graswurzelrevolution
427 märz 2018
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Okay, tief Durchatmen

Das Leid der Rezension

Sven Borstelmann: Wenn du das Paradies suchst, geh lieber weiter, Selbstverlag 2017, 384 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3000578892

Ich finde eine Mail in meinem Postfach mit einem Hinweis auf ein neu erschienenes Buch. Ein Roman über das Leben in einer Kommune von einer Person, die mehrere Jahre in einer solchen gelebt hat. Ich habe viele Bilder vor Augen von eigenen Besuchen in Kommunen und Gemeinschaften. Mir ist sofort klar: Sven Borstelmanns Buch "Wenn du das Paradies suchst, geh lieber weiter" wird mir entweder sehr gefallen oder ich werde Fremdscham empfinden und mich ärgern. Mit einer Mischung aus Hoffnung auf ein gutes Buch und der Überzeugung, dass auch schlechte Bücher manchmal rezensiert werden sollten, um an passenden Stellen einen Finger in Wunden zu legen, erkläre ich mich also bereit, es zu besprechen.

Ich finde es auf der ersten Seite schon unterirdisch. Ein Pärchen lernt sich kennen; sie äußert, ihr sei kalt und er erwidert daraufhin, sie habe Glück, denn hübsche Frauen zu wärmen sei eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Ihre Antwort ist leider keine Ohrfeige, sondern der Wunsch nach Hochzeit und Kindern. Okay, tief Durchatmen.

Vielleicht wird es besser bei der nächsten Liebesgeschichte. 20 Seiten später: Er zu ihr: "Mein Motto ist: Gegen die Bullen hart, im Bett zart". Es wurde nicht besser. Viele Seiten später. Beziehungsstreit. Sie, selbst nicht Bewohnerin der Kommune, wirft ihm vor, die Kommunard_innen seien überheblich und arrogant, würden sich über das Heiraten lustig machen und Urlaubsflüge seien als unökologisch verpönt. Er antwortet aber nicht etwa politisch und spiegelt ihr, dass es sinnvoll und notwendig ist, unbequem zu sein und Heiraten und Fliegen zu kritisieren, sondern analysiert ihre Bindungsängste. Zu allem Überfluss leitet er sie auch noch aus ihrer Bisexualität ab.

Mein Mitbewohner kommt vorbei. Ich lese ihm ein paar weitere Zitate vor. Es geht um zwei alt gewordene Männer, die ihren Frieden gefunden haben mit den Zuständen der Welt. Früher hätten sie Flugblätter verteilt, heute hätten sie sich mit dem inneren Frieden bei Opel und der Tarifpartnerschaft abgefunden oder angefreundet. Viele Gewissheiten von früher hätten bei ihnen nicht überlebt, heute sei ihr Feind das Übergewicht.

"Du musst dieses Buch verreißen in deiner Rezension", sagt mein Mitbewohner trocken.

Er sagt das, weil diese Schilderungen zwar allesamt treffende Beschreibungen biografischer Entwicklungen von Menschen darstellen, eine ehrlich kritische Aufarbeitung aber nicht geschieht. Es scheint vielmehr so, als sei es nach Ansicht des Autors wünschenswert, mit eigentlich allem seinen eigenen Frieden zu finden. Fast so, als sei das Buch seine verschriftlichte Rechtfertigung dafür, selbst nicht mehr zu kämpfen.

Wenn all das die Realität von Kommunen in Deutschland beschreibt, und ich glaube, dass es das tatsächlich ein Stück weit realistisch tut, kann ich kämpferischen politischen Menschen nur davon abraten, sich für ein solches Leben zu entscheiden.

Dass der Roman darüberhinaus auch noch gnadenlos langweilig geschrieben ist und keine der Figuren wirklich Gestalt annimmt, weil auf knapp vierhundert Seiten eine Belanglosigkeit auf die nächste folgt und sich nichts entwickelt, macht es nicht einfacher, das Buch bis zum Ende zu lesen.

In der Graswurzelrevolution Nr. 425 stand im Vorwort, in härter werdenden Zeiten müssten wir phantasievoller, subversiver und widerständiger werden - eine Überzeugung, die dem Autor dieses Buches leider nicht zu attestieren ist.

Hanna Poddig
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