{"id":10015,"date":"2010-05-01T00:00:56","date_gmt":"2010-04-30T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10015"},"modified":"2022-07-26T14:14:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:36","slug":"eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein-2\/","title":{"rendered":"&#8222;Eine andere Gesellschaft muss auch eine liebevollere sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Ich glaube an die Vorz\u00fcge alternativer                 Medien. Du bist gerade auf den G8-Gipfel im Juli 2001 in Genua                 eingegangen. Am 21. Juli 2001 t\u00f6tete dort ein Carabinieri den                 23j\u00e4hrigen Studenten Carlo Giuliani durch zwei gezielte Sch\u00fcsse                 in Kopf und Brust, 600 Menschen wurden damals bei den Protesten                 gegen den G8-Gipfel zum Teil schwer verletzt, hunderte willk\u00fcrlich                 verhaftet. <\/b><\/p>\n<p><b>GegnerInnen des globalisierten Kapitalismus wurden von Polizisten                 und paramilit\u00e4rischen Carabinieri misshandelt, gefoltert und gedem\u00fctigt.                 Mit bis dahin f\u00fcr viele Menschen in einem demokratischen Land                 wie Italien unvorstellbarer Brutalit\u00e4t ging die Staatsgewalt gegen                 die \u00fcberwiegend gewaltfreien 300.000 DemonstrantInnen vor. <\/b><\/p>\n<p><b>Das war damals ja Thema, aber eben fast nur in kleinen Alternativmedien,                 zum Beispiel auf indymedia und in der <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 (Nr. 261 ff.). Ein Freund von mir ist in Genua unglaublich misshandelt                 worden, auch mit Psychoterror. Die haben die Leute richtig fertig                 gemacht. Da muss man nat\u00fcrlich Gegendruck herstellen, Gegen\u00f6ffentlichkeit.                 Die Alternativmedien erreichen aber leider nicht die gro\u00dfe Masse                 der Bev\u00f6lkerung. Das ist ein Problem. <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Aber es gibt alternative Medien und                 die setzen sich auch langsam durch. &#8222;Medien von unten&#8220; hat das                 Ignacio Ramonet mal genannt. <\/p>\n<p>Ich betreibe ja das Gleiche auf meiner Website: <a href=\"http:\/\/www.hinter-den-schlagzeilen.de\">www.hinter-den-schlagzeilen.de<\/a>               <\/p>\n<p>Da versuche ich seit dem Irakkrieg Meinungen zu verlinken, die                 nicht dem \u00fcblichen mainstream angepasst sind. <\/p>\n<p>Mittlerweile schreiben dort auch immer mehr Autorinnen und Autoren                 selber, die in den \u00fcblichen Medien nicht auftauchen. <\/p>\n<p>Ein Beispiel: Die Nachdenkseiten haben es geschafft, pro Tag                 bis zu 50.000 Zugriffe zu haben. Das ist ungeheuer. Aber ich denke,                 da k\u00f6nnte noch eine gr\u00f6\u00dfere Vernetzung stattfinden, ein gr\u00f6\u00dferes                 Portal geschaffen werden. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Ich wei\u00df nicht, ob Du www.linksnet.de kennst, das von                 der Rosa Luxemburg Stiftung finanzierte linke Politik- und Wissenschaftsportal                 von mittlerweile mehr als 40 Alternativzeitungen? Das ist auch                 ein gro\u00dfartiges Internetprojekt. <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Linksnet? <\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Ja, da findet sich viel Lesenswertes. Das lohnt sich                 zu verlinken. <\/b><\/p>\n<p><b>Ich habe gesehen, dass Du auch viele Artikel aus der <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 auf www.hinter-den-schlagzeilen.de verlinkt hast. Das freut mich.                 Auch dieses Schneeballprinzip, das so zum Ausdruck kommt und dazu                 beitr\u00e4gt, dass wichtige Inhalte auch kleinerer Bewegungsmedien                 eine gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeit bekommen. <\/b><\/p>\n<p><b>Ich denke, dass die Auflage einer Zeitung nicht unbedingt                 etwas \u00fcber ihre Qualit\u00e4t und Bedeutung aussagt. Das zeigt ja auch                 die Geschichte der Alternativmedien in der DDR. Ab 1986 waren                 die Umweltbl\u00e4tter das wichtigste Oppositionsorgan in der DDR.                 