{"id":10032,"date":"2010-05-01T00:00:57","date_gmt":"2010-04-30T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10032"},"modified":"2012-08-22T20:24:50","modified_gmt":"2012-08-22T18:24:50","slug":"schlaflied-und-weckruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/schlaflied-und-weckruf\/","title":{"rendered":"Schlaflied und Weckruf"},"content":{"rendered":"<p>Man darf Musik nicht essentialisieren. Was Musik ist und was                 sie bewirkt, h\u00e4ngt zum gr\u00f6\u00dften Teil von ihren Kontexten ab. Lieder                 der deutschen Arbeiterbewegung, die der Befreiung verpflichtet                 sein sollten, konnten von den Nazis usurpiert und schamlos in                 den Dienst rassistischer Menschenverachtung gestellt werden. Oder,                 bescheidener: Einige meiner Lieblingslieder aus der Geschichte                 des Rock&#8217;n&#8217;Roll schaffen es manchmal, mich zu weltzugewandter                 Aktivit\u00e4t aufzur\u00fctteln; manchmal, mich in melancholischem Selbstmitleid                 zerflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Die neue CD von Chumbawamba bewahrheitet diese Einsicht in zweierlei                 Weise. Als ich sie zum ersten Mal h\u00f6rte, w\u00e4hrend ich am Computer                 irgendeiner stupiden Arbeit folgte, war mein Eindruck in den Begriff                 zu fassen: &#8222;etwas blutleer&#8220;. <\/p>\n<p>Mit diesem Urteil stellte ich sie sp\u00e4ter einem Freund vor, traute                 dann aber meinen Ohren nicht: Was hier mit der von Chumbawamba                 inzwischen bekannten Zartheit, Subtilit\u00e4t vorgetragen wird, hat                 es faustdick hinter den Ohren!<\/p>\n<p>Die Kontextabh\u00e4ngigkeit von Musik pr\u00e4gt andererseits auch den                 Inhalt vieler der insgesamt 17 Geschichten, die auf &#8222;ABCDEFG&#8220;                 (das ist die diatonische Tonleiter auf Englisch) rund um das Universum                 der Musik erz\u00e4hlt werden. Hier wird klar, dass dieses Kommunikationsuniversum                 der &#8222;Voices&#8220; noch komplexer ist als jenes der &#8222;Words&#8220;, um das                 es beim vorigen Chumba-Album ging (dessen Titel sich gleichwohl                 bereits um die Musik drehte: The Boy Bands Have Won) (vgl. GWR                 330).<\/p>\n<p>Mindestens f\u00fcnf Dimensionen definieren dieses Musik-Universum.               <\/p>\n<p>Da ist erstens die Spannung zwischen der Produktion und dem Konsum                 von Musik. Etwas nostalgisch bemerken Chumbawamba, dass im Allgemeinen,                 z.B. in Kneipen, das Singen vom Zuh\u00f6ren abgel\u00f6st worden sei. Die                 Jukebox figuriert hier als Werkzeug einer passiv machenden Vereinzelung                 (Voices, that&#8217;s all).<\/p>\n<p>Aber die zweite Dimension: Individuum &#8211; Kollektiv steht quer                 zur ersten. Die unter Alzheimer leidende Operndiva, deren Lebens\u00e4u\u00dferungen                 sich auf das Singen immer derselben Phrasen aus &#8222;Madame Butterfly&#8220;                 beschr\u00e4nken (Puccini said), erscheint ebenso auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen                 wie der Teenager, der die Stra\u00dfe hinuntergeht, verloren in der                 Welt seiner Kopfh\u00f6rer (Missed). Und dann gibt es eben auch die                 individuelle Entdeckung einer &#8222;gr\u00f6\u00dferen, besseren Welt im Dunkeln&#8220;,                 mit dem Transistorradio unter der Teenager-Bettdecke, die uns                 in die 70er Jahre zur\u00fcckf\u00fchrt (Underground).<\/p>\n<p>Eine dritte Dimension ist die soziale, hier ist die Musik der                 Eliten von der Musik der Bev\u00f6lkerung zu unterscheiden. Chumbawamba                 interessieren sich vor allem f\u00fcr die letztere. <\/p>\n<p>Aber was soll man zu der Geschichte sagen, in der George Melly                 eine Bande R\u00e4uber in die Flucht schl\u00e4gt, indem er Kurt Schwitters&#8216;                 dadaistische &#8222;Ursonate&#8220; rezitiert: &#8222;F\u00fcmms b\u00f6 w\u00f6 t\u00e4\u00e4 z\u00e4\u00e4 Uu, p\u00f6giff,                 kwii Ee&#8220; (Ratatatay)?<\/p>\n<p>Ein besonderes Anliegen der Band ist, viertens, die Frage, wie                 mit dem musikalischen Erbe umzugehen sei. Hier entfalten sie die                 schon vom vorigen Album bekannte These, dass Musik nur \u00fcberlebt,                 solange sie kreativ bleibt. <\/p>\n<p>Das Streben nach m\u00f6glichst originalgetreuer Wiedergabe alter                 Kl\u00e4nge macht aus Musik &#8222;Eingep\u00f6keltes&#8220; (Pickle). <\/p>\n<p>Die S\u00e4ulenheiligen der englischen Folk-Music-Traditionspflege                 werden \u00fcberdies der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben, weil das, was                 sie als &#8222;authentisches&#8220; traditionelles Liedgut aufzeichneten,                 von der Landbev\u00f6lkerung oft ad hoc improvisiert wurde, um den                 ausgesetzten Shilling zu ergattern (The Song Collector). <\/p>\n<p>Noch mehr H\u00e4me bekommt der Chef der faschistischen &#8222;British National                 Party&#8220;, Nick Griffin, ab, der neuerdings die Parole ausgegeben                 hat, die Partei solle sich in lokale Folklore-Aktivit\u00e4ten einklinken:                 &#8222;Sein K\u00f6rper so steif wie kalte Lasagne \/ Denn alles, was er kennt,                 ist &#8222;Rule Brittannia&#8220; (Dance, Idiot, Dance).