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Gegengeschichten oder Versöhnung?

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Das Historisch-Politische Buch

Zur erinnerungspolitischen Situation in Spanien

[...] Es geht, kurz gesagt, darum, wie sie sich in der Diskussion um die Niederlage im Bürgerkrieg und im darauffolgenden Kampf gegen die Diktatur entwickelte, und schließlich um das Verhalten im Postfrankismus. Dazu setzt Froidevaux zunächst unter Rückgriff auf die Arbeiten von Jan und Aleida Assmann über das kulturelle Gedächtnis einen theoretischen Rahmen und skizziert im Anschluss Schlüsselereignisse und Problemfelder der Republik und des Bürgerkriegs. Der Hauptteil beschäftigt sich dann ausführlich mit den wesentlichen Etappen der Verarbeitung des Debakels. Die ersten Kapitel widmen sich, damit der gängigen Historiographie der Franco-Diktatur folgend, dem "primer franquismo", den Jahren ab 1939 bis in die fünfziger Jahre. Sie standen unmittelbar unter dem Eindruck des frankistischen Siegs. Es werden ausführlich die Debatten innerhalb der anarchistischen Bewegung (die vor allem eine Fraktionierung über Rechtfertigung oder Verurteilung der von 1936 bis 1939 verfolgten Politik der anarchistischen Führung erlebte) in der Sozialistischen Partei (ebenfalls mit Spaltungstendenzen) und bei den Kommunisten nachgezeichnet. Unter den Kommunisten war die eiserne Parteidisziplin bestimmend, so dass (selbst-)kritische Stimmen umgehend isoliert wurden, aber hier auch sehr schnell ein Kurswechsel zu einer Politik der "nationalen Versöhnung" durchgesetzt werden konnte. Sie leitete eine Abkehr von der ursprünglichen Forderung nach Wiederherstellung der Republik ein, woran Sozialisten und Anarchisten viel stärker festhielten.

Weitere Kapitel verfolgen diese Entwicklungslinien seit Anfang der 1960er Jahre. Es war die Zeit eines rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs mit der Folge sozialen Wandels, aber auch einer damit neu gewonnenen Stabilität der Diktatur und nicht zuletzt eines Generationswechsels. Immer stärker artikulierte sich der Widerspruch zwischen einem "Versöhnungsdiskurs" der Linken als Angebot an bestimmte Gruppierungen am Rande des Regimes und dem "identitätsstiftenden" Einsatz der Berufung auf die eigene Vergangenheit gegenüber den Mitgliedern. Froidevaux spricht hier von einer "Entsemiotisierung" der Vergangenheit, das heißt vom Verzicht auf die Beschwörung des "heroischen Kampfs" im Bürgerkrieg nach außen hin.

Schließlich wirft der Autor den Blick auf die Zeit nach Franco, die "transición" bis zur Konsolidierung der Demokratie mit dem Wahlsieg von Felipe González 1982 mit der Entwicklung des neuen offiziellen Konsenses durch den "Pakt des Vergessens" auf der Grundlage des Amnestiegesetzes von 1977. Die sich dennoch artikulierenden Momente einer Politik des Erinnerns, hier am Beispiel des Anarchismus und der Frauenbewegung aufgezeigt, blieben noch für viele Jahre marginal. Die Arbeit basiert auf der umfassenden Auswertung zahlreicher Erinnerungswerke, programmatischer Texte und der breiten Forschungsliteratur. Noch tiefer in die erinnerungspolitischen Diskurse der Linken zu gehen, also vor allem die Zeitungen systematisch zu untersuchen oder gar - soweit das überhaupt noch möglich ist - mit Befragungen zu arbeiten, hätte zweifellos die Dimensionen dieser Untersuchung gesprengt. Solche Mikrostudien bleiben weiteren Forschungen vorbehalten. Doch spricht alles dafür, dass die hier nachgezeichneten großen Linien nur bestätigt würden.

Insgesamt zeigt Froidevaux überzeugend, dass sich trotz aller Verfolgungserfahrungen in der Linken im Laufe der Zeit eine Situation herausgebildet hatte, in der die "Politik des Vergessens" anschlussfähig an die in den Jahrzehnten zuvor von ihren Führungen vorgenommenen Verschiebungen im erinnerungspolitischen Diskurs war. Als die Linke die Übereinkunft mit dem Machtapparat nach dem Tod Francos benötigte, um wieder legal aufzutreten, konnte sie diese Anpassung leicht vollziehen und in der Mitgliedschaft ohne allzu großen Widerstand durchsetzen. [...]

Reiner Tosstorff
sehepunkte. Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften, Ausgabe 17 (2017), Nr. 4

Gegengeschichten oder Versöhnung?

In den letzten Jahren ist auch im deutschsprachigen Raum eine Vielzahl von Arbeiten entstanden, die sich mit der erinnerungspolitischen Bearbeitung des Spanischen Bürgerkrieges und der franquistischen Diktatur auseinandersetzen. Auslöser war ein Erinnerungsboom in der spanischen Gesellschaft um die Jahrtausendwende, der einen Bruch mit dem Pacto del Olvido (dt. Pakt des Vergessens) der Transición (dt. Übergang) darstellte: Außerparlamentarische Initiativen, Kultur und Wissenschaft versuchen seit dem franquistische Verbrechen aufzuarbeiten und antifranquistische Gegengeschichten zu schaffen.

In seinem Buch - eine leicht überarbeitete Version seiner Dissertation (2013) - widmet sich Alexandre Froidevaux der spanischen Arbeitendenbewegung vom Bürgerkrieg (1936-1939) bis zur Transición in eine parlamentarische Monarchie (1975/77-1982). Der Untersuchungsfokus ist auf den erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Umgang dieser Bewegung mit dem Bürgerkrieg, der libertären Revolution und der franquistischen Repression im posguerra gerichtet. Froidevaux bezieht sich auf den Historiker David Mayer, der die Bedeutung von "Gegengeschichten" für die Linke in Lateinamerika hervorhebt. "Durch die Rekonstruktion von 'Gegengeschichten' würde die Möglichkeit zum politischen Wandel in der Geschichte und die prinzipielle Transformierbarkeit von Gesellschaft sichtbar und somit die Existenz der Linken als gesellschaftsverändernde Kraft legitimiert." (S. 15) In seiner Arbeit geht Froidevaux der Frage nach, inwiefern diese These auf die spanische Arbeitendenbewegung in den Jahrzehnten des Franquismus und der Transición übertragbar ist.