Die sind mit einer kleinen 600er Auflage angefangen. Aber sie                 sind von Hand zu Hand weitergereicht und diskutiert worden. Sie                 haben sehr viel zum Umbruch in der DDR beigesteuert [vgl. GWR                 340, 343, 344]. <\/b><\/p>\n<p><b>1987 gab es in der Ost-Berliner Umweltbibliothek eine Razzia,                 da wurden die angetroffenen <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>-Redakteure von                 der Stasi verhaftet. Die Matrizendruckmaschine, Zeitungen und                 Materialien sind beschlagnahmt worden. <\/b><\/p>\n<p><b>Vorher war es die einzige Zeitung in der DDR, die z.B. nach                 Tschernobyl Strahlenwerte dokumentiert hat. Sie hat beispielsweise                 auch \u00fcber Faschoangriffe auf Langhaarige, Punks und Vietnamesen                 berichtet. <\/b><\/p>\n<p><b>Alles wurde unter dem Schutz der Kirche und mit dem Untertitel                 &#8222;Nur zur innerkirchlichen Information&#8220; herausgegeben. Die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>                 waren in gewisser Weise eine Art &#8222;DDR-Graswurzelrevolution&#8220;, ein                 basisdemokratisches, anarchistisch verfasstes Sprachrohr der Oppositionsszene.                 <\/b><\/p>\n<p><b>Nach der Razzia gab es DDR-weit Mahnwachen und Protestaktionen                 gegen die Verhaftungen. Im Westen wurde intensiv dar\u00fcber berichtet.                 Deshalb stand pl\u00f6tzlich der Milliardenkredit, den Franz Josef                 Strau\u00df dem Honecker versprochen hatte, zur Disposition. Es wurde                 diskutiert, ob man diesem Unrechtsstaat \u00fcberhaupt noch soviel                 Geld geben k\u00f6nne. Honecker hat dann pers\u00f6nlich die Notbremse gezogen                 und veranlasst, dass die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>&#8211;<\/b><\/p>\n<p><b>Redakteure freigelassen und alle beschlagnahmten Materialien                 zur\u00fcckgegeben werden. Das hat dann wiederum dazu gef\u00fchrt, dass                 es einen gro\u00dfen Auftrieb f\u00fcr die DDR-Oppositionsbewegung gegeben                 hat, dass \u00fcberall vergleichbare Bewegungsbl\u00e4tter und neue Gruppen                 entstanden sind. Im Grunde war das der Anfang vom Ende der DDR,                 k\u00f6nnte man sagen. Es hat die Leute mutiger gemacht &#8211; &#8222;seht her,                 wir k\u00f6nnen etwas erreichen in diesem poststalinistischen, militaristischen                 Staat&#8220;. <\/b><\/p>\n<p><b>Die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> hatten eine winzige Auflage, aber                 eine gro\u00dfe Wirkung. 1989 wurden sie in <i>telegraph<\/i> umbenannt.                 Sie blieben das wichtigste Organ der Oppositionsbewegung in der                 DDR, bevor der Westen mit seinen Massenmedien und Parteien kam                 und das im Grunde alles \u00fcberrollt hat. <\/b><\/p>\n<p><b>Die Druckqualit\u00e4t der <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> war unter aller                 Kanone. Das war unterirdisch zum Teil, also, man konnte die Schrift                 kaum noch lesen, alles auf Matrize abgezogen. Aber es war eine                 Zeitung, die Informationen von unten verbreitet hat. <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Man hat das schon gemerkt als K\u00fcnstler.                 Es gab von meiner DDR-Platte damals eine Auflage, und die war,                 glaub ich, 15.000. Und ich bin \u00fcberzeugt, dass weit \u00fcber 100.000                 meine Platte oder Bandaufnahmen hatten. Ich habe dann mit denen                 gesprochen, das war ganz lustig, dann habe ich die gefragt &#8222;wieso                 macht ihr nicht noch eine Auflage?&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Och, wir sind ein sozialistischer Betrieb und uns geht es nicht                 ums Geld.