, die sich dem SNCC bereits in exemplarischer Weise für alle nachfolgenden Bewegungen stellten. Wer deshalb dieses Buch von Clayborne Carson, Zeiten des Kampfes, liest und damit die Geschichte des SNCC kennenlernt, erfährt auch viel über Errungenschaften und Probleme der zeitgenössischen sozialen Bewegungen gegen den weltweit institutionalisierten Rassismus und Kapitalismus. Insofern ist die Geschichte des SNCC nicht einfach nur die Geschichte einer in der deutschsprachigen politischen Literatur weitgehend unbekannt gebliebenen Organisation aus den USA, sondern sie ist ein Lehrstück über Erfolge und Abwege sozialer Bewegungen in den letzten vierzig Jahren.

Erfolge I: Basisdemokratische Massenbewegung statt Dominanz einer Führungsperson

Ein verkürztes und heute glücklicherweise eher überwundenes Verständnis von Geschichte geht davon aus, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen von Personen geprägt, ja gestaltet werden. Selbst revolutionäre Massenbewegungen wurden in dieser Sicht auf die Biographien und Aktionen einzelner populärer oder charismatischer Führungspersonen verkürzt. Das galt selbst lange Zeit im aufklärerischen Milieu. Danach wurde die russische Revolution von Lenin gemacht, die spanische von Durruti, die indische Unabhängigkeit von Gandhi errungen und die US-Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King, Jr., geleitet. Eine solche Sicht auf diese Bewegungen war niemals richtig, trotzdem war die prägende Position dieser Führungspersonen ein historisches Faktum, wenngleich wie etwa im Falle Durrutis durchaus im Widerspruch zu der von ihm selbst vertretenen Idee des Anarchismus, nach der eigentlich eine Dominanz durch eine Führungsperson und damit neuerliche Autorität in den oppositionellen Reihen tunlichst vermieden werden sollte.

Die US-Bürgerrechtsbewegung ist vorläufig eine der letzten bedeutsamen sozialen Massenbewegungen, die dieses prekäre Verhältnis von prägender Führungsperson und unbekannten Massen noch einmal reproduzierte und gleichzeitig die erste, die es grundsätzlich in Frage stellte. Nach der US-Bürgerrechtsbewegung, ab der 1968er Revolte, gibt es weltweit immer weniger soziale Bewegungen im emanzipativen Sinne, die auf diese Weise mit einer alles dominierenden Einzelperson identifiziert werden könnten, und wenn, dann ist sie viel schneller interner Kritik ausgesetzt. Selbst bekannte politische Persönlichkeiten der heutigen Bewegung für eine andere Globalisierung, wie etwa der französische Larzac-Aktivist José Bové, sind weit davon entfernt, einen allein entscheidenden inhaltlichen Einßuss auf Ausrichtung, Entwicklung und Positionsbestimmung der weltweiten Gesamtbewegung auszuüben und können in keiner Weise mit den hier genannten Vorläufern verglichen werden.

Es war das SNCC, das mit seinen Kampagnen und direkten gewaltfreien Massenaktionen, zum "Cutting Edge" (übertragen etwa: zur Speerspitze), wie es Clayborne Carson in der hier vorliegenden Geschichte des SNCC beschreibt, der US-Bürgerrechtsbewegung avancierte und die dominierende Rolle Martin Luther Kings konstruktiv in Frage stellte. King war gegen Ende der fünfziger Jahre durch den von ihm geleiteten Busboykott in Montgomery die unumstrittene Führungsfigur der Bewegung und nichts deutete darauf hin, dass seine entscheidende und die Bewegung dominierende Stimme hinterfragt werden könnte. Bei persönlichen Gesprächen, die ich mit Clayborne Carson, der u. a. auch aktueller Herausgeber der Schriften Martin Luther Kings ist, anlässlich der Übersetzung dieses Buches über den SNCC führte, wies er jedoch darauf hin, dass die von M. L. King geführte Bewegung in Montgomery sofort zusammenbrach, als er nach dem Busboykott die Stadt verließ, während erst die nachfolgenden Bewegungen in den Südstaaten dauerhaftere Graswurzelstrukturen aufbauen konnten.

Das grundsätzlich problematische Verhältnis einer Massenbewegung, die um ihre Emanzipation kämpft, und einer charismatischen Führungsperson, die die Inhalte der Emanzipation von oben herab dekretiert, schien sich nach dem Busboykott in den fünfziger Jahren nur ein weiteres Mal zu wiederholen. Doch dann kamen die Sit-Ins, die Freiheitsfahrten und die Gründung des SNCC. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre konkurrierten das SNCC und King gegenseitig um die Initiative innerhalb der Bewegung. Es war eine konstruktive Konkurrenz, in der bald King, bald das SNCC durch eine besondere Aktion oder Kampagne die Massen mobilisieren konnte. Jeder fühlte sich durch den anderen herausgefordert und entscheidend war nicht, was die eine Person oder die andere Organisation sagte, sondern die Aktion und die Kampagne, die durchgeführt wurde. Es wurde auf der Straße entschieden, ob die Bewegung mehr dem SNCC oder mehr King folgte, oder oft auch beiden. Jedenfalls blieb der Führungsanspruch Kings innerhalb der Bewegung nicht mehr unangefochten und wurde durch eine basisdemokratische Organisation von AktivistInnen konstruktiv weiter entwickelt.

Gerade das aber machte die emanzipatorische Qualität dieser Bewegung aus: das SNCC zeigte mit der ihm eigenen Form der Organisierung, dass eine Führungsperson herausgefordert und zur basisdemokratischen Diskussion gezwungen werden konnte. Letztendlich zeigte es, dass eine emanzipative, basisdemokratisch organisierte Massenbewegung nicht von einer Führungsperson geleitet und befehligt werden muss, sondern dass sie die Entscheidungsprozesse selbst in die Hand nehmen kann. Diese Erfahrung legte den Grundstein dafür, dass in den folgenden sozialen Bewegungen von 1968 an die Rolle prägender Führungspersonen wie Dutschke oder Cohn-Bendit zurückgedrängt werden konnte und hierarchiefreie Entscheidungsprozesse Stück für Stück an Boden gewannen (neben autoritären Abirrungen in Richtung K-Gruppen oder Solidarität für Pol Pot, versteht sich). Für Martin Luther King spricht in diesem Zusammenhang allerdings, dass er sich vom SNCC tatsächlich herausfordern ließ, dass er trotz einzelner autoritärer Tendenzen und Maßnahmen keineswegs versuchte, seinen Führungsanspruch rücksichtslos durchzusetzen, und dass er sich bei einzelnen Aktionskampagnen wie etwa der Albany-Bewegung, die Clayborne Carson ausführlich beschreibt, in einen konstruktiven Dialog mit den AktivistInnen des SNCC begab.

