graswurzelrevolution
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
befreiung

Die Wüste lebt

Rezensionen

Neues Deutschland
graswurzelrevolution
Der Pazifist

Jenseits von Kapital und Staat - Helmut Thielen über "Utopie im Kleinen"

Armut verletzt Menschenwürde

Von Johnny Norden

Er gehört zu der sehr klein gewordenen Gruppe westdeutscher Akademiker aus der 68iger Bewegung, die der Mut zu radikalem Denken nicht verlassen hat: Helmut Thielen. Er hat sich als Autor zahlreicher Bücher und Artikel vor allem zur Philosophie der gesellschaftlichen Praxis und den Entwicklungsperspektiven der Länder des Südens profiliert. Stets bietet er spannende Beiträge zur Diskussion über eine nichtkapitalistische Welt, so auch im jüngsten Buch.

Thielen unterzieht die gegenwärtige Gesellschaft einer allseitigen und schonungslosen Kritik und kommt zu dem Schluss: "Die Marktwirtschaft ist keine Zivilgesellschaft, sie ist Gewalt. Sie ist nicht (mehr) reformierbar." Er bleibt nicht bei der Analyse, sondern sucht in der gesellschaftswissenschaftlichen Theorie und im Leben der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart Ansätze für eine neue Welt. Wie seine früheren Schriften ist auch dieses Buch ein flammendes Plädoyer für Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung.

"Armut ist der Inbegriff der Verletzungen der Menschenwürde", betont Thielen. Seiner Ansicht nach ist die Befreiung der Menschen bis dato noch nie ernsthaft in Angriff genommen worden. "Die bisherigen Revolutionen von 1789 bis 1917 und darüber hinaus waren nur Umwälzungen innerhalb des Systems der Moderne, ein wahrer revolutionärer Prozeß steht noch aus." Thielen ist überzeugt, dass "die sozialistisch-kommunistisch-anarchistische Utopie der Befreiung gerade beginnt, eine aktuelle Aufgabe der Gegenwart zu sein". Anschließend skizziert er seine Utopie. Sie habe zwar mit dem so genannten Reformismus ein schrittweises Vorgehen gemeinsam, aber widerspreche diesem durch den sofortigen Beginn des Aufbaus neuer Strukturen. Mit den bisherigen sozialistisch-kommunistisch legitimierten Revolutionen habe sie die Intention gemeinsam, eine freie und gerechte Gesellschaft aufzubauen, unterscheide sich jedoch von diesen wiederum darin, dass sie "den Vorrang einer politischen Machteroberung ablehnt".

Thielen begeistern die Versuche der "realen Utopie im Kleinen". Dazu gehören für ihn der Versuch zur Errichtung direkter Demokratie in Porto Alegre, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Rio Grande do Sul. Ein anderes Beispiel gebendes Experiment ist für ihn die Landlosenbewegung "Sem Terra", ebenfalls in Brasilien. Die Beschreibung dieser aktuellen "Utopien im Kleinen" gehört zu den Stärken des Buchs. Der Autor lebt und arbeitet seit 1994 in Brasilien. Sachkundig beschreibt er die viele Millionen Menschen erfassenden sozialen Bewegungen, analysiert deren Erfahrungen im politischen Kampf. Einen prominenten Platz räumt Thielen in seiner Studie auch der zapatistischen Bewegung in Mexiko ein. Doch verweilt er nicht nur in den Ländern des Südens als Quelle revolutionärer Veränderungen. Von besonderem Interesse sind seine (leider zu kurz geratenen) Essays, in denen er sich auf die Suche nach den "neuen historischen Subjekten der Befreiung in der Weltgesellschaft" begibt, die er innerhalb der traditionellen Arbeiterschichten, der hochqualifizierten Angestellten in Technik und Verwaltung sowie bei Freiberuflern findet.

