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Wem gehört das Wasser?

„Guter Grund“ für Wasser als Gemeingut und gegen Red Bulls Mega-Dosenfabrik

| Aimée van Baalen 

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August 2026: Niedrigwasser im Rhein bei Köln, wo weite Teile des Grunds frei liegen. Foto: Herbert Sauerwein

„Guter Grund“ versteht sich als eine Bewegung an der Schnittstelle von planetaren Grenzen, Wasser und Landwirtschaft. Gemeinsam mit lokalen Bürgerinitiativen, Landwirtschaft und Engagierten mischen sich die Klimagerechtigkeitsaktivist:innen in die Verteilungskämpfe ums Wasser ein und setzen sich, während einer anhaltenden Dürre, bundesweit für Wasser als Gemeingut ein. Ein Bericht von Aimée van Baalen. (GWR-Red.)

Ich steige in Baruth, knapp vierzig Minuten von Berlin entfernt, aus dem Zug. Rund 4.000 Menschen leben hier, umgeben von viel Wald und Feldern. Gleich treffe ich mich mit weiteren Wasser-schützer:innen von Guter Grund, gemeinsam besuchen wir die lokale Bürgerinitiative „Ressourcenbündnis Baruth“, welche sich gegen den Bau der größten Dosenfabrik Europas durch Red Bull einsetzt. Mit weiteren Mitstreiterinnen gründete ich vor zwei Jahren Guter Grund, um der Klimakatastrophe auf neuen Wegen etwas entgegenzusetzen.

Heute sind wir in Baruth, weil wir als Bewegung an der Schnittstelle von planetaren Grenzen, Wasser und Landwirtschaft arbeiten. Dabei versuchen wir, auf die breiten Zusammenhänge aufmerksam zu machen, denn sieben von neun planetaren Grenzen sind überschritten. Wasser ist dabei die Ressource, an der diese Überlastung für jeden spürbar wird. Deshalb mischen wir uns mit strategischen Plänen in lokale Konflikte ein und erobern zusammen mit den Betroffenen Wasser als Gemeingut zurück. Vor allem aber bringen wir Organizing-Erfahrung mit und nutzen diese für Haustürgespräche, Marktstände und Vernetzung. Denn Menschen vor Ort wissen am besten, wie vorzugehen ist. Auf der anderen Seite bringen die Bürgerinitiativen viel Wissen und ein gutes Gespür für die Region mit, sodass die Zusammenarbeit sich hervorragend ergänzt.

So auch in Baruth: Hier plant Red Bull auf 17 Hektar bis zu 3,3 Mrd. Dosen pro Jahr zu produzieren und zu exportieren. Der Konzern hat sich für 22 Jahre lang die Rechte gesichert, bis zu 2,35 Milliarden Liter Grundwasser pro Jahr zu entnehmen. Das sind 92 Prozent des städtischen Wasserpensums, nur die übrigen acht Prozent bleiben für die Bevölkerung. Grundlage dieser Genehmigung ist ein Gutachten aus dem Jahr 2006, welches teils Daten aus der DDR-Zeit verwendet. Zudem wird auch unter Verschluss gehalten, wie viel Red Bull für das Wasser zahlt, nach eigenen Berechnungen müssen Bürger:innen jedoch mindestens mit dem Dreifachen für dieselbe Menge rechnen. Die Initiative vor Ort hat deshalb konkrete Anliegen, darunter keine neuen Genehmigungen vor Klärung der kommunalen Versorgung, unabhängige Gutachten statt veralteter Daten, faire Bepreisung und volle Transparenz bei Verträgen.

Auch deutschlandweit setzt Guter Grund sich für diese wichtigen Veränderungen ein, denn der Umgang mit dem Wasser in Baruth ist kein Einzelfall. Genau dieselben Vorgänge konnten wir bereits ein Jahr zuvor bei unserer Arbeit in Treuchtlingen beobachten. Für Aldi Nord bezieht der Konzern Altmühltaler das gesamte dortige Wasservorkommen. 650 Millionen Liter im Jahr, davon 250 Millionen aus dem Tiefengrundwasser.

Dieses wird deutschlandweit in Flaschen verkauft. Die Bevölkerung vor Ort zahlt derweil mehr für das Wasser, welches über Fernleitungen herangebracht wird und aus einer dürrebedrohten Region herangepumpt wird. Auch hier pumpen Konzerne ab und wir zahlen den Preis.

