{"id":10068,"date":"2010-06-01T00:00:34","date_gmt":"2010-05-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10068"},"modified":"2022-07-26T14:24:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:07","slug":"je-mehr-gewalt-desto-weniger-revolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/06\/je-mehr-gewalt-desto-weniger-revolte\/","title":{"rendered":"Je mehr Gewalt, desto weniger Revolte!"},"content":{"rendered":"<p>Die Gewaltdiskussion, die nun in Griechenland aufbricht, ist                 \u00fcberf\u00e4llig, weil dort nicht nur die Brutalisierung der Herrschaft,                 sondern auch &#8211; in einer unbewussten Identifikation mit dem Aggressor                 &#8211; die Brutalisierung der sozialen Kampfformen weit fortgeschritten                 ist.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Ablauf der Ereignisse in der von einem Molotowcocktail                 in Brand gesetzten Athener Filiale der Marfin-Bank, die zum Tod                 von Angeliki Papathanasopoulou, Paraskevi Zoulia und Epameinodas                 Tsakalis gef\u00fchrt hat (auch &#8222;unsere&#8220; Opfer sollten wir mit Namen                 aussprechen: sie sind genauso konkret wie die zahlreichen Opfer                 der Polizeigewalt, also zum Beispiel Alexandros Grigoropoulos                 oder L\u00e1mbros Fo\u00fandas). Es gilt, sich die Qual der Opfer nach einem                 Molotowcocktail-Anschlag vor Augen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Bankfiliale wurde durch einen Molli in Brand gesetzt. \u00dcber                 20 Menschen wurden in dem vierst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude von den Flammen                 eingeschlossen. Zwei Frauen und ein Mann versuchten offenbar,                 sich vor dem Inferno auf das Dach zu retten. Die drei sind im                 Flur, im Treppenhaus und im B\u00fcro &#8211; im 2. und 3. Stock wegen der                 giftigen D\u00e4mpfe ohnm\u00e4chtig geworden und erstickt. Eine der beiden                 Frauen war schwanger. Die Feuerwehr kam zu sp\u00e4t, weil alle Stra\u00dfen                 im Zentrum Athens wegen der gro\u00dfen Demonstration verstopft waren.                  ((1))<\/p>\n<p>Als die Nachricht zu den Protestierenden durchsickert und sich                 rumspricht, sind die Folgen unmittelbar, so berichten anarchistische                 Zusammenh\u00e4nge in einer der vielen Erkl\u00e4rungen zum 5. Mai in Athen:                 &#8222;Die Menge erstarrt, die Gesichter werden dunkel, die Wut und                 die Kraft verfliegen, die Demoblocks beginnen sich aufzul\u00f6sen.&#8220;               <\/p>\n<p>Die verschiedenen Polizeikr\u00e4fte bekommen gleichzeitig Auftrieb                 und fahren einen besonders brutalen Einsatz: &#8222;Derartige Chancen                 werden nicht ungenutzt gelassen. Der Plan der Herrschenden, der                 f\u00fcr die gesamte Periode seit dem Aufstand vom Dezember auf die                 Kriminalisierung der anarchistischen und autonomen Szene sowie                 jedes unbevormundeten Widerstandsherdes gegen die staatliche und                 kapitalistische Barbarei zielt, hat den notwendigen Vorwand f\u00fcr                 eine qualitative und quantitative, propagandistische und operative                 Aufwertung.&#8220; ((2)) <\/p>\n<p>Die Rede von der &#8222;anarchistischen und autonomen Szene&#8220; ist nicht                 falsch, denn obwohl AnarchistInnen und Autonome nicht dasselbe                 sind, benutzt ein Gro\u00dfteil der anarchistischen AktivistInnen in                 Griechenland Kampfmittel, die bei uns als die der Autonomen bekannt                 sind, vor allem Steine und Mollis.<\/p>\n<h3>Parallelen zu den &#8222;Sch\u00fcssen&#8220; an der Frankfurter Startbahn, 2.11.1987<\/h3>\n<p>F\u00fcr meine Analyse verlasse ich an dieser Stelle Griechenland,                 denn ich beanspruche nicht, die griechische Diskussion zu beeinflussen.                 