memorial

Ein Syndikalist und glücklicher Arbeitsloser

Erinnerungen an Jörg Schneider (wie ich ihn kannte)

| Stuhlfauth Jr.

Jörg Schneider beim Aktionstag am Freitag, 13. April 2018 vor dem Deliveroo-Büro in Köln - Foto: Stuhlfauth Jr.

Mein Freund und langjähriger Genosse Jörg Schneider liegt im Koma, aus dem er mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht mehr erwachen wird. Jörg war ein rheinischer Syndikalist, Motorrad-Aktivist, lange Zeit glücklicher Langzeitarbeitsloser und FC-Fan.

Jetzt wo seine Wohnung aufgelöst wird und seine Motorräder verkauft sind, ist es Zeit, ein gutes Stück weit Abschied zu nehmen. Auch wenn ich ihn weiterhin besuchen werde, um ihm Blues vorzuspielen. Kontakt aufnehmen, Feedback geben, kann er leider nicht. Es bedürfte einer größeren medizinischen Sensation, eines Wunders, um daran etwas zu ändern. Beten, Hoffen oder Bangen helfen jetzt nicht weiter.

Jörg ist in der Nacht des 26. Dezember 2019 vollgetankt mit Schnaps eine vier Meter lange Steintreppe seiner Wohnung in Köln-Ehrenfeld runtergesegelt und offenbar ohne Reflexe mit der Stirn auf den Treppenabsatz geknallt. Was einen Dickschädel wie ihn zwar nicht umgebracht, ihm aber doch weitestgehend das Licht ausgeblasen hat. Nach Intensivstation und Reha-Aufenthalten ist er jetzt in einer Pflege-WG in Bonn-Roleber. Er ist stabil. Aber ohne Bewusstsein und ohne Besserung. Er ist jetzt 57 Jahre alt.

Jörg stammt aus dem Oberpleis im Siebengebirge. Er wurde am 2. Mai 1963 in Siegburg geboren, was ein beneidenswertes Datum ist, weil nach dem Kampftag der Arbeiterklasse somit ein zweiter Feiertag wartete, der kaum zu vergessen war. Er war gelernter Schlosser bei den Stadtwerken Bonn (Sein Vater, so erzählte er, war bereits Autoschlosser beim Audi-Händler Fleischhauer), dann 
Computer-Schrauber und Möbel-Spediteur. Die längste Zeit seines Erwerbslebens war er „Glücklicher Arbeitsloser“ im Sinne Guillaume Paolis und Peter-Paul Zahls (1), wobei sein zunehmender Schnaps-Konsum und daraus folgende Eskapaden, die zuletzt öfters in Verletzungen resultierten, die Vermutung nahelegen, dass das selbstgewählte Glücklichsein doch nur begrenzt und teilweise eingebildet war. Zuletzt kehrte er der Arbeitslosigkeit schweren Herzens den Rücken und pflegte im Team mit anderen als individueller Krankenbetreuer einen Kölner Genossen.

Er hatte drei alte BMWs. Als begnadeter Schlosser – zumindest hatte ich als absoluter Laie Hochachtung vor seinen Künsten – waren Motorräder sein Ding, fast sein Lebenselixier. Er war früher Mitglied der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnenunion (FAU) Bonn. Auf einer BMW fuhr er zu den Protesten gegen IWF und Weltbank in Prag 2000 und den EU-Gipfel in Göteborg 2001, wo er sich den anarcho-syndikalistischen Aufständischen anschloss. Beide Male konnte er sich mit Glück und Geschick Verhaftungen, Polizeigewalt und Strafverfolgung entziehen.

Zuletzt war er aktives Mitglied des antifaschistischen Motorradclubs Kuhle Wampe und des 1. FC Köln. (Wir zerstritten uns für kurze Zeit heftig an der Frage, ob das Trainingsgelände rund um das Geißbockheim- auf Kosten weiterer Flächen im Kölner Grüngürtel geschehen dürfe, was ich als linker, kritischer FC-Fan natürlich ablehnte. Er war aber zu meinem Erschrecken voll auf der Linie des Präsidiums, das weitere Flächen der Naherholungs-Allmende mit Kunstrasen versiegeln will.)

