mujeres libres

Sara Berenguer Laosa, eine Mujer Libre

Eine freie Frau

| Vera Bianchi

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Sara Berenguer Laosa, Barcelona 1937 Bildquelle: Vera Bianchi: Sara Berenguer (1919-2010), in Gisela Notz (Hg), Wegbereiterinnen XXIV Kalender 2026

Sara Berenguer wurde 1919 in Barcelona geboren. Da ihre Eltern Arbeiter*innen waren, ging sie wie viele proletarische Mädchen nur bis zum Alter von zwölf Jahren in die Schule, danach arbeitete sie in einer Fleischerei. Als im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann, ging Saras Vater, ein Anarchist, an die Front von Aragon, um gegen die aufständischen Franquisten (Faschisten, die im Spanischen Bürgerkrieg nach ihrem Anführer General Francisco Franco benannt wurden) zu kämpfen. Sara wollte mit ihm gehen, aber er wollte seine minderjährige Tochter nicht an der Front sehen und schlug ihr vor, sich in Barcelona anarchistisch zu organisieren. Sie engagierte sich zunächst bei den Juventudes Libertarias, der libertär-sozialistischen Jugendorganisation. Durch die neue revolutionäre Situation gab es viele neue Posten im Stadtteilkomitee der CNT/FAI. Auf dem zweiten Posten, den Sara dort ausübte, blieb sie eine längere Zeit: Dort war sie unter anderem für die Ausgabe der Waffen an die Milizionär*innen, die für die Republik und die Revolution an die Front gingen, zuständig.
In ihrer Autobiographie „Entre el sol y la tormenta: revolución, guerra y exilio de una mujer libre“ (1) beschreibt Sara Berenguer, wie schwierig es mitunter war, als überzeugte Sozialrevolutionärin mit hohem Verantwortungsbewusstsein mit manchen Männern aus den Revolutionskomitees zusammenzuarbeiten. Diesen war manchmal das Dogma wichtiger als das tatsächliche Funktionieren, was in spontanen Situationen hinderlich war. Manche Genoss*innen kamen auch einfach nicht zu ihren vereinbarten Schichten und behinderten so die sozialrevolutionäre Arbeit im Stadtteil. So bekam Sara immer mehr Freude an ihrer anderen revolutionären Aktivität (neben der Lohnarbeit, inzwischen als Näherin): Sie gab für andere Arbeiterinnen Bildungskurse im kulturellen Bildungszentrum. Nebenbei lernte sie selbst Maschineschreiben und Stenographie, was ihr zugute kam, als sie 1938 Mitglied der Mujeres Libres (Freie Frauen) und dort Sekretärin des Regionalkomitees wurde.
In den zweieinhalb Jahren der Spanischen Revolution engagierte sie sich intensiv in vielen Bereichen. Neben den revolutionären Aufgaben, den Bildungskursen, der eigenen Teilnahme an Maschineschreiben und Stenographie und der Lohnarbeit als Näherin kümmerte sie sich auch immer wieder um ihre kleinen Geschwister. Ihr Vater wurde an der Front getötet – am selben Tag, an dem Buenaventura Durruti starb, der bekannte anarchistische Kämpfer und Sozialrevolutionär, am 30. November 1936. Ihre Mutter floh immer wieder mit Saras kleinen Geschwistern vor den faschistischen Bombardierungen zu einer Tante aufs Land, aber wenn sie in Barcelona waren, kochte Sara oft für die ganze Familie.
Die Arbeit als Sekretärin des Regionalkomitees der Mujeres Libres beinhaltete unter anderem, für Lebensmittel zu sorgen. Die Problematik der republikanischen Zone Spaniens war, dass zu Beginn zwar nur die Hälfte der Fläche Spaniens in die Hände der franquistischen Aufständischen fiel, aber drei Viertel der Getreideflächen, so dass die Versorgung immer schwieriger wurde. Manchmal fuhr Sara Berenguer zwei Tage durch katalonische Dörfer, um mit einer Genossin Essen für Kindergärten in Barcelona zu beschaffen. Auch hier waren nicht nur die Bombardierungen durch die spanischen, italienischen und deutschen Faschisten gefährlich, sondern auch die dogmatische Verbohrtheit angeblich revolutionärer Männer. So kam Sara Berenguer einmal nicht mit den Lebensmitteln an einer Kontrolle vorbei und wurde vor den Kommandanten zitiert, weil sie einen kommunistischen Soldaten angeblich nicht respektvoll genug gegrüßt hatte.

Nach drei Wochen in Angst vor den Bombardierungen, in
unglaublicher Kälte und mit großem Hunger schafften sie es alle lebend
über die Pyrenäen. Auch der neugeborene Germinal überlebte,
da sich alle Frauen mit dem Tragen und Wärmen des Babys abwechselten

Im Januar 1939 war einerseits klar, dass die Republik nicht gehalten werden konnte gegen die Übermacht der Franquisten, die trotz des Nichteinmischungspaktes von August 1936 von den faschistischen Ländern Deutschland und Italien mit Geld, Waffen und Soldaten unterstützt wurden. Und andererseits bekam Sara Berenguer persönliche Morddrohungen. Ihre Wohnung wurde häufig durchsucht, so dass sie erst bei Genoss*innen unterkam und sich dann mit 20 Frauen und einem Neugeborenen auf den Fußmarsch nach Südfrankreich machte.
Nach drei Wochen in Angst vor den Bombardierungen, in unglaublicher Kälte und mit großem Hunger schafften sie es alle lebend über die Pyrenäen. Auch der neugeborene Germinal überlebte, da sich alle Frauen mit dem Tragen und Wärmen des Babys abwechselten.
Nach der rettenden Überquerung des Gebirges und der Grenze teilte Sara Berenguer zunächst das Schicksal aller republikanischer Spanier*innen, die vor den Franquisten über die Pyrenäen nach Südfrankreich flohen: Obwohl Frankreich zu dem Zeitpunkt, Anfang 1939, eine Republik war, es noch keinen Zweiten Weltkrieg gab und Frankreich noch nicht von deutschen Nazis besetzt war, beschloss die Regierung, die Geflüchteten nicht zu schützen, sondern internierte sie in 13 Internierungslagern am südfranzösischen Strand. Dazu sperrten sie Teile des Strandes mit Stacheldraht ab, dort mussten sich alle Geflüchteten tagsüber aufhalten. Für die Frauen und Kinder wurden Baracken gebaut, in denen sie nachts schlafen konnten, Männer mussten unter freiem Himmel schlafen. Orte, die heute als Badeorte bekannt sind, wie Argelès-sur-mer, St. Cyprien-sur-mer und andere, beinhalteten jahrelangen Schrecken für die Spanier*innen, die dem franquistischen Bombardement entkommen waren. Die anarchistische Spanienkämpferin Concha Pérez Collado zum Beispiel, die mit Saras Vater zusammen an der Front von Aragon gekämpft hatte, lebte zwei Jahre lang in französischen Internierungslagern und bekam dort ihren Sohn. Sara hatte das Glück, durch eine Verwandte relativ schnell aus dem Lager geholt zu werden. Ihr Freund, Jesús Guillén, war etwas länger als sie in einem anderen Lager und war dort den Schikanen der Wärter ausgesetzt. Diese rationierten nicht nur das oft ungenießbare Essen, sondern stahlen den Internierten auch Kleidung und verleumdeten diese.
Später konnte auch Jesús Guillén das Internierungslager verlassen. Sara Berenguer und er heirateten und bezogen eine Wohnung in Montady. Dort zogen sie ihre vier Kinder auf, versteckten Widerstandskämpfer*innen während des Zweiten Weltkriegs und luden kontinuierlich andere Revolutionär*innen zu illegalen Treffen ein.
Ab 1962 gaben Aktivistinnen der Mujeres Libres, die im Exil in Südamerika, London und Frankreich lebten, die Zeitschrift „Mujeres Libres en exilio“ heraus. Diese fand schnelle Verbreitung. Sara Berenguer beteiligte sich zunächst, und in den letzten Jahren befand sich in ihrer Wohnung die Redaktionsadresse. Andere alte Kämpferinnen, die ebenfalls in Südfrankreich aus dem Exil heraus eine neue Heimat gefunden hatten, kamen zu Redaktionstreffen nach Montady.

Nach Francos Tod im November 1975 und dem Ende der 36-jährigen Diktatur wandten sich junge Anarchistinnen aus Barcelona an Sara Berenguer, da sie von der Gruppe MujereMujereslibress Libres und der Zeitschrift gehört hatten. Die jungen Frauen gründeten eine neue Mujeres Libres-Gruppe und gaben mindestens vier Ausgaben einer neuen Zeitschrift „Mujeres Libres“ heraus. Ab diesem Zeitpunkt stand Sara Berenguer nicht mehr nur in kontinuierlichem Austausch mit alten Genoss*innen aus der Zeit der Spanischen Revolution, sondern war auch immer offen für junge Menschen aus ganz Europa, die sich für Anarchismus, die Spanische Revolution und die Mujeres Libres interessierten. So lernte auch ich sie kennen, als ich sie im März 2005 zusammen mit dem Schweizer Anarchisten Dieter Gebauer besuchte. Dabei beschlossen wir, dass ich die Übersetzung des Erinnerungsbandes „Mujeres Libres – Luchadoras Libertarias“ organisieren sollte. Wir begannen eine jahrelange Brief- und Mailfreundschaft. Die Übersetzung (2) habe ich schließlich 2019 bei der Edition AV publiziert.
In den 1980ern gab Sara zum ersten Mal ihre Autobiographie heraus, die sie dann 2004 aktualisierte. Sie schrieb bis zu ihrem Tod Gedichte und veröffentlichte mit über 80 Jahren ein biographisches Buch über zwölf Aktivistinnen aus der Spanischen Revolution Mujeres de Temple (Aufrechte Frauen) Ich bin sehr beeindruckt von dieser lebenslang engagierten Anarchistin, die unermüdlich für eine freie Gesellschaft kämpfte, verantwortungsvoll und altruistisch aktiv war, andere bildete und informierte und viele Netzwerke mit Gleichgesinnten knüpfte und aufrechterhielt.

(1) Leider noch nicht ins Deutsche übersetzt. Der Titel heißt: „Zwischen Sonne und Sturm. Revolution, Krieg und Exil einer freien Frau“. Wenn ich mein derzeitiges Projekt beendet habe, beginne ich mit der Übersetzung, weil es nicht nur eine interessante Autobiographie, sondern ein spannendes Zeitzeugnis der Sozialen Revolution ist, das auch deutschsprachige Leser*innen bereichern wird.
(2) Vera Bianchi (Hg.): Mujeres Libres. Libertäre Kämpferinnen, Edition AV, Bodenburg 2019

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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