{"id":16842,"date":"2018-08-05T14:49:15","date_gmt":"2018-08-05T12:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?page_id=16842"},"modified":"2020-12-23T13:07:51","modified_gmt":"2020-12-23T11:07:51","slug":"grundlagen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/ueber-uns\/grundlagen\/","title":{"rendered":"Grundlagen"},"content":{"rendered":"<h2>Was bedeutet Graswurzelrevolution?<\/h2>\n<p>Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, da\u00df Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden. Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bisher in den Bereichen Antimilitarismus und \u00d6kologie. Unsere Ziele sollen &#8211; soweit es geht &#8211; in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen und zur Anwendung gebracht werden. Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zu zerst\u00f6ren, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. In diesem Sinne bem\u00fcht sich die anarchistische Zeitung Graswurzelrevolution seit 1972, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreiten und weiterzuentwickeln.<\/p>\n<h2>Thesen \u00fcber Staatlichkeit und Anarchie heute<\/h2>\n<blockquote><p><small>&#8222;Es hat seine tiefe Bedeutung, da\u00df die Gewaltlosigkeit heute f\u00fcr uns alle ein Problem ist, denn dies ist ein Zeichen, da\u00df wenigstens unter vielen Revolution\u00e4ren das soziale Gewissen in diesem Punkt feinf\u00fchliger geworden ist. &#8230; Sie alle w\u00fcrden ohne Gewalt k\u00e4mpfen wollen &#8211; w\u00e4hrend f\u00fcr die fr\u00fcheren Menschen &#8211; und jetzt noch f\u00fcr die Mehrheit &#8211; die Gewalt eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war und ist. &#8230; Aber zweierlei (ist ihnen), meine ich, nicht deutlich:<\/small><\/p>\n<p><small>1. Da\u00df es wohl besser sein kann &#8211; obgleich nicht immer ist -, Gewalt gegen Unrecht anzuwenden, als gar nichts dagegen zu tun; aber da\u00df es jedenfalls noch viel besser ist, das Unrecht auf eine andere Weise zu \u00fcberwinden.<\/small><\/p>\n<p><small>2. Da\u00df Gewalt selbst wieder gewaltt\u00e4tige Kr\u00e4fte weckt.&#8220;<\/small><\/p>\n<p><small><b>Clara Wichmann (1889-1922), gewaltfreie Feministin<\/b><\/small><\/p>\n<p><small>&#8222;Jedes menschliche Wesen ist das unfreiwillige Produkt des nat\u00fcrlichen und sozialen Milieus, in dem es geboren ist, sich entwickelt hat, und dessen Einflu\u00df es weiter empfindet. &#8230; Um eine radikale Revolution zu machen, mu\u00df man also die Stellungen und Dinge angreifen, das Eigentum und den Staat zerst\u00f6ren, dann wird man nicht n\u00f6tig haben, Menschen zu zerst\u00f6ren und sich zu der unfehlbaren, unvermeidlichen Reaktion zu verurteilen, die in jeder Gesellschaft das Massakre von Menschen stets herbeif\u00fchrte und stets herbeif\u00fchren wird.&#8220;<\/small><\/p>\n<p><small><b>Michail Bakunin (1814-1876), Anarchist<\/b><\/small><\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<h3>Alle Menschen sind geborene AnarchistInnen<\/h3>\n<p>1. Eine Geschichte blutiger Katastrophen, ein Fortschritt, der \u00fcber Leichen geht, eine Zukunft, in der das lebenswerte Leben, vielleicht das Leben \u00fcberhaupt, gef\u00e4hrdet erscheint &#8211; dies sind die Konsequenzen einer Gesellschaftsordnung, in der die Individuen als blo\u00dfe Mittel behandelt werden, die den Nationalstaaten und der Kapitalverwertung zur Verf\u00fcgung stehen.Immer wieder haben Menschen, die ihre Lage erkannt haben, gegen diese Entwicklung gek\u00e4mpft: f\u00fcr die Befreiung von Herrschaft. Denn allem gegenteiligen Schein zum Trotz sind die Menschen geborene AnarchistInnen, denen Unterordnung und Ungerechtigkeiten zuwider sind.