&#8220; <\/p>\n<p>Ich habe es ihnen damals schon nicht geglaubt, dass das der Grund                 ist. <\/p>\n<p><b>GWR: Konntest Du denn alle St\u00fccke spielen, die Du spielen                 wolltest? Auch &#8222;Anna, die Anarchie&#8220;? <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Ja. Ich habe gesagt: &#8222;Sonst mache ich                 es nicht. Ich verdiene keinen Pfennig Geld, wenn ich jetzt auch                 noch Einschr\u00e4nkungen habe, warum soll ich dann da r\u00fcber gehen,                 dann macht&#8217;s Euern Kram alleine.&#8220; Das gab es bei mir nicht. Ich                 habe singen und sagen k\u00f6nnen, was ich wollte. <\/p>\n<p>Ich war sehr naiv. Am Anfang wusste ich nicht, warum diese zwei                 sch\u00f6nen, freundlichen jungen M\u00e4nner immer dabei waren. Ich habe                 gedacht, na ja, das ist aber nett, das sind Tourneebegleiter.                 Dass die h\u00f6chste Stasiaufgaben hatten, das war mir nicht klar.               <\/p>\n<p>Als ich in der DDR bei der Plattenfirma Amiga war, da haben wir                 miteinander geredet. Sie kannten einiges. Meinen &#8222;Willi&#8220; haben                 sie toll gefunden. Dann habe ich gesagt, &#8222;das, was wir am Ende                 wollen, das ist doch sowieso die Anarchie. Na, das ist jetzt ein                 \u00dcbergangsstadium, aber dann, wenn wir im Sozialismus sind, dann                 wollen wir ein herrschaftsfreies System&#8220;. Das habe ich w\u00f6rtlich                 zu denen gesagt. Die haben mich angeschaut, als wenn ich vom Mars                 k\u00e4me. Da wusste ich schon direkt, also meine Freunde sind das                 jetzt nicht. Aber ich konnte tun, was ich wollte. <\/p>\n<p>Ich wollte auch Kontakt mit den Menschen in der DDR haben. Und                 diese zwei Mitarbeiter, die Stasi-Leute, die waren ganz reizend,                 waren sehr h\u00f6flich, die waren aber immer dabei. Also, ich glaube,                 am liebsten h\u00e4tten sie noch bei mir im Doppelbett in der Ritze                 geschlafen. Dann habe ich gesagt, wenn ich nicht einmal mehr ohne                 euch Kontakt zu den Leuten aufnehmen kann, dann geben wir das                 Ganze auf. Dann waren sie weg. Ich nehme an, sie waren trotzdem                 da, irgendwo waren sie sicher. Das habe ich deutlich gesp\u00fcrt.                 Bei meiner ersten Tournee, da war ein Publikum, da habe ich gedacht,                 die haben alle Paranoia. Jetzt wei\u00df ich nat\u00fcrlich, dass sie Recht                 hatten, wenn sie mir immer wieder bei bestimmten Themen sagten:                 &#8222;Wir m\u00fcssen leise reden.&#8220; <\/p>\n<p>Und dann, ein Jahr vor der Wende, war ich dann noch einmal dr\u00fcben                 auf Tour. Da waren die Menschen meines Publikums schon viel mutiger                 und haben laut und deutlich geschimpft und diskutiert. Da war                 zu merken, dass der Umbruch eigentlich schon da war. Obwohl man                 es nat\u00fcrlich noch nicht wissen konnte. <\/p>\n<p>Der n\u00e4chste, f\u00fcr mich sehr traurige Umbruch war dann, wie diese                 wunderbaren Menschen, die das alles eingeleitet haben, von denen                 \u00fcberrollt wurden, die dann &#8222;Helmut, Helmut!&#8220; gebr\u00fcllt haben. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Das war die nationalistische Konterrevolution, die dann                 eingesetzt hat, als anstelle von &#8222;Wir sind das Volk!&#8220; pl\u00f6tzlich                 &#8222;Wir sind ein Volk!&#8220; gerufen wurde.<\/b><\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker: <\/i>Die Konterrevolution. <\/p>\n<p>Ich frage mich ja, ob da nicht ganz bewusst schon vieles eingeleitet                 wurde, von Agent provocateurs. Wer wei\u00df, wer den ersten &#8222;Helmut!&#8220;                 wirklich gerufen hat, ob das wirklich DDR-B\u00fcrger waren? <\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Ich arbeite gerade an einem Buch \u00fcber den Anarchismus                 in der DDR. Daf\u00fcr habe ich auch Interviews mit Libert\u00e4ren aus                 der DDR gemacht, zum Beispiel mit Wolfgang R\u00fcddenklau, einem ehemaligen                 Redakteur von <i>telegraph<\/i> und <i>Umweltbl\u00e4ttern<\/i>. <\/b><\/p>\n<p><b>1989\/90 war seiner Meinung nach die freieste Zeit des Landes.                 