Das Schlachten beenden!
Rezensionen
Das Schlachten beenden!
Im 19. Jahrhundert wurden die ersten großen Schlachthöfe angelegt, damit begann die Epoche der industriellen Massentierhaltung und Schlachtung. Doch wer einen Blick dorthinein warf, war geschockt. Der Schriftsteller Leo Tolstoi berichtet davon, auch der Geograph und Anarchist Elisée Reclus, der als Kind unversehens in ein Schlachthaus geriet und erstarrte. Das Buch "Das Schlachten beenden!" geht den historischen Spuren des Vegetarismus nach mit engagierten und kommentierten Texten von Leo Tolstoi, Elisée Reclus, Magnus Schwantje, Clara Wichmann und Willi Eichler. Alle fordern ein Ende der Gewalt gegen Tiere; das ist für sie nicht nur eine Frage gesunder Ernährung, sondern eine moralische und soziale Notwendigkeit. Denn es gibt keine humanen Formen des Tötens.
Anmoderation
Mit kontinuierlicher Regelmäßigkeit erschüttern Lebensmittelskandale die Welt der Verbraucher, von Tierseuchen wie BSE bis zum Dioxinskandal dieser Tage. Vielleicht weil offensichtlich keine Konsequenzen daraus gezogen werden, machen sich zunehmend auch Künstler, Filmemacher und Literaten Sorgen um unsere Ernährung, vor allem über unseren Umgang mit Tieren als Nahrungsmittellieferanten. Der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer dachte über "Tiere essen" nach, und Karen Duve beschrieb ihren Gesinnungswandel vom Fastfood zur vegetarischen Ernährung. Ein weiteres Buch versucht nun erstmals, die Geschichte des Vegetarismus zu beleuchten. "Das Schlachten beenden!", lautet der Titel des Buchs, das im Verlag Graswurzelrevolution erschienen ist, mit Texten von Leo Tolstoi, Magnus Schwantje, Clara Wichmann und anderen. Dorothea Breit hat das Buch gelesen.
Beitrag
Sprecher (1) / Zitat Leo Tolstoi: Es ist entsetzlich. Entsetzlich sind nicht nur die Leiden und der Tod der Tiere, sondern auch die Tatsache, dass der Mensch ohne alle Notwendigkeit sein Gefühl der Teilnahme und des Mitleids für andere Lebewesen zum Schweigen bringt und sich selbst Gewalt antut, um grausam zu sein. Und wie tief liegt im Herzen des Menschen das Verbot, ein lebendes Wesen zu töten. ( ) Man kann nicht vorgeben, das alles nicht zu wissen.
Autorin: Leo Tolstoi nach dem Besuch im Schlachthaus von Tula. In seinem erfolgreichen Aufsatz mit dem Titel "Die Fleischesser / Die erste Stufe" beschreibt er den Verzicht auf Fleisch als erste Stufe auf dem Weg zu einem moralischen Leben. Tolstoi war kein Anarchist oder Revolutionär, aber ein sensibler und wacher Geist. Er sah die Völlerei der Aristokratie, während die Bauern und einfachen Leute Hunger litten. Sein Plädoyer für den Vegetarismus ist der Entwurf für eine neue Lebensform ohne Gewalt gegen Tiere, ohne Kriege, ohne Bürokratie. Bereits vor ihm hatten der Jakobiner Freiherr von Knigge und der französische Philosoph Voltaire im Zuge ihrer humanistischen und zivilgesellschaftlichen Bestrebungen die Grausamkeiten gegen Tiere angeklagt. Voltaire:
Sprecher (2) / Zitat Voltaire: Barbaren greifen sich den Hund, sie nageln ihn auf einem Tisch fest und zergliedern ihn lebendig, um dir die Gekrösenerven zu zeigen. Du entdeckst in ihm all dieselben Organe der Empfindung wie sie in Dir vorhanden sind. Antworte mir Maschinist, hat die Natur in diesem Tier die Sprungfedern der Empfindung zu dem Zweck eingerichtet, dass es nichts spürt? Hat es Nerven, um unempfindlich zu sein? Glaube doch nicht an einen derart frechen Widerspruch der Natur.
Unter dem Titel "Das Schlachten beenden" ist nun erstmals ein Buch erschienen, das versucht, die Geschichte des Vegetarismus und der Tierrechtsbewegung zu beleuchten. Zwar galt Gewalt gegen Tiere im alten Ägypten, in der griechischen Antike und in buddhistischen Kulturen als Verstoß gegen die Gerechtigkeit, im Europa der Neuzeit aber, so die Historikerin Renate Brucker in der Einleitung, gelang es erst dem englischen Sozialphilosophen Jeremy Bentham zu belegen, dass Tiere leiden können. Damit widersprach er keinem geringeren als Immanuel Kant, der Tiere als vernunftlose Wesen definiert hatte und damit ohne Anspruch auf irgendwelche Rechte. Für ein positives Recht der Tiere, im Gegensatz zum bloßen Tierschutz, setzte sich erstmals die niederländische Juristin und Frauenrechtlerin Clara Wichmann ein. 1920 schreibt sie:
Sprecherin / Zitat Clara Wichmann: ( ) alle die inneren Widersprüche und ungeheuren Missstände kommen daher, dass man ihnen gegenüber (wie früher gegenüber den Sklaven und in einem weiteren Sinne gegenüber den Frauen) von der Fiktion ausgeht, sie wären Sachen.
Nach Clara Wichmann ist alle Gewalt an Tieren unsittlich und ein Verbrechen.