Als ich in der Unterkunft ankomme, in der wir die kommenden Monate immer wieder einkehren werden, treffe ich auf Petra und ihren Mann. Sie erzählen mir, dass beide seit über 20 Jahren in Baruth leben und die brandenburgische Trockenheit von Jahr zu Jahr deutlicher spüren. Als immer mehr Brunnen trocken gefallen sind, war das für Petra ein Grund, sich der Bürgerinitiative anzuschließen. Brandenburg zählt zu den trockensten Regionen Deutschlands, beispielsweise trocknet der Seddiner See so stark aus, dass bereits große Uferbereiche freifallen. Wie das Wassermanagement zukünftig bei zunehmender Dürre aussehen soll, bleibt genauso geheim wie die Verträge selbst. Dabei ist die Frage, ob in Krisenzeiten Industrie und Konzerne oder An-wohner:innen priorisiert werden, von zentraler Wichtigkeit für Leben und Gesundheit.

Mit vielen Menschen kann die Privatisierung des Wassers gestoppt werden, das zeigt auch Berlin, wo die Wasserversorgung rekommunalisiert wurde

Dass Red Bull ausgerechnet hier baut, liegt nämlich auch daran, dass viele Kommunen vom Bund nicht genug unterstützt werden und dann vermeintlich auf das Geld angewiesen sind. Tatsache ist jedoch, dass durch günstige Grundstückspreise, Ressourcen fast zum Null-Tarif und niedrige Gewerbesteuern Konzerne profitieren und Kosten ausgelagert werden. Wenn lebenswichtige Ressourcen vor Ort einfach an den Höchstbietenden vergeben werden, bedeutet das im Kern Profit vor Sicherheit und Einzelinteressen vor Gemeinschaft. Eine bodenlose Frechheit, die wir nicht hinnehmen.

Wir beziehen in Deutschland ca. zwei Drittel unseres Trinkwassers aus Grundwasser. Werden immer mehr Rechte an private Unternehmen vergeben, wird aus unserem Grundrecht eine Spekulationsware. Besonders weil mit der Erderhitzung auch Kosten, Verbrauch und Knappheit steigen. In den letzten 20 Jahren verloren wir deutschlandweit jährlich rund 0,76 Kubikkilometer Wasser, das ist deutlich mehr, als ganz Berlin im selben Zeitraum verbraucht. Laut dem Niedrigwasserinformationssystem des Bundes gelten aktuell 156 von 288 Grundwassermessstellen als niedrig, sehr niedrig oder extrem bedroht. Bei den oberflächennahen Messstellen sind es 81 Prozent. Im Hitzesommer 2018 und 2019 entstanden rund 25,6 Milliarden Euro Schäden in Land- und Forstwirtschaft, und allein beim Verlauf des bisherigen Jahres verzeichnen wir eines der trockensten Frühjahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Auch global spricht beispielsweise UN-Generalsekretär An-tónio Guterres von einem Wasserbankrott. In Chile graben Bergbaukonzerne das Grundwasser der Atacama-Wüste ab, während lokale Oasen austrocknen. In Tamil Nadu in Indien entnahm PepsiCo so viel Wasser, dass ganze Dörfer ohne Versorgung blieben und das Werk schließlich schließen musste. Überall sichern sich mächtige Akteure über langfristige Verträge und regulatorische Hürden dauerhaften Zugriff auf Wasserressourcen und lagern die Konsequenzen aus. In der Forschung wird dies auch „Water Grabbing“ genannt.

Aber ist das überhaupt erlaubt? In Deutschland bieten das Wasserhaushaltsgesetz und die nationale Wasserstrategie eine rechtliche Grundlage. Die daraus hervorgehende Priorisierung der öffentlichen Trinkwasserversorgung gibt Behörden, besonders bei Niedrigwasser, die Möglichkeit, Unternehmensentnahmen zu beschränken. In der Praxis sieht das jedoch anders aus. So konnte die Bürgerinitiative in Bergen Einblick in die Verträge mit Adelholzener erhalten, und genau das Gegenteil war vertraglich festgehalten. Auch das Nachhaltigkeitsgebot und das Umweltinformationsgesetz, das die Offenlegung von Verträgen ermöglicht, geben Behörden Werkzeuge an die Hand. Häufig gibt es aber nicht einmal aktuelle Daten zu realen Umweltbedingungen. Um die Strategien des Bundes also überhaupt umsetzen zu können, braucht es digitale Zähler, die Grundwasserstände automatisch an die Ämter melden, eine Altersgrenze für hydrologische Gutachten, Überwachung der Fördermengen und Reduzierung der Tiefengrundwasserförderung, und dafür setzen wir uns ein.