Wie war es möglich und wie wurden Erinnerungen und Gegengeschichten innerhalb der Arbeitendenbewegung tradiert? Schließlich waren die gewerkschaftlichen und parteilichen Strukturen unter der Diktatur zerschlagen und verboten worden. Und deren Anhänger/innen wurden verfolgt, in Gefängnissen und Konzentrationslager inhaftiert, gefoltert, zur Zwangsarbeit und ins Exil gezwungen, ermordet oder 'verschwanden'. Gleichzeitig konstruierte sich das franquistische Regime "mit allen Mitteln moderner Staatsgewalt sein Siegergedächtnis" (S. 162). Trotz des massiven Repressionsapparats existierte die Arbeitendenbewegung aber in klandestinen Widerstandsstrukturen fort. Laut Froidevaux waren dies zunächst vor allem organisierte Zellen in den Haftanstalten, klandestine Reorganisierungen der verbotenen Parteien und Gewerkschaften sowie Land- und Stadtguerillagruppen.

In seiner Untersuchung konzentriert sich Froidevaux auf die Gewerkschaften und Parteien der drei Hauptströmungen Anarchismus / Anarchosyndikalismus, Sozialismus und Kommunismus (S. 21): die anarchistische Confederación Nacional del Trabajo (CNT, Nationaler Bund der Arbeit), die Partido Socialista Obrero Español (PSOE, Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) / Union General de Trabajadores (UGT, Allgemeine Arbeiterunion) und die Partido Comunista de España (PCE, Kommunistische Partei Spanien). Er untersucht deren klandestine Ableger im spanischen Inland und deren Exilstrukturen. Zusätzlich werden diverse Abspaltungen, Strömungen, Publikationen und Zusammenschlüsse dieser zentralen Akteure beleuchtet. Dem Autor ist es hervorragend gelungen, diese Komplexität der spanischen Arbeitendenbewegung anschaulich darzustellen und die unterschiedlichen politischen Selbstverständnisse, Überzeugungen und Ansichten herauszuarbeiten. Die zusammenfassenden Analysen an den Kapitelenden sowie Grafiken über die Gruppen und Organisationen der drei Hauptströmungen während der Epochen tragen zu einem gelungenen Überblick bei. Die entstandene Darstellung der spanischen Linken des 20. Jahrhunderts darf zu Recht von sich behaupten, dass es keine vergleichbare deutschsprachige Veröffentlichung gibt.

Um die Erinnerungen und Gegengeschichten der Linken herauszuarbeiten, betrieb Froidevaux intensive Quellenarbeit in spanischen Archiven. Diese hat er auf der Basis gedächtnistheoretischer Grundlagen von Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann über kollektives und kulturelles Gedächtnis sowie mithilfe von Kategorien wie Erinnerungskultur, Geschichtspolitik, Erinnerungspolitik und Vergangenheitspolitik ausgewertet. Intensiv hat Froidevaux die geschichtspolitischen Debatten und Legitimierungsstrategien, historischen Feierlichkeiten, Identitätsstiftungen durch Vergangenheitsbezüge, Narrative der erinnerten Referenzzeugnisse, vergangenheitspolitische Entscheidungen und erinnerungspolitische Initiativen der spanischen Arbeitendenbewegung analysiert. Es ist eine komplexe Darstellung von Gegengeschichten und Erinnerungen der spanischen Arbeitendenbewegung entstanden. Diese zeigt nicht nur divergierende Erinnerungen, Gegengeschichten und Mythenbildungen sowie erinnerungskulturelle Bezugspunkte auf, sondern weist nach, dass diese von Kontroversen, Veränderungen, Kurswechseln und Widersprüchen geprägt und abhängig von den Verhältnissen ihrer Zeit waren.

Ein entscheidender Hintergrund von verschiedenen Narrationen und Erinnerungen waren die unterschiedlichen Verständnisse und Praxen der drei Hauptströmungen während des Bürgerkrieges, wie es Froidevaux ausführlich im Kapitel zum Bürgerkrieg und zur Revolution darstellt. Zentrale Konfliktpunkte zwischen den Gruppierungen waren das Verhältnis zu Krieg und Revolution sowie die Organisierung des Widerstandes (egalitäre Milizen oder hierarchisches Volksheer). Die sich zugespitzten Konflikte hatten auch zu bewaffneten innerlinken Auseinandersetzungen u.a. bei den sogenannten "Maitagen" 1937 geführt. Des Weiteren kam es zu repressiven Maßnahmen bis hin zu Ermordungen innerlinker Gegner/innen, vor allem durch den PCE. Dies trug zu einem starken, andauernden Antibolschewismus bei der Bürgerkriegsgeneration der PSOE/UGT und CNT bei, der auch den antifranquistischen Widerstand beeinflusste. Anderseits sah die PCE im sogenannten "Casado"-Putsch gegen die Regierung Negrins einen Hochverrat.

Aber nicht nur zwischen den drei Hauptströmungen der Arbeitendenbewegung wurden unterschiedliche Gegengeschichten und Erinnerungen konstruiert, sondern auch innerhalb der einzelnen Parteien und Gewerkschaften waren diese verschieden. Divergierende geschichtspolitische Verständnisse führten zu (Ab-)Spaltungen innerhalb der Strukturen. Während des Primer Franquismo- (1940-1950er-Jahre) spaltete sich die CNT in die "politischen" und die "apolitischen" Anarchist/innen, im PSOE/UGT kam es zu verschiedenen Fraktionierungen, wohingegen im PCE nur wenige von der Parteilinie abwichen. Massiv waren zudem die Differenzen zwischen den Inlands- und Exilstrukturen der jeweiligen Parteien und Gewerkschaften. Im Exil wurde viel erinnert und sich intensiv mit der Frage beschäftigt, warum der Krieg verloren ging. Hinsichtlich des Inlandes spricht Froidevaux von einem "Memorizid", dessen Ursachen er u.a. in der Unterdrückung eines Verlierergedächtnisses und in der Angst und der Traumata der Bürgerkriegsgeneration sieht. Froidevaux schlussfolgert, dass es sich bezogen auf den _posguerra um "ein Vielfach gespaltenes Verlierergedächtnis" handelt (S. 307).