Tats\u00e4chlich ist in dieser \u00dcbergangsphase unheimlich viel passiert.                 Zum Beispiel gab es 1990 allein in Ost-Berlin 130 besetzte H\u00e4user                 und die erste freie Alternativschule in Leipzig wurde noch im                 Sommer 1990 ohne offizielles Konzept legalisiert, bevor der DDR-Staat                 am 3. Oktober 1990 durch die Bundesrepublik geschluckt wurde.                 <\/b><\/p>\n<p><b>Die Freie Schule Leipzig gibt&#8217;s immer noch. Das ist ein gro\u00dfartiges,                 basisdemokratisches Schulprojekt ohne Noten, da habe ich mal hospitiert.                 <\/b><\/p>\n<p><b>Ich glaube, es ist wichtig daran zu erinnern, dass im Grunde                 die sogenannten &#8222;Verlierer der Geschichte&#8220; den revolution\u00e4ren                 Umbruch 1989 eingeleitet haben. Die Konterrevolution hat die Geschichte                 umgeschrieben<\/b>. <\/p>\n<\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Bei meiner ersten Tournee nach der                 Wende, ein Jahr nachher, habe ich gedacht, ich trau meinen Augen                 nicht. Ich habe in Leipzig gespielt, im Gewandhaus, und im Foyer                 waren im Sommer Pelzverk\u00e4ufer!! <\/p>\n<p>Autoh\u00e4ndler, Versicherungsh\u00e4ndler und Zuh\u00e4lter, und nat\u00fcrlich                 die Banken, das waren die ersten, die sofort nach der Wende ihren                 Profit gewittert haben. All diese &#8222;Kriegsgewinnler&#8220; waren sofort                 da und haben gemerkt, dass man da relativ naive Menschen, und                 das Wort meine ich ganz im positiven Sinne, ausnehmen kann. <\/p>\n<p>Der Osten wurde zu gro\u00dfen Teilen ausgepl\u00fcndert und dann wie eine                 hei\u00dfe Kartoffel fallen gelassen. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: 2006 ist ein Konzert von Dir in Halberstadt verhindert                 worden. Kannst Du dazu etwas erz\u00e4hlen? <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Konstantin Wecker:<\/i> Das war das erste Mal in meiner ganzen                 Laufbahn, dass ein Konzert nicht stattfinden konnte, weil das                 braune Pack sich als &#8222;kulturelle Hoheit&#8220; mehr oder weniger aufgespielt                 hat, wobei das Wort &#8222;Kultur&#8220; in Verbindung mit den Neonazis sowieso                 schon eine G\u00e4nsehaut verursacht. Und die haben es eigentlich geschafft,                 also die Begr\u00fcndung war: Wenn man mich, als sogenannten Linksextremen,                 in der Halle auftreten l\u00e4sst, dann m\u00fcsste man auch einen S\u00e4nger                 der NPD auftreten lassen. <\/p>\n<p>Und jetzt, vor ein paar Tagen, habe ich in der N\u00e4he von Dresden                 gespielt, da hat die NPD wieder Flugbl\u00e4tter vorm Konzert verteilt.                 Der NPD-Landtagsabgeordnete Gansel hat sich pers\u00f6nlich hingestellt                 und Flugbl\u00e4tter verteilt gegen das &#8222;undeutsche Wesen des so genannten                 Antifaschisten, Ex-Drogenabh\u00e4ngigen und Soft-Porno-Darstellers                 Wecker&#8220;. <\/p>\n<p>Ich habe dann nach der Pause das Flugblatt dem Publikum vorgelesen                 und gesagt: <\/p>\n<p>&#8222;Dieses Flugblatt haben Sie in die Hand gekriegt. Was da drin                 steht, stimmt alles. Das Einzige, was nicht stimmt ist, wenn sie                 schreiben: \u201aso jemand darf nicht im Kulturhaus spielen&#8216;. Gerade                 so jemand sollte ins Kulturhaus und die sollen raus.&#8220; <\/p>\n<p>Die Nazis sind jetzt, nach der erfolgreichen Verhinderung des                 Nazigro\u00dfaufmarsches am 13. Februar in Dresden, nat\u00fcrlich sauer.                 Da versuchen sie schon, mobil zu machen. Und sie wissen, dass                 sie bestimmte Gegenden im Griff haben, leider. Das <\/p>\n<p>muss man ganz offen sagen. <\/p>\n<p>Ich bewundere mein Publikum manchmal sehr, wenn ich da in manchen                 Ecken Deutschlands spiele, dass sie \u00fcberhaupt kommen. Also zum                 Beispiel vor einigen Jahren, da haben Neonazis jeden, der zu mir                 ins Konzert kam, fotografiert. Und ich meine, die Leute leben                 dort. Die m\u00fcssen mit denen auskommen.