Problematisch erscheint mir die von Thielen vorgenommene Gleichstellung von Kapitalismus und dem "realsozialistischen" Versuch, der mit der Oktoberrevolution eingeleitet wurde. Auch bleibt seine Kritik an letzterem in allgemeinen Aussagen stecken. Thielen wirft dem "Realsozialismus" die Negierung der Menschenwürde vor. Zwar sei diesem die Befreiung der Menschen von sozialer Not gelungen, was er eine wichtige Errungenschaft nennt, doch sei jene Leistung mit der "zugespitzten Demütigung durch die Staatsgewalt" wieder negiert worden. Tiefer schürft er nicht. Schade, denn gerade der komplexe Zusammenhang von sozialer Gleichheit und Freiheit ist ein zentrales Thema der Utopieforschung. Dessen ungeachtet sei sein Buch wärmstens zur Lektüre empfohlen - vor allem jenen, die mit Thielen alternativen Gedanken und Politikkonzepten, die sich auch aus dem Anarchismus speisen, zugetan sind.

erschienen in: Neues Deutschland, 27. April 2001

Eine intellektuelle Gratwanderung . ...

... jenseits von Kapital und Herrschaft

Für Helmut Thielen steht angesichts der gegenwärtigen "...Ökonomie des Todes, die der Neoliberalismus in Wirklichkeit ist..." (83) die Frage eines Lebens in Würde, Gerechtigkeit und Freiheit 'hier und jetzt' im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Sein Buch versteht sich als Abkehr von den halben und erlahmten Wegen des Sich-Einrichtens in den schön-geredeten Übeln des kapitalistischen Systems, die hinter den Fassaden dressierter Wahrnehmungs- und Kommunikationsraster verborgen liegen. Für Thielen offenbart sich hier das Janus-Gesicht des Schreckens einer Moderne, jenseits deren verhängnisvollen Zwangs-Strukturen ein würdevolles Leben trotz allem zu behaupten ist. Dass dies eine intellektuelle Gratwanderung zwischen Realität und Transzendenz ist, versteht sich von selbst.

Grundannahmen seiner Argumentation

Neoliberalismus und Globalisierung stellen für Thielen eine 'Pseudo-Utopie' dar, in deren Zentrum "...die Rechtfertigung furchtbarster Menschen- und Natur-Opfer..."(85) zu finden seien.

Die Kategorie der Globalisierung erweist sich seines Erachtens als ideologische Maske, da die 'Zivilisationskrise' (119), in die dieser Prozess eingebunden ist, dessen unterstellte Möglichkeiten zur Integration untergrabe und letztlich bedinge, dass sich eine globale Rahmensteuerung angesichts eines "...irren Amoklauf[s] des Kapital[s]..." (10) als unmöglich erweise. Ein Anzeichen dieser Krise sei das Vorantreiben der Verarmungsprozesse erdweit. In dieser Einschätzung trifft er sich mit den Ausführungen von Pierre Bourdieu und anderen Globalisierungs-KritikerInnen (John R. Saul, Viviane Forrester u.a.) zu dieser Frage.

Ein weiteres Segment der Zuspitzung der Krise ist für Thielen die Nutzung der militärischen Option zur Führung neuartiger "Kontroll- und Verteilungskriege"(12), zu deren Etablierung der Irak- und der Balkankrieg die ersten Etappen gewesen sein könnten. In diesem Zusammenhang verweist er auf die sich diametral gegenüberstehenden Existenzinteressen von indigenen Kulturen bzw. regional verwurzelten Bevölkerungen und den global operierenden Kapitalmechanismen. (12/13) Ob es allerdings in diesem Kontext Sinn macht, neue Gesetzmäßigkeiten eines Global-Kapitalismus zu formulieren (vgl. S. 16) bleibt zu bezweifeln, da sich hier eher Balance-Verschiebungen in den Erscheinungsformen eines Systems anzeigen dürften als grundsätzlich neue Strukturgesetzlichkeiten.

Für Thielen hat die moderne Welt vier "...große formal rationale Strukturen der Unfreiheit und damit der Würdelosigkeit und der Armut ..."(33) hervorgebracht: - die Transformation der Natur in ein technisches Mittel für die Produktion; - die Transformation des Menschen in einen Automaten abstrakter Arbeit; - die Transformation des Menschen in ein Objekt der Staatsgewalten; - die Verinnerlichung der Entfremdung durch Selbst-Unterwerfung. Die Gemeinsamkeit dieser vier Strukturzwänge sieht Thielen in der Verneinung der qualitativen inneren Zweckhaftigkeit des menschlichen Individuums und der Natur und damit ihre Verwandlung in bloße Mittel für jeweils anderes.