Ich lernte ihn kennen und schätzen, als ich 2001 der FAU Köln beitrat. Wir haben – letztendlich erfolglos – versucht ein Arbeitslosensyndikat aufzubauen und von 2003 bis 2005 jeden Montag von neun bis elf Uhr vor dem JobCenter Köln Flugblätter verteilt, Interviews mit Arbeitslosen geführt, sie auf Ämtergänge begleitet. Das Kölner JobCenter war damals Vorreiter und Modellversuch für die Einführung von Hartz IV. Das haben wir durch Kontakte zu betroffenen Arbeitslosen mit aufstockender Sozialhilfe, die dort nach britischem Vorbild (Workfare) durch die Mangel gedreht wurden, voll begriffen. Deshalb waren wir in dieser historischen Phase bis zur Einführung von Hartz IV am 1. Januar 2005 ziemlich weit vorne. Durch unsere kontinuierliche Präsenz und Agitation dürften wir einen schwer nachweisbaren, vermutlich gar nicht so kleinen Beitrag zur Renitenz der Arbeitslosen und zur Kultur in den Kölner Amtsfluren geleistet haben. (2) Leider war weder der FAU Köln noch unserem Arbeitslosensyndikat Wachstum beschieden – irgendwas haben wir wohl falsch gemacht. Beide sind eingeschlafen. Hartz IV hatte gesiegt. Unser Ziel eine Arbeitslosen-Armee oder ähnliches zu schmieden haben wir weit verfehlt; die Wirkung von Armut, gesamtgesellschaftlicher Hetze, individuell gebrochenem Stolz, fehlendem Wochen-Rhythmus, fehlender Phantasie und Perspektive, Einsamkeit und Entsozialisierung auf die individuellen Arbeitslosen haben wir sicher grob unterschätzt. Etwas von unserem Spirit ist aber in eine erfolgreichere Kölner Arbeitslosengruppe, die Kölner Erwerbslosen in Aktion (KEAs), übergegangen. (3) Das herannahende Revival der Arbeitslosigkeit durch Corona wird Jörg nun ebenso verpassen – wie die sensationelle Rettung des 1. FC Köln unter Markus Gisdol und den erneuten Abstieg der FC-Frauen, die er als treuer Fan bei Heimspielen stets live verfolgte.

Jörg wohnte lange in derselben Ehrenfelder Straße wie ich, bevor er in die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK Liebigstraße) und danach in die Marienstraße zog. Dort haben zwei seit 1978 besetzte Häuser überlebt, die bis heute nicht anständig isoliert sind und mit Kohle beheizt werden, was ihm und seinen Klamotten einerseits einen intensiven Kohlegeruch bescherte, andererseits eine Erklärung sein könnte, warum er abends oft lange aus blieb und noch eine Ehrenrunde durch benachbarte Kneipen wie das Connection drehte. Einfach weil es im Winter bei ihm ungastlich und Scheiße kalt war. Er hat keine Lebensgefährtin, keine Nachkommen und bis auf seinen Bruder keine Verwandten mehr. Mit den Frauen hat es nie geklappt bei Jörg, obwohl er sich prinzipiell schon für sie interessierte. Diese relative Einsamkeit mag für eine gewisse Traurigkeit oder Bodenlosigkeit gesorgt haben, die ebenfalls hinter seinem Drang zu trinken gesteckt haben könnte. Er selbst hätte das vermutlich verneint, das Gespräch darüber abgeblockt. („Männer können seine Gefühle nicht zeigen“, kalauerten Fischmob 1995 treffend.) (4)