<\/p>\n<p>Ich fahre wieder weiter, aber da gab es bestimmte Gegenden, da                 wollte ich nicht in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gehen oder auf den Marktplatz,                 weil ich mir gedacht habe, wenn mich einer von denen erkennt,                 dann schaut&#8217;s schlecht aus. Wenn es schon so weit kommt, dass                 man richtig Angst haben muss und manche Leute wirklich Angst vor                 der k\u00f6rperlichen Gewalt haben, dann hei\u00dft es, dass wir noch viele                 solche Aktionen wie in Dresden machen m\u00fcssen. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Ja, das denke ich auch. Dresden ist in gewisser Weise                 vorbildlich auch in dem Sinne, dass es das erste Mal war, dass                 dort diese Spaltung, zum Beispiel zwischen &#8222;Antideutschen&#8220; und                 &#8222;Anti-Imperialisten&#8220;, ein St\u00fcck weit \u00fcberwunden werden konnte.                 Alle Antifas haben endlich mal an einem Strang gezogen und alle                 haben eine direkte gewaltfreie Aktion, eben die Massenblockade,                 gemacht. Das ist der richtige Weg, um Nazis zu stoppen. <\/b><\/p>\n<p><b>In M\u00fcnster hat sich 2005 eine \u00e4hnliche Geschichte abgespielt.                 Da wollten Axel Reitz und andere &#8222;autonome Nationalisten&#8220;, also                 Nazis, die sich wie Autonome kleiden, einen bundesweiten Naziaufmarsch                 in M\u00fcnster machen. Die haben dann bundesweit mobilisiert. Wir                 haben nat\u00fcrlich auch mobilisiert. <\/b><\/p>\n<p><b>Die sind mit 170 Leuten aus dem Bahnhof rausgekommen. Das                 Viertel wurde schon vorher von der Polizei abgesperrt. Wir sind                 da zum gro\u00dfen Teil gar nicht mehr reingekommen, aber im Hansaviertel                 haben sich direkt 2.500 Leute aus den H\u00e4usern auf die Stra\u00dfe gesetzt                 und gegenseitig untergehakt. Und aus den H\u00e4usern flogen Eier auf                 die Nazis. Die sind im Eierregen untergegangen. <\/b><\/p>\n<p><b>Der Demo-Anmelder der Neonazis hat sich mit der Polizei angelegt                 und dann wurde der Naziaufmarsch nach 200 Metern aufgel\u00f6st, weil                 die Polizei sich au\u00dferstande sah, die 2.500 blockierenden Antifas                 zu r\u00e4umen. Die Faschos mussten bedr\u00f6ppelt wieder abziehen. <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Konstantin Wecker:<\/i> Hier herrscht ein gr\u00f6\u00dferer allgemeiner                 Konsens, gegen Nazis zu sein. Keiner w\u00fcrde sich gern nachsagen                 lassen, dass er Sympathie f\u00fcr die NPD oder die Nazis hat. Da sind                 sie sich alle einig. Vor allem wir im linken Lager konnten uns                 da ja auch einigen mit den verschiedenen Gruppen. Aber wie sieht                 es aus, wenn es jetzt wieder gegen Krieg geht? <\/p>\n<p>Dann wird der Staat hellh\u00f6riger, wenn man gegen die NATO ist.                 Und wie schaffen wir es da, uns auf einen Nenner zu einigen? <\/p>\n<p>Denn es gibt ja viele, die Pazifismus nicht unbedingt f\u00fcr erstrebenswert                 halten, sondern der Meinung sind, dass &#8222;f\u00fcr die gerechte linke                 Sache&#8220; auch ein &#8222;gerechter linker Krieg&#8220; gef\u00fchrt werden muss.               <\/p>\n<p>Und da lass ich mit mir nicht verhandeln. Ich bin Pazifist und                 glaube, dass es nur eine gewaltfreie Welt ohne Kriege und m\u00e4nnlichen                 \u00dcberlegenheitswahn geben kann &#8211; oder eben bald gar keine Welt                 mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Ich glaube an die Vorz\u00fcge alternativer Medien. Du bist gerade auf den G8-Gipfel im Juli 2001 in Genua eingegangen. Am 21. 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