Sprecherin / Zitat Clara Wichmann: Ich kann nicht vergessen, was ich einmal in Veluwe erlebt habe. Eine Ziege hatte ein Junges bekommen. Am folgenden Tag hörten wir die alte Greisin kläglich jammern. Wir gingen hin und fragten die Bäuerin, warum. Sie sagte: "Ich habe die junge Ziege in die Stadt verkauft, weil ich es so schade für die Milch fand." - Leser, ich frage Sie: für wen hat "unser lieber Herr" die Milch der Ziege bestimmt, wenn nicht für die kleine Ziege??
Von "Ehrfurcht vor dem Leben" sprach der Pazifist, Sozialreformer und Vegetarier Magnus Schwantje. Er gründete in Berlin den "Bund für radikale Ethik", der sich unter anderem für Tierschutz, Vegetarismus und Frieden engagierte und gegen Vivisektion und Jagdvergnügen kämpfte. Pazifismus und Vegetarismus gingen für Schwantje Hand in Hand. Auch für den französischen Geographen, Weltreisenden und Anarchisten Elisée Reclus war Pazifismus nicht ohne eine vegetarische Lebensweise denkbar.
Sprecher (1) / Zitat Reclus: Die Grausamkeiten des Krieges können ohne weiteres in Zusammenhang mit der Abschlachtung des Viehs und den Banketts, wo so viel Fleisch verschlungen wird, genannt werden. Die Ernährung jedes einzelnen steht in engem Zusammenhang mit seinen Gewohnheiten. Blut fordert Blut.
Ebenso hellsichtig wie erschütternd ist ein Text von Willi Eichler mit dem Titel "Sogar Vegetarier", der 1920 erschien. Eichler, der spätere Chefredakteur der Rheinischen Zeitung und Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen, war Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds, der gegen jegliche Form der Ausbeutung kämpfte und konsequenterweise auch gegen die Ausbeutung der Tiere. Der Internationale Sozialistische Kampfbund eröffnete vegetarische Restaurants. Welche Bedeutung diese Gaststätten später für die Vernetzung des Widerstands gegen das Naziregime spielen würde, ahnte damals noch keiner. - Die fünf historischen Originale und die kommentierenden Texte dazu, die das lesenswerte Buch versammelt, öffnen die Augen für unerwartete politische Zusammenhänge. Sie werfen Schlaglichter auf die bewegte Geschichte des Vegetarismus, eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des Kampfs gegen die Gewalt an Tieren steht allerdings noch aus.
Dorothea Breit
gesendet am 25.01. in WDR 3 Mosaik
Mitgefühl fürs Tier
Wir raten zu
Kürzlich kam mit der Post ein Büchlein aus einem kleinen Verlag, das für mich inzwischen zu den Leseerlebnissen des Jahres zählt. Nie las ich eine Sammlung historischer Texte, die so unmittelbar zu uns Heutigen spricht. Ihre Autoren sind Leo Tolstoi, der Anarchist Elisée Reclus (1830 bis 1905), der Sozialreformer Magnus Schwantje (1877 bis 1959) und die Juristin Clara Wichmann (1885 bis 1920). Sie alle engagieren sich nebst ihren im weitesten Sinne sozialistischen Ideen auch für den Vegetarismus und generell ein Ende der Ausbeutung der Tiere durch die Menschen.
Dass der Tierrechtsgedanke überhaupt eine so lange Tradition hat, ist nur die eine Überraschung, die dieses Buch bereitet. Die viel größere liegt in der Aktualität der Argumente. Elisée Reclus schreibt, dass Vegetarier zu sein nicht heiße, aus Angst vor dem Verzehr einer Raupe keinen Salat mehr zu pflücken. Clara Wichmann fragt (ganz wie moderne Veganer), ob die Milch der Ziege nicht ihrem Zicklein gehöre. In einem Text aus dem Jahr 1901 lesen wir, wie eine alte Frau in Tränen ausbricht, als man ihre Sau zum Schlachten bringt. Und Tolstois Schlachthofreportagen unterscheiden sich in nichts von denen eines Jonathan Safran Foer.
Das Mitgefühl fürs Tier ist dem Menschen ebenso gegeben, das beweist diese Textsammlung, wie die technischen Mittel, andere Wesen zu missbrauchen und zu quälen. Und so schön es ist, Tolstois Gedanken so hautnah mitzuverfolgen, als ob er neben einem säße, so beklemmend ist die einen plötzlich beschleichende Sorge: Was, wenn der menschliche Fortschritt seit Erscheinen dieser Texte bei den technischen Mitteln weit größer war als in den moralischen Konsequenzen?
Hilal Sezgin
erschienen in: Die Zeit, Nr. 44, 28. Oktober 2010
Rezension Das Schlachten beenden!
Bücher über vegetarische Ernährung haben momentan Hochkonjunktur. Ich möchte Ihnen noch eine der radikalsten und philosophisch interessantesten Neuerscheinungen empfehlen, die weit über die persönlichen Selbstversuche von Duve und Foer hinausgeht. Unter dem Titel "Das Schlachten beenden!" hat der Heidelberger Verlag Graswurzelrevolution einen umfassend kommentierten Band herausgegeben, der zahlreiche historische Texte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zum vegetarischen Leben versammelt. Da kommen der Autor und Vegetarier Leo Tolstoi zu Wort, der Anarchist Elisée Reclus, der Pazifist Magnus Schwantje und die Frauenrechtlerin Clara Wichmann. Was sie eint und von vielen heutigen Autoren unterscheidet ist, dass sie ihre Ernährungsweise nicht als persönlichen Lifestyle sahen, sondern als Teil einer revolutionären, gesellschaftsverändernden Praxis. Die Textsammlung ist in diesem Sinne eine hochinteressante literarisch-politische Fundgrube.
Katharina Borchardt
in: "Forum Buch", SWR 2, gesendet am 20.2.2011