Mir geht es um die Rezeption, die wir uns hier von der Revolte                 in Griechenland und \u00e4hnlichen Revolten gegen die Brutalit\u00e4t der                 aktuell herrschenden Verh\u00e4ltnisse machen, etwa auch die Rezeption                 der Revolte in den franz\u00f6sischen Banlieus vom November 2005.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte daran erinnern, dass auch die sozialen K\u00e4mpfe innerhalb                 der bundesdeutschen \u00d6kologiebewegung bereits einmal an einem solchen                 Scheideweg standen: Es ging dabei um die &#8222;Sch\u00fcsse&#8220; (der Begriff                 ist als peinliche Verharmlosung in unsere Widerstandsgeschichte                 eingegangen, denn wenn wir selbst Opfer produzieren, wird das                 von interessierter Seite sofort entkonkretisiert, u.a. durch solche                 Begriffsbildungen &#8211; in Wirklichkeit waren es also politische Morde)                 an der Frankfurter Startbahn West vom 2.11.1987, die zwei Polizeibeamte,                 Thorsten Schwalm und Klaus Eichh\u00f6fer, t\u00f6teten. <\/p>\n<p>Auch hier waren die Folgen wie in Athen unmittelbar: die Polizei                 konnte nun eine ihrer brutalsten Repressionskampagnen \u00f6ffentlich                 legitimieren, Wellen von Festnahmen f\u00fchrten zu einem Aussagekarussell                 der AktivistInnen mit erschreckenden gegenseitigen Beschuldigungen                 (bis hin zur Denunziation von T\u00e4terInnen bei Strommasts\u00e4geaktionen),                 das nur m\u00fchsam gestoppt werden konnte. ((3))<\/p>\n<p>Die alte, urspr\u00fcnglich massenhafte Startbahnbewegung war am Ende                 (zum Gl\u00fcck entsteht heute gerade eine neue Widerstandsbewegung                 gegen die erneute Flughafenerweiterung mit Wald- und Baumbesetzungen                 ganz anderen Charakters; die GWR berichtete).<\/p>\n<p>Am 2.11.1987 wurde aus einer militanten Demo heraus auf die Polizeireihen                 geschossen, das war in Athen nicht der Fall, doch dem damals wie                 heute von manchen Autonomen ge\u00e4u\u00dferten Abwehrargument, um sich                 nicht selbstkritisch damit befassen zu m\u00fcssen, dass Provokateure                 am Werk gewesen sein k\u00f6nnten, wurde von gewaltfreier Seite schon                 begegnet, dass &#8222;Provokateure aus staatlicher Sicht nur da &#8217;sinnvoll&#8216;                 eingesetzt werden (k\u00f6nnen), wo ein politisches Spektrum oder eine                 Bewegung bereits knapp vor einem Schritt steht, den die Provokateure                 dann tun&#8220;. ((4))<\/p>\n<p>Was die Waffen Steine, Mollis, Schusswaffen betrifft, ist der                 Schritt von der einen zur n\u00e4chsten Stufe minimal und liegt in                 einer Abfolge-Logik, die f\u00e4lschlicherweise oft als &#8222;Radikalisierung&#8220;                 bezeichnet wird. <\/p>\n<p>Griechische AnarchistInnen glauben noch in ihrer Analyse des                 5.5.2010, hier klare Unterscheidungen treffen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>&#8222;In den K\u00e4mpfen der Stra\u00dfe, dort, wo sich die Angriffslust all                 derjenigen manifestiert, die nicht in gesellschaftlichen Konsens                 und Parteidisziplin integrierbar sind, ist es ein selbstverst\u00e4ndlicher                 Grundsatz, dass Geb\u00e4ude-Symbole niemals dem Feuer \u00fcbergeben werden,                 bevor sichergestellt wurde, dass keine Menschen darin sind. Dar\u00fcber                 hinaus, genau weil die Anarchisten und Autonomen wissen, dass                 die Bosse wahrscheinlich keinerlei Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr die Arbeitenden                 getroffen haben, bildet f\u00fcr sie diese Kenntnis den Grund f\u00fcr den                 Verzicht auf eine m\u00f6gliche Aktion und nicht ein Alibi. Wer immer                 hinter dieses Minimum zur\u00fcckf\u00e4llt, tr\u00e4gt die volle Verantwortung                 f\u00fcr sein Handeln.