Romería – Das Tagebuch meiner Mutter, Spanien, Deutschland 2025, 114 Min., Regie & Drehbuch: Carla Simón, Kamera: Hélène Louvart. Mit: Llúcia García u. v. a. Originalsprachen: Spanisch, Katalanisch, Französisch, FSK: 16. Seit April 2026 im Kino. Ab 13. August auf DVD und per TV on Demand erhältlich.
Der Spielfilm von Carla Simón nimmt uns mit auf eine Reise nach Vigo, zur Herkunftsfamilie des ihr unbekannten Vaters der Protagonistin. Wie die Mutter ist er jung gestorben, an Aids, übertragen durch verschmutzte Heroinspritzen. Die Tochter will sich an ihre Eltern erinnern.
„Mar d’aqui“ (Das Meer von hier), Maria Arnal singt dieses von Ernest Pipó für den Film Romería komponierte Lied. Voller Melancholie drückt sich in dem Lied viel von der Stimmung aus, in der dieser Film schwingt. Die Regisseurin und Ernest Pipó sind zusammen aufgewachsen, als soziale Geschwister. Carla Simón spricht darüber, dass sie in der Familie des Bruders ihrer biologischen Mutter aufgewachsen ist: „Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war, und meine Mutter, als ich sechs war, beide an Aids. Das letzte Mal, dass ich die Familie meines Vaters sah, war bei der Beerdigung meiner Mutter, danach verloren wir den Kontakt. Als ich kurz davor war, zur Uni zu gehen, brauchte ich die Sterbeurkunden meiner Eltern und wandte mich an meine Großeltern.“ An diese Reise aus Katalonien ins nordspanische Galizien, in die Hafenstadt Vigo, ist die Handlung des Spielfilms angelehnt. Carla Simón hat Briefe bekommen, die ihre Mutter einer Freundin geschrieben hat. Die sind die textliche Grundlage für das fiktive Tagebuch, aus dem die Protagonistin im Off vorliest. Marina Pineiro ist 18, gerade mit der Schule fertig. Sie will sich für ein Stipendium zum Studieren bewerben. Sie fährt nach Vigo, leider ist ihr Vater auf dem Amt als „kinderlos“ registriert – aber seine Eltern leben noch und könnten bezeugen, dass Marina seine Tochter, ihre Enkelin ist.
Verflochtene Familienbeziehungen
„Familienbeziehungen faszinieren mich, weil wir sie uns nicht aussuchen können“, erklärt Carla Simón.
Marina begibt sich im Laufe des Films immer mehr hinein in die Verflechtungen, die Vielstimmigkeit der Großfamilie Pineiro, aus der ihr Vater stammt.
Ihr Onkel Lois nimmt sie am Segelboothafen in Empfang. Er lebt mit seiner Kleinfamilie in Madrid, aber jetzt sind sie in Vigo zum Sommerbesuch und wohnen auf einer teuren Yacht, auf der sie ihre Tante Virxinia als Gastgeberin aufnimmt. Gleich geht es raus aufs Meer, die Aufnahmen auf und um das Boot herum sind atemberaubend schön.
Unter prallen Segeln geht es Richtung Islas Cíes, eine Gruppe von drei unbewohnten Inseln, die unter Naturschutz steht. Mit zwei Cousins springt Marina ins kalte Wasser. Der Atlantik vor der Felsküste Galiziens ist wild. Das Meer ist die Verbindung zwischen den zwei Zeitachsen, in denen der Film spielt: 2004, während des Besuchs von Marina, und 1985, als sich ihre Eltern hier liebten und heroinabhängig wurden. „Ich mag das Meer hier“, sagt Marina zu Onkel Iago. „Wie dein Vater“, erwidert Iago. Er war selbst heroinabhängig, ist losgekommen, jetzt in der Großfamilie ein Außenseiter: Ohne eigene Familie, die Ausbildung in der Werft Pineiro, die Marinas Großeltern gehörte, hat er abgebrochen. Genauso wie sein Bruder Fon, der Vater von Marina, hat er sich so gegen den Großvater aufgelehnt.
Zu einem großen Familientreffen im Haus der Großeltern kommt Iago verspätet. Das große Haus mit Meerblick, so schön und groß, wie die galizische Bourgeoisie es sich leisten kann, strahlt dabei etwas Repressives aus. Nicht nur, weil die Großmutter den Kindern verbieten will, im Pool zu schwimmen – es könnte ja etwas schmutzig werden! In Gesprächen hier erfährt Marina beiläufig, wie die letzten Lebensjahre ihres Vaters verliefen – nachdem ihre Mutter, als sie merkte, dass sie schwanger war, alleine nach Barcelona zu ihrer Herkunftsfamilie weggegangen war: für den Heroin-Entzug und um ihre Tochter zu bekommen. „Dein Vater war hier weggesperrt, damit niemand ihn todkrank sieht“, teilt ihr der fast gleichaltrige Cousin Nuno mit. Eine Schwester ihres Vaters, Olalla, ist erstaunt, als Marina meint, ihr Vater sei schon seit 1987 tot – er sei doch erst 1992 gestorben. Jahrelang von den Großeltern versteckt, die verheimlichen wollten, dass Fon an Aids erkrankt war. Das Familientreffen ist ein Höhepunkt des Films. Carla Simón versteht es, dass Durch-, Mit- und Gegeneinander zu inszenieren. Die Familie zerlegt sich vor der Kamera. Die Einheit Großfamilie, von Widersprüchen, Abhängigkeiten und Enttäuschungen durchzogen. Da gibt es etwa den kurzen Streit, dass die beruflich erfolgreiche Xulia von ihrem Bruder Lois die Yacht einfordert, weil sie die brauchen würde – woraufhin Lois erbost antwortet: „Ich gehe doch in meiner Herkunftsstadt nicht ins Hotel.“
In einer Schlüsselszene müssen sich alle Enkelkinder in einer Reihe vor dem Großvater aufstellen, der sie befragt, um ihnen dann etwas Geld zu schenken. Marina stellt sich mit an. Als sie dran ist, gibt ihr der Großvater einen dicken Umschlag mit Scheinen: „Damit du kein Stipendium brauchst“, sagt er, und meint auch: Damit wir den Totenschein unseres Sohnes nicht ändern müssen, Marina offiziell als Enkeltochter annehmen und womöglich von der realen Todesursache reden müssen.
Aussteigen auf den Islas Cíes
Raus aufs Meer, hin zu den Islas Cíes. Was in der Jetztzeit des Films, 2004, die kleinen Alltagsfluchten sind, war für Fon und die Mutter von Marina mehr – sie sind 1985 ausgestiegen. Die Islas Cíes kennt jede*r in Vigo, bei Besuchen meinten Freund*innen dort: „Fahrt hin, es ist wunderschön, Natur pur. Gleich neben dem Fähranleger liegt die Playa Figueiras, ein Nacktbadestrand.“
Iago führt Marina auf dem Gelände der Werft Pineiro zu einem abgerockten Acht-Meter-Segelboot. „Auf ihm haben Fon und deine Mutter zuletzt zusammengelebt“, erklärt er ihr. Marina liest in deren Tagebuch, wie sie mit dem Boot rüber zu den Islas Cíes gefahren sind und dort gelebt haben. Auf der Isla del Faro. Lachend laufen sie nackt zusammen ins Wasser, tauchen, sehen Delfine (so wie ihre Tochter 2004 von der Yacht aus), lieben sich am Strand. Fon verdient sich Geld mit dem Schmuggeln von Heroin. Sie probieren es selbst aus.
Die scheinbare Leichtigkeit des Aussteigerlebens auf der Isla del Faro geht über in Drogendelirien und Entzugserscheinungen. Diese explizit zu zeigen, wäre nicht nötig gewesen – zumal sie verharmlosend daherkommen. Die Küstenwache verhaftet sie bei einer Segelpassage nach Vigo wegen Drogenschmuggels. Zu allem Unglück ist auch ein Blitz in den Mast ihres Bootes eingeschlagen.
Marinas Mutter und Fon werden von den gleichen Personen dargestellt, die Marina und Nuno in der Jetztzeit verkörpern: Llúcia García und Mitch (Miguel Bustamante Robles).
Sie werden auch auf dem Dach eines Hochhauses auf einer Vigo ins Meer vorgelagerten Landzunge gezeigt, wo sie eine Wohnung hatten.
In Traumsequenzen begegnet Marina dort ihren Eltern, wie sie Zeit miteinander in Liegestühlen verbringen, herumalbern. Die Mutter wird dort gedoubelt. In diesen Szenen wird deutlich, wie gerne Marina ihre Eltern kennengelernt hätte. Aus dem Tagebuch zitiert sie mehrmals eine Zeile aus dem Lied „Tu Mirá“ (Dein Blick), dass Lole und Manuel als „nuevo flamenco“ gesungen haben, 1976, als Marinas Mutter ein Kind war und die Franco-Diktatur am Ende: „Dein Blick // Bohrt sich mir wie ein Schwert in die Augen.“ Ein Lied so voller Leidenschaft, Sehnsucht und Schwere wie die Liebesgeschichte von Marinas Eltern.
„Ich werde auf deinem Grab tanzen“
Carla Simón hat für „Romería“ mit einem Choreografen zusammengearbeitet. Zu „Bailaré sobre tu tumba“ von Siniestro Total tanzen Jugendliche im Punk-Outfit, alle in Lederjacken, in einem dunklen Raum. Eine nach der Anderen lässt sich umfallen, wird aufgefangen, wieder hingestellt, verharrt regungslos und wird mit einem weißen Tuch verhüllt. Einige werden zum Abschied umarmt, dann können sie nicht mehr angefasst werden. Am Schluss des Liedes sind fast Alle im Raum tot. Eine krasse Darstellung der Heroin-Krise. Das Lied der Fun-Punx von Siniestro Total, die sich mit den frühen Goldenen Zitronen vergleichen lassen, ist von 1983 und die Band kommt aus Vigo. Aber in „Bailaré sobre tu tumba“ (Ich werde auf deinem Grab tanzen) geht es surreal darum, jemanden zu töten, mit Dingen, die für die Band positiv für Hedonismus und Lebensfreude stehen: „Ich werde dich mit meinen Steppschuhen töten // Ich werde dich mit meinem Ballettröckchen ersticken // Ich werde dich mit meinem Smoking erhängen // Und du wirst sterben, während der DJ lacht…“. Das Lied passt nicht zur Choreografie, aber vielleicht ist diese Widersprüchlichkeit auch eine Stärke dieser Inszenierung. Denn durch die Heroin-Krise war der Tod eben auch ein Thema für Fun-Punx wie Siniestro Total. Eines ihrer besten Lieder ist „Miña terra galega“, „Meine galizische Heimat“, eine genial ironische Coverversion von „Sweet Home Alabama“, in dessen Refrain es heißt: „Wo der Himmel immer grau ist“. In „Romería“ dagegen scheint fast immer die Sonne auf das blaue Meer und die sattgrünen Wiesen. Das schöne Wetter ermöglicht wunderbare Naturaufnahmen. Die Kamerafrau Hélène Louvart, die schon mit Agnès Varda, vielen anderen Regieleuten zusammengearbeitet und auch bei Carla Simóns vorigem Film „Alcarràs“ die Bildaufnahmen besorgt hat, hat beides geschafft: Menschen in der Sonne an der Küste Galiziens in ein natürlich warmes Licht zu setzen und der zweiten Protagonistin Raum zu geben, dem schönen Meer. Den Kontrast dazu bilden die beengten Innenaufnahmen im bourgeoisen Haus der Großeltern, wo nicht nur Fon unter autoritären Regeln gelitten hat.
Movida und Heroinkrise
Nach dem Ende der Diktatur in Spanien feierten viele Jugendliche die neugewonnene Freiheit, der damalige gegenkulturelle Aufbruch um 1980 ist als Movida ins kollektive
Gedächtnis eingegangen. Die frühen Filme von Pedro Almodóvar zelebrieren die Movida, den Hedonismus, den Bruch mit der katholischen Herrschaftsmoral und seinen Tabus. Teil dieses Aufbruchs war für Viele auch der Konsum von harten Drogen. Aids verbreitete sich schnell über die häufig geteilten Heroinspritzen. Tausende Spanier*innen erkrankten an Aids, eine Schneise des Todes durchzog die Subkulturen der Rebellion. Die nach Francos Tod wieder erstarkten Anarchosyndikalist*innen und andere radikale Linke lehnten den Konsum von Heroin vehement ab. Die baskische ETA führte eine Anti-Drogen-Anschlagserie durch – Drogenkonsum lenke vom nationalen Befreiungskampf ab, war die Begründung. Die ETA erschoss mehrere Dealer, sprengte eine Diskothek im baskischen Küstenort Lekeitio, weil dort mit Drogen gehandelt worden sei, so wurde mir erzählt. Niemand traute sich, dort wieder etwas aufzubauen. Bars und Diskos in Spanien hatten Aufkleber an den Eingängen, auf denen ein durchgestrichenes Kamel zu sehen ist: „Camello“ ist ein Ausdruck für Dealer. In linken Kneipen wurde oft rigoros rausgeworfen, wer beim Konsumieren von harten Drogen erwischt wurde. Welches Ausmaß das Sterben an Heroin und Aids hatte, war in den 1980er und 90er Jahren omnipräsent in der Gegenkultur, vor allem im Punk. Anfang der 80er wichtige Bands waren Los Vulpes, Eskorbuto und Cicatriz. Von der Frauenband Los Vulpes starb eine von vier Musikerinnen 1993. Eskorbuto war und ist die bekannteste Punkband Spaniens. Zwei ihrer drei Musiker starben 1992. Cicatriz wurde 1983 in einer Entgiftungsklinik gegründet. Drei der Gründungsmitglieder starben an Aids, einer an einer Überdosis Heroin. Alle drei Bands kamen aus dem Baskenland. Auch in Galizien starben viele durch das Spritzen von Heroin – über die galizische Küste wurde das meiste Caballo, Shore, H, wie es auch genannt wird, nach Spanien geschmuggelt.
Carla Simóns Mutter war eine von 4.227 Menschen, die 1993 an Aids starben, berichtet die Zeitung „El País“: Ein Viertel der 1983 bekannten Infizierten verstarb; 1995 war mit 5.857 Todesfällen durch Aids das Jahr mit der höchsten Rate. Darüber wird in Spanien nicht gesprochen. „Man lebte mit großem Schmerz, hinter verschlossenen Türen. All das verfestigt sich, bis jemand kommt und sagt: ‚Vielleicht ist es in Ordnung, wenn wir akzeptieren, dass das passiert ist.‘ “, wird Carla Simón in der Zeitung „El País“ zitiert. Im Statement zum Film betont sie, was für die Erinnerung an ihre eigenen Eltern das größte Hindernis sei: „das Stigma, das Aids umgibt und diese Erinnerungen überdeckt. Unser Film will das Vermächtnis einer übersehenen Generation wiederherstellen, die von den doppelten Folgen der Heroinsucht und des Aufkommens eines neuen Virus betroffen war; ein Teil der kollektiven Erinnerung Spaniens, der es verdient, wieder aufgegriffen zu werden.“
Es tut weh, daran zu erinnern. Aber es schmerzt noch mehr, wie die Dominanzkultur die Erinnerung an die Heroin-Krise verdrängt. Gegen deren Verdrängung ist „Romería“ ein wichtiger Beitrag.
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.