Das SNCC war die Organisation einer graswurzelrevolutionären sozialen Massenbewegung. Die ursprüngliche Organisationsform des SNCC war eine basisdemokratische, in manchen Aspekten libertäre. SNCC-Gründerin Ella Baker, die bewusst und aus libertärem Protest aus Kings Organisation Southern Christian Leadership Conference (SCLC) ausstieg, nannte die Organisationsform des SNCC "group-centered" im Gegensatz zur bisher üblichen organisatorischen Konzentration einer Gruppe oder Institution um eine Führungsperson, die unterstützt wurde. Das SNCC war anfangs eine Ansammlung von autonom entscheidenden Aktionsgruppen aus den vorwiegend von Schwarzen besuchten Colleges in den Südstaaten und koordinierte lediglich deren Aktivitäten und Aktionskampagnen, daher der Name "Koordinierungskomitee".

Das SNCC war keine explizit anarchistische Organisation, aber in der ersten Hälfte der sechziger Jahre waren die gewaltfrei-libertären Strömungen innerhalb des SNCC programmatisch prägend. Ella Baker steuerte die libertäre Grundlage einer gruppenorientierten und damit basisdemokratischen Organisationsform bei. Der religiös-anarchistisch inspirierte James Lawson formulierte das ethisch-moralische Programm der gewaltfreien Revolution, der sich das SNCC in den ersten Jahren verpßichtet fühlte und zu der sich in einer säkularisierten Form John Lewis noch bei seiner Rede auf der großen Washingtoner Demonstration am 28. 8. 1963 zum Unmut anderer Bürgerrechtler bekannte. Die erste libertär-gewaltfreie Strömung im SNCC war identisch mit der Tendenz zur gewaltfreien Aktion und stand den folgenden Kampagnen zur Eintragung Schwarzer in die Wahllisten zunächst kritisch gegenüber. Das änderte sich erst, als gerade aus diesen Kampagnen durch ihren Initiator Bob Moses eine weitere rationalistische, humanistische Strömung des gewaltfreien Anarchismus im SNCC hervorging, die aus einer Auseinandersetzung mit den Schriften von Albert Camus und den eigenen Erfahrungen des Kampfes in den Südstaaten resultierte. Bob Moses und John Lewis hielten an den libertären Organisationsformen und gewaltfreien Aktionstaktiken so lange es ging fest und standen am Ausgangspunkt einer weiteren anarchistischen Strömung im SNCC, den sogenannten "Floaters". Diese wurden jedoch schnell - und nicht immer ohne Grund - als unverantwortlich und individualistisch gebrandmarkt und verloren an Terrain gegenüber den organisatorischen "Hardlinern", die die Organisation durch zunehmende Disziplin und Autorität restrukturieren wollten. Bob Moses, der insgesamt wohl bedeutendste Libertäre in den Reihen des SNCC, erkannte in dieser Phase die Gefahr, selbst entgegen seinem Willen zu einer charismatischen Führungsfigur aufzusteigen, und änderte sogar seinen Namen von Moses in Perrin, um dem Anbetungsbedürfnis seiner AnhängerInnen auszuweichen. Schließlich antwortete er auf das Problem mit seinem totalen Rückzug, wodurch er allerdings den autoritären Tendenzen im SNCC das Feld überließ.

Erfolge II: Erzwungene Reform statt militärischer Niederlage

1964 und 1965 wurden in den USA zwei entscheidende Bürgerrechts- und Wahlgesetze erlassen, welche die Segregation in den Südstaaten aufhoben und die Wahleinschreibung für Schwarze erleichterten. Damit waren die Bürgerrechte für Schwarze in den USA noch nicht verwirklicht und es brauchte noch Jahre, ja Jahrzehnte, und viele lokale Kämpfe, um die Gesetze überall und umfassend durchzusetzen, aber die Bedingungen waren andere geworden: schlimme Ku-Klux-Klan-Sheriffs und rassistische Beamte in Städten und Gemeinden im Süden konnten abgewählt werden, die inhumane Macht der Segregation war gebrochen! Die Reformgesetze waren Kompromisse zwischen der Bürgerrechtsbewegung und der Regierung, die das Kräfteverhältnis in diesen Zeiten des Kampfes widerspiegelten. Das Verblüffende in der Geschichte des afro-amerikanischen Widerstands ist jedoch, dass diese beiden Gesetze in den damaligen "Zeiten des Kampfes" kaum als Erfolge wahrgenommen und in ihrer Dimension als solche begriffen wurden. So erwähnt etwa James Forman 1968 in einer Phase, in der er eine antigewaltfreie, militant-nationalistische Position übernommen hatte, in einem Abriss über die Geschichte des Widerstands der Schwarzen nur beiläufig: "Wahlbenachteiligung und die Segregation öffentlicher Einrichtungen waren nach Jahren des Protests im Süden allgemein verschwunden - jenem Protest, der das Bürgerrechtsgesetz von 1964 und das Wahlrechtsgesetz von 1965 bewirkt hatte."

Forman hält sich bei dieser Feststellung jedoch gar nicht weiter auf und wie so viele schwarze Nationalisten der 1968er Generation ist ihm die Abschaffung der Segregation nur Anlass, auf die ausgebliebene ökonomische und kulturelle Emanzipation der Schwarzen hinzuweisen. Clayborne Carson beharrt jedoch in seiner Geschichte des SNCC darauf, diese erkämpften Erfolge als durchaus unfreiwillige Zugeständnisse des Systems wahrzunehmen und als Ergebnis emanzipativer Kämpfe zu werten und konfrontiert sie mit der Erfolg- und Perspektivlosigkeit der militanten Kämpfe der Schwarzen, die gegen Ende der sechziger Jahre folgten. Die Abschaffung der Segregation ist zusammen mit dem Rückzug der US-Armee aus Vietnam aufgrund des antimilitaristischen Widerstands in den USA in den siebziger Jahren der erfolgreichste Akt einer sozialen Massenbewegung in den USA im 20. Jahrhundert, auch wenn die praktische Umsetzung der Bürgerrechte für die Schwarzen noch lange Zeit in Anspruch nehmen sollte. Die Abschaffung der Segregation hat die Befreiung von der Sklaverei im 19. Jahrhundert erst verwirklicht und vollendet. Bei den SNCC-Kampagnen in den Südstaaten, besonders aber bei der hier von Clayborne Carson detailliert beschriebenen Kampagne in den ländlichen Gebieten von Mississippi im Sommer 1964 saßen tatsächlich Schwarze und Weiße in den Familien bunt gemischt gemeinsam an einem Tisch und praktizierten in diesen "Zeiten des Kampfes" das, was Martin Luther King in seiner utopischen Rede ein Jahr zuvor in Washington prophezeiht hatte. Es war das erste Mal, dass die weißen Jugendlichen aus den Nordstaaten massenhaft ihre Elternhäuser verließen, auf Wanderschaft gingen und sich politisch engagierten. Vor dem "Summer of Love" der Hippies 1967 kam der "Summer of Freedom" 1964, der Sommer der antirassistischen Solidarität in Mississippi.

Trotz der enormen Schwierigkeiten, die sich aus diesem Experiment ergaben und die das SNCC letztendlich nicht lösen konnte, bleiben gerade die graswurzelrevolutionären Basiserfahrungen dieser gelebten sozialrevolutionären Integration das beeindruckendste Bild der historischen Darstellung, die Clayborne Carson in diesem Buch bietet.