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Das Dilemma dieses im Prinzip unterst\u00fctzenswerten Motivs ist                 aber, dass dieses &#8222;Minimum&#8220;, diese Grenze, eben nicht von Fall                 zu Fall vor Ort unmissverst\u00e4ndlich festgestellt werden kann. Sondern                 wir befinden uns hier in einem flie\u00dfenden Kontinuum militanter                 Aktionsformen. Auch vor dem 2.11.1987 haben Autonome in vielen                 Erkl\u00e4rungen Stein und Bein geschworen, es w\u00fcrde eine klare Grenze                 geben zwischen Steinen, Mollis einerseits und Schusswaffen andererseits.                 Es unterstellt ja niemand, dass die griechischen GenossInnen die                 Bank-Filiale &#8222;in vollem Bewusstsein&#8220; der Anwesenheit von Angestellten                 im ersten Stock in Brand setzten. <\/p>\n<p>Die Tatsache, dass es unm\u00f6glich ist, dieses Minimum vor Ort mit                 Sicherheit festzustellen, bedeutet aus gewaltfrei-anarchistischer                 Sicht, dass auf solche Brandanschl\u00e4ge immer und prinzipiell verzichtet                 werden muss.<\/p>\n<p>Die gewaltfreie Revolutionsstrategie ist kein Abstraktum. Ihre                 Kritik und ihre revolution\u00e4re Ethik entstehen aus konkreten K\u00e4mpfen,                 an denen genau dieses Dilemma offenbar wird. Sie m\u00fcnden praktisch                 in eine Aufteilung in diejenigen, die angesichts der gemachten                 Erfahrung diese Logik nicht mehr weiterverfolgen und sich deshalb                 nach alternativen Kampfformen umsehen wollen, und diejenigen,                 welche die Logik bewusst weitertreiben wollen. Diese Aufteilung                 ist nicht etwa eine Spaltungsstrategie des Staates, sondern eine                 ganz nat\u00fcrliche, aus den konkreten Kampferfahrungen gezogene Konsequenz.               <\/p>\n<p>Die Anarchistin Clara Wichmann hat es so formuliert: &#8222;Es hat                 seine tiefe Bedeutung, da\u00df die Gewaltlosigkeit heute f\u00fcr uns alle                 ein <i>Problem<\/i> ist, denn dies ist ein Zeichen, dass wenigstens                 unter vielen Revolution\u00e4ren [&#8230;] das soziale Gewissen in diesem                 Punkt feinf\u00fchliger geworden ist.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Diese sozialrevolution\u00e4re Qualit\u00e4t &#8211; die tats\u00e4chliche &#8222;Radikalit\u00e4t&#8220;                 der Revolte &#8211; sollte sich niemand durch die Behauptung ausreden                 lassen, solch ein soziales Gewissen sei Spaltungsstrategie des                 Staates. Es geht dem Staat im Gegenteil darum, uns auf seine &#8222;ethische&#8220;                 Ebene zu ziehen, unser soziales Gewissen zu zerschlagen.<\/p>\n<p>Auf solche Einschnitte in sozialen K\u00e4mpfen wie am 2.11.1987 und                 am 5.5.2010 reagieren K\u00e4mpferInnen, die ein soziales Gewissen                 kennen, naturgem\u00e4\u00df mit einem Schock, der sowohl zu Bewusstwerdung                 von Verdr\u00e4ngtem als auch zu konstruktiver Selbstkritik f\u00fchren                 kann. Bewusst wird nun schlagartig, dass auch angeblich niederschwellig                 militante Kampfformen wie Steine und Mollis t\u00f6dlich wirken k\u00f6nnen                 &#8211; im \u00fcbrigen: Wenn Steinhagel auf PolizistInnen oftmals nicht                 t\u00f6dlich wirken, ist das vor allem der polizeilichen martialischen                 Schutzkleidung zu verdanken, die wir inhaltlich doch gerade ablehnen                 und als militaristisch denunzieren. So gab es auch nach den &#8222;Sch\u00fcssen&#8220;                 vom 2.11.1987 aus dem Kreis der Autonomen zun\u00e4chst eine erste                 Welle selbstkritischer \u00c4u\u00dferungen, die aus diesem Schock entstanden                 sind. In einer zweiten Welle von Erkl\u00e4rungen meldeten sich damals                 dann allerdings die autorit\u00e4rer orientierten marxistischen und                 antiimperialistischen Autonomen zu Wort und emp\u00f6rten sich \u00fcber                 die angeblich naiven Betroffenheits-Autonomen. <\/p>\n<h3>Ein Beispiel<\/h3>\n<p>&#8222;Der Gebrauch einer Knarre, ja selbst wenn es zwei oder drei                 gewesen w\u00e4ren, macht f\u00fcr