In Anlehnung an Raul Fornet-Betancourt stellt Thielen die Ideologie von der Masse und die Fragwürdigkeit einer Konzeption, die das Volk - oder auch das Proletariat - "...zur Kategorie des Ortes und der Quelle des Menschlichen in seinem höchsten Sinne..."(54) überhebt, in Frage. Damit ist dieses vermeintliche revolutionäre-anonyme Subjekt zwar nicht aus dem Blick geraten, aber es konkretisiert sich unter dem Fokus eines Auflehnens für die Würde, Gerechtigkeit und Freiheit des Menschen, vor allem der Ausgegrenzten und 'Verdammten' dieser Erde, auf das konkrete Individuum und seine Nöte als eines emanzipatorischen Subjektes des 'hier und jetzt'.

Hierzu sei auf einzelne zentrale Stichpunkte seiner Argumentation, die hier nicht weiter verfolgt werden können, hingewiesen: - die Pervertierung der Persönlichkeit in der kommerziellen und auf Hierarchie und Ausbeutung angelegten bürgerlichen Welt (79); - der Gewaltcharakter der wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte der kapitalistischen Produktionsverhältnisse (185); - die Notwendigkeit der Entwicklung einer authentischen Utopie im 'hier und jetzt', angesichts eines apokalyptischen Taumels der Zerstörung (81 ff.,. 172); - die Erfahrung der religiösen Transzendenz als ideeller Kern der Freiheitsbewegung (77, 171 f.); - die Versöhnung mit der Natur (passim, u.a. 220).

Der Band enthält insgesamt acht gleichwertige Kapitel, die um die Themenblöcke Menschenwürde, Neokapitalismus, kritisch-praktische Ethik, verschüttete emanzipative Traditionen und neue Wege sowie diese lebendige 'Wüste' angelegt sind, wobei sich der Begriff der Wüste bei Thielen vorwiegend aus einer religiösen Symbolik erschließen dürfte, als Belebung scheinbar toter Erde, als eine Art Paradies in vermeintlicher Erde. Desweiteren dokumentiert der Band im Anhang ein Gespräch mit Sartre über Anarchie und Moral aus dem Jahr 1979, die Vorstellung von zwei für Thielens Thesen ergiebigen Intellektuellen aus Brasilien: Leonardo Boff, als Vertreter der Theologie der Befreiung und Tenso Genro als Quelle für die Erneuerung des sozialistischen Projekts. Den Abschluss bildet der Entwurf eines Projektes für eine eingreifende Publizistik auf Basis einer Kritischen Theorie der Emanzipatorischen Praxis.

Die Quellen, auf die Thielen zurückgreift

Thielen stützt seine Überlegungen in erster Linie auf drei Quellenstränge:

1. Im philosophischen Strang reflektiert Thielen seine Studien bei Horkheimer, Adorno und Marcuse. Seine Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie ist aufschlussreich, insbesondere Walter Benjamin bietet sich als authentische Quelle für Thielens Vorhaben an.

2. Der theologische Strang: der Religiöse Sozialismus um Leonhard Ragaz, Paul Tillich und Karl Barth sowie die Theologie der Befreiung, Leonardo Boff u.a.. Die religiösen Spuren in Thielens Buch sind originär mit seinen eigenen Gedanken verbunden und wirken keineswegs aufgesetzt oder als Bruch in der Argumentation, wie so mancher Rekurs auf die Frankfurter Schule.

3. Die indigene Kultur-Praxis und Reflexion, vor allem von Bewegungen in Brasilien (Landlosenbewegung) und Mexiko (Zapatistas).

Auffällig ist, dass er nicht auf Simone Weil (ihrem Denken zur Entscheidung sowie ihrer religiösen Orientierung) und auf Pascal (im Zusammenhang mit dem Zweck-Mittel-Paradigma) sowie Schelling (vor allem seine Subjekt- und Natur-Philosophie) zurückgegriffen hat, die hier möglicherweise wesentlich fruchtbarer gewesen wären als so mancher Hinweis auf Überlegungen aus dem Umfeld der Kritischen Theorie.