Clayborne Carson besteht darauf, die Reformgesetze von 1964 und 1965 als Erfolge sozialer und gewaltfreier Kämpfe wahrzunehmen und sie in ihrer Dimension richtig historisch einzuordnen. Zu verstehen, wie sie zustande kamen, heißt die Bedingungen sozialrevolutionärer Kämpfe in den kapitalistischen Metropolen zu studieren und Lehren zu ziehen, wie Kämpfe erfolgreich geführt werden können und nicht in militärischen Niederlagen, ideologischen Sackgassen und letztlich in Verzweiflung enden. Dazu ist es wichtig, nicht nur die Erfolge der Kämpfe wahrzunehmen, sondern auch die Abwege, die Ursachen der Niederlagen, genau zu analysieren. Auch in dieser Beziehung ist die Geschichte des SNCC, das zeigt dieses Buch ebenfalls, ein Lehrstück.

Abwege I: Taktische Intervention der Bundesregierung oder Orientierung an den neuen Nationalstaaten in Afrika?

Im Zusammenhang mit dem emotionalen Unbehagen vieler Schwarzer mit den gewaltlosen Kämpfen in der ersten Hälfte der sechziger Jahre - mit der nur allzu verständlichen psychischen Tendenz, es satt zu haben, immer wieder geschlagen zu werden, und das auch noch nach einer Jahrhunderte langen Erfahrung von rassistischer Gewalt - ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die angewandte Taktik des SNCC, die US-Bundesregierung und ihre Institutionen, vom FBI bis zu polizeilichen und militärischen Truppenverbänden, dazu zu veranlassen, gegen die rassistischen Institutionen der Städte, Counties und Regierungen der einzelnen Bundesstaaten auf der Seite der Bürgerrechtsbewegung zu intervenieren, naiv gewesen sei und den repressiven Charakter der Bundesregierung unterschätzt habe. Auch Clayborne Carson weist in seiner Geschichte des SNCC deutlich auf das anfänglich gesetzeskonforme Bewusstsein vieler AktivistInnen hin, die ursprünglich aus der gehobenen schwarzen Mittelschicht stammten. Daneben, auch das wird in Carsons Buch deutlich, gab es jedoch immer auch einen parallel verlaufenden Prozess, in welchem libertäre Ansätze oder Radikalisierungen in den Biographien einzelner AktivistInnen schnell zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber den US-Bundesbehörden führten. James Lawson etwa machte sich als Anarchist keinerlei Illusionen über die Staatsgewalt und auch Bob Moses wollte weder Opfer noch Henker sein.

Wenn in den Anfangsjahren versucht wurde, diese Taktik, eine Intervention der Bundesregierung einzufordern, bis an den Rand auszureizen, dann also nicht einfach nur aufgrund der Naivität vieler AktivistInnen. Es gab andere Gründe, die diese Taktik verständlich machten und die mit der föderativen Verfassung der USA zu tun haben. Im Gegensatz zur föderativen Verfassung Deutschlands ist die USA von einer viel größeren Autonomie in der Gesetzgebung und Rechtsprechung der Einzelstaaten geprägt. So ist es zum Beispiel formaljuristisch falsch zu sagen, in den USA gelte die Todesstrafe, obwohl die USA im letzten Jahrzehnt weltweit hinter China die meisten Todesurteile vollstreckt haben. Aber die Souveränität über die Todesstrafe obliegt in den USA den einzelnen Bundesstaaten. Die Bundesregierung hat nur wenig rechtliche Möglichkeiten, in die Souveränität der Einzelstaaten einzugreifen. Die Widerstandsbewegung der Afro-AmerikanerInnen in den sechziger Jahren sah sich daher zunächst den relativ weit reichenden Befugnissen der einzelnen Bundesstaaten gegenüber, deren Beamte, Richter, städtische und bundesstaatliche Polizeitruppen allesamt mit weißen Rassisten der härtesten Sorte durchsetzt waren, meist gleichzeitig Mitglied im Ku Klux Klan (KKK, Ku Klux Klan). Deren alberne Maskerade, die Unkenntlichmachung der Person im KKK durch weiße Umhänge, ist ja gerade der Tatsache geschuldet, dass ihre Mitglieder in den Südstaaten vielfach öffentliche Ämter bekleideten oder Polizisten waren.

Um diese geballte rassistische Macht in den Einzelstaaten zu spalten und zu entmachten, schien die Taktik nahe liegend, die Ebene der Bundesregierung sozusagen gegen die Einzelstaaten in Stellung zu bringen. So verständlich also diese Taktik auch war, auch das zeigt Clayborne Carson in seinem Buch, so falsch war sie gleichwohl. Nicht nur, dass die Forderung nach Hilfe durch eine bewaffnete Zentralmacht im Gegensatz zur gewaltfreien Philosophie lag, der sich das SNCC verschrieben hatte, sondern gerade die SkeptikerInnen und KritikerInnen der Gewaltfreiheit konnten leicht darauf verweisen, dass die Bundesregierung den Appellen zum Eingreifen gegenüber insgesamt weitgehend taub blieb und sich daher im Gestus der Radikalisierung sonnen, wenn sie aufgrund erwiesenen Unwillens zur Intervention die Bundesregierung schließlich als ebenfalls rassistisch angriffen. Übersehen wird dabei ein weiteres Mal, dass die Bürgerrechtsgesetze von 1964/65 durchgesetzt wurden, obwohl die Bundesregierung nicht ausreichend auf der Seite der BürgerrechtlerInnen eingegriffen hat.

Diese sogenannte "Radikalisierung", die die BefürworterInnen von Black Power, die schwarzen SeparatistInnen und NationalistInnen gegen die verbliebenen BefürworterInnen der Gewaltfreiheitsphilosophie der Anfangsjahre im SNCC schließlich durchsetzten, resultierte jedoch keineswegs in einer libertären Kritik aller Staaten. Zwar wurde nun die US-Bundesregierung kritisiert und jede Zusammenarbeit mit ihr abgelehnt, dafür jedoch wurde die Zusammenarbeit mit den neu entstandenen Nationalstaaten in Afrika intensiviert. Clayborne Carson zeigt, dass diese Haltung zwar einem ehrlichen Bedürfnis nach internationaler Solidarität entsprang, aber keine wirkliche Radikalisierung war: die innenpolitischen Verhältnisse in Afrika, die Entstehung neuer Diktaturen und autoritärer Militärsysteme wurden keiner herrschaftskritischen Einschätzung unterzogen. So übernahm etwa Stokely Carmichael in seiner militant-nationalistischen Phase den Panafrikanismus und die Ideologie Kwane Nkrumahs auf seiner Afrikareise im Jahre 1967 gerade zu einem Zeitpunkt, als Nkrumah selbst bereits im Exil in Guinea war, nachdem er ein Jahrzehnt Diktatur in Ghana mit groteskem stalinistischem Personenkult, Verfolgung von RegimegegnerInnen und Verbot aller Oppositionsparteien hinter sich gebracht, sein Land heruntergewirtschaftet und reif für aufeinanderfolgende Militärputsche und -diktaturen gemacht hatte. Dem gestiegenen Bewusstsein für die Kritik der US-amerikanischen Bundesregierung entspricht auf Seiten der schwarzen NationalistInnen die naive Idealisierung der neuen Nationalstaaten Afrikas und ihrer autoritären Führungspersonen. Allerdings: hier in Afrika hatten die Schwarzen Macht. Und wie übten sie sie aus? Leider sehr schnell auf ähnlich autoritäre Weise wie die Weißen auch! Neue Nationalismen entstanden, die jungen afrikanischen Nationen bekämpften sich gegenseitig oder wurden innenpolitisch repressiv. Die Vorstellung einer freien, anarchistischen, transnationalen und staatenlosen Gesellschaft entstand gerade nicht, nachdem die schwarzen NationalistInnen die frühe Generation der Gewaltlosen im SNCC und deren Taktik, die US-Bundesregierung zur Intervention auf der eigenen Seite zu bewegen, kritisiert hatten! Und genau darin lag eine Ursache des Scheiterns des SNCC gegen Ende der 1960er Jahre.