Am Abend besuchen wir gemeinsam den Wald, der für die Dosenfabrik gerodet werden soll. Die Sonne steht tief, das Licht fällt golden zwischen trockene Stämme, hier gilt aktuell wie in 13 von 14 Landkreisen Brandenburgs die höchste Waldbrandgefahrstufe. Als wir vor der bereits bestehenden Fabrik ankommen, finde ich diese bereits ziemlich groß und kann mir gar nicht vorstellen, wie das Gebiet aussehen wird, wenn auch der Rest des Waldes gerodet wurde. Ich denke an meine eigene Verbindung zu Wasser, wie selbstverständlich ich davon ausgehe, den Wasserhahn zu öffnen und dann sauberes Trinkwasser daraus zu erhalten. An wie vielen Orten der Welt das nicht der Fall ist. Wie anders die Landschaft aussehen würde ohne Flüsse und Seen und wie schnell sich die Bedingungen verändern können, wenn Ökosysteme kippen.

Später sprechen wir im Garten der Unterkunft über unsere Eindrücke und darüber, wie Guter Grund die Bürgerinitiative unterstützen kann. Mich berührt der direkte Kontakt zu Menschen, die direkt von den Auswirkungen der Machtungleichheit betroffen sind. Auch Petra macht diese Erfahrung am Infostand. Erst die sichtbaren Folgen des Wasserverlusts und die konkrete Möglichkeit, etwas zu verändern, machen die abstrakten wirtschaftlichen Mechanismen greifbar. Und sie teilt die Ansicht, dass für etwas kämpfen kraftvoller ist als nur dagegen zu sein. Für das Wasser, für die Menschen in Baruth, für Transparenz und Gerechtigkeit.

Einen Monat später sitze ich vor dem Laptop und schwitze. Die nächste Hitzewelle trifft Europa. Täglich Waldbrände in den Nachrichten. Viele Kommunen rufen zum Wassersparen auf, während die Industrie unbehelligt weiterfördert. Brandenburg meldet mit 41,7 Grad eine Rekordtemperatur. Deshalb haben wir mit den Bürgerinitiativen einen Wassernotruf ausgelöst. Wenige Tage später gehen Menschen mit Guter Grund in Berliner Supermärkte und gestalten die Wasserregale sichtbar mit Stickern und Warnhinweisen. Ab dem 18. August wird es den Notruf-Protest in weiteren Städten geben. Wer sich gegen Wasserungerechtigkeit einsetzen will, ist eingeladen, Kontakt aufzunehmen.

Mit vielen Menschen kann die Privatisierung des Wassers gestoppt werden, das zeigt auch Berlin, wo die Wasserversorgung rekommunalisiert, also zurück in öffentliche Hand, überführt wurde. Oder Italien, wo eine Volksabstimmung gegen Wassergebührenerhöhungen erfolgreich war. Wenn Menschen vor Ort sich zusammenschließen, um ihren Lebensraum zu schützen, kann daraus eine Kraft entstehen, die weitläufig inspiriert. Denn eigentlich müssten wir noch weitergehen. Nicht nur fair mit unserem Wasser wirtschaften, sondern es präventiv schützen, wie es das Konzept der Blue Cities vorsieht. Städte, bei denen Wasser – wie Flüsse, Seen oder Regenwasser – bewusst in die Planung einbezogen wird und mit Grünflächen verbunden ist, um sich gegen Hitze, Starkregen und Dürre zu wappnen und zudem die Lebensqualität zu steigern.

Wir werden um die Frage, wem unser Wasser gehört, nicht drum herumkommen, besonders weil die Regierung trotz früherer Proteste und rechtlicher Verfahren immer noch keine sichere Klimapolitik verfolgt. Bislang haben wir unser Grundwasser fast kostenlos an Industrie und Mineralwasserhersteller weitergegeben. Ein Grundrecht zum Preis eines Billigprodukts verschleudert. Wenn wir zukünftig Wasser wirklich als Menschenrecht behandeln, muss es für alle gleichermaßen zugänglich sein. Dann ist es undenkbar, dass Menschen in Treuchtlingen ihr eigenes Wasser in Flaschen kaufen müssen. Dann liegen alle Informationen über den Umgang mit dieser Lebensgrundlage offen. Und dann ist die klare Positionierung für die Mehrheit anstatt für einzelne Investoren keine Option mehr, die durch genügend Kapital ausgehebelt werden kann. Denn die Frage, wem unser Wasser gehört, ist am Ende die Frage, wem die Zukunft gehört. Und die lässt sich nur gemeinsam beantworten. Vor Ort, in Baruth und überall dort, wo Menschen für ihr Zuhause und ihre Mitmenschen aktiv werden.

Kontakt:

https://guter-grund.info/

Aimée van Baalen, 26, hat 2025 die Klimagerechtigkeitsgruppe Guter Grund mitgegründet.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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