Feminismus

Global das Patriarchat bestreiken!

Am 8. März ist Frauenstreiktag

| Monika Kupczyk, Tinet Ergazina

Foto: Molly Adams via flickr.com (CC BY 2.0)

In den letzten Jahren sind Frauen immer wieder auf die Straße gegangen, um gegen Gewalt und Unterdrückung, gegen Einschränkung ihrer reproduktiven Rechte, gegen herrschende Ungleichheiten und Diskriminierung zu protestieren. Beispielsweise in Italien, Argentinien, Polen, Südkorea und den USA fanden zahlreiche Proteste, Demonstrationen, direkte Aktionen und Streiks statt. Ihren Höhepunkt erreichten sie in Spanien, wo sich 2018 mehrere Millionen Menschen an einem Generalstreik beteiligten. Auch in Deutschland hat sich letztes Jahr ein Frauen*streik-Bündnis gegründet, das Einzelpersonen, unterschiedliche Organisationen und Netzwerke mobilisiert, um die Streikbewegung rund um den 8. März aufzubauen (siehe Interview in dieser GWR).

Obwohl im Zuge des Rechtsrucks feministische Bewegungen und ihre Errungenschaften bekämpft werden, schließen sich immer mehr Menschen diesen Protesten an.

Frauenarbeit hat kein Ende

In der ganzen Welt werden Frauen unterdrückt. Institutioneller Rassismus, strukturelle Benachteiligung, sexuelle Gewalt, die Grenzregimes, Kürzungen der Sozialleistungen usw. machen das Leben der Frauen umso schwieriger – in der Familie, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum.

Die Geschlechterordnung – das Patriarchat – teilt den Frauen eine traditionelle Rolle zu, in der sie die Fürsorge-, Haushalts- und Erziehungsarbeit übernehmen sollen. Das sind Tätigkeiten wie Kochen, Waschen, Putzen, Kinderpflege, Altenpflege, und auch emotionale Arbeit und Sexarbeit, die zu Hause verrichtet werden. Die Frauen werden doppelt belastet: durch unbezahlte Fürsorgearbeit neben der Lohnarbeit. Zwei Drittel der gesamten Arbeitsstunden in der Welt heute sind unbezahlte Aktivitäten in der Care-Arbeit, die fast nur von Frauen geleistet werden. In industrialisierten Ländern verbringen vollzeitarbeitende Frauen durchschnittlich 23 Stunden in der Woche mit unbezahlter Haushaltsarbeit, und sechs bis zwölf Stunden in unbezahlter Kinderpflegearbeit – das letztere ist zwei- bis viermal so viel Zeit wie Männer damit verbringen. Nach Angaben aus dem Jahr 2017 beträgt die „Gender Care Gap“ in Deutschland 52,4 %.

Gleichzeitig wurden solche Aufgaben wie Pflegearbeit, Haushaltshilfe, Kinderbetreuung und Sexarbeit auf dem kapitalistischen Markt auch käuflich zugänglich gemacht. Das Patriarchat in Zusammenspiel mit dem Kapitalismus teilt es ebenfalls den Frauen zu, die käufliche Fürsorgearbeit zu verrichten. Frauen und ihren Tätigkeiten wird jedoch im Patriarchat weniger Wert zugeschrieben. Ein Beispiel dafür ist die Situation der Altenpflegerinnen. Obwohl in Deutschland der „Pflegenotstand“ herrscht bleibt das Problem der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften im Care-Bereich immer noch ungelöst. Warum? Die „Unattraktivität“ der Fürsorgearbeit liegt zum einen an den niedrigen Löhnen, zum anderen am niedrigen Status der Pflegeberufe, die als „Frauenarbeit“ gesellschaftlich abgewertet werden.

Im Endeffekt wird die Care-Arbeit an Migrantinnen delegiert, die nicht nur in öffentlichen Einrichtungen beschäftigt sind, sondern auch in Privathaushalten, insbesondere in der Pflege älterer Menschen. Ihre Arbeit wird oft als „alternative“ Lösung zur aktuellen „Pflegekrise“ in Deutschland wahrgenommen. Es wird geschätzt, dass es in Deutschland zwischen 150.000 und 500.000 Pflegeemigranten gibt, die sich um ältere Menschen kümmern. Sie sind meistens Frauen aus Osteuropa, die oft irregulär zu rechtswidrigen Konditionen arbeiten.

Auf dem Arbeitsmarkt sind so genannte Frauenarbeiten nicht nur unterbezahlt und befristet, sondern auch illegalisiert und stigmatisiert. Sie bleiben mehrheitlich ohne soziale Absicherung. Kolleginnen werden im Supermarkt von ihrer Chefin schikaniert; Auszubildende werden als billige Arbeitskräfte behandelt; Pflegerinnen im Altenheim körperlich, psychisch und emotional ausgebeutet; Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt. Kolleginnen sind gezwungen unbezahlte Überstunden zu leisten; ältere Frauen werden oft nur geringfügig beschäftigt; Kolleginnen wird gekündigt, weil sie schwanger sind; Migrantinnen werden aufgrund ihres Namens erst gar nicht zum Jobinterview geladen; Langzeitarbeitslose werden als Schmarotzer stigmatisiert und mit Sanktionen bedroht; Frauen werden gemobbt, weil sie transgender sind; alleinerziehende Mütter werden als dauerhaft unvermittelbar eingestuft… Niedrige Löhne, Schikanen und sexuelle Belästigung sind Formen der Diskriminierung, die Frauen tagtäglich in allen Lebensbereichen erfahren.