Abwege II: Bezahlte Kader oder Katalysator für soziale Bewegung?

Ein weiterer Abweg kann in der Entwicklungsgeschichte des SNCC zu einem sehr frühen Zeitpunkt ausgemacht werden. Bereits eineinhalb Jahre nach seiner Gründung änderte das SNCC seine organisatorische Struktur. An die Stelle des basisdemokratischen Koordinierungskomitees studentischer Aktionsgruppen, in denen nicht-bezahlte freiwillige AktivistInnen in ihrer Freizeit spontaneistische Kampagnen durchführten, traten die sogenannten "Full Time Workers", für die es leider keine wörtliche und ihrem spezifischen Charakter genau entsprechende deutsche Übersetzung gibt: das waren die bezahlten Kader, die hauptamtlichen Community Organizers oder Field Secretaries, wie sie ebenfalls und in zum Teil sich überschneidender Bedeutung genannt wurden (So waren laut Carson alle bezahlten Kräfte gleichzeitig "Staff" oder "Full Time Workers". Alle bezahlten Kräfte, die in einem Aktionsprojekt und nicht in der SNCC-Zentrale in Atlanta arbeiteten, wurden ohne klare Abgrenzung entweder "Field Secretaries" oder "Community Organizers" genannt). Aufgrund der Gefahr für Leib und Leben, die mit ihrer kontinuierlichen Arbeit in den rassistischen Regionen der US-Südstaaten verbunden war, und aufgrund des hohen Idealismus, den sie trotz der geringen Bezahlung aufbrachten, stiegen sie unter den jugendlichen Schwarzen schnell im Ansehen und wurden auch von den studentischen AktivistInnen in den Aktionsgruppen bald als politische Vorbilder ehrfurchtsvoll betrachtet. Mit ihrer Heroisierung war jedoch gleichzeitig die schrittweise Übertragung von Entscheidungsmacht verbunden. In dem Maße, wie die Entscheidungsmacht von den Aktionsgruppen auf die Kader überging, verwandelte sich das SNCC von einer Massenorganisation zu einer Organisation von BerufsrevolutionärInnen. Die Umbenennung des Koordinierungskomitees in Zentralkomitee im Jahr 1966 schließt diesen Prozess ab. Er brachte trotz der idealistischen Grundlage des SNCC nicht zu verkennende bürokratische Tendenzen zum Vorschein: marginale Anfänge einer immer mehr um sich greifenden Angestelltenmentalität mit ihrer Forderung nach organisatorischer Disziplin und Unterwerfung der Mitglieder unter autoritär ver-
ordnete Leitlinien. Nicht mehr die spontaneistischen, gewaltfreien, freiwilligen FreizeitrevolutionärInnen, sondern die disziplinierteren Hauptamtlichen, die angestellten RevolutionärInnen übernahmen die Macht in der Organisation. In einem langen, verzweigten Weg setzte sich damit jedoch die Forderung nach Disziplin und Autorität gegenüber Spontaneismus, Basisbezug und Orientierung an direkten gewaltfreien Aktionen durch. Noch lange Zeit konnte sich eine Strömung halten, die an den ursprünglichen Organisationsvorstellungen des SNCC festhielt, nicht selbst Führungspersonen der sozialen Bewegung zu werden, sondern nur eine Art unsichtbarer Katalysator für die Selbstorganisation der Betroffenen. Die bezahlten Kader dagegen sorgten mit ihrer Betonung von Disziplin und kontinuierlicher Arbeit für eine Abkehr von bewegungsorientierter Aktion hin zu legalistischen Projekten wie der Eintragung Schwarzer in die Wahllisten oder den Aufbau schwarz-nationalistischer Parteien. Zuweilen kritisierten sie offen die Beteiligung der eher libertär orientierten AktivistInnen an Aktionskampagnen. Die an organisatorischer Disziplin orientierten Kader führten schließlich keine direkten gewaltfreien Aktionen mehr durch. Disziplin siegte über Individualismus, wobei nicht geleugnet werden soll, dass die Sprunghaftigkeit, mit der manche AktivistInnen ihre Projekte verließen und auf neue Vorkommnisse reagierten und die Clayborne Carson bei den sogenannten "Floaters" festmachte, ein reales Problem darstellte. Letztlich spiegelte sich die disziplinarische und autoritäre Tendenz jedoch auch im Umgang und im Verhältnis der AktivistInnen untereinander wieder. An die Stelle der libertären, gewaltfreien, von Vertrauen geprägten Atmosphäre einer humanistischen Kampfgemeinschaft in der Anfangszeit des SNCC trat mit zunehmender Bürokratisierung, mit zunehmender Dominanz der bezahlten Kader über die Aktionsgruppen und dann der Hardliner über die Floaters, die Tendenz zur Rigidität, zum Dogmatismus der Positionen, zur Spaltung, zum Misstrauen gegenüber staatlichen Spitzeln und untereinander, und im Zuge des Getrieben-Werdens durch die Medien und der staatlichen Verfolgung schließlich der Vorwurf des Verrats. Die Basisorientierung wurde nicht bewusst aufgegeben, sondern sie verlor sich in einer Praxis der Propaganda und der verbalradikalen Phraseologie: am Ende war das SNCC eine Kaderorganisation von Kundgebungsrednern ohne basisdemokratischen Unterbau.

Abwege III: Militanz, separatistischer Nationalismus, Antifeminismus, Antisemitismus - oder transnationale Integration?

Fast alle zeitgenössischen linken historischen Darstellungen des Befreiungskampfes der Schwarzen in den sechziger Jahren beschreiben die Entwicklung der Gesamtbewegung und der in ihr aktiven Organisationen als geradlinige Form der Radikalisierung und damit der tendenziellen Hinwendung zu wie auch immer genannten "radikaleren", "emanzipativeren", "revolutionäreren" Strategien und Inhalten des Kampfes. Als ein geradezu paradigmatisches Beispiel dieses linken Mainstreams in der Geschichtsschreibung von unten betrachte ich die Schriften von Peter Michels. Darin sind Statements wie die folgenden ebenso typisch wie zahllos:

"Die schwarze Jugend identifizierte sich ohnehin mehr mit den drohenden Forderungen von Malcolm X als mit den flehentlichen Bitten von Martin Luther King. Und die Radikalisierung der Bewegung ging weiter. Stokely Carmichael aus Trinidad wurde Führer der Studentenorganisation SNCC (sprich: Snick) - 'Student Nonviolent Coordinating Comittee' - und gründete in Alabama eine unabhängige politische Partei, die den schwarzen Panther als Emblem bekam. - Für einige Jahre galt Carmichael als der beste und radikalste Sprecher der militanten Bewegung, die mehr und mehr für den bewaffneten Befreiungskampf eintrat."

An keiner Stelle des Buches Black Perspectives von Peter Michels wird die Gründungsgeschichte des SNCC nacherzählt, Carmichael ist nur als Galionsfigur für die Black Panther interessant, nirgendwo wird die aus diesem Zitat doch ins Auge springende Frage behandelt, wieso Carmichael aus einer Organisation kommt, die sich "Nonviolent" nennt, aber "mehr und mehr" für den bewaffneten Kampf eintritt.

Nicht fehlen darf bei Michels natürlich das Bemühen um ein genüssliches Zitieren der Schmähungen von Malcolm X gegen Martin Luther King:

"Malcolm X hatte den Rückzug in eine separate schwarze Welt in den letzten Jahren vor seiner Ermordung verurteilt und mehr politische Aktion zur Verbesserung der Situation der Schwarzen gefordert. Die Sache der Afroamerikaner war für ihn kein internes Problem der USA, keine Bürgerrechtsfrage, sondern eine Menschenrechtsfrage, die er vor den Vereinten Nationen behandeln lassen wollte. Über die gemäßigten Führer der Bürgerrechtsbewegung, zum Beispiel Martin Luther King, machte er sich nur lustig. Dafür zu kämpfen, mit Weißen gemeinsam eine Bedürfnisanstalt benutzen zu dürfen, sei keine Revolution; bei der Revolution gehe es um Land."

Der wirkliche Sachverhalt wird hier völlig verdreht: gerade in den letzten Jahren vor seinem Tod, als sich Malcolm X vom schwarzen Separatismus langsam wieder abkehrte, waren seine Äußerungen gegenüber M. L. King wieder von Annäherung und gegenseitigem Respekt geprägt, während die Denunziationen aus der Zeit stammten, in der Malcolm X Mitglied der rigide separatistischen Nation of Islam (NOI) gewesen war. Doch eine solche historisch korrekte Darstellung würde der expliziten Tendenz von Michels widersprechen, alle Formen des Integrationismus als bürgerlich, gemäßigt, reformistisch darzustellen, während sich im schwarzen Separatismus demgegenüber die "Radikalisierung" der Bewegung zeige:

"Viele Entwicklungen zeigten auch, dass die Rassenintegration eher schädlich für die schwarze Gemeinde ist und ziemlich einseitig auf die Aufgabe aller kulturellen und sozialen Eigenständigkeiten der Schwarzen hinausläuft. Diese Opfer will ein großer Teil von ihnen nicht mehr bringen. Schwarznationalistische Gruppen sprechen gar von einem geplanten Völkermord an den Schwarzen in den USA und bekämpfen die Integrationsbestrebungen auf allen Ebenen."

"Radikalisierung" der Bewegung wird in solchen historischen Darstellungen des linken militanten Mainstreams immer wieder gleichgesetzt mit Übergang zur Militanz und Bewaffnung, Denunziation bis hin zur Lächerlichmachung der gewaltlosen Aktion und Ablehnung jeder Art von Integration. Als Alternativen werden diverse Varianten und geschichtliche Strömungen des Panafrikanismus, des schwarzen Islamismus, des schwarzen Separatismus und Nationalismus präsentiert. Ihnen eigen sind Forderungen nach einem Staat der Schwarzen auf dem Territorium der USA oder in Afrika, oder gar der Mythos einer Auswanderung und Rücksiedlung der Schwarzen aus den USA nach Afrika, gerade so, als wäre Liberia - ein Staat, der eben zu diesem Zweck gegründet wurde - heute ein leuchtendes Vorbild für den politischen Erfolg solcher Konzeptionen.

Clayborne Carson stellt mit seiner Geschichte des SNCC diese ganzen Versuche, Militanz und Separatismus mit Radikalisierung gleichzusetzen, dadurch infrage, dass er die Entwicklung des SNCC hin zur propagierten Militanz von 1968 nicht als geradlinigen emanzipativen Prozess darstellt, sondern im Gegenteil eher als Geschichte des Zerfalls, so auch der Titel des dritten Teils des hier vorliegenden Buches. Nach der historischen Darstellung Carsons gibt es in der Geschichte des SNCC einen inhärenten Zusammenhang zwischen zunehmender Militanz, zunehmender Rigidität des schwarzen Nationalismus und Separatismus, zunehmendem Antifeminismus der militanten Männer im SNCC und einem aufkommenden Antisemitismus, der die Zusammenarbeit mit jüdischen UnterstützerInnen der Bürgerrechtsbewegung in der ersten Hälfte der sechziger Jahre ersetzte. Die durch die propagierte Militanz und den separatistischen Nationalismus mit hervorgerufenen "Ghettoaufstände" hinterließen ein Vakuum der Perspektivlosigkeit und der militärischen Niederlage, in das überhaupt erst wieder Vertreter klassisch liberal-reformistischer und parlamentarischer Konzeptionen vorstoßen konnten und dabei übrigens das Konzept "Black Power" inhaltlich vor allem mit parlamentarischer Vertretung füllten. Zu ihrer Zeit konnten die militanten Aktivisten über die ökonomisch und sozial unzureichenden Erfolge der Bürgerrechtsbewegung den Stab brechen, doch die historische Darstellung von Carson zwingt zum praktischen Vergleich mit den Ergebnissen der militant-nationalistischen Kämpfe, die unmittelbar darauf folgten und sich selbst als radikale Alternative darstellten. Auch die zweite Hälfte der sechziger Jahre ist inzwischen Geschichte und ihre Ergebnisse unterliegen der Bewertung. Und hier zeigt sich, dass die "Ghettoaufstände" - so verständlich und nachvollziehbar die Wut, die darin zum Ausdruck kam, auch immer gewesen sein mag - in der Praxis kaum zählbare materielle und erlebbare Erfolge hervorgebracht haben, auch nicht ihre Nachläufer in South Central Los Angeles Ende der achtziger Jahre. Ganz im Gegenteil: Die "bewusste selbstgewählte Segregation" (Michels) vieler schwarz-nationalistischer Gruppen war in Wirklichkeit eine Regression, eine programmatische Rückkehr zur praktisch gerade überwundenen Segregation, ein Verrat somit an den emanzipatorischen Errungenschaften der gewaltlosen Bürgerrechtsbewegung. An dieser Stelle kann nur daran erinnert werden, dass die Rassisten des Ku Klux Klan nichts so sehr fürchteten wie die kulturelle und angeblich "rassische" Vermischung zwischen Schwarzen und Weißen und deshalb diejenigen Gruppen am schärfsten angriffen, bei denen der Integrationismus am weitesten fortgeschritten war, während sich weiße Nazis in den USA, das zeigt sogar ehrlicherweise Spike Lee in seinem Malcolm-X-Film zu Beginn der neunziger Jahre, Reden von Malcolm X und der NOI besuchten, in denen zur vollständigen räumlichen Trennung zwischen schwarzer und weißer "Rasse" aufgerufen wurde. Clayborne Carson weist in diesem Buch deshalb immer wieder auf Ansätze und Konzepte einzelner AktivistInnen im SNCC hin, in denen Klassenanalysen und Bündnisse mit studentischen oder proletarischen Weißen konstruktiv mit Analysen des Rassismus verbunden wurden.

Das ungelöste Problem der Afro-AmerikanerInnen im Gegensatz zu den AfrikanerInnen war die Tatsache, dass die Schwarzen in den USA im Gegensatz zu den Schwarzen in Afrika eine gesellschaftliche Minderheit darstellen. Über die Grundlagen einer Situation, in der die eigene Bevölkerungsgruppe nur ungefähr elf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht und welche politisch-strategischen Konsequenzen das hat, wurde im schwarzen Nationalismus kaum je umfassend nachgedacht. Aufgrund des dominanten Nationalismus der Schwarzen galten auch in den siebziger und achtziger Jahren jegliche föderativen Ansätze des Integrationismus als desavouiert. Doch zentrale Inhalte einer Bewegung können nicht schon deshalb abgelehnt werden, weil das Establishment sie ständig im Munde führt und mit autoritären Inhalten belegt. Was etwa die "Freiheit" anbelangt, haben die Schwarzen nie gezögert, diesen Begriff selbst zu benutzen und ihn selbstbewusst mit eigenen Inhalten zu füllen - auch wenn ihn die Regierung noch so oft für sich reklamierte. Im Falle der "Integration" scheint dies nicht der Fall zu sein. Weil die Regierung ein bestimmtes Konzept der Integration propagiert, wird nicht etwa ein emanzipatives, alternatives Konzept der Integration auf der Basis eines schwarzen Selbstbewusstseins und der wechselseitigen kulturellen Durchmischung dagegen gesetzt, sondern "Integration" im Namen eines fragwürdigen Minderheiten-Nationalismus ganz abgelehnt. Bis in die weltweiten Diskussionen um Identitätspolitik in den neunziger Jahren hinein hielt sich diese fatale Tendenz hartnäckig und erfuhr im jugoslawischen Bürgerkrieg ihre Feuerprobe.

Vor allem im Krieg um das zerfallende Jugoslawien entstanden aus Minderheiten kriegerische Nationalismen wie der katholisch-kroatische Nationalismus, der bosnisch-islamische Nationalismus oder der kosovo-albanische Nationalismus. Sicher ist die in den neunziger Jahren weit verbreitete, auch durch die Post-Colonial- und Cultural-Studies in den USA populär gewordene Identitätspolitik nicht die Ursache dieser Nationalismen, doch sie hat sie zweifellos ideologisch gestützt und von unten gefördert, wo gerade basisdemokratische, föderalistische und grenzübergreifende Alternativen gefragt gewesen wären: Es gibt nämlich auch eine Geschichte der "unterdrückten Nationen" in Jugoslawien, eine opfer- und gewaltvolle Geschichte, bei der sich der Widerstand der Unterdrückten scheinbar nicht anders organisieren konnte als durch den Rückgriff auf die nationale Ebene und deren andere Nationen ausschließende Mythen. Die Parallele zum Widerstand der Schwarzen ist offenkundig. Dieser Prozess ist immer psychisch nur allzu verständlich, doch in seinen praktischen Auswirkungen katastrophal. Denn in den Phasen der Staatsgründung dieser ex-jugoslawischen separatistisch-nationalistischen Bewegungen bestimmten brutale Kriege das Geschehen, die nicht nur viele neue Opfer forderten, sondern auch zu keiner dauerhaften Lösung führten, wie die fortwährende NATO-Präsenz in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo beweist, wo jeweils die neu-nationalistisch aufgeputschte Bevölkerungsmehrheit bei Abzug der internationalen Truppen über die neue Minderheit herfallen würde.

Clayborne Carson zeigt, dass in jener Phase des SNCC, in welcher weiße AktivistInnen Mitglied sein konnten, kaum je praktisch die Gefahr bestand, dass die Schwarzen die Entscheidungskontrolle über die Organisation verloren, auch nicht nach der Kampagne in Mississippi 1964, als verhältnismäßig viele Weiße in die Organisation strömten. Was es gab, so erklärte mir Carson im Gespräch, war eine geradezu mythisch übersteigerte Angst der Schwarzen, dass die ihnen am wichtigsten erscheinende Organisation, das SNCC, das sie selbst aufgebaut hatten, von Weißen übernommen werden könnte. Und das Misstrauen gegen eloquent und als intellektuelle Redner auftretende weiße StudentInnen war zweifellos nicht nur an den Haaren herbeigezogen. Solche, im wesentlichen durch die lange Herrschaftsgeschichte des Rassismus erklärbaren Ängste haben jedoch verhindert, dass im SNCC vielleicht frühzeitig organisatorische Kriterien eingeführt hätten werden können, die eine Dominanz der Weißen institutionell verhindern konnten, anstatt später alle Weißen auszuschließen. Doch Spekulationen darüber sind müßig, das Experiment des schwarzen Separatismus musste wohl einmal gemacht werden, um die praktischen Lehren ziehen zu können. Aber nun sollten sie auch gezogen werden.

Auch in der Phase der Bürgerrechtsbewegung, in der die Schwarzen nahezu einmütig die Integration befürworteten, gab es immer wieder Räume und Gelegenheiten für die Kultivierung einer notwendigen Autonomie und des Selbstbewusstseins der Schwarzen, vor allem in den christlichen Kirchen der Schwarzen in den Südstaaten. Ein emanzipativer Integrationismus könnte auf solchen kulturellen Bereichen der Autonomie aufbauen und auf föderative und egalitäre Weise die Integration verschiedener Minderheiten in eine grundsätzlich zu revolutionierende Gesellschaft der USA anstreben. Bis Ende der neunziger Jahre war die Durchsetzung solcher revolutionär-föderalistischer Positionen in der afro-amerikanischen Bewegung in den USA nur undeutlich erkennbar. Der Kult um Spike LeeÕs Film sorgte in den frühen neunziger Jahren insgesamt sogar eher für ein Revival schwarz-nationalistischer Identitätspolitik. Und die Beteiligung von 500 000 schwarzen Männern am reaktionären "Million-Men-March" der Nation of Islam um den islamistisch-nationalistischen Antisemiten Louis Farrakhan zur Propagierung einer paternalistischen Familienideologie in Washington im Jahre 1997 markiert einen vorläufigen Endpunkt der Regression, zu der die Ideologie des militanten, schwarzen Nationalismus geführt hat.

Schon 1999 deutete sich mit den Massenprotesten in Seattle jedoch ein emanzipativer Ausweg aus dieser Sackgasse an. Die neue Bewegung für eine andere Globalisierung greift wie selbstverständlich auf verschüttete Traditionen des Integrationismus und der vielfältigen Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und Weißen zurück. Diese Zusammenarbeit ist jedoch zugleich nicht mehr - wie in den regierungsoffiziellen Konzeptionen - auf nationale Integration ausgerichtet, sondern sie ist weltweit, transnational und auf die Abschaffung nationalistischer Grenzziehungen orientiert. Ziel ist ein Integrationismus der "global citizenship". Kulturen sollen sich vermischen, gegenseitig befruchten und sich dadurch kreativ bereichern. Wo aufgrund jahrzehnte- oder gar jahrhundertelanger Unterdrückungserfahrung ein gewisses Maß an Autonomie nötig ist, können sich autonomistische Strömungen mit anderen Gruppen und Bewegungen föderativ verbinden. Es ist die Widerstandspraxis dieser weltweiten Bewegung, die auf einen Schlag die Sackgassen der Identitätspolitik, die bis zum Ende der neunziger Jahre reichten, überwunden hat und die gleichzeitig eine Hierarchisierung von Antirassismus, Antisexismus, Antikapitalismus und Kampf gegen Antisemitismus ablehnt. Jedes Herrschaftsverhältnis muss gleichwertig analysiert und bekämpft werden, und wer sich im Kampf gegen Sexismus engagiert, begeht dadurch keineswegs Verrat am Antirassismus, wie ein gängiges Argument in der Phase des schwarzen Nationalismus lautete. Der emanzipative Integrationismus dieser transnationalen Bewegung setzt wieder auf die egalitär sich vollziehende kulturelle Befruchtung und Vermischung und steht dadurch auch im unverwechselbaren Gegensatz zu den bundesdeutschen regierungsoffiziellen Integrationsvorstellungen von der Dominanz einer angeblichen "Leitkultur" der Mehrheit, der sich die Kultur der Minderheit unter Preisgabe ihrer Errungenschaften und Eigenständigkeit zu assimilieren hat. So, wie die Bewegung für eine andere Globalisierung trotz der Globalisierungspropaganda der Herrschenden eine selbstbestimmte Form der Globalisierung ja nicht ablehnt, so lehnt sie auch die Vermischung der Kulturen nicht ab, ja stellt sie als Konzept dem statischen "Kampf der Kulturen" (Samuel P. Huntington) entgegen.

Als der autoritär-militant gewordene H. Rap Brown Mitte 1969 im für die sozialen Kämpfe irrelevant gewordenen SNCC putschte und die Namensänderung von "Student Nonviolent Coordinating Comittee" zu "Student National Coordinating Comittee" durchsetzte, war dies paradigmatisch gemeint. Clayborne Carsons Darstellung zeigt, dass dies folgerichtig und kein Zufall war.

"National" hat heute im Gegensatz zu damals bei immer mehr transnational agierenden AktivistInnen einen negativen Beigeschmack erhalten. Und auch wenn sich H. Rap Brown heute noch einmal die radikale Attitüde seiner Rede vom 14. 8. 1967 in Watts/Los Angeles zulegen könnte, würde niemand mehr Reden wie diese als Ausdruck einer wie auch immer gearteten "Radikalisierung" werten: "Ich meine, Lyndon Johnson ist der größte Verbrecher, den die Welt je erlebt hat. Und ich glaube, dass seine Mama eine Kommunistin war. Und für die von euch da draußen, die es nicht wissen (É) J. Edgar Hoover ist schwul. Er hat Nerven genug, um über Moral zu reden! Der höchste Polizist der Nation ist ein Schwuler! Worauf steuert Amerika zu? Eine Nation, so krank wie diese, kann nicht überleben. Ich will nichts als Gewalt, und ich werde sie anwenden, um mich zu befreien!"

Auch wenn berücksichtigt wird, dass Rap Brown solche Reden bewusst in der vereinfachten Sprache der "Ghetto-Kids" gehalten hat, sind seine Inhalte - besonders für einen jahrelang aktiven Aktivisten des SNCC - nicht etwa Ausdruck von Authentizität, sondern von Regression in erschreckenden Ausmaßen. In einer zunehmend transnational von unten zu gestaltenden Welt haben rigide Nationalismen abgewirtschaftet und bilden keine ernstzunehmende Vision emanzipatorischer Politik mehr. Auch das ist eine Lehre aus der Geschichte des SNCC.

Carson sagte zu mir im Gespräch, dass solche Entwicklungen wie die von Rap Brown auch eine nicht zu vernachlässigende psychologische Erklärungskomponente haben. Schwarze waren durch die lange Herrschaftsgeschichte des Rassismus so eingeschüchtert, dass sie Radikalität mit dem Aussprechen dessen verwechselten, was noch nie ein Schwarzer öffentlich zu sagen wagte. Das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung. Es sei nicht die real ausgeübte Gegengewalt der Schwarzen, so Carson weiter, die nachteilige Folgen für die weitere Entwicklung in den USA gezeitigt habe, denn die reale Gegengewalt sei marginal und in ihren Ausmaßen insgesamt gering gewesen. Wirklich schädlich sei dagegen die Gewaltrhetorik gewesen, der Verbalradikalismus vieler militanter schwarzer Redner. Die Rhetorik sei von den Medien und Regierungen der Weißen ausgebeutet worden, um unter den Weißen irreale Ängste zu schüren, um Mechanismen sozialer Abschottunng zu verstärken und vor der liberalen Öffentlichkeit immer neue Gesetze und Methoden der Repression gegen Schwarze zu legitimieren. Der wirkliche Schaden war der, dass durch den Verbalradikalismus den Herrschenden ein wohlfeiles Instrument der Legitimation von Regierungsgewalt in die Hand gelegt wurde. Mit solcher Legitimation und der sie begleitenden Angstpropaganda haben konservative Parteien in den USA bis heute immer wieder Wahlen gewonnen und die Öffentlichkeit in ihrem Sinne beeinflusst.

Eine notwendige Korrektur linker Geschichtsschreibung

Die Anwendung bewaffneter Gewalt ist in den USA nicht etwa Ausweis einer besonderen Form der Illegalität. Waffenbesitz und bewaffnete Verteidigung des eigenen Grund und Bodens sind seit den Gründungszeiten der USA legal. Schwarze auf dem Land hatten schon immer Gewehre in ihren Häusern, um sich gegen Angriffe weißer Rassisten zu verteidigen. Nach "Ghettoaufständen" in den nördlichen Städten der USA stieg regelmäßig der Waffenkauf der Weißen, um sich gegen halluzinierte Angriffe der Schwarzen zu verteidigen. Dass die bewaffnete Gewalt tief in die Entwicklungsgeschichte der USA eingebrannt ist, bestreiten weder VertreterInnen des Establishments noch Oppositionelle.

Umso erstaunlicher ist es, dass nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Massenorganisationen der Schwarzen entstanden, die innerhalb dieses extrem gewaltsamen kulturellen Umfelds und gegen die über Generationen hinweg tradierte Anwendung privater und kollektiver bewaffneter Gewalt zur Selbstverteidigung die direkte gewaltfreie Aktion mit dem Ziel der radikalen und umfassenden Gesellschaftsveränderung propagierten und praktizierten. Im wesentlichen betrifft dies die Organisationen Congress of Racial Equality (CORE), SCLC und SNCC. Der US-Historiker Maurice Isserman spricht in einer außergewöhnlichen Darstellung der Bedeutung dieser Organisationen in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den sechziger Jahren von der "Amerikanisierung Gandhis" und sieht in ihnen einen Ausgangspunkt des Übergangs von der in bürokratisch-hierarchischen Parteistrukturen erstarrten alten Linken zur spontaneistischen, aktions- und bewegungsorientierten Neuen Linken in den USA. Diese drei radikal-gewaltfreien Organisationen der Afro-AmerikanerInnen bilden somit einen wichtigen Bestandteil der modernen Geschichte des Widerstands der Schwarzen.