<\/p>\n<h3>Die Ursachen der Herrschaft<\/h3>\n<p>2. Aber der Wille zu leben und frei zu sein, organisiert sich als Wille zur Macht, solange kein anderer Weg erkennbar und realit\u00e4tst\u00fcchtig gezeigt wird: der\/dem Einzelnen und menschlichen Gruppen mu\u00df es um ihre Selbsterhaltung gehen &#8211; und sei es auf Kosten der Vernunft. Und sei es auf Kosten anderer. Und sei es auf Kosten der Natur. Immer noch besser, zu befehlen, als zu gehorchen. Im Ernstfall: besser zu t\u00f6ten, als get\u00f6tet zu werden. Und schlie\u00dflich hat die Herrschaft etwas zu bieten; sie ist keineswegs blo\u00dfer Zwang. Wer einen bescheidenen Anteil an ihr hat, die\/der kann sich noch anderen \u00fcberlegen f\u00fchlen, hat gr\u00f6\u00dfere Freiheitsspielr\u00e4ume als die Menschen, die den Machtzentren fern und feindlich gegen\u00fcberstehen. Zun\u00e4chst scheint der Widerstand nur in Verschrobenheiten, Sekten, Elend, Gef\u00e4ngnisse, Einsamkeit zu f\u00fchren. Bei allem Widerwillen gegen Gewalt und Unterordnung: Das Ziel der Anarchie ist geschichtlich relativ jung und nat\u00fcrlich immer neu in Frage gestellt. Eine Gesellschaft, die nicht mehr Befehlende und Gehorchende kennt, erscheint den meisten Menschen als Illusion, als Wunschtraum, hoffnungslos unrealistisch.<\/p>\n<h3>Der Zwangsapparat Staat<\/h3>\n<p>3. Der festgef\u00fcgte und effektive Zwangsapparat Staat hat das autorit\u00e4re Prinzip festgeschrieben, systematisiert und s\u00e4mtliche Lebensbereiche zum Gegenstand seiner Eingriffe gemacht, was paradoxerweise noch an der Gew\u00e4hrung sogenannter &#8222;staatsfreier R\u00e4ume&#8220; deutlich wird. Bereiche, in denen der Staat auf eine Regelung von erlaubtem und verbotenem Verhalten verzichtet. Bereiche, die der individuellen Selbstbestimmung freigehalten werden. So sehr alle Staatst\u00e4tigkeit nat\u00fcrlich von gesellschaftlichen Prozessen abh\u00e4ngig ist, wird der Staat als \u00fcber der Gesellschaft stehende, rationale, planende, schlichtende und ordnende Instanz gesehen, die zum Wohle aller eingreift.Da der Staat mehr und mehr gesellschaftliche Schutzfunktionen \u00fcbernommen hat, erscheint er als einziger Garant von Schranken gegen eine schrankenlose Willk\u00fcr privater und partikularer Gewalten, als Sch\u00fctzer der Schwachen, der Natur &#8230; &#8211; gerade gegen den \u00f6konomischen Expansionismus und die autorit\u00e4re Politik, die er tats\u00e4chlich verk\u00f6rpert und gegen Opposition sichert, im Interesse von herrschenden Minderheiten.<\/p>\n<p>Dabei soll nicht geleugnet werden, da\u00df das staatliche Gewaltmonopol tats\u00e4chlich partikulare Gewalten entmachtet und einen Schutz vor Willk\u00fcr bietet. Gleichzeitig wird damit aber eine Macht geschaffen, die um vieles effektiver, und daher auch potentiell barbarischer ist, als jeder feudale Despot, der nicht zu b\u00fcrokratisch- industriellen Formen der Massenvernichtung f\u00e4hig war.