Zwischen Ausbeutung und Emanzipation

Immer mehr Fürsorgearbeit wird auf Frauen abgewälzt, die dafür wenig oder gar nicht bezahlt werden. Das erzielt Gewinne, die von wenigen Privilegierten genutzt werden. Oft wird die Tatsache verschwiegen, dass wir in einer Gesellschaft mit zunehmenden Klassenunterschieden leben. Dazu trägt nicht zuletzt der Abbau des Sozialstaates bei, nach dem im Fürsorgebereich nur die „Reichen“ private Dienstleistungen kaufen können und die „Armen“ selbst klar kommen müssen.

Das Leben der privilegierten Frauen wird währenddessen den anderen Frauen als erstrebenswertes „feministisches“ Ideal vorgehalten. Jedoch verfolgt auch die neoliberale Gleichstellungspolitik nur das Ziel, Frauen in dem inhärent ungleichen kapitalistischen Ausbeutungssystem zu verwerten – als Chefinnen, Arbeitnehmerinnen und Konsumentinnen –, anstatt die Ungleichheiten grundlegend zu bekämpfen.

Obwohl prekarisierte Frauen meistens lebenswichtige Arbeiten in der Gesellschaft übernehmen, haben sie selbst einen geringeren Spielraum, um ihr eigenes Leben zu gestalten. Die Einschränkung der reproduktiven Rechte bedeutet, dass Frauen durch ungewollte Schwangerschaften weniger Möglichkeiten zu Ausbildung und besseren Jobs haben und mehr von Männern und deren zusätzlichem Einkommen abhängig sind.

Nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes verdienen Frauen immer noch deutlich weniger als Männer. 2017 lag der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern (der sogenannte Gender Pay Gap) bei rund 21%. Der durchschnittliche Stundenlohn lag bei Frauen mit 16,59 Euro brutto deutlich unter dem der Männer (21 Euro). Einen großen Einfluss darauf haben strukturelle Unterschiede, die sich in den Erwerbsbiografien und der Berufswahl zeigen. Aber selbst in der von Frauen dominierten Branche „Gesundheits- und Sozialwesen“ lag der Gender Pay Gap bei 20%. In keiner Branche verdienten Frauen mehr als Männer. Außerdem sind vorwiegend Frauen in Teilzeit und geringfügig beschäftigt. 2017 betraf dies fast jede zweite erwerbstätige Frau von 20 bis 64 Jahren (47%). In der gleichen Altersgruppe der Männer lag der Anteil bei 9 %. Während Frauen als Hauptgründe die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen (31 %) bzw. sonstige familiäre oder persönliche Verpflichtungen (18 %) angaben, nannten Männer hingegen als erstes eine parallel laufende Ausbildung oder berufliche Fortbildung (25 %).

In Folge sozio-ökonomischer Zwänge sind Frauen prekären Arbeitsbedingungen ausgesetzt und dadurch von Arbeitslosigkeit und (Alters-)Armut bedroht. Im Jahr 2015 bekamen Frauen eine um 53 % niedrigere Rente als Männer. In diesem Kontext spricht man von „Feminisierung der Armut“.

Den Streik zurückerobern

Weltweit kämpfen Frauen gegen die Unterdrückung durch Patriarchat und Kapitalismus. Als Mittel für ihren Widerstand haben sie vorrangig den Streik gewählt. Im letzten Jahr haben Frauen in mehr als 40 Ländern gestreikt, und gemeinsam eine internationale Streikbewegung aufgebaut. Sexuelle Gewalt, und der erschütternde Höchststand, den diese erreicht hat, ist nicht nur ein Problem von Frauen in Indonesien. Die polnischen Frauen führen nicht nur einen Kampf gegen den katholischen Fundamentalismus, sondern um Selbstbestimmung und reproduktive Rechte allgemein. Der Aufruf der argentinischen Frauen zur Beteiligung an den Protesten war nicht nur eine Antwort auf die lokale Anomalie des Massenfrauenmords (Femizids). Der Kampf gegen Ausbeutung von Frauen zu Hause und am Arbeitsmarkt ist nicht nur in Spanien eine Folge der geschlechterbasierten Rollenteilung. In der Tat handelt es sich um bislang isolierte Kämpfe gegen die neoliberale Form des Patriarchats, das Frauen auf verschiedene Weise, jedoch überall mit der gleichen Brutalität unterordnet. Der Kampf richtet sich auf der ganzen Welt gegen dasselbe Grundproblem.

