{"id":10010,"date":"2010-05-01T00:00:23","date_gmt":"2010-04-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10010"},"modified":"2022-07-26T14:14:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:37","slug":"abpfiff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/abpfiff\/","title":{"rendered":"Abpfiff!"},"content":{"rendered":"<h3>Wikileaks<\/h3>\n<p>Wikileaks (<a href=\"http:\/\/www.wikileaks.org\">www.wikileaks.org<\/a>)                 ist ein Kollektiv, das sich 2005 bildete, um Whistleblowern das                 Ver\u00f6ffentlichen geheimer Informationen \u00fcber das Internet zu erm\u00f6glichen.                 Das Projekt hat es sich dabei zum Ziel gesetzt, einerseits den                 InformantInnen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Anonymit\u00e4t zu gew\u00e4hren und andererseits                 den \u00f6ffentlichen Einfluss der Dokumente zu maximieren.<\/p>\n<h3>Struktur<\/h3>\n<p>\u00dcber die interne Zusammensetzung und Organisation des Projektes                 ist vergleichsweise wenig bekannt. Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt                 sieht diese &#8222;Obskurit\u00e4t&#8220; bez\u00fcglich interner Vorg\u00e4nge derzeit noch                 als Voraussetzung f\u00fcr den Schutz der Whistleblower. ((1))                 Grunds\u00e4tzlich sieht er allerdings auch die M\u00f6glichkeit, die bisher                 intern erledigten Arbeiten auf die Masse der InternetnutzerInnen                 umzulegen und somit ein wesentlich offeneres und transparenteres                 System bereit zu stellen.<\/p>\n<p>Nach eigener Aussage organisieren sich derzeit 800 bis 1.000                 Leute unterschiedlicher Herkunft in dem Projekt. Dazu z\u00e4hlen SpezialistInnen                 f\u00fcr Forensik, Journalismus, Informationstechnik und Rechtswesen.                 Au\u00dferdem stellen HelferInnen technische Ausr\u00fcstung zur Verf\u00fcgung,                 um das globale Netzwerk von Wikileaks auszubauen.<\/p>\n<p>Die InformantInnen k\u00f6nnen auf mehreren Wegen mit Wikileaks Kontakt                 aufnehmen. Neben der M\u00f6glichkeit, per Internet Informationen weiter                 zu leiten, m\u00f6chte Wikileaks auch ein Netzwerk von lokalen HelferInnen                 nutzen, um Dokumente z.B. \u00fcber private Postf\u00e4cher annehmen zu                 k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Internetauftritt Wikileaks&#8216; wurde darauf ausgelegt, eine                 Identifikation der kritischen TeilnehmerInnen zu erschweren. So                 ist die Seite einerseits auch aus dem Anonymisierungsnetzwerk                 &#8222;Tor&#8220; erreichbar und andererseits wird s\u00e4mtlicher Datenverkehr                 innerhalb des Projektes \u00fcber mehrere Server geleitet. Durch diese                 Methode m\u00f6chte das Projekt auch die Rechtssicherheit f\u00fcr sich                 und InformantInnen st\u00e4rken, da der Datenverkehr grunds\u00e4tzlich                 auch durch Staaten mit vergleichsweise starken Rechten f\u00fcr Whistleblower                 und JournalistInnen geleitet wird.<\/p>\n<p>Alle eingehenden Dokumente werden intern einer Pr\u00fcfung auf wenige,                 grunds\u00e4tzliche Punkte unterzogen; so sollte das Dokument weder                 bereits ver\u00f6ffentlicht worden sein, noch sollte der Informant                 das Dokument selbst verfasst haben.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem werden die Einsendungen forensisch untersucht, um Hinweise                 auf die InformantInnen zu entfernen und die Authentizit\u00e4t der                 Informationen einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ist das Dokument mit diesen Kriterien kompatibel, so wird es                 ver\u00f6ffentlicht. Eine n\u00e4here inhaltliche Auseinandersetzung findet                 zwar (\u00f6ffentlich) statt, entscheidet allerdings nicht \u00fcber die                 Ver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n<p>Wikileaks vertritt dabei den Standpunkt, dass eine inhaltsgebundene                 Ver\u00f6ffentlichung als Zensur zu werten w\u00e4re, da es keine objektiven                 Kriterien zur Entscheidung geben k\u00f6nne.<\/p>\n<h3>Fundraising<\/h3>\n<p>Wikileaks minimierte Ende 2009 die Funktionen des Internetauftrittes,                 um dringlicher auf die Abh\u00e4ngigkeit von Spenden hinzuweisen. Das                 Projekt gibt ein gew\u00fcnschtes j\u00e4hrliches Budget von 600.000 $ an,                 von denen im April 2010 erst ungef\u00e4hr 370.000 $ durch Spenden                 eingenommen werden konnten. Nach eigenen Angaben finanzierten                 bisher alle HelferInnen ihre T\u00e4tigkeit f\u00fcr Wikileaks selbst oder                 lebten von Spenden.