<\/p>\n<h3>Verinnerlichung der Grunds\u00e4tze des Staates<\/h3>\n<p>4. Nicht nur die milit\u00e4risch-b\u00fcrokratische \u00dcbermacht l\u00e4\u00dft Widerstand oft zwecklos erscheinen. Gerade in den westlichen Industriestaaten organisiert sich Herrschaft \u00fcber den positiven Bezug der Beherrschten auf das System. Staatliche Strategien sind dort im wesentlichen nicht auf repressive Unterdr\u00fcckung angelegt, sondern auf Integration: Identit\u00e4tsbildung \u00fcber Teilnahme am Konsum, Aufspaltung von Interessenlagen und Vereinzelung in der Gesellschaft, Normierung von Bed\u00fcrfnissen und deren b\u00fcrokratische Verwaltung, sowie das Versprechen auf demokratische Beteiligung f\u00fchren zu Verinnerlichung der Notwendigkeit des Staates und der Grunds\u00e4tze, die seine Funktion garantieren (Gehorsam; Delegation von Verantwortung; Bereitschaft, ExpertInnen zu vertrauen). Die Solidarisierung der Betroffenen wird verhindert, die F\u00e4higkeit zur Selbstorganisation und zur direkten Aktion bei den Beherrschten oft so stark eingeschr\u00e4nkt, da\u00df sie real immer wieder ihre Angewiesenheit auf den Staat, auf die Verantwortlichen, SpezialistInnen usw. erfahren.<\/p>\n<h3>Die Ziele der AnarchistInnen<\/h3>\n<p>5. Im Gegensatz zu anderen Oppositionsstr\u00f6mungen st\u00f6rt es die AnarchistInnen nicht, da\u00df sie keinen Anteil am gesch\u00e4ftigen Treiben der offiziellen Gesellschaft und des Staates haben. Damit verzichten sie auf taktisch g\u00fcnstige Positionen, auf Legitimation, aber sie wissen warum: das Ziel, von einem radikalisierten Freiheitsbegriff ausgehend, die Herrschaft anzugreifen, soll nicht unklar werden. Schlie\u00dflich sind die Erfahrungen mit Reformbewegungen, die schlie\u00dflich nicht etwa ihre Ziele verwirklichen konnten, sondern sich in die angeblich bek\u00e4mpften Strukturen als GegnerInnen integrierten und im entscheidenden Moment halfen, die Ziele des Staates auch gegen Opposition durchzusetzen, Warnung genug gegen\u00fcber der Annahme, man k\u00f6nne jede Struktur benutzen, um ganz andere Ziele zu verfolgen.Ziel der AnarchistInnen ist es, die Trennung in Befehlende und Gehorchende \u00fcberhaupt zu beenden. Die AnarchistInnen wollen Eigentumsmonopole und Nationalstaaten durch die Selbstorganisation der Gesellschaft und f\u00f6deralistische Organisationen ersetzen. Sie erkennen keine nationalen, religi\u00f6sen oder sexistischen Vorrechte und keine Gesellschaftsstrukturen, die sich mit der \u00dcberlegenheit aufgrund von Rasse, Nation, Religion, Geschlecht usw. legitimieren, an.<\/p>\n<h3>Kritik des autorit\u00e4ren Sozialismus<\/h3>\n<p>6. Von den autorit\u00e4ren SozialistInnen unterscheidet die AnarchistInnen, da\u00df sie nicht in der Eroberung der Staatsgewalt die entscheidende Voraussetzung f\u00fcr die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Aufhebung der Klassen sehen. Vielmehr soll der Staat als Monopol der Gewalt, der zentralisierten Verf\u00fcgung \u00fcber gesellschaftliche Mittel, zu denen er dreist auch die Menschen macht, durch eine libert\u00e4re Demokratie (im Gegensatz zur b\u00fcrgerlichen Formaldemokratie) ersetzt werden, die die Menschenrechte achtet und unver\u00e4u\u00dferliche Minderheitenrechte garantiert. Um die Ziele der libert\u00e4ren Bewegung gegen Staat und Kapital durchzusetzen und errungene Positionen zu verteidigen, ist nat\u00fcrlich &#8222;Macht&#8220; erforderlich. Die Formen, in denen diese Macht ausge\u00fcbt wird, d\u00fcrfen keinesfalls diktatorisch sein, sie sollen zu keiner Verfestigung einer neuen Herrschaft f\u00fchren, sie sollen auf physische Gewalt weitgehend verzichten.Jede Trennung in Befehlende und Gehorchende (also jede staatliche Funktion) mu\u00df notwendig zu einer neuen Klassenteilung f\u00fchren, also ungleiche Verf\u00fcgung \u00fcber Produktionsmittel und Aneignung der Produkte zur Folge haben. Deshalb tendiert der autorit\u00e4re Scheinsozialismus immer dazu, neue politische und \u00f6konomische Ungleichheiten zu schaffen und sogar in diktatorischen Formen festzuschreiben.