Thielens Befreiungsprojekt zum ethischen Leben

Thielen begreift - und dies verbindet sein Denken mit allen originär nicht-bürgerlichen Emanzipationsbewegungen seit dem 19. Jahrhundert - die bürgerliche Welt als Passage: "Es gab [...] ein Leben vor und es gibt daher auch ein Leben nach dieser Ökonomie und Politik des Todes." (21) Was seiner Meinung nach den heutigen 'Aufstand' der Menschen in die Zukunft wesentlich begründet, ist die Zurückeroberung einer humanen Würde, die das bürgerlich-kapitalistische System unter dem Terror von Zwängen und Korrumpierungen begraben hat. Authentische menschliche Würde basiert für ihn auf grundständiger persönlicher Autonomie, auf einer freien Selbstbestimmung, die sich die Entfaltung der individuellen Gaben zur Aufgabe setzt und in ihrer Verwirklichung eine sich selbst verantwortete innere Zweckhaftigkeit der Existenz hervorbringt, die sich jedem Versuch widersetzt, als Mittel für anderes benutzt zu werden. Diese Würde wächst für Thielen aus den inneren Potentialen des Menschen und nicht im mindesten aus den dinglichen und medialen Warenangeboten der kommerziellen bürgerlichen Welt. (28 ff; zum Zweck-Mittel-Paradigma vgl. u.a. S. 99) Auf diesen Überlegungen gründet sich auch seine Unterscheidung von wahrem und falschen Reichtum, der auf Herrschaft und auf der Armut anderer basiert. (30)

Gegen alle philosophischen oder politischen Modelle, die "...Kompromisse mit dem schlechten Bestehenden..." (95) eingehen, verweist Thielen auf die existentielle Unausweichlichkeit eines authentisch würdevollen Lebens "...in jedem Augenblick einer jeden Gegenwart ..."(193), das sich auf Gott als das "...ganz Andere..." (Karl Barth) beruft, als einem Geistigen und Transzendenten gegenüber allem bloß irdischen Wollen und Begehren. Auf dieser Transzendenz-Gründung jeden Lebens und auf das fortwährende 'hier und jetzt' jeder subjektiven Entscheidung über authentisches oder eben an fremde Strukturen verlorenes Leben basiert Thielens Würde- und Freiheits-Postulat. Das Individuum hat die existentielle Pflicht, sich nicht fremdbestimmen, sich nicht als Mittel für fremde Zwecke missbrauchen zu lassen. An dieser Stelle seiner Überlegungen grundradikalisieren sich seine Begründungen und verweisen auf das Bild von Jesus: Subjekt eines authentischen, freien, würdevollen Lebens in Liebe zu seinen Mitmenschen und Mitlebewesen zu sein, gegen alle diesen Anspruch untergrabende Zwangs-Strukturen jeder Gegenwart. Diese christlich-ethische Radikalität behauptet Thielen gegen die Quellen aus der Geschichte des Christentums, die sich in der schlechten Realität einzurichten versuchen (vgl. Jesus-Paulus-Peripetie; 149 ff.) Aus dieser Verantwortung jedes Menschen vor sich selbst und dem der Transzendenz des 'ganz Anderen', aus dem es sich verdankt, rettet seiner Meinung nach auch nicht das in seine eigenen Fesseln verstrickte Konstrukt der strukturellen Sachzwänge, die zweifellos mächtig sind, "...aber niemals absolut..." (115)

Wenn Thielen gegen ein negativ verstandenes Utopie-Verständnis, das deren Unrealisierbarkeit stillschweigend unterstellt, die 'Erlösung' des Religionsphilosophen Franz Rosenzweig hält, die "...immer schon beginnt als Vergegenwärtigung der Zukunft im Hier und Jetzt ..." (293; Anm. 78), so führt dies in den Kern seiner Ausführungen, deren Blickfeld sich allerdings zugleich kritisch umkehrt, um zu erkennen, "...warum die Welt, die jetzt, hier das Paradies sein könnte, morgen zur Hölle werden kann." (Adorno; zitiert auf S. 302)