Prägend für den Segundo Franquismo (1959-1975) sei, so Froidevaux, ein antifranquistischer Versöhnungsdiskurs gewesen: Dieser umfasste unterschiedliche Ansätze verschiedener antifranquistischer Akteure im Inland, die darauf abzielten "dass die Geschichte (die) Gegenwart und Zukunft nicht weiter bestimmen" durfte (S. 311). Exemplarisch für diese Zäsur stehen die auf Versöhnung ausgerichteten Verhandlungen der PSOE und Teilen des CNT mit ehemaligen Feinden (monarchistischen Franco-Gegnern) sowie die Reconciliación nacional-Strategie (dt. nationale Versöhnung) des PCE. Vor allem wollten die sogenannten hijos de los vencedores y de los vencidos (dt. Kinder der Sieger und Verlierer) innerhalb des antifranquistischen Widerstandes nach vorne blicken. Dieses Versöhnungsparadigma sorgte für neuen Konfliktstoff innerhalb der Strukturen, die auch zu neuen Spaltungen wie beim PSOE führten. Die Konfliktlinien verliefen dabei insbesondere zwischen Bürgerkriegsgeneration versus hijos, Exil versus Inland und alte versus neue Arbeitendenbewegung (S. 350).

Die Darstellung des antifranquistische Versöhnungsdiskurses während des Segundo Franquismo hilft, die Transición zu verstehen. Froidevaux sieht nach dem Tod des Diktators Franco eine Pattsituation zwischen antifranquistischen Kräften und dem franquistischen Regime: Während antifranquistische Kräfte mittels Streiks und Demonstrationen Demokratie forderten, waren Polizei und Militär weiter in franquistischen Händen und stellten sich gegen eine Demokratie. Die verschiedenen politischen Kräfte einigten sich schließlich auf eine "pactada democrática" (dt. paktierte Demokratie). Allerdings handelte es sich dabei um einen Elitenprozess, der die Bürger/innen ausschloss. Froidevaux unterstreicht, dass die Linke für diese Transición viel opferte. Sie verzichtete auf eine Aufarbeitung der Diktatur und deren Verbrechen - was eine Straflosigkeit für die Täter/innen implizierte - sowie auf die Schaffung einer öffentlichen antifranquistischen Gegengeschichte. Ob es wirklich eine "Unmöglichkeit" (S. 513) gewesen ist, eine "ruptura democrática" (dt. demokratischen Bruch) mit der Diktatur durchzusetzen, wie Froidevaux konstatiert, kann aus heutiger Perspektive nicht geklärt werden.

Mit seiner Arbeit hat Froidevaux einen bedeutenden Beitrag für aktuelle geschichtspolitische Auseinandersetzungen geliefert. Gerade in Bezug auf die Bearbeitung des antifranquistischen Widerstandes, die noch ganz am Anfang steht, wird sein Buch im deutschsprachigen Raum für weitere Untersuchungen einen zentralen Stellenwert haben.

Silke Hünecke
H-Soz-Kult, 10.02.2017

Gegengeschichten oder Versöhnung?

Der Terminus der Erinnerungs- beziehungsweise Geschichtskultur, verstanden als "Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse" (Christoph Cornelißen), ist seit den 1990er Jahren auf dem Gebiet der Kulturgeschichtsforschung zum Leitbegriff avanciert. Als kollektives Gedächtnis wird Erinnerungskultur von der Gesellschaft oder einer gesellschaftlichen Gruppe diskursiv beständig neu konstruiert. Eine Auseinandersetzung mit der Indienstnahme der Vergangenheit für aktuelle Zwecke und zur Identitätsbildung scheint dabei insbesondere im Fall der politischen Linken interessant. So sieht der Historiker David Mayer die "Rückschau nach vorn" als deren [der politischen Linken, A. F.] Alleinstellungsmerkmal an, das es ihr erlaube, anhand von "Gegengeschichten" die Modifizierbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse zu demonstrieren und diese alternative Historie zugleich zur Selbstlegitimation zu nutzen.

Alexandre Froidevaux unternimmt es in seinem Werk, einer geringfügig überarbeiteten Fassung seiner 2013 eingereichten Dissertation, der Frage der Allgemeingültigkeit dieser Hypothese am Beispiel der spanischen Arbeiterbewegung nachzugehen. Diese enthielt sich nämlich in der Phase der "Transición" vom Franquismus zur parlamentarischen Monarchie gerade des Gedenkens an den Bürgerkrieg und stellte stattdessen den Gedanken der nationalen Versöhnung in den Vordergrund. Seine Bindungskraft verlor der "Pakt des Vergessens" erst nach der Jahrtausendwende.

Das besondere Interesse der Arbeit gilt dementsprechend der Frage, auf welche Art und Weise die verschiedenen linken Strömungen Erinnerungskultur betrieben, bevor die neue Erinnerungsbewegung auf den Plan trat, und welche Bedeutung dem Gedenken für die kollektive Identitätsbildung zukam. Indem sich Froidevaux das Ziel setzt, den Begriff der Erinnerungskultur mit seinen sämtlichen Facetten in den Blick zu nehmen, will er zugleich einem forschungspolitischen Desiderat abhelfen.