<\/p>\n<h3>Organisationsformen und Kampfmittel als Ausdruck wirklich verfolgter Ziele<\/h3>\n<p>7. Auch wenn kurzfristig &#8211; f\u00fcr die direkte Durchsetzung bestimmter Ziele &#8211; autorit\u00e4re (auf einer oben-unten- Arbeitsteilung beruhende) Organisations- und Kampfformen Vorteile bieten und effektiv erscheinen, so kann doch nur vom Ziel her die wirkliche Effektivit\u00e4t der Mittel beurteilt werden. Organisations- und Kampfformen sind nicht zuf\u00e4llig oder beliebig, sondern sie sind Ausdruck der wirklich verfolgten Ziele, die von den proklamierten stark abweichen k\u00f6nnen. Sie nehmen oft keimf\u00f6rmig vorweg, was unter g\u00fcnstigen, verst\u00e4rkenden Bedingungen dann breit entfaltet wird &#8211; im guten wie im B\u00f6sen. Basisdemokratische und f\u00f6deralistische Organisationsformen, die die Verantwortung der Einzelnen und Gruppen nicht einschr\u00e4nken und etwa einer Mehrheit unterordnen, k\u00f6nnen die Tendenzen der Professionalisierung, der F\u00fchrerherrschaft, der B\u00fcrokratisierung und der Anpassung an vorgegebene Strukturen, denen Gruppen immer unterliegen, kontrollieren und eind\u00e4mmen. Es bedarf wirklicher Anstrengungen, wenn verhindert werden soll, da\u00df in den eigenen Reihen sich Hierarchien reproduzieren. Ganz &#8222;spontan&#8220; werden bestimmte Aufgaben immer wieder bestimmten Personen zugeordnet, die darin erfahren und bef\u00e4higt sind. Ganz &#8222;spontan&#8220; ergeben sich M\u00e4nnerarbeiten und Frauenarbeiten.Wenn wir von unseren Organisationen nicht verlangen, Positionen zu erobern und sie mit eigenen Leuten zu besetzen, die dann den Apparat in den Dienst anderer Politik stellen, sondern unser Ziel ist, solche Positionen unm\u00f6glich zu machen, den Apparat leerlaufen zu lassen und seine Wirksamkeit zu behindern, so ist uns der Effektivit\u00e4tsma\u00dfstab nicht unbedingt vorgegeben: um eine Volksz\u00e4hlung zu verhindern, braucht man\/frau nicht den Apparat, der sie durchf\u00fchren kann.<\/p>\n<h3>Die soziale Revolution<\/h3>\n<p>8. So wie die Selbstorganisation nur durch Selbstorganisation gelernt werden kann, wird die F\u00e4higkeit, mit der Gewalt des Staates fertig zu werden, nur durch massenhafte direkte gewaltfreie Aktionen erworben. Da milit\u00e4rische Kampfformen immer auch eine milit\u00e4risch-hierarchische Organisationsform bedingen, wenn sie nicht blo\u00dfe Gesten, sondern wirksam sein wollen, bedeutet die B\u00fcrgerkriegskonzeption der Revolution immer die Errichtung eines Apparates, der mit den Zielen der Emanzipationsbewegung regelm\u00e4\u00dfig in Konflikt ger\u00e4t und sie vom Ziel der Herrschaftslosigkeit abdr\u00e4ngt. Der Einsatz von Waffengewalt pr\u00e4gt Denken und Verhalten in autorit\u00e4rer Weise: Vernichtung des Feindes ist das Ziel. Die Gew\u00f6hnung daran, sich durch physische Gewalt durchzusetzen, ist mit Moral und Menschenbild des Anarchismus unvereinbar. Ohne Selbstwiderspruch kann die Taktik der AnarchistInnen deshalb nur die direkte gewaltfreie Aktion sein. Auch in zugespitzten Situationen, wenn die Herrschenden mit Kriegsrecht oder Putsch drohen, auch gegen Interventionen, auch wenn es zu einer entscheidenden Konfrontation zwischen libert\u00e4ren Bewegungen und dem Staat kommt, ist die spezifische Waffe der AnarchistInnen massenhafter ziviler Ungehorsam (Boykottaktionen, massenhafter Bruch von Gesetzen, Sabotage, Massenstreiks bis zum Generalstreik, Kriegsdienstverweigerung) mit dem Ziel der Zersetzung der Machtzentren, insbesondere