Statt einer streckenweise konstruiert wirkenden Auseinandersetzung mit der Debatte über Verantwortungs- und Gesinnungsethik (Max Weber) sowie der Diskursethik (Apel und Habermas; einer "Variante der Verantwortungsethik" (104)), hätte man sich einen Exkurs über die Möglichkeit und Problematik indigener Ethik in der Gegenwart gewünscht, was auch Thielens eigenem Anspruch viel näher gelegen hätte: "Ethik wird zur Wirklichkeit in der Verwirklichung konkreter Utopien." (102) Auch wenn an manchen Stellen Spuren zu einem Ansatz indigener Ethik erkennbar werden (z.B. Maya-Indios versus Kapital-Strategien beim Eingriff in die Erde; S. 13), sucht man einen systematischen Ansatz hierzu leider vergeblich. Möglicherweise wäre dann Thielens Anspruch an praktischer Realisierung ethischer Prämissen kritischer ausgefallen. Ethik ist für Thielen ein unmittelbar praktisches Gestaltungsprinzip von Welt. Seine Ausführungen zur "Ethisierung der Wirklichkeit" (104) sind als individuelle Leitschnur sehr sympathisch, als reales Kollektiv-Projekt jedoch kritisch zu beleuchten. Der Widerstand indigener Kulturen gegen die bürgerliche Welt z.B. ist nur zum Teil aus der Überwindung von Moderne, zum anderen aber vor allem der Bewahrung einer vor-modernen Lebensweise zu verstehen. Sie stellt jedoch nicht nur die Vergangenheit der bürgerlichen Welt dar, sondern weist durchaus über die bürgerliche Welt in eine Zukunft hinaus, die schon immer begonnen hat. Indigene Ethik ist daher etwas ganz anderes als bürgerliche oder in der Moderne gegen die bürgerliche Welt entworfene Ethik. Hierzu hätte man sich eine intensivere Auseinandersetzung gewünscht, zumal sie sich dem Stoff von Thielens Buch angeboten hätte.

Zentrale und weiterführende Themenstränge

Mehrere Themenstränge, die sich systematisch durch Thielens Arbeit ziehen, enthalten wichtige Anregungen zur Weiterführung der Debatte um die Überwindung von bürgerlicher Welt:

1. Die 'Logik der Ökonomie' "...kann nicht mehr als ein Verbündeter angesehen werden für den Sozialismus, sondern muß heute überwiegend begriffen werden als eine Brutstätte der Barbarei, wie das in ihrer Zeit Rosa Luxemburg gesagt hatte." (341)

2. Das abendländische Modell von Naturwissenschaft, Technik und Industrie ist selbst ein wesentlicher Teil der zivilisatorischen Krisis, weil es eine zentrale Bedingung des Projekts der modernen Herrschaft ist. Es war und ist bürgerliche wie marxistische Fortschrittsideologie, anzunehmen, dass dieses Modell "...neutrale Mittel..." (186; vgl auch 190) für das emanzipative Projekt der Menschheit bereitstelle.

3. Es geht heute darum, von einer politisch-militärischen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System zu einer fundamental-kulturellen, ethisch-geistigen Auseinandersetzung überzugehen, die sich tief in die Kulturgeschichte, die durch das kapitalistische System ihrer Wurzeln beraubt wurde und wird, zurückverwurzelt. (vgl. 169)

4. Was der Mensch eigentlich auf seinem Lebensweg erstreben sollte, das findet sich allesamt jenseits der gigantomanischen ökonomisch-bürokratischen Produktions- und Verwaltungsapparate der Moderne: Frieden, Güte, Ruhe, Stille, Genuss, Freude, Schönheit, kultivierte Erotik, Liebe. Das sind diese schönsten Dinge, die umsonst sind (Baudelaire) und deren Tod der bürgerliche Kommerz- und Herrschaftsapparat ist. (vgl. 298)