Nach einem einleitenden Abriss der gedächtnistheoretischen Terminologie (Halbwachs' Konzept des "kollektiven Gedächtnisses" und seiner sozialen Determinierung, Assmanns Theorie des "kulturellen Gedächtnisses") folgt eine Überblicksdarstellung der Entwicklungsetappen der spanischen Arbeiterbewegung, die jeweils durch eine detaillierte Beschreibung der spezifischen Erinnerungskultur abgeschlossen wird.

Charakteristisch für das linke Lager in Spanien war seine Fragmentierung in anarchistische und sozialistische sowie (zum einen moskautreue, zum anderen nichtstalinistische) kommunistische Organisationen, die sich während des Bürgerkriegs teilweise sogar bewaffnete Auseinandersetzungen lieferten und ihre Widerstandskraft im antifranquistischen Kampf dadurch selbst minimierten. Überdies zeigten sich die genannten Hauptströmungen auch ihrerseits uneins, was sich auf dem Gebiet der Traditionspflege und der Auswahl von Erinnerungsorten niederschlug. Während die AnarchoSyndikalistInnen vergangener Klassenkämpfe, der organisatorischen Entwicklung der CNT und wichtiger Protagonisten gedachten, orientierten sich die KommunistInnen an der Geschichte der Oktoberrevolution und dem Vorbild der Sowjetunion. Nach der Niederlage differierten die verschiedenen ideologischen Richtungen dann insbesondere in ihrer Haltung zum Verhältnis von Krieg und Revolution sowie der Charakterisierung des Bürgerkriegs.

Intern stritten die AnarchistInnen erbittert über die geschichtspolitische Analyse ihrer Kooperation mit anderen Kräften der Volksfront, einer Kooperation, die schließlich in einer Regierungsbeteiligung sowie der Bürokratisierung und Hierarchisierung der CNT mündete. Die KritikerInnen machten diese Entwicklung mit dafür verantwortlich, dass die Reichweite revolutionärer Maßnahmen wieder eingeschränkt werden konnte, was sich wiederum in einer sinkenden Kampfmoral manifestierte.

In der sozialistischen Bewegung existierten zwei Richtungen: Eine Tendenz war theoretisch marxistisch fundiert und übte sich in radikal-antikapitalistischer Rhetorik, die andere setzte auf pragmatische Realpolitik und reformistische Maßnahmen. Praktisch ging es um die Frage, ob man sich auf eine Arbeiterregierung stützen oder auf die Verteidigung der Republik - mithilfe des demokratischen Westens - konzentrieren sollte. Prägend war auch der persönliche Konflikt zwischen den Parteigrößen Francisco Largo Caballero und Indalecio Prieto.

Die PCE profitierte in sehr starkem Maße von der sowjetischen Militärhilfe und ihrer entschiedenen Ablehnung der sozialen Revolution, die in Stalins Interesse begründet lag, die Westmächte als Bündnispartner gegen das nationalsozialistische Deutschland zu gewinnen. Die KommunistInnen deklarierten den Bürgerkrieg als nationalrevolutionären beziehungsweise Unabhängigkeitskrieg, stießen bei ihrem Werben um die Bildung einer Einheitsfront bei den SozialistInnen und der CNT allerdings auf Ablehnung.

Neben diesem konfliktiven Umgang mit den je eigenen historischen Narrativen wurde deren Pflege auch massiv durch das franquistische Regime unterdrückt, das den Spielraum der Traditionspflege im Inland stark einschränkte und zu einem Identitätsverlust beitrug. Das "Gedächtnis der Verlierer" (S. 60) wurde systematisch von der öffentlichen Bühne verbannt, die linken Opfererinnerungen einem "Memorizid" (S. 436) ausgesetzt. Viele AktivistInnen zogen sich in dieser Situation und angesichts des Scheiterns sämtlicher Oppositionsstrategien spätestens zu Beginn der 1950er Jahre in den privaten Raum zurück und enthielten sich fürderhin der politischen Betätigung.

Debatten wie die über die Frage, warum die Kriegsanstrengungen scheiterten, wurden somit vor allem im Exil geführt und dienten in der Regel der Selbstlegitimation und der wechselseitigen Abgrenzung von SozialistInnen und Anarcho-SyndikalistInnen sowie beider gegenüber der PCE. Die InlandsaktivistInnen konnten dieser Art von Nabelschau ob ihrer eigenen drängenden Probleme wenig abgewinnen. Gerade auf die nachfolgende Generation wirkte das "hochgradig gespaltene Verlierergedächtnis" (S. 211) und das weitgehende Fehlen kollektiver Erinnerungsorte alles andere als attraktiv, auch wenn die Gegengeschichten identitätsrelevant blieben.

Zwischen der alten Arbeiterbewegung und den Kämpfen der Kinder der BürgerkriegsteilnehmerInnen, die sich in erster Linie um gegenwartsbezogene Probleme sozialer und materieller Natur drehten und erst durch die Reaktion des Regimes politisierten, kam es somit zu einem Bruch entlang generationeller Linien. Begünstigt wurde dieser Bruch auch durch den fundamentalen sozioökonomischen Wandel infolge des Konjunkturaufschwungs, der einsetzte, als die Wirtschaft nicht mehr durch Autarkiemaßnahmen reguliert wurde. So kam es zur Transformation der Agrargesellschaft in einen Industriestaat, einem starken Bevölkerungswachstum und gewaltigen Migrationsbewegungen. Die Bürgerkriegsgeneration geriet dadurch in eine Minderheitenrolle, was nicht ohne Auswirkungen auf die Erinnerungskultur der Opposition blieb.

Auf dem Gebiet der Geschichtspolitik setzte sich angesichts von regime-internen Friktionen und einer begrenzten Öffnung des Regimes zugleich die Idee einer nationalen Versöhnung mit ehemaligen Franquisten einschließlich einer Amnestie für politische Delikte durch, um alle Kräfte vereinigen zu können, die dem Regime ablehnend gegenüberstanden. Ziel der neuen, auf "Entschärfung der konfliktiven Geschichte" (S. 18) abzielenden Geschichtspolitik der Nachkriegsgeneration war nun die "Entsemiotisierung der Bürgerkriegszeit" (S. 339) und damit die "Zerstörung des franquistischen Mythos" (S. 311). Der Versöhnungsgedanke als das neue Paradigma des Widerstandes richtete sich zugleich aber auch gegen die Tradition des "anderen Spanien" (S. 342) und fiel wie das Narrativ des sinnlosen Bürgerkriegs bei der großen Mehrheit der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden.