<\/p>\n<p>Das ber\u00fchrt die f\u00fcnfte hier zu erw\u00e4hnende Dimension, die sich                 zwischen befreienden und unterdr\u00fcckenden Wirkungen von Musik aufspannt.                 Am Emp\u00f6rendsten ist hier die Geschichte um James Hetfield, den                 S\u00e4nger der Heavy-Metal-Band Metallica, der die Verwendung von                 Songs der Band bei der Folterung irakischer Gefangener durch das                 US-Milit\u00e4r ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dfte: &#8222;Wenn die Irakis nicht an Freiheit                 gew\u00f6hnt sind, dann bin ich stolz darauf, daran beteiligt zu sein,                 dass sie ihr ausgesetzt werden.&#8220; In ihrem Lied hierzu drehen die                 Chumbas den Spie\u00df gedanklich um, fesseln Hetfield und brechen                 schlie\u00dflich seinen Widerstand, indem sie ihm eine Scheibe mit                 &#8222;Chumbawambas Greatest Hits&#8220; vorspielen.<\/p>\n<p>Neben der potenziellen Verwendung von Musik zu Zwecken der Unterdr\u00fcckung                 ist Musik aber auch stets in Gefahr, selbst repressiven Ma\u00dfnahmen                 zum Opfer zu fallen.<\/p>\n<p>Dies wird an einem Beispiel aus dem Mittelalter gezeigt: dem                 kirchlichen Verbot, den &#8222;Tritonus&#8220; zu verwenden, also die verminderte                 Quint als Intervall, worin sich die &#8222;Essenz des B\u00f6sen&#8220; \u00e4u\u00dfere                 (The Devil&#8217;s Interval). Auch wurde die denkw\u00fcrdige Stellungnahme                 der DDR-Beh\u00f6rden im Jahre 1975 zu einem Lied verarbeitet, worin                 den Mitgliedern der Klaus Renft Combo angesichts ihrer kritischen                 Texte verk\u00fcndet wurde, dass sie &#8222;nicht mehr existierten&#8220; (You                 don&#8217;t exist).<\/p>\n<p>Repression hat aber nicht das letzte Wort; gegen sie helfen Listen                 wie die Zweiteilung des kompositorischen Schaffens von Dimitri                 Shostakovich unter dem stalinistischen Kunst-Regime (Hammer, Stirrup                 &#038; Anvil); oder es helfen Rasseln, wie sie ein KZ-\u00dcberlebender                 im Jahr 2000 erklingen lie\u00df, als zum ersten Mal ein St\u00fcck des                 notorischen Antisemiten Richard Wagner in Israel aufgef\u00fchrt wurde                 (Wagner at the Opera).<\/p>\n<p>Die Rassel, die ans Rasseln der Ketten und ans Rattern der Deportationsz\u00fcge                 erinnert, wird in diesem St\u00fcck als Perkussionsinstrument eingesetzt.                 Der Tritonus wird im Devil&#8217;s Interval ausgiebig demonstriert.                 Und mehrere Lieder integrieren O-Ton-Material.<\/p>\n<p>Das ist sch\u00f6n an&#8220;schau&#8220;lich, um die Komplexit\u00e4t dieses f\u00fcnfdimensionalen                 Kosmos auszuloten.<\/p>\n<p>Aber mein &#8222;Missverst\u00e4ndnis&#8220; beim ersten unaufmerksamen H\u00f6ren                 der CD sollte ernst genommen werden. In den Arrangements von Chumbawamba                 ist nichts Raues mehr, nichts Verzerrtes, nichts Lautes. <\/p>\n<p>Sie versagen sich einige Register, die durchaus von Wert w\u00e4ren.                 Im Refrain von Voices, that&#8217;s all hei\u00dft es: &#8222;Stimmen sind alles                 &#8211; Schlaflied und Weckruf&#8220;. Ein wenig mehr Weckruf h\u00e4tte es schon                 sein d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man darf Musik nicht essentialisieren. Was Musik ist und was sie bewirkt, h\u00e4ngt zum gr\u00f6\u00dften Teil von ihren Kontexten ab. Lieder der deutschen Arbeiterbewegung, die der Befreiung verpflichtet sein sollten, konnten von den Nazis usurpiert und schamlos in den Dienst rassistischer Menschenverachtung gestellt werden. Oder, bescheidener: Einige meiner Lieblingslieder aus der Geschichte des Rock&#8217;n&#8217;Roll schaffen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/schlaflied-und-weckruf\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Schlaflied und Weckruf - graswurzelrevolution","description":"Man darf Musik nicht essentialisieren. Was Musik ist und was sie bewirkt, h\u00e4ngt zum gr\u00f6\u00dften Teil von ihren Kontexten ab. 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