5. In diesem letzten Punkt sei mit den Worten des Autors zugleich eine Art Resümee eines Buches gezogen, zu dessen lesender Auseinandersetzung diese Besprechung unbedingt auffordern möchte: "Die Revolutionen haben sich auch selber von innen her zerstört, weil die Klassen und Völker und ihre Avantgarden zu wenig Liebe zu den Menschen und zuviel diabolischen Geschmack an der Macht hatten. Bei Strafe der zwanghaften Wiederholung von Gewalt, Macht und Herrschaft, ohne ein Entrinnen, muß damit jetzt Schluß sein - so vollständig wie endgültig." (273)

nj

erschienen in: graswurzelrevolution, Nr. 260, Sommer 2001

Helmut Thielen: Die Wüste lebt. Jenseits von Kapital und Staat

von B. Büscher

Allein die Verlagsinformationen über den Autor Helmut Thielen lassen aufhorchen: Ein deutscher Professor, der in Brasilien lebt und lehrt und der, von der Kritischen Theorie herkommend, lateinamerikanische Philosophie und Theologie der Befreiung, anarchistische Ansätze, Gewaltlosigkeit und utopisches Denken kritisch integriert …

Thielens Ausgangspunkt ist seine Kritik des weltweit wuchernden und alles durchdringenden Kapitalismus - der gängige Begriff "Globalisierung" beschreibt nur ungenau dieses "wüste Durcheinander von Interessengegensätzen, Konkurrenz, ökonomischen, politischen und militärischen Kämpfen, Krisen, Zusammenbrüchen, leichten Erholungen, neuen Krisen etc., dem wirklich jede Vernunft abgeht, das heißt ein positiver Bezug auf humanistische Werte." (S. 10) Zur Analyse und zum Verständnis der neoliberalen "neuen Weltordnung" bleibt der Rückgriff auf die Theorien von Karl Marx - gerade nach dem Zusammenbruch des sogenannten Realsozialismus und der damit einhergehenden Diskreditierung marxistischer Theorie - unerläßlich. Thielen meint den "ganzen Marx", der im "Kapital" auf tiefgehende und präzise Weise die Wurzeln jeglichen wirtschaftlichen Systems, das auf dem Klassengegensatz von Kapital und Arbeit und damit auf Ausbeutung basiert, freigelegt hat, und nicht allein den "humanistischen" Marx der Frühschriften.

Als Alternative zum neoliberalen Kapitalismus sucht der Autor nach einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, "jenseits von Lenin und Bernstein", von realsozialistischer und sozialdemokratischer Umsetzung marxscher Ideen also: er sucht einen "dritten Weg", wobei er sich kritisch von anderen Verwendungen des Begriffs (z.B. durch Anthony Giddens, dem Theoretiker hinter dem Schröder/Blair-Papier) absetzt. Bemerkenswert für einen durch die Kritische Theorie Horkheimers, Adornos und Marcuses geprägten Denker spielt bei Thielen die Utopie eine zentrale Rolle. Unter Einbeziehung der Marx- und Leninkritik Martin Bubers und Gustav Landauers gelangt er zu rätedemokratischen und anarchistischen Modellen einer neuen Gesellschaft. Im Interesse der Opfer des neoliberalen Kapitalismus, deren Zahl täglich anwächst, muß und kann die Umwandlung der Gesellschaft bald, möglichst sofort geschehen. Hoffnungszeichen für eine kommende Veränderung sind die massiven Proteste bei den internationalen Zusammenkünften der wirtschaftlichen und politischen Spitzen (Seattle), kommunitäre, oft christliche Gruppen, die neues Zusammenleben und -arbeiten im Kleinen vorwegnehmen sowie Widerstandsbewegungen der "Dritten Welt" wie die Zapatisten in Mexico und die Bewegung der Landlosen in Brasilien. Gerade die letztgenannten, die Thielen aus eigener Kenntnis heraus ausführlich vorstellt, haben eine neue Qualität des Widerstands entwickelt. Herrschte in Lateinamerika bisher in Theologie und Theorie der Befreiung eine Akzeptanz des Nebeneinanders von bewaffnetem und friedlichem Kampf vor, so ist jetzt eine Kritik der Waffen notwendig. Dabei hat das religiöse oder ethische Moment seinen Wert; entscheidend aber sind rationale Argumente - ein bewaffneter Aufstand muß heute der Vormacht des Staates unterliegen, und alle bisherigen gewaltsamen Umstürze haben die Revolutionäre zur Errichtung autoritärer, diktatorischer Strukturen gezwungen. Im lateinamerikanischen Kontext sieht Thielen diese neue Qualität der Befreiung durch den verstorbenen Helder Camara und Leonardo Boff verkörpert.

Die Kapitel des Buches sind essaymäßig verfaßt und können einzeln gelesen werden. Wer - wie der Rezensent - mit der Terminologie der politischen Ökonomie und der Kritischen Theorie nicht oder nur wenig vertraut ist, wird sich durch einige Passagen mühsam hindurcharbeiten müssen. Diese Mühe lohnt sich. Das letzte Kapitel des Buches endet mit den schönen Worten: "'Die Post-Moderne' hat das Ende der häßlichen, dogmatischen und korrupten Linken mit sich gebracht. Aber es ist schon die Zeit gekommen für eine schöne, kultivierte, kreative, aufrichtige und konsequente Linke. Eine solche Linke wird ihre Chance haben und wirklichen, die Menschen anzuziehen und zu überzeugen." Helmut Thielens leidenschaftliches Plädoyer für eine Gesellschaft jenseits von Kapital und Staat wirkt anziehend und überzeugend, macht Lust auf Dialog und Diskussion.

erschienen in: Der Pazifist, Hefte für Völkerrecht und Arbeit für den Frieden, Nr. 5/161, 25. Mai 2001

>> zurück zur buchvorstellung
>> zurück zur verlagsübersicht
Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Bücher aus dem Verlag Graswurzelrevolution

Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus
Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung

Digitale Selbstüberwachung
Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus

Die Revolution bist Du!
Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden

Rirette Maîtrejean
Attentatskritikerin, Anarchafeministin, Individualanarchistin

Gegengeschichten oder Versöhnung?
Erinnerungskulturen und Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung vom Bürgerkrieg bis zur "Transición" (1936-1982)

Alles verändert sich, wenn wir es verändern
Die Offene Arbeit Erfurt im Wandel der Zeiten (1979-2014)

"Kommen Sie da runter!"
Kurzgeschichten und Texte aus dem politischen Alltag einer Kletterkünstlerin

Deutsche AntifaschistInnen in Barcelona (1933-1939)
Die Gruppe "Deutsche Anarchosyndikalisten" (DAS)

Christlicher Anarchismus
Facetten einer libertären Strömung

Topf & Söhne
Besetzung auf einem Täterort

…und über uns kein Himmel
Graphic Novel

Lebensfäden
Zehn autobiographische Versuche

Gegen die Arbeit
Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38

Staudamm oder Leben!
Indien: Der Widerstand an der Narmada

Das Schlachten beenden!
Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen

Ein weltweiter Aufbruch!
Gespräch über den gewaltfreien Anarchismus der Siebzigerjahre

Kleine Geschichte des Anarchismus
Ein schwarz-roter Leitfaden - Comic

"Ich revoltiere, also sind wir."
Nach dem Mauerfall: Diskussion um Albert Camus' "Der Mensch in der Revolte"

Barrieren durchbrechen!
Israel / Palästina: Gewaltfreiheit, Kriegsdienstverweigerung, Anarchismus

Der Intimfeind
Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus

Anarchismus
Theorie, Kritik, Utopie

Lebensunwert?
Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand

Lebenserfahrung und Geistesarbeit
Simone Weil und der Anarchismus

Anarchismus und Bürgerkrieg
Zur Geschichte der Sozialen Revolution in Spanien 1936-1939

Kampf der Erinnerungen
Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006

Rebell wider den Krieg
Bertrand Russell 1914-1918

Franz Prisching
G'roder Michl, Pazifist und Selberaner

"Krieg ist der Mord auf Kommando"
Bürgerliche und anarchistische Friedenskonzepte. Bertha von Suttner und Pierre Ramus

Zeiten des Kampfes
Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den sechziger Jahren

Der 11. September und die neuen Kriege
Von der Bewegung gegen neoliberale Globalisierung zu einer weltweiten Antikriegsbewegung?

Das andere Indien
Anarchismus, Frauenbewegung, Gewaltfreiheit, Ökologie

Die Wüste lebt
Jenseits von Staat und Kapital

Gewaltfreier Anarchismus
Herausforderungen und Perspektiven zur Jahrhundertwende

Urpsrung der Revolte
Albert Camus und der Anarchismus





 


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
verlag graswurzelrevolution buchverlag@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net