Der PCE, die einen entsprechenden Strategiewechsel im Zuge der Entstalinisierung und der Abkehr vom bewaffneten Kampf eingeleitet hatte, gelang es in dieser Zeit, zur wichtigsten Organisation im antifranquistischen Widerstand zu avancieren. Die bisherige Ausgrenzung seitens der AnarchistInnen und SozialistInnen wich dem nunmehr in der Arbeiterbewegung dominierenden Einheitsgedanken. Der neue Kurs war parteiintern zunächst allerdings noch nicht unumstritten und fungierte primär als Angebot an die Außenwelt, während (ebenso wie bei der PSOE) aus Gründen der Identitätsvergewisserung in den eigenen Reihen zugleich an einer ausgeprägten Erinnerungskultur und der klassischen Lesart des Bürgerkriegs festgehalten wurde. Dieser Spagat wurde auch nach dem Scheitern der angestrebten demokratischen Revolution und dem erneuten Kurswechsel zu Verhandlungen mit den Franquisten und zur Akzeptanz der Monarchie beibehalten. Partei- und Gewerkschaftsbasis schickten sich angesichts der politischen Kräfteverhältnisse darein.

In der Phase der "Transición" verständigten sich das Regime und die GegnerInnen des Franquismus auf einen "verhandelten Bruch" (S. 470), der mit dem Pakt des Vergessens auch eine geschichtspolitische Übereinkunft beinhaltete und sich insbesondere in einem Amnestiegesetz manifestierte. Der Wunsch der leitenden AkteurInnen nach Versöhnung und Überwindung der Spaltung des Landes wurde nun endgültig zum Fundament eines zunehmend hegemonialen Diskurses vom Bürgerkrieg als nationaler Tragödie. Entsprechend galt auch die Zweite Republik der jungen Demokratie nur noch als Negativbeispiel. Alle konfliktiven Fragen der Vergangenheit, wie das Schuldproblem des Bürgerkriegs und die Gewaltgeschichte des Franquismus, wurden als systemgefährdend aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. Das Schicksal der Opfer und die historische Aufarbeitung der Diktatur wurden erst ab der Jahrtausendwende wieder von einer neuen Erinnerungsbewegung aufgegriffen.

Froidevaux legt eine akribisch recherchierte, auf einschlägigen Archivalien und Erinnerungswerken wichtiger Aktivisten basierende Arbeit vor, in der die Stimmung an der Basis allerdings nur näherungsweise thematisiert werden kann - ebenso wie das selbstgesetzte Vorhaben, auch geschlechtergeschichtliche Aspekte zu berücksichtigen, rudimentär bleibt. Zu problematisieren wäre auch, ob sich der Sammelbegriff "Linke" (S. 23), für den mit Willy Brandt nur ein Zeuge ins Feld geführt wird, mit dem Selbstverständnis der damaligen Akteure deckt. Die Studie bestätigt im Falle der spanischen Arbeiterbewegung und ihrer Erinnerungskultur die generellen Entwicklungslinien, zeigt aber auch auf, dass zugleich immer Kontinuitäten existierten und daher stets ein differenziertes Bild vonnöten ist. So hielt sich in den traditionellen Zentren der Arbeiterbewegung über den Generationswechsel hinaus ein kollektives Gedächtnis vergangener Kämpfe und Gewerkschaften, blieben personelle Kontinuitäten und ideologische Anleihen bedeutsam. Anstelle einer scharfen Trennung zwischen den Generationen ist daher eher von einer Mischung von alter und neuer Arbeiterbewegung zu sprechen.

Jürgen Jenko
Sozial.Geschichte Online 19 (2016), S. 229-234
https://sozialgeschichteonline.wordpress.com

Nach vorne erinnern

Große Teile der spanischen Rechten, der konservativen Presse, aber auch die Leitung der Madrider Universität liefen Anfang 2016 Sturm gegen Pläne der auf einer linken Bürgerliste gewählten Madrider Bürgermeisterin Manuela Carmena, in der spanischen Hauptstadt Straßen umzubenennen, die noch immer die Namen von Generälen und Politikern des Franco-Regimes tragen. Der Sieg, den der spanische Faschismus mit tatkräftiger Unterstützung seiner Verbündeten aus Nazi-Deutschland und Mussolini-Italien 1939 errang, hat Auswirkungen bis heute. Das ist das Fazit des Historikers und Romanisten Alexandre Froidevaux, dessen Buch „Gegengeschichten oder Versöhnung?“ einen guten Einblick in die spanische Erinnerungskultur gibt. Im Fokus steht die spanische Arbeiterbewegung zwischen 1936 und 1982. Am 19. Juli 1936 wehrten sich große Teile der Bevölkerung zunächst erfolgreich gegen einen Putsch rechter Militärs. „¡No pasaran!“ (sie werden nicht durchkommen) wurde für kurze Zeit zur einigenden Parole der zerstrittenen spanischen Arbeiterbewegung. Froidevaux zeichnet die Debatten im sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Lager nach und benennt auch die gravierenden politischen Fehler aller Strömungen. Nach der Niederlage des republikanischen Spaniens bewerteten die unterschiedlichen linken Fraktionen die historischen Ereignisse gegensätzlich, wie der Autor am Beispiel des sogenannten Casado-Putsches vom 6. März 1939 zeigt. Teile der Anarchisten und Sozialisten rechtfertigten ihn als Widerstand gegen stalinistische Durchhalteparolen. Die Kommunisten und eine sozialistische Minderheit sahen in ihm die Ursache dafür, dass die Faschisten die spanische Hauptstadt kampflos einnehmen konnten. Froidevaux beschreibt, wie die Faschisten das von ihnen proklamierte Ziel, Spanien von allen Linken, Gottlosen und Freimaurern zu säubern, vor allem im ersten Jahrzehnt ihrer Herrschaft umsetzten. Er geht von mindestens 150.000 Ermordeten aus. Wesentlich höher war die Zahl der Gefolterten und der Zwangsarbeiter, die auch die Monumentaldenkmäler des Regimes errichten mussten. Die Erinnerung an das republikanische Spanien wurde mit Terror rigoros unterbunden. Froidevaux spricht hier von einem Memorizid. Das Buch macht zudem deutlich, dass auf diesem Terror die Politik der „Transicion“ aufbaute, die das Franco-Regime schließlich in die westliche Wertegemeinschaft führte.