uns noch lange (ganz lange) keine milit\u00e4rische                 Auseinandersetzung aus. Auch die Existenz von diversen Kleingruppen                 und dieser oder jener Bombenanschlag sind f\u00fcr uns keine milit\u00e4rische                 Auseinandersetzung. F\u00fcr uns ist das alles militante Politik mit                 militanten Mitteln. [&#8230;] Eine milit\u00e4rische Auseinandersetzung                 setzt eine Organisierung und Ausr\u00fcstung voraus, die es hier momentan                 nicht gibt und auch in absehbarer Zeit nicht geben wird. Au\u00dferdem                 bedeutet sie eine H\u00e4rte der Auseinandersetzung, die diese &#8218;Linke&#8216;,                 die schon bei zwei toten Bullen fast einen Kollaps kriegt, keine                 f\u00fcnf Minuten durchhalten w\u00fcrde.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Ich bin sicher, dass auch in Griechenland unter den dortigen                 anarchistischen und autonomen Gruppen nach einer ersten Welle                 des Schocks und sensibler Erkl\u00e4rungen eine zweite Welle kommen                 wird, welche die &#8222;H\u00e4rte der Auseinandersetzung&#8220; einklagen wird.               <\/p>\n<p>Sie haben sich im Gegensatz zu den &#8222;Betroffenheits-Autonomen&#8220;                 (dieser ver\u00e4chtlich verweichlichende Jargon ist Bestandteil des                 extrem patriarchalen Diskurses ihrer Militanz) schon immer klar                 vor Augen gef\u00fchrt, dass Steine, Mollis und Schusswaffen potentiell                 verletzende und t\u00f6tende Kampfmittel sind. Sie bejahen das bewusst                 und integrieren diese Kampfformen in eine Logik und eine Strategie                 des fr\u00fcher oder sp\u00e4ter notwendigen bewaffneten Aufstands, auf                 den sie hinarbeiten. Ziel ihrer Arbeit in solchen Momenten ist                 es vorerst, diese &#8222;Gef\u00fchlsduselei&#8220; und den Schock auszutreiben,                 den eigene Opfer bei K\u00e4mpferInnen mit sozialem Gewissen ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wer sich angesichts des 5.5.2010 in Athen also an den 2.11.1987                 an der Frankfurter Startbahn-West erinnert, wei\u00df, dass wir solche                 Erfahrungen in den K\u00e4mpfen der sozialen Bewegungen im deutschen                 Sprachraum bereits gemacht haben. Athen ist keine andere Welt.<\/p>\n<p>Wer \u00fcber den 5.5.2010 in Athen nicht wirklich reden will, wird                 auch nicht an den 2.11.1987 erinnert werden wollen. Insofern sind                 die drei Toten aus der Athener Marvin-Bank konsequent. Das sollte                 sich jeder, der so k\u00e4mpft und weiter so k\u00e4mpfen will, klarmachen.                  ((8))<\/p>\n<h3>Was Steine, Mollis und Schusswaffen im revolution\u00e4ren Bewusstsein                 anrichten<\/h3>\n<p>Es geht mir um etwas, was ich den &#8222;glasigen Blick&#8220; nennen m\u00f6chte:                 die naive und unkritische Bewunderung nicht weniger AktivistInnen                 hier f\u00fcr die medial auch noch als einzige Ausdrucksform pr\u00e4sentierten                 militanten Aktionsformen in Griechenland oder auch f\u00fcrdie Revolten                 in den franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten vom November 2005. <\/p>\n<p>Ich f\u00fchre genug Gespr\u00e4che, in denen mit ungl\u00e4ubigem Staunen von                 der &#8222;Radikalit\u00e4t&#8220; gesprochen wird, mit der mit Pr\u00fcgeln ausger\u00fcstete                 griechische Aktivisten auf Polizeireihen einschlagen oder sie                 mit Mollis in Brand setzen. Bei autonomen oder militanten TheoretikerInnen                 kommt es dabei zu Mythenbildungen, die nur selten hinterfragt                 werden. Eine Ausnahme war kurz vor dem 2.11.1987 auf den ersten                 gro\u00dfen Frankfurter &#8222;Libert\u00e4ren Tagen&#8220; vom April 1987 (3.000 TeilnehmerInnen)                 die autonome Lupus-Gruppe in einem selbstkritischen Papier, wo                 die patriarchale Arbeitsteilung bei militanten K\u00e4mpfen thematisiert                 wurde:<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt gerade unter uns eine Hierarchie der Wertigkeit, die                 zutiefst reaktion\u00e4r ist, die die Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen                 Angsthasen und Furchtlosen, Dr\u00fcckebergern und Frontk\u00e4mpfern, Wassertr\u00e4gern                 und Fightern nicht aufhebt, sondern vertieft und kultiviert.