der bewaffneten Streitkr\u00e4fte. Gegen eine gen\u00fcgend breite Massenbewegung, die durch gesellschaftliche und \u00f6konomische Gegenmacht Druck aus\u00fcbt und repressive Ma\u00dfnahmen unterl\u00e4uft, kann das herrschende \u00dcbergewicht der Waffen nicht zur Geltung kommen. Es gibt Situationen, in denen Repression nicht mehr zu Resignation, sondern zu unvers\u00f6hnlichem Aufbegehren f\u00fchrt.Wenn die herrschende Macht ersch\u00fcttert ist, und die Unterdr\u00fcckten nicht mehr weiterleben wollen wie bisher, oder sie sehen, wie ihre Lage unhaltbar wird, und sie Hoffnung sch\u00f6pfen, sich zu befreien, so beginnt die Phase der sozialen Revolution, die bis zur Beseitigung des Staates und der sozialen Stabilisierung der Anarchie dauert. Damit die alte Ordnung sich nicht wieder sammelt, reorganisiert, den revolution\u00e4ren Elan sich abnutzen l\u00e4\u00dft und schlie\u00dflich, von Schw\u00e4chen, \u00dcbergriffen, Konflikten profitierend siegt, m\u00fcssen gesellschaftliche Voraussetzungen gegeben sein, die nicht erst in der Phase der Zuspitzung entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Kultur, die libert\u00e4re Bewegung, die Institutionen der Selbstorganisation m\u00fcssen gefestigt sein und genug freiheitliche Impulse gegeben haben, die die Revolution dann freisetzt. Revolution ist keine Sch\u00f6pfung aus dem Nichts, selbst wenn sie den Menschen erlaubt, \u00fcber sich hinauszuwachsen.<\/p>\n<h3>Strategie des gewaltfreien Anarchismus heute<\/h3>\n<p>9. Wir leben heute in den westlichen Industriestaaten nicht in einer revolution\u00e4ren Situation. Heute sind es kleine Minderheiten, die diese Ziele im Kopf haben, die in vielen Situationen mit ihrer Schw\u00e4che konfrontiert werden, ihrer Ohnmacht, Handlungsunf\u00e4higkeit, mit Verfolgung und Diskriminierung. Diese Minderheiten m\u00fcssen begreifen, da\u00df sie nicht auf Mehrheiten und auf B\u00fcndnispartnerInnen starren d\u00fcrfen. Minderheiten k\u00f6nnen eine Macht sein, wenn sie illusionslos und solidarisch mit Gleichgesinnten anfangen, sich zu verteidigen. Ihre Handlungen werden Nachahmung finden, ihre Fehler korrigiert werden, ihre Ziele werden (auch ihnen selbst) deutlicher werden. Eine anarchistische Minderheit bleibt unbedeutend, wenn sie Kompromisse mit autorit\u00e4ren Str\u00f6mungen macht oder sich deren Themen und Kampagnen aufzwingen l\u00e4\u00dft. Dann w\u00fcrde sie mit Sicherheit im Abseits bleiben. Andererseits droht die sektiererische Selbstgen\u00fcgsamkeit, die ohne Verbindung mit den sozialen Bewegungen bleibt. Die Spannungen, die entstehen, wenn man sich an Massenbewegungen beteiligt, deren Programme, Aktionsformen, Lebensweisen jedoch nicht \u00fcbernimmt, sondern schriftlich, m\u00fcndlich und durch Tat kritisiert, lassen sich nicht durch Formeln aufl\u00f6sen, sie m\u00fcssen ertragen werden. Ziel mu\u00df es sein, eine gewaltfrei-anarchistische Massenminorit\u00e4t entstehen zu lassen, die in der Lage ist, zun\u00e4chst einzelne Pl\u00e4ne der Herrschenden zu durchkreuzen (besonders jede Planung, die Kriegsf\u00fchrungsf\u00e4higkeit zum Ziel hat) und die eine stabile Kommunikationsstruktur, einge\u00fcbte Formen der Entscheidungsfindung und eine attraktive Gegenkultur aufbaut. Sie mu\u00df stark genug werden, um gesellschaftliche Entwicklungen insgesamt zu beeinflussen. Dazu geh\u00f6rt, da\u00df die zun\u00e4chst passiven Mehrheiten nicht reaktion\u00e4r werden d\u00fcrfen, aus Furcht vor Existenzunsicherheit, sondern da\u00df sie die anarchistische