Peter Nowak
in: Konkret, 7/2016

Eine Erzählung, die fortwirkt und stetig Emotionen schürt

Alexandre Froidevaux über Erinnerungskulturen an den spanischen Bürgerkrieg bis zur Gegenwart

Es war ein ungewöhnlicher Aufbruch im Sommer 1936 in Spanien. Nachdem der Putsch reaktionärer Generäle im Auftrag einer Koalition aus rechtsradikalen Offizieren, Großgrundbesitzern, Großbourgeoisie, reaktionärem Klerus, faschistischen Falangisten und Monarchisten gegen die auf einem Volksfrontbündnis basierende linksbürgerliche Regierung durch den unerwarteten Widerstand des Volkes zunächst scheiterte, schien auch eine für Spanien längst überfällige soziale Revolution möglich zu sein. Mehr noch, Spanien, so die Wahrnehmung tausender Antifaschisten in aller Welt, hatte sich dem Siegeszug des sich über Europa ausbreitenden Faschismus erfolgreich entgegengestellt.

Die Abwehr des Putsches führte zunächst zu einem Bürgerkrieg, der sich aber durch das rasche Eingreifen der faschistischen Mächte Deutschland und Italien auf der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite internationalisierte. Mit dem Krieg entwickelte sich die Republik nach links. Erstmals waren Kommunisten und Anarchisten, für diese ein Sakrileg, an der Regierung beteiligt. Die mit dem Sieg der Volksfront begonnene soziale Revolution beunruhigte die westlichen Demokratien, die der bedrohten Republik, der demokratisch gewählten Regierung, ihre Solidarität versagten. Als kontraproduktiv erwies sich aber auch, dass im linken Lager keiner Einigkeit über die weitere Entwicklung herrschte. Im Gegenteil, deren Konflikte führten in eine Situation, die von manchen „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“ genannt wurde. Obwohl sich letztlich mit der Eliminierung sozialökonomischer Alternativen die Verteidiger der bürgerlichen Republik durchsetzen konnten, blieb dieser Konflikt unter den Linken bis zum Ende der Republik, ja sogar bis in die Gegenwart bestehen.

Das linke Lager, so die These von Alexandre Froidevaux, scheiterte nicht nur an exogenen Faktoren, wie eben der ausgebliebenen Hilfe der westlichen Demokratien, die damit objektiv die Putschisten unterstützten, sondern auch an der Uneinigkeit der Linken, der Antifaschisten. Das wird anhand von Narrativen der beiden dominierenden Kräfte im linken Lager belegt: der einst mächtigen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT und der vor dem Bürgerkrieg eigentlich unbedeutenden, aber im Krieg durch die sowjetische Hilfe und Neuausrichtung der Politik der Kommunistischen Internationale zur dominierenden Kraft gewordenen KP Spaniens.

Selbst für den mit der spanischen Geschichte vertrauten Leser ist die Materialfülle faszinierend, die Froidevaux zusammengetragen hat, um Politikinhalte, Theoriebildungen, Kompromisse, wechselnde Strategien und Taktiken auch in der Zeit der posguerra, des Nachkriegs, zu beschreiben und zu analysieren. Freilich, bequem ist das nicht, was da oft zu lesen ist, und zu erwarten ist die Kritik des Milieus, das die parteikommunistische Heldengeschichte weiter erzählen will. Man braucht nur das zu lesen, was Froidevaux über den „Casado-Putsch“ schreibt. Nun, die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen, aber die Erzählung wirkt fort und weckt immer wieder Emotionen. Oft ohne Kenntnis der Details, die man in diesem Buch nachlesen kann.

Die Rache der Sieger war furchtbar. Das Morden, das mit dem Abschlachten tausender Linker in der Arena von Bajadoz begann, wurde bis weit nach dem Krieg fortgesetzt. Das franquistische System etablierte und stabilisierte sich, nicht zuletzt durch die Unterstützung der USA und die Akzeptanz der bürgerlichen Demokratien. Die Linke verschiedenster Couleur fand sich mit der Franco-Diktatur nie ab, der Verfasser beschreibt analysierend die verschiedensten Kampfformen von der Guerilla bis zur Gründung neuer Arbeiterorganisationen. Obwohl das System in eine Krise geriet, gestürzt werden konnte es erst mit dem Tod des Diktators.

Aber der Übergang, die transicion, führte nicht zur Wiederherstellung der Zweiten Republik, gegen die Franco und die reaktionären Generäle geputscht hatten. Wiederhergestellt wurde die Monarchie, die am 14. April 1931 abgewählt worden war. Tragisch bis heute, so Froidevaux, dass in der transicion auch die Kommunisten und die Sozialisten dem pacto del olvido, dem „Pakt des Vergessens“ zustimmten, was eine konsequente Abrechnung mit dem Franquismus unmöglich machte.