<\/p>\n<p>Die Funktionen bleiben bis zum erneuten Start des Auftrittes                 auf die Grundfunktionen beschr\u00e4nkt. Es werden au\u00dferdem nicht alle                 Einsendungen ver\u00f6ffentlicht, sondern nur solche, die als &#8222;zeitkritisch&#8220;                 angesehen werden.<\/p>\n<p>Um finanzielle Sicherheit zu gewinnen, m\u00f6chte das Projekt au\u00dferdem                 tempor\u00e4re Exklusivit\u00e4tsrechte an den Dokumenten verkaufen; so                 kann ein Nachrichtenmagazin beispielsweise vor der Ver\u00f6ffentlichung                 durch Wikileaks bereits \u00fcber das Thema berichten.<\/p>\n<h3>Reaktionen<\/h3>\n<p>Unternehmen und Staaten reagierten unterschiedlich auf die Ver\u00f6ffentlichungen                 des Projektes. Der Internetauftritt spricht von bereits 100 rechtlichen                 Prozessen, die Wikileaks f\u00fchren musste und bis dato jedes Mal                 gewonnen hat. <\/p>\n<p>Die Publikationen finden in den &#8222;etablierten Medien&#8220; oft Beachtung,                 allerdings wird in vielen F\u00e4llen darauf verzichtet, das Projekt                 als Quelle der Informationen anzugeben. Wikileaks selbst w\u00fcnscht                 explizit die Nennung, um die Popularit\u00e4t und somit die Anzahl                 potentieller InformantInnen zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Die politische Verfolgung von Mitgliedern scheint derzeit kaum                 (erfolgreich) statt zu finden. In letzter Zeit spitzte sich die                 Lage allerdings f\u00fcr HelferInnen in Island und den USA zu: Unabh\u00e4ngig                 voneinander berichteten Mitglieder des Projektes, dass sie observiert                 w\u00fcrden. Ein junger Mitarbeiter wurde au\u00dferdem festgenommen und                 verh\u00f6rt. Er berichtete sp\u00e4ter davon, dass ihm w\u00e4hrend der Befragung                 Fotos von einem geheimen Koordinationstreffen des Projektes gezeigt                 wurden.<\/p>\n<p>Es wird vermutet, dass diese j\u00fcngsten Einsch\u00fcchterungsversuche                 auf die letzte gro\u00dfe und langfristig angek\u00fcndigte Ver\u00f6ffentlichung                 zur\u00fcck zu f\u00fchren sind; Wikileaks wurde ein verschl\u00fcsseltes Video                 des US-Milit\u00e4rs zugespielt, das die T\u00f6tung mehrerer Zivilisten                 in Bagdad von einem Kampfhubschrauber aus zeigt [siehe Kommentar                 in dieser GWR].<\/p>\n<p>Das Projekt k\u00fcndigte die Ver\u00f6ffentlichung des Videos mehrmals                 an, nannte allerdings keine Details. Es scheint plausibel, dass                 staatliche Stellen im Vornherein das Thema der Ver\u00f6ffentlichung                 in Erfahrung bringen wollten, um sich entsprechend vorzubereiten.<\/p>\n<p>Wikileaks selbst ver\u00f6ffentlichte auch ein Dokument der CIA, in                 welchem er\u00f6rtert wurde, welche Aktionen gegen Whistleblower und                 das Projekt ergriffen werden k\u00f6nnen. ((2))               <\/p>\n<h3>Kritik<\/h3>\n<p>Die Eigenschaften des Projektes, die Wikileaks zu einer geeigneten                 Plattform f\u00fcr Whistleblower machen, werden zugleich auch kritisiert.<\/p>\n<p>Haupts\u00e4chlich wird die fehlende redaktionelle Kontrolle des Projektes                 kritisiert. Es wird angef\u00fchrt, dass neben ethisch vertretbaren                 Ver\u00f6ffentlichungen auch schlicht b\u00f6swillige Ver\u00f6ffentlichungen                 stattfinden k\u00f6nnten. Das Projekt h\u00e4tte aufgrund seiner Prinzipien                 keine M\u00f6glichkeit, z.B. die Verletzung der Privatsph\u00e4re oder gar                 die Verfolgung von Menschen zu verhindern.<\/p>\n<p>Wikileaks argumentiert, dass das Projekt vor der Ver\u00f6ffentlichung                 mit Gef\u00e4hrdeten in Kontakt treten w\u00fcrde, um ihnen die M\u00f6glichkeit                 der Vorbereitung zu geben.<\/p>\n<h3>Ver\u00f6ffentlichte Dokumente<\/h3>\n<p>Wikileaks machte im Jahr 2007 Handb\u00fccher der US-Armee in Guantanamo                 \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. Diese Dokumente belegten erstmals die unw\u00fcrdigen                 Zust\u00e4nde, in denen die Gefangenen gehalten wurden. ((3))               <\/p>\n<p>Seit 2008 wurden mehrere Listen mit zensierten Internetseiten                 in verschiedenen Staaten ver\u00f6ffentlicht. Unter anderem konnte                 so nachgewiesen werden, dass die sogenannten &#8222;Sperren gegen Kinderpornographie&#8220;                 bereits in anderen L\u00e4ndern als Zensurinstrument auch f\u00fcr andere                 Themen genutzt wurden.