&#8220;<\/p>\n<p>Genau das wiederholt sich bei den heutigen militanten Aufst\u00e4nden                 etwa in den franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten auf fortgeschrittenem patriarchalen                 Niveau, was aber unbeirrt von TheoretikerInnen mit glasigen Augen                 und naiver Bewunderung wie bei den griechischen Militanten heute                 entschuldigt wird. In seinem Vorwort zu dem Buch &#8222;Banlieues&#8220; schreibt                 das &#8222;Kollektiv Rage&#8220; zu den Vorstadtaufst\u00e4nden:<\/p>\n<p>&#8222;Die Steine, darin stimmen die meisten Berichte \u00fcberein, wurden                 ausnahmslos von m\u00e4nnlichen Jugendlichen geworfen. &#8218;Die Gewalt                 verweist auf die m\u00e4nnliche Rolle. Aber das bedeutet nicht, dass                 die Frauen total au\u00dferhalb des Geschehens sind, dass sie kein                 Verst\u00e4ndnis haben&#8216;, wie Laurent Mucchielli [&#8230;] bemerkt&#8220;, in                 einer expliziten Zur\u00fcckweisung feministischer Kritik an dieser                 verst\u00e4ndnisvollen Zuschauerinnen-Rolle \u00fcbrigens. ((9))<\/p>\n<h3>Was also ist radikal? <\/h3>\n<p>Die opportunistische Verteidigung geschlechtlicher Arbeitsteilung,                 um die m\u00e4nnlichen militanten K\u00e4mpfer zu legitimieren, oder ihre                 Infragestellung? Es geht darum, dieses falsche Verst\u00e4ndnis von                 Radikalit\u00e4t offen zu legen und die Fratze zu zeigen, die sich                 dahinter verbirgt. <\/p>\n<p>Bei den Vorstadtaufst\u00e4nden in Frankreich ist es durch die relativ                 ziellose Militanz der Aufst\u00e4ndischen, die inzwischen auch regelm\u00e4\u00dfig                 Jagdgewehre und Schrotflinten neben Steinen und Mollis einsetzen,                 immer wieder zu folgenden Vorf\u00e4llen gekommen:<\/p>\n<p>&#8222;Busse sind mit Molotowcocktails angegriffen worden, und die                 Passagiere, die von der Arbeit heimkehrenden BewohnerInnen der                 armen Banlieues, hatten nicht immer die Zeit und die M\u00f6glichkeit,                 zu entkommen, wie etwa jene Behinderte, die sich w\u00e4hrend des Angriffs                 auf einen Bus in Sevran (Seine-Saint-Denis) am 2. November (2005;                 d.A.) schwere Brandverletzungen zuzog.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Solche Vorf\u00e4lle scheinen den Theoretiker, der davon erz\u00e4hlt,                 Al\u00e8ssi Dell&#8217;Umbria, einen aktiven &#8222;\u00c9meutier&#8220; der 1980er Jahre,                 bei seiner theoretischen Mythisierung von 2005 nicht zu st\u00f6ren.                 Besonders zynisch wird er, wenn es um das Leben von Polizisten                 geht:<\/p>\n<p>&#8222;An einem Abend im Herbst 2006 sind zwei CRS [Compagnie de S\u00e9curit\u00e9                 R\u00e9publicaine; besonders brutal vorgehende Aufstandsbek\u00e4mpfungs-Polizei;                 d.A.], die sich in einem Abschnitt von Corbeille-Essonnes, der                 als besonders &#8218;hei\u00df&#8216; gilt, verfahren hatten, von einer zwanzigk\u00f6pfigen                 Gruppe Jugendlicher wortw\u00f6rtlich gelyncht worden &#8211; das passiert                 schon mal, wenn sich eine Streife in feindlichem Territorium verirrt!