Werner Abel
Neues Deutschland 16. bis 20. März 2016, Beilage zur Leipziger Buchmesse

Neue Forschungsarbeiten thematisieren Vergangenheitsbezüge als Politikum und transnationales Phänomen

Aus der literaturkritik.de-Sammelrezension Memoria, Gedenken und Geschichte

Fernab vom Trend zur Transnationalisierung des Erinnerungsparadigmas hat der Historiker und Romanistik Alexandre Froidevaux mit seiner Dissertationsschrift „Gegengeschichte oder Versöhnung? Erinnerungskulturen und Geschichte der spanischen Arbeiterbewegungen vom Bürgerkrieg bis zur ,Transición‘ (1936–1982)“ eine Arbeit zum Fall der ,internen‘, spanischen Erinnerungskultur vorgelegt, die jedoch nicht minder innovativ ist, da sie die unterbeleuchtete Perspektive der (Erinnerungs-)Geschichte der Arbeiterbewegung in den Fokus rückt. Die umfangreiche Fallstudie widmet sich dem ‚politischen Gedächtnis‘ der spanischen Arbeiterbewegung seit dem Spanischen Bürgerkrieg bis in die jüngste Vergangenheit. Den Begriff des politischen Gedächtnisses übernimmt der Autor von Aleida Assmann, ebenso wie den zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann entwickelten gedächtnistheoretischen Ansatz, den Froidevaux detailliert rekonstruiert. Politisches Gedächtnis meint eine Form des kollektiven Gedächtnisses, in dem die Wir-Konstruktion und identitätsstiftende Rolle, mithin die politische Intention und Geformtheit des Gedächtnisses im Vordergrund steht. Der Fokus der Arbeit liegt auf dem politischen Gedächtnis der verschiedenen Strömungen der spanischen Arbeiterbewegung im Hinblick auf die turbulenten 1930er-Jahre und den Spanischen Bürgerkrieg: „Was aus der Zeit des Bürgerkriegs war aus welchem Grund für die Arbeiterbewegung nach dem 1. April 1939 erinnerungswürdig“ und auch identitätsstiftend?

Der Spanische Bürgerkrieg war ja nicht nur für die Linke Spaniens, sondern auch global ein bedeutender zeitgenössischer Konflikt und ist noch heute im erinnernden Rückblick für die Ausdifferenzierung und für interne Auseinandersetzungen der Linken ein wichtiger Bezugspunkt. Der Autor stellt seiner Untersuchung die Feststellung des Historikers David Mayer voran, dass für die politische Linke der Vergangenheitsbezug eine besondere Bedeutung habe, da diese ihr Handeln auf die Zukunft hin ausrichte, um historisch hergeleitete Ausbeutungs- und Unrechtsverhältnisse zu überwinden: „Sei es die Herausbildung eines eigenen Kollektivs, sei es die Legitimation der eigenen Existenz beziehungsweise des eigenen Handelns – Geschichte ist eine der Hauptwährungen, in der innerhalb der Linken Ideen und fundamentale Hoffnungen zirkulieren und in der interne Differenzen abgeglichen werden“. Die Erzählung von ,Gegengeschichten‘ sei der Linken als einer Kraft, die ihren Vergangenheitsbezug auf die Zukunft richtet und die Transformierbarkeit von Gesellschaft sichtbar machen möchte, inhärent. Mit Rekurs auf den Begriff des kontrapräsentischen Mythos von Jan Assmann präzisiert der Autor das linke Programm der Produktion von Gegengeschichten: die Kämpfe vergangener Zeiten bieten „identifikatorische Anknüpfungspunkte und zeigen, dass Widerstand gegen bestehende Herrschafts- und Kapitalverhältnisse möglich ist. Damit haben diese Gegengeschichten einen prospektiven Charakter, denn sie zeigen, dass Geschichte […] gemacht, Zukunft gestaltet werden“ kann. Beim Spanischen Bürgerkrieg handelt es sich um ein besonders wichtiges historisches Ereignis, bei dem sich die postulierte Einheit der Arbeiterklasse als Schimäre erwiesen habe und es zu zahlreichen Konfrontationen ideologischer, persönlicher und machtpolitischer Art gekommen sei, die immer wieder auch mit Gewalt ausgetragen wurden.

Am Beispiel der drei Stränge der spanischen Arbeiterbewegung, der kommunistischen, sozialistischen und anarchistischen, rekonstruiert der Autor über Generationen hinweg die verschiedenen Erinnerungsnarrative, Etappen und diskursiven Wandlungen, die im Kontext zeitgenössischer Äußerungen und Konflikte verortet werden. Dadurch entsteht im Verlauf der gut 500 Seiten umfassenden Ausführungen ein komplexes Panorama der Friktionen, Traditionen und Konflikte in der Formulierung der Bürgerkriegserinnerungsnarrative.

Ein interessanter Aspekt ist das Verhalten des in der Klandestinität operierenden PCE (Partido Comunista de España), der von den konfrontativen Erinnerungen der Nachkriegszeit in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre abrückte, um eine Perspektive der nationalen Versöhnung (‚reconciliación nacional‘) zu propagieren und ein politisches Projekt für die Zukunft zu entwerfen. Der PCE rückte von der schmerzhaften Vergegenwärtigung des Spanischen Bürgerkriegs ab und bewirkte so eine politisch gewollte „Entsemiotisierung des Bürgerkriegs“. Diese Wende stieß freilich bei vielen Aktivisten auf Unverständnis, fiel jedoch zugleich in einen Zeitabschnitt, in dem der PCE eine zunehmend dominante Rolle im seit den frühen 1960er-Jahren erstarkenden antifranquistischen Widerstand spielte. Froidevaux kommentiert die interne Heterogenität der verschiedenen Erinnerungskulturen und politischen Gedächtnisse, die auch von der politischen Kultur der jeweiligen Organisationen geprägt war, so herrschte im Falle des PCE eine strenge Parteidisziplin vor, die massiv ‚Renegaten‘ produzierte.