<\/p>\n<p>Im Jahre 2009 wurde ein Feldj\u00e4ger-Report \u00fcber den Angriff eines                 Tanklastzuges, der auch ZivilistInnen t\u00f6tete, ver\u00f6ffentlicht.                 Das Dokument l\u00f6ste eine gro\u00dfe \u00f6ffentliche Diskussion aus, da es                 in mehreren Punkten der offiziellen Darstellung der Bundesregierung                 widersprach.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2010 stellte das Projekt au\u00dferdem eine Einsch\u00e4tzung der                 CIA zur Verf\u00fcgung, in dem M\u00f6glichkeiten dargestellt werden, wie                 die Bev\u00f6lkerung &#8222;kriegsm\u00fcder L\u00e4nder&#8220; wie Deutschland und Frankreich                 \u00fcber verschiedene PR-Ma\u00dfnahmen so manipuliert werden kann, dass                 sie den Afghanistankrieg unterst\u00fctzt. In Deutschland sollen daf\u00fcr                 die Folgen einer Kriegsniederlage beleuchtet und das NATO-B\u00fcndnis                 als verpflichtendes Element dargestellt werden. ((4))               <\/p>\n<h3>Gesellschaftlicher Einfluss<\/h3>\n<p>Whistleblowing erm\u00f6glicht erst die &#8211; sonst nicht vorhandene oder                 stark erschwerte &#8211; Kommunikation \u00fcber gewisses politisches, unternehmerisches                 und gesellschaftliches Fehlverhalten. Das Wissen um diese Vorf\u00e4lle                 oder Pl\u00e4ne ist der Grundstein f\u00fcr einen kritischen Umgang im gesellschaftlichen                 Leben und sollte somit frei zug\u00e4nglich sein.<\/p>\n<p>Die Zug\u00e4nglichkeit dieser Informationen erleichtert nat\u00fcrlich                 auch die Intervention bestimmter Prozesse durch zun\u00e4chst Unbeteiligte                 (siehe &#8222;Zensursula&#8220;- beziehungsweise &#8222;Censilia&#8220;-Debatte). Au\u00dferdem                 wird herrschenden Personen oder Institutionen zumindest teilweise                 der zeitliche Vorsprung genommen: Die Vernetzung einer Bewegung                 und die Ausarbeitung von Argumenten kann so &#8211; z.B. im Falle von                 Gesetzesvorhaben &#8211; im Vorfeld organisiert werden.<\/p>\n<h3>Monopolstellung? <\/h3>\n<p>Trotz oder gerade wegen der Existenz von Wikileaks dr\u00e4ngt sich                 die Frage auf, wie die Kommunikationswege zu Whistleblowern weiterhin                 erhalten oder erweitert werden k\u00f6nnen. Wie oben bereits beschrieben,                 haben die &#8222;gesch\u00e4digten&#8220; Institutionen die Gefahr erkannt und                 beginnen, nach Wegen zu suchen, diese Kommunikation zu verhindern.<\/p>\n<p>Wikileaks ist technisch und organisatorisch zumindest scheinbar                 gut aufgestellt, stellt allerdings trotz alledem einen &#8222;single                 point of failure&#8220; dar: Externe oder interne Ereignisse k\u00f6nnten                 die Annahme und Ver\u00f6ffentlichung von Dokumenten ver\u00e4ndern oder                 g\u00e4nzlich verhindern. Eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem w\u00e4re die Schaffung                 neuer, eigenst\u00e4ndiger Projekte, die so die potentielle Angriffsfl\u00e4che                 und das Risiko streuen.<\/p>\n<p>Vorstellbar w\u00e4re au\u00dferdem eine automatisierte Kommunikation zwischen                 diesen Projekten, so dass neue Dokumente eines Projektes auch                 an andere gesendet werden. Die Zusammenarbeit von vielen Menschen                 \u00fcber das Internet k\u00f6nnte weiterhin dabei helfen, Dokumente mit                 vermeintlich hoher Informationsdichte durch wenig Arbeitseinsatz                 von Einzelnen zu bewerten und zusammen zu fassen. <\/p>\n<p>Informationsfreiheit scheint ein bedeutsamer Teil der gesellschaftlichen                 Freiheit zu sein und das sollte auch weiterhin so kommuniziert                 werden (d\u00fcrfen). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wikileaks Wikileaks (www.wikileaks.org) ist ein Kollektiv, das sich 2005 bildete, um Whistleblowern das Ver\u00f6ffentlichen geheimer Informationen \u00fcber das Internet zu erm\u00f6glichen. Das Projekt hat es sich dabei zum Ziel gesetzt, einerseits den InformantInnen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Anonymit\u00e4t zu gew\u00e4hren und andererseits den \u00f6ffentlichen Einfluss der Dokumente zu maximieren. 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