Minderheit neutral oder mit Sympathie betrachtet, die gegen Kriegsf\u00fchrungspl\u00e4ne, die Umweltzerst\u00f6rung, die allt\u00e4glichen Erniedrigungen zu handeln beginnt.Aufbrechende Krisen und gesellschaftliche Widerstandsbewegungen versucht der Staat nicht nur durch Repression, sondern auch durch Reformen zu neutralisieren: Damit sich m\u00f6glichst wenig \u00e4ndert, mu\u00df sich etwas \u00e4ndern. Ist die Opposition dann ermattet oder gespalten in die, die weitergehen wollen und die, die mit dem Erreichten zufrieden sind, kann ja zur\u00fcckgenommen werden, was zu weit geht. Oft sind Reformen auch unvermeidlich, um Kosten und Probleme der staatlichen Verwaltung oder der Kapitalreproduktion zu bew\u00e4ltigen. Es kann sinnvoll sein, die Widerspr\u00fcche solcher Prozesse auszunutzen, um die freiheitlichen Tendenzen zu st\u00e4rken, Teilziele der revolution\u00e4ren Bewegung zu verwirklichen, die nur mit gro\u00dfem Aufwand wieder zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnen. Aber wir fordern nicht Reformen vom Staat und wollen nicht staatliche Macht benutzen, um unsere Ziele durchzusetzen. Die politischen Organisationsformen der Herrschenden (B\u00fcrokratie, Parlament, Partei) sind keine Formen der Freiheit und widersprechen den Inhalten, f\u00fcr die wir uns einsetzen. Eine Kritik revolution\u00e4rer Konzeptionen unterstellt, sie w\u00fcrden konkrete Verbesserungen f\u00fcr die jetzt lebenden Menschen gering achten und stattdessen nur auf eine Endschlacht orientieren, auf st\u00e4ndige Polarisierung, Zuspitzung, Machtauseinandersetzung. Das ist falsch. Der Anarchismus als revolution\u00e4re Theorie und Bewegung hat auch in der Vergangenheit langfristig gesellschaftliche Entwicklungen in freiheitlicher Richtung gef\u00f6rdert und die Revolution selbst als lang andauernden Proze\u00df verstanden, in dem Phasen der Aufkl\u00e4rung, der Experimente, der Organisation und Phasen der K\u00e4mpfe aufeinander folgen; in dem Erfahrungen verarbeitet werden. Die Frage ist weniger, <strong>ob<\/strong> wir uns an Tagesk\u00e4mpfen beteiligen, als <strong>wie<\/strong>. Heute ist f\u00fcr die Regeneration einer abgestorbenen Gesellschaft, die sich in konkurrierende, vereinzelte Individuen und deren staatlich-kapitalistische Verwaltung aufl\u00f6st, eine Aktivit\u00e4t notwendig, die erst Grundlagen f\u00fcr erfolgreiche K\u00e4mpfe schafft: Entwicklung von Selbstbewu\u00dftsein und Solidarit\u00e4t, von sozialer Phantasie, Klarheit der Ziele.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Entwicklungen, die die Entwicklung der Kinder, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die F\u00e4higkeiten, sich in andere Lebensweisen einzuf\u00fchlen, den Horizont der Werte und die Lebenziele der Einzelnen beeinflussen, k\u00f6nnen von der anarchistischen Bewegung mitgestaltet werden. Freiheit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit als Leitmotive sollen die kapitalistisch-staatliche Unkultur in ihrer Rechtfertigung untergraben und Experimente mit freiheitlichen Lebensformen f\u00f6rdern: Kommunen, freie Schulen, Genossenschaftsprojekte, nicht-hierarchische Organisationen, selbstverwaltete Betriebe, konstruktive Arbeit f\u00fcr eine \u00f6kologische, dezentralisierte Produktion. Allgemeines Kriterium ist: den Staat zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, Selbstorganisation zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Zur direkten Aktion geh\u00f6rt auch, im eigenen Alltag das abzustellen, was den erkannten Idealen widerspricht. Sich von Zw\u00e4ngen zu befreien, die straflos abgelegt werden k\u00f6nnen &#8211; das wird auch die Ausgangspunkte f\u00fcr unvermeidliche Konflikte mit den M\u00e4chten der Autorit\u00e4t verbessern. Jeden Tag eine b\u00f6se Tat &#8211; in der Sicht derer, die den jetzigen Zustand der Welt f\u00fcr den besten aller m\u00f6glichen halten!<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Hoffnung und der eigentliche Sinn der AnarchistInnen ist es, mit der sozialen Revolution alle autorit\u00e4ren Konzeptionen zum Scheitern zu bringen und eine freie, grenzlos sich f\u00f6deralistisch vereinende Welt aufzubauen, in der Hunger, Folter, Krieg, Vergiftung der Umwelt und Unterdr\u00fcckung der Menschen der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Diese Welt w\u00e4re keine konfliktfreie Idylle, und sie w\u00e4re keine totalit\u00e4re Einheit, sondern sie w\u00fcrde Gegens\u00e4tze tolerieren und in gewaltlosen Formen austragen. Sie w\u00fcrde viele Experimente zulassen und m\u00fc\u00dfte einen st\u00e4ndigen Abwehrkampf dagegen f\u00fchren, da\u00df wieder Hierarchie, Regierung, Ausbeutung entsteht. Sie w\u00fcrde an den jahrtausendealten Unterbauten der modernen Nationalstaaten, an patriarchalischer Herrschaft und rassistischer Ausschlie\u00dfung noch starke Feinde haben, die nicht verschwinden, nur weil der Staat sie nicht mehr sch\u00fctzt oder Konzerne nicht mehr von ihnen profitieren.<\/p>\n<p>Nur eine starke gewaltfrei-anarchistische Bewegung wird in der Lage sein, solche Forderungen aufzuwerfen. Bei B\u00fcndnissen mit b\u00fcrgerlichen und autorit\u00e4r-sozialistischen Gruppen besteht die Gefahr, da\u00df dadurch die anarchistische Bewegung instrumentalisiert und von ihren Zielen abgedr\u00e4ngt wird. Organisationsstrukturen und Politikverst\u00e4ndnis solcher Gruppen befinden sich in prinzipiellem Widerspruch zu unseren Konzeptionen. Historische Erfahrungen in Ru\u00dfland nach 1917 und Spanien nach 1936 haben gezeigt, da\u00df herrschaftliche Strukturen von autorit\u00e4ren Gruppen reorganisiert werden.<\/p>\n<h3>Herrschaftslosigkeit oder Barbarei!<\/h3>\n<p>In einer Zeit, in der die jeweils neueste Katastrophe die vorigen vergessen l\u00e4\u00dft, aber die Stimmung immer mehr die einer Vorkriegszeit ist, wird die Wahl deutlich: Wahnsinn und apokalyptische Vernichtungsorgien, wenn sich die kapitalistisch-etatistischen Prinzipien grenzenlos entfalten. Oder Sieg der transnationalistischen Gegenkultur, die den Herrschenden in bestimmten Bereichen die Zusammenarbeit verweigert und sich mit den Unterdr\u00fcckten in anderen L\u00e4ndern solidarisiert. Wenn sich mehr Verbundenheit mit den Opfern herrschender Politik auf einem anderen Kontinent als mit der herrschenden Klasse des eigenen Landes organisieren lie\u00dfe, so w\u00e4ren dies Vorboten der Anarchie, die Schrift an der Wand f\u00fcr Kapital und Staat und ihre AnbeterInnen.Der feministische Angriff auf das Patriarchat und die \u00f6kologische Kritik an der \u00dcbertragung der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf die Natur und der Behandlung nicht-menschlichen Lebens als blo\u00dfen Rohstoff sind Bereiche, in denen die antiautorit\u00e4re Bewegung heute weiter geht als ihre Vorg\u00e4ngerInnen. Da\u00df uralte Gewohnheitsrechte der Ausbeutung angegriffen werden, ist ein Zeichen der Hoffnung.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet Graswurzelrevolution? Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. 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