&#8220;                  ((11))<\/p>\n<p>Die MythenbildnerInnen dieser Bewegungen merken nicht, dass sie                 in ihrem Jargon PolizistInnen auf eine Art entmenschlichen &#8211; und                 wortw\u00f6rtlich zum Abschuss freigeben -, die sich kaum noch vom                 entmenschlichenden Jargon Sarkozys (&#8222;Racaille&#8220;) oder anderer Herrschender                 f\u00fcr die Jugendlichen der Vorst\u00e4dte unterscheidet. Die Idee, dass                 es m\u00f6glich w\u00e4re, aufgestaute Wut auf die berufliche Rolle als                 Polizisten zu konzentrieren und nicht auf sie als Menschen; die                 Idee eines Ziels einer Konfrontation mit der Polizei, n\u00e4mlich                 Polizisten zur Dienstverweigerung zu bewegen, ist bereits au\u00dferhalb                 ihrer Vorstellungswelt &#8211; auch wenn seit Jahren Polizisten die                 Angriffe auf sie als das aufnehmen, als was sie gemeint sind,                 als Kriegserkl\u00e4rung, und nur umso h\u00e4rter zuschlagen, mit gest\u00e4rkter                 innerer \u00dcberzeugung. Trotz dieser Vorkommnisse, die in franz\u00f6sischen                 Vorst\u00e4dten heute keine Einzelf\u00e4lle mehr sind, schreiben die MythenbildnerInnen                 dieser Aufst\u00e4nde gerade aufgrund der weit verbreiteten Sprach-                 und Ziellosigkeit der Angriffe von einer &#8222;puren Revolte&#8220;, von                 der &#8222;Kultur der Rebellion&#8220;, von der &#8222;ewigen Jugend der Revolte&#8220;,                 von der &#8222;puren Freude an der Zerst\u00f6rung&#8220; ((12))                 &#8211; wo in Wirklichkeit von Verzweiflung und Autodestruktion zu reden                 w\u00e4re, w\u00e4hrend sich die Herrschenden durch extremen Personenschutz                 und die glitzernden Innenst\u00e4dte durch Kontrollen und Sicherheitsapparate                 immer unangreifbarer machen. <\/p>\n<p>Diese MythenbildnerInnen reflektieren nicht, dass die Brutalisierung                 der Herrschaftsformen das Bewusstsein ihrer Opfer brutalisiert                 &#8211; und dass darin der Erfolg ihrer Herrschaftsmethoden liegt. Diese                 Revolten sind in ihren militanten Ausdrucksformen nicht &#8222;pur&#8220;,                 sondern &#8222;nihilistisch&#8220; &#8211; sie negieren die Werte, welche die Revolte                 im Kampf gegen neoliberale Ausbeutung urspr\u00fcnglich hervorbringt.                 Ihre Gewalt ist nicht Ausdruck von, sondern der Verrat an der                 &#8222;puren Revolte&#8220;, eine negative Identifikation mit dem Aggressor.<\/p>\n<p>In Zeiten der Krise des Weltkapitalismus breiten sich diese nihilistischen                 Revolten aus. In der Logik ihrer Entwicklung liegt der B\u00fcrgerkrieg                 (wie er in Ans\u00e4tzen in Thailand bereits zu beobachten ist). Es                 ist f\u00fcr jede\/n K\u00e4mpfenden heute sehr schwer, sich dem Druck sowohl                 von herrschender Seite wie von militant-oppositioneller Seite                 zu entziehen und bewusst und unbeirrt zur urspr\u00fcnglichen Legitimation                 der Revolte zur\u00fcckzukehren, zu Kampfformen, die uns von den Herrschenden                 klar unterscheiden. Soll niemand sagen, das h\u00e4tte es in der Geschichte                 nie gegeben; soll niemand sagen, die Herrschaftsgewalt, die &#8222;Kultur                 der Gewalt&#8220; in Griechenland etwa, die bis zur Obristendiktatur                 zur\u00fcckreiche, lasse keine Alternative zu. Auch zu Zeiten der Startbahnsch\u00fcsse,                 nach Tschernobyl, hatten wir gedacht: &#8222;Brutaler geht&#8217;s nimmer,                 wenn wir&#8217;s jetzt nicht schaffen, ist es f\u00fcr immer zu sp\u00e4t&#8220;. Und                 doch haben wir die Widerstandsformen ge\u00e4ndert, die \u00d6kologiebewegung                 ist nicht tot und es ist nicht zu sp\u00e4t &#8211; weil viele Leute die                 Konsequenzen aus dem 2.11.1987 gezogen haben, weil sie sich ihr                 soziales Gewissen nicht haben zerschlagen lassen. Es hat immer                 auch Alternativen in noch weit schlimmeren Herrschaftsverh\u00e4ltnissen                 gegeben: Die M\u00fctter der Plaza del Mayo haben die argentinische                 Milit\u00e4rdiktatur aus dem Nichts heraus bek\u00e4mpft; die Frauen des                 Kochtopf-Widerstands in Chile Pinochet; die Frauen in der Rosenstra\u00dfe                 1943 die Deportationