Seit dem Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg ist Adolf Hitler als Protagonist in US-amerikanschen Comics fast schon omnipräsent. Dabei taucht er abwechselnd als Oberbösewicht oder als Witzfigur auf. Seine Karriere als Comicfigur startete er in den Superheldencomics bzw. im sogenannten Golden Age der Superheldencomics Ende der 1930er, Anfang der 1940er Jahre. Das Massenmedium Comicheft wurde damals zu Propagandazwecken genutzt und so verpasste wahlweise Superman oder der spezifisch für die Propagandaarbeit geschaffene Captain America dem „Führer“ eine Ohrfeige oder einen Kinnhaken. Auch die feministische Ikone Wonderwoman durfte mal zuschlagen oder ihn mit ihrem magischen Wahrheitslasso einfangen. Patriotisch aufgebauscht und in Absicht, junge Männer für den Kriegsdienst zu gewinnen, traten die amerikanischen Superhelden in den Kampf gegen den Hitlerfaschismus – die Comicverlage DC und Marvel stehen Gewehr bei Fuss. Manchmal waren es auch nur die Cover der Comics, die nicht mal etwas mit dem eigentlichen Inhalt zu tun hatten, die solche Szenen abbildeten. Heute werden diese gerne für die antifaschistische Mobilisation genutzt.
Kann man einen Jahrhundertverbrecher wie Hitler so darstellen – oder droht damit eine Verharmlosung?
Es waren aber nicht nur die Superhelden, die man propagandistisch benutzte, selbst Funnies mussten herhalten. So entstanden in den Disney Studios mehrere propagandistische Zeichentrickfilme, die zum Kampf gegen den Hitlerfaschismus, das faschistische Italien und das mit ihnen verbündete Japan mobilisierten. Der bekannteste Zeichentrickfilm ist der 1942 entstandene Streifen „Der Führers Face“, der nach dem Zweiten Weltkrieg lange im Giftschrank von Walt Disney lagerte und erst 2004 auf DVD wiederveröffentlicht wurde. Der Film erhielt einen Oscar als bester Kurzfilm des Jahres. Ein Teil des Films zeigt einen in Nazi-Deutschland lebenden Donald Duck, der in einer Rüstungsfirma arbeitet und vor jedem Bild des Führers salutiert – und sich dafür auch mal auf den Kopf stellt, um sein „Heil Hitler!“ zu quaken. Der Film ist klischeegeladen, aber es ist mittlerweile ein Klassiker des Zeichentrickfilms.
Nach 1945 setzte Hitler als popkulturelle Figur seine Karriere fort – nicht nur in Comics. In vielen Comics, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen, tritt er als Randfigur auf oder als zu bekämpfender Oberbösewicht. Der dritte Teil der Indiana Jones-Reihe ist hierfür ein gutes Beispiel – und wurde auch als Comic adaptiert. Dabei wird in der Regel das Postulat der Banalität des Bösen von Hannah Arendt ignoriert – und Hitler im Sinne von Immanuel Kant zur Reinkarnation des radikal Bösen verklärt.
In Japan geht man noch weiter. Vor ein paar Jahren erschien in Mangaform eine Adaption von seinem schriftstellerischen Hauptwerk – „Mein Kampf“. Im Jahr 2008 erschien in einer Reihe mit politischen Klassikern der Manga, der von einem Kollektiv an Zeichner_innen umgesetzt wurde. Neben „Mein Kampf“ erschienen in der Reihe auch Machiavellis „Der Fürst“ und Karl Marx‘ „Das Kapital“. Als Texter trat dabei Kosuke Maruo in Erscheinung, der auch für diese Reihe an sich verantwortlich war. Das hinterlässt bei mir nicht nur ein mulmiges Gefühl, sondern auch die Frage, wie kann man einen solchen, sowohl inhaltlich als auch stilistisch unlesbaren Text in das Medium Comic bzw. Manga übertragen?


Cover und Doppelseite von Captain Berlin gegen Space-Hitler
In Europa ist man mit der Darstellung Hitlers eher zurückhaltend. Das verwundert etwas, wenn man bedenkt, dass bekannte Autoren und Zeichner wie René Goscinny, einem der Asterix-Schöpfer, während des Zweiten Weltkrieges antifaschistische Propaganda gezeichnet haben. Der Nationalsozialismus spielt zwar in vielen Abenteuercomics als Hintergrundgeschichte eine Rolle – z. B. bei Corto Maltese oder auch bei Blake & Mortimer, aber er taucht nicht als Figur auf. Auch in den italienischen Comics „Die Sturmtruppen“ – mit dem urpsprünglichen Untertitel „So war Papas Wehrmacht“ – sucht man ihn vergeblich. Es gibt hier zwar den General Schussolini, eine Parodie von Mussolini, aber keinen Hitler.
Die vielleicht bekannteste Hitler-Parodie im deutschsprachigen Raum stammt von Captain Blaubär-Schöpfer Walter Moers, der die Geschichte „Äh! – Ich bin wieder da“ zeichnerisch und textlich umgesetzt hat. Es ist wie man Moers kennt – anarchisch und böse. Hitler sieht dabei wie eine mit Schnurrbart und Scheitel versehene Version von seinem „Kleinen Arschloch“ aus. Hier ist Hitler eher eine lächerliche Witzfigur als eine Reinkarnation des Bösen.
In Jörg Buttgereits Comic „Captain Berlin“ taucht Hitler auf – u. a. als Spacehitler. Es wirkt etwas abgespaced – und die Frage ist auch: Kann man einen Jahrhundertverbrecher wie Hitler so darstellen – oder droht damit eine Verharmlosung?
Literatur:
Walter Moers: Äh! - Ich bin wieder da, Eichborn Verlag Köln 2007.
Jörg Buttgereit: Captain Berlin Supersammelband #3
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.