Über jede dieser großen gewaltfreien Organisationen CORE, SCLC und SNCC sind in den USA inzwischen umfassende historische Darstellungen zu ihrer Bedeutung, Praxis und Organisationsgeschichte erschienen. Welche dieser Darstellungen haben inzwischen linke Verlage ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht? Die Frage ist rhetorisch und die Antwort heißt: keine!

Wer sich die Veröffentlichungspraxis historischer Darstellungen zur afro-amerikanischen und antirassistischen Bewegung in den USA, die in den neunziger Jahren in deutscher Übersetzung in linken Verlagen erschienen sind, vor Augen führt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass als historische Überlieferung augenscheinlich nur zählt, was aus den Gewehrläufen kam. Das überrascht um so mehr, als gerade der historische Abstand zu den "Zeiten des Kampfes" den Blick aufklären und nicht trüben sollte. Dass in den bürgerlichen Verlagen Deutschlands keine Studien zu den gewaltfrei-revolutionären Massenorganisationen der Schwarzen erschienen sind, verwundert nicht, der Grad, in dem sich linke Verleger in der BRD auf die Geschichte bewaffneter Organisationen konzentrieren, ist jedoch erschreckend. Bei genauerem Hinsehen auf die linke Veröffentlichungspraxis historischer Studien oder Übersetzungen in den neunziger Jahren wird deutlich, dass die Frage der Bewaffnung nahezu das einzige Kriterium zu sein scheint, nach dem Bücher zur Widerstandsbewegung in den USA übersetzt oder Gesamtdarstellungen von Organisationen veröffentlicht worden sind. Dadurch können sich bis heute jüngere interessierte deutschsprachige LeserInnen lediglich über diejenigen Organisationen der schwarzen Widerstandsbewegung informieren, die fast durchweg autoritärer strukturiert, weniger bedeutsam, weniger langlebig und weniger mitgliederstark waren als CORE, SCLC oder SNCC. Das beginnt für die Geschichte der durch und durch - das wird auch bei Clayborne Carsons Darstellung der Fusionsversuche der Panther mit dem SNCC in seiner späten, militanten Phase deutlich - autoritär strukturierten Organisation Black Panther Party (BPP), geht weiter mit den Veröffentlichungen zur Solidarität mit dem von der Todesstrafe bedrohten Ex-Panther Mumia Abu Jamal und endet bei Darstellungen des Weatherman und des Weather Underground sowie den panafrikanischen und schwarz-nationalistischen Strömungen der Bewegungen in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Die bei dieser Veröffentlichungspraxis zum Ausdruck kommende antigewaltfreie Fixierung auf Bewaffnung macht etwa die Tatsache deutlich, dass mit dem Weatherman und dem Weather Underground heute bereits die Geschichte einer Organisation von Weißen in deutscher Übersetzung vorliegt, die ihre Aktionen anfangs lediglich als Solidarität und Unterstützung für den Kampf der Schwarzen verstanden, während andererseits keine ausführliche Darstellung über Massenorganisationen der Schwarzen selbst veröffentlicht wird, wenn sie sich auch nur zum Teil - wie etwa beim SNCC, deren zweite Hälfte ihrer Geschichte ja eine militante war - gewaltfrei verstanden. Besonders ärgerlich ist die Ignoranz gegenüber der Geschichte des SNCC im Buch von Peter Michels, der historische Personen, Bewegungen und Ideologien des Widerstands der Schwarzen im 19. und 20. Jahrhundert beschreibt und es schafft, das SNCC, das hier von Carson immerhin als bedeutendste Organisation der Schwarzen in den sechziger Jahren beschrieben wird, fast vollständig zu übergehen, wenn von gelegentlichen Namensnennungen ohne weitere Erklärung abgesehen wird. Dadurch verschiebt sich natürlich der Eindruck der LeserInnen darauf, welche Kämpfe in der Geschichte der Schwarzen als relevant wahrgenommen werden und wie sie rezipiert werden.

Diese Praxis linker Übersetzungs- und Veröffentlichungspolitik führt zu gravierenden Einseitigkeiten und letztlich einem falschen Bild von der Geschichte des afro-amerikanischen Widerstands. So wie aus der Perspektive der Geschichte - sagen wir - der Roten Armee Fraktion (RAF) kein zutreffendes Bild der in seiner ganzen Vielfältigkeit bestehenden Widerstandsbewegung der Neuen Linken und der sozialen Bewegungen in der West-BRD seit 1968 erwachsen kann, so ist es unmöglich, ein unverzerrtes Bild der afro-amerikanischen Widerstandsbewegungen ohne die ausführliche historische Würdigung von CORE, SCLC oder SNCC zu zeichnen.

Die Übersetzung von Clayborne Carsons Buch über die am stärksten basisdemokratisch strukturierte Organisation der Schwarzen in den sechziger Jahren, das SNCC, kann in dieser Hinsicht nur ein erster Schritt sein, um die gewaltfreien Organisationen der afro-amerikanischen Bewegung in ihr historisches Recht zu setzen und das veröffentlichte Bild zu korrigieren. Lediglich einige Übersetzungen aus der Frauenbewegung können von dieser Kritik der Veröffentlichungspraxis linker deutschsprachiger Verlage in den neunziger Jahren ausgenommen werden. So werden zum Beispiel in Gloria Josephs Buch Schwarzer Feminismus die SNCC-Aktivistinnen Ella Baker, Fannie Lou Hamer oder Gloria Richardson erwähnt und gewürdigt. Diese insgesamt trostlose aktuelle Lage an deutschsprachigen Veröffentlichungen über die Aktions- und Organisationsgeschichte der großen prägenden Organisationen des gewaltfreien Massenwiderstands der Schwarzen in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg war neben der aktuellen politischen Bedeutung der Geschichte des SNCC als Lehrstück für die Abwege des Nationalismus unterdrückter Minderheiten und ihrer Konsequenzen ein zweiter Beweggrund dafür, dass wir die Übersetzung dieser bedeutenden historischen Arbeit von Clayborne Carson in Angriff genommen haben. Mögen sich die LeserInnen durch die Veröffentlichung dieser materialreichen und historisch genauen Arbeit von Carson ein umfassenderes und dem historischen Geschehen eher gerecht werdendes Bild vom Widerstand der Afro-AmerikanerInnen in den USA machen. Wir danken alle Beteiligten, die dieses umfangreiche Projekt möglich gemacht haben, besonders Heinrich W. Grosse für sein lesenswertes Nachwort und Ursula G. für ihre großzügige und selbstlose Spende, ohne die die Übersetzung nicht hätte finanziert werden können.

Lou Marin für die Herausgeber im Verlag Graswurzelrevolution
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