Jörg liebte ZZ Top, Jimi Hendrix, Muddy Waters und – zu meinem persönlichen Leidwesen – auch die Rolling Stones (deren Phase als bedeutende Band m.E. mit dem Ausstieg von Mick Taylor 1974 endete). Über die Frage, ob das Rolling Stones Konzert im März 2016 auf Kuba eine dolle Sache gewesen sei, oder nicht doch eher eine kapitalistische Erschließungsmaßnahme, gab es so heftigen Streit unter meinen Gästen, dass Jörg seither nicht mehr zu meinen Heiligabend-Essen kam. Vielleicht hätte ich den Calvados zum Dessert weglassen sollen. Werner sagte Jörg auf den Kopf: „Du bist vielleicht naiv!“ Und da war wohl etwas dran. Manchmal hatte Jörg eine kindliche, hin und wieder kindische Art, Dinge zu betrachten. Manchmal war die Rolle, die er einnahm, aber auch köstlich, wenn er sich im Stile des braven Soldaten Schweijk gegenüber Autoritäten – JobCenter-Fallmanagerinnen, Polizisten, Fahrkartenkontrolleure, unfreundliche Wirte – einfach militant doof stellte. Er konnte sie zum Wahnsinn treiben. Sie wollten ihn hauen, aber er war fast zwei Meter groß, hatte Hände wie Baggerschaufeln. Und grinste frech.

Ob er sich wohl auch ums Bewusstsein gesoffen hätte, wenn er am 24. Dezember 2019 mit uns Weihnachten gefeiert hätte? Möglicherweise. Die Einladung schlug er aus, weil der besagte antiimperialistische Stones-Hasser auch geladen war. Am 25. Dezember sahen wir uns zum letzten Mal beim Geburtstag einer Freundin im SSK.

Er begeisterte sich für Rojava und die YPG, deren Entwicklung er wachsam verfolgte. Jörg war treuer Teilnehmer des Aktionstags Schwarzer #Freitag13 gegen Horror-Jobs, Fertigmacher und Anwälte des Schreckens, den die aktion ./. arbeitsunrecht seit 2015 durchführt.

Das Bild zeigt ihn am Aktionstag Freitag, 13. April 2018 vor dem Deliveroo-Büro in der Venloer Straße, Köln Ehrenfeld, nachdem der Fahrrad-Essenskurier sämtliche Angestellte entlassen und als Scheinselbständige wieder angeheuert hatte und so – scheinbar nebenbei – alle Mitglieder des neu gegründeten Betriebsrats entsorgte. Deliveroo machte nicht zuletzt aufgrund unserer Proteste das Kölner Büro dicht und verließ Deutschland im Sommer 2019 komplett. Wenn es doch immer so einfach wäre!

Welches Fazit bleibt?

Zumindest eins, und das meine ich keineswegs ironisch oder flapsig: Arbeiter*innen meidet den Schnaps!

Stuhlfauth Jr.

Anmerkungen:

1) Peter-Paul Zahl, der im Umfeld der Bewegung 2. Juni schweifte, veröffentlichte 1973 in West-Berlin eine Zeitschrift, „Der Glückliche Arbeitslose“, in der er das Motto „Berufsverbot für alle“ propagierte. Ende der 1990er errang Guillaume Paoli einen gewissen Grad an Bekanntheit als Theoretiker der „Glücklichen Arbeitslosen“ (Manifest: http://www.satt.org/gesellschaft/glar_1.html) und Mitherausgeber ihrer Zeitschrift „müßiggangster – Kontemplationsblatt der glücklichen Arbeitslosen“ (1999-2002).

2) Wir verteilten jede Woche rund 80-100 Flugblätter direkt an die Zielgruppe und dürften in zwei Jahren mit ca. 8.000 Personen durchaus einen relevanten Prozentsatz der rund 60.000 Kölner Arbeitslosen erreicht haben.

3) https://die-keas.org/

4) So hieß das Debüt-Album der Hamburger Hip-Hop-Band, https://de.wikipedia.org/wiki/Männer_können_seine_Gefühle_nicht_zeigen