Die Frauen haben ihren Streikaktionen einen globalen und sozialen Charakter gegeben. Sie bestreiken nicht nur die Lohnarbeit und kämpfen nicht nur für Tarifverträge, sondern sie bestreiken alle Formen der Arbeit, die von Frauen ausgeführt werden. Sie kämpfen für Verbesserung und Befreiung in allen Lebensbereichen. Dies ist ein Signal für sozialpartnerschaftliche Gewerkschaften, die versuchen, ein Monopol auf die „echte“ und „legale“ Praxis des Streiks aufrechtzuerhalten. Streik wird häufig lediglich als eine gesetzlich regulierte Methode genutzt, um über begrenzte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Der durch Gesetzgebung illegalisierte politische Streik wird als ein nicht legitimes Kampfmittel abgetan. Immer mehr Arbeiter*innen bilden jedoch selbstorganisierte Basisgewerkschaften, in denen keine Funktionär*innen ihnen vorschreiben können, wann sie streiken dürfen, wofür und mit welchen Mitteln.

Die Frauen in der globalen Streikbewegung zeigen, dass der Streik viel mehr ist. All die Bedingungen, die die Position von Frauen in der Gesellschaft bestimmen, sind nicht an bestimmte Nationen oder Staaten gebunden. Sie sind überall auf der Welt ähnlich und tragen dazu bei, den Kapitalismus weltweit aufrechtzuerhalten. Der globale Frauen*streik muss damit auch den Haushalt, die Schule, das Krankenhaus und andere Pflegeeinrichtungen umfassen. Der Frauen*streik fordert die gesamte gesellschaftliche Ordnung heraus. Der globale Frauen*streik zeigt, dass Frauen gemeinsame Interessen haben, die über die Grenzen von Nationen und Staaten gleich sind – sie wollen sich von der wirtschaftlichen Ausbeutung und der sozialen Unterdrückung befreien.

Gemeinsam streiken wir, gemeinsam schreiten wir voran!

Unter diesem Motto hat letztes Jahr u.a. die anarchosyndikalistische Basisgewerkschaft CNT (Confederación Nacional del Trabajo) zum Streik aufgerufen. Das erste Mal in der Geschichte Spaniens haben die Gewerkschaften zu einem feministischen Streik am internationalen Frauen*kampftag mobilisiert. Eine daran teilnehmende Genossin sagte: „Wir Arbeiterinnen müssen uns gemeinsam verteidigen, denn es gibt keinen Unterschied zwischen dem, was sie Lohnarbeit nennen, und dem, was Sorge- und Hausarbeit heißt.“ Nicht umsonst wird immer wieder im Kontext des Frauen*Streiks der Slogan „Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still“ wiederholt. Der Frauenstreik fordert nicht nur politische Reformen und zielt auf viel mehr als das eine oder andere Gesetz. Er fordert die neoliberale Ordnung heraus, welche vollständige Kontrolle über den Körper, das Leben und die Zeit von Frauen verlangt. Frauen fordern Macht für sich, die Möglichkeit, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Sie sind sich bewusst, dass sie dies nicht kampflos bekommen werden.

Die fem*fau, eine bundesweite feministische Arbeitsgruppe der anarchosyndikalistischen Basisgewerkschaft Freie-Arbeiter*innen-Union (FAU), hat in ihrem Aufruf zur Beteiligung an der Streikbewegung am 8. März geschrieben: „Wir streben danach, den Kapitalismus und das Patriarchat zu überwinden. Diese Kämpfe müssen ebenfalls gegen Rassismus und transnationale Ausbeutung gerichtet sein, da all diese Herrschaftsverhältnisse miteinander verwoben sind. Unser Ziel ist die Befreiung von jeder Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft. Streik, das Verweigern von (bezahlter und unbezahlter) Arbeit, ist dabei unser wirksamstes Mittel. Nur durch kollektives Handeln können wir soziale Emanzipation und Selbstbestimmung erreichen.“

Der Frauenstreik wird nicht von bestimmten Organisationen oder Parteien getragen. Frauen quer aus allen Gesellschaftsschichten kämpfen mithilfe des Streiks für die Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation der gesamten Arbeiter*innen-Klasse: für bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne, für soziale Sicherheit, für (Bewegungs-)Freiheit und Selbstbestimmung. Dass dieser Widerstand die Form eines Streiks annimmt, zeigt, dass der Streik einen transnationalen Charakter und sozialen Zusammenhalt haben kann – Streik ist eine weltweite Massenpraxis des Kampfes gegen das gegenwärtige Ausbeutungssystem. Der globale Frauen*streik geht weiter!

Monika Kupczyk, Tinet Ergazina

Die feministische AG der Basisgewerkschaftsföderation FAU, fem*fau, hat eine Zeitung zum 8. März herausgegeben, die kostenlos erhältlich ist bei den lokalen FAU-Gewerkschaften und online auf www.direkteaktion.org