Neben dieser spannenden Situation der sich formierenden antifranquistischen Widerstandsbewegung ist die umkämpfte Übergangsphase von der franquistischen Diktatur zur demokratischen Monarchie eine Etappe, an der die Dynamik der politischen Auseinandersetzungen und die Neupositionierung der politischen Organisationen vor dem Hintergrund der historischen Bezüge und daraus abgeleiteter Legitimationsmuster veranschaulicht werden. In der umkämpften, so genannten transición setzten sich schließlich die politischen Kräfte der Moderation durch, zu denen sich auch der PCE mit seiner aktualisierten politischen Strategie der nationalen Versöhnung gesellte. Es wurde somit für lange Zeit ein „Pakt des Schweigens“ über die gewaltvolle politische Vergangenheit in Spanien etabliert. Dieser geschichtspolitische Konsens, der erst seit Beginn der 2000er-Jahre zunehmend infrage gestellt wird, hatte weitreichende Folgen in den 1980er- und 1990er-Jahren, wie der Autor anhand der großen Frustration, dem so genannten desencanto, bei antifranquistischen Aktivisten aufzeigt. Diese Atmosphäre der Desillusionierung hatte Auswirkungen – von der Radikalisierung bis zur Entpolitisierung. Konfliktbehaftete Themen wurden zur „Sperrzone öffentlicher Erinnerung“, vormals zentrale Identitätszeichen wie der traditionelle Republikanismus und der Leninismus wurden beim PCE, das Selbstbild als marxistische Partei wurde beim PSOE gestrichen.

Entgegen den verschiedenen Formen des Traditionsbruchs dieser Erinnerungsakteure und dem politischen Willen, Stillschweigen über die Gewalt- und Unrechtserfahrungen des Franquismus zu bewahren, artikulierten der sich wiederorganisierende Anarchismus, feministische Bewegungen sowie engagierte Erinnerungsbewegungen auf lokaler Ebene politisierende Relektüren der Vergangenheit und verweigerten sich dem Pakt der transición. Auf verschiedene Arten wurde hier der Opferaspekt in Vordergrund gestellt und das widerständige Handeln von Frauen im Spanischen Bürgerkrieg im Medium von oral history und Testimonialliteratur betont.

Die verschiedenen Formen des Traditionsbruchs, Schweigens aber auch der identifizierenden Rückerinnerung werden in seiner Vielfalt im politischen Gedächtnis der verschiedenen Erinnerungsgemeinschaften beschrieben und durch immer wieder aufblitzende Gegengeschichten, die die Organisationen der Arbeiterbewegung gegen das franquistische Siegergedächtnis artikuliert, mal drängender, mal vorsichtiger, komplettiert. Im Ausblick weist der Verfasser auf die Spezifik des spanischen Falls hin, nicht zuletzt vor dem Kontrast der als wesentlich erfolgreicher eingeschätzten argentinischen Erinnerungsbewegung, die die Verbrechen der Militärdiktatur im nationalen Gedächtnis und auf der Ebene der offiziellen Gedenkpolitik verankern konnte. Die Arbeit endet mit einem interessanten Hinweis auf künftige Arbeiten, die wiederum die transnationale Dimension des Erinnerns in den Vordergrund rückt: „Interessant wäre es, der Frage nachzugehen, warum die spanische Arbeiterbewegung nicht schon frühzeitig erinnerungspolitische Initiativen startete und den Opferaspekt gezielt auf die politische Agenda setzte, wie das später zum Beispiel die argentinischen Madres de la Plaza de Mayo (Mütter der Plaza de Mayo) taten“.

Von Patrick Eser
http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21966

Gegengeschichten oder Versöhnung?

Alexandre Froidevaux schreibt eine Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung unter dem Gesichtspunkt, wie sich deren drei große Strömungen Anarchismus, Sozialismus und Kommunismus nach ihrer Niederlage im Bürgerkrieg 1939 in ihrem jeweiligen Selbstverständnis und ihren politischen Kämpfen auf den Bürgerkrieg 1936-1939 bezogen haben. Er analysiert ihre geschichtspolitischen Debatten und Erinnerungen der Opfer. Er untersucht, wie sich vermittelt durch diesen Umgang mit der eigenen Geschichte die politischen Identitäten der drei Strömungen der spanischen Arbeiterbewegung, die alle in sich wiederum gespalten waren und deren Unterströmungen eigene Geschichtsbilder pflegten, neu herausbildeten und wie sie sich wandelten. Froidevaux selbst bezieht Stellung auf der Seite der Anarchisten, genauer der Gewerkschaft CNT, bewegt sich in deren Traditionen und bestätigt sie, ohne sich durch diese Parteinahme zu einer unkritischen Einschätzung verleiten zu lassen. Auch hindert ihn seine Parteinahme nicht, die Geschichte der Jahre 1936-1939 selbst und den jeweiligen Umgang mit ihr auch für die konkurrierenden Strömungen der spanischen Arbeiterbewegung sachlich, nüchtern, ohne Eifer und Geifer genau und differenziert nachzuzeichnen - in einigen Punkten mit Ausnahme der Kommunisten. Es gelingt ihm, streng quellengestützt, vor dem Hintergrund des am Anfang des Buches gegebenen kursorischen Abrisses des Bürgerkrieges die Rolle der jeweiligen Geschichtsbilder beim Kampf gegen den Franquismus wie in den politischen Kämpfen der Hauptströmungen und ihrer inneren Fraktionen als eigene Determinante und keineswegs nur instrumental zu bestimmen. Er stellt die wichtigsten Diskussionen des Antifranquismus, vor allem aber die Schwierigkeiten des Kampfes gegen diesen dar. Und er bewertet den nach dem Tode Francos als Transición bezeichneten Kompromiss mit dessen Erben zu Recht als politische Niederlage der Arbeiter, weil als Verzicht auf entscheidende politische Ziele, nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Forderungen zum Umgang mit den faschistischen Verbrechen in und nach dem Bürgerkrieg. Wiewohl Froidevaux seine Arbeit als übergreifende Erinnerungsgeschichte bezeichnet und begreift, ist sie doch mehr, nämlich eine umfassende Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung nach ihrer entscheidenden Niederlage 1939 und im Kampf um die Überwindung von deren Folgen. Da aber diese Kämpfe ohne Analyse ihres Gegners kaum zu begreifen sind, ist dieses Buch natürlich auch informativ in Bezug auf die Geschichte des Franquismus - und das nicht nur unter dem Aspekt seiner Erinnerungskultur.

Werner Röhr
erschienen in: Das Historisch-Politische Buch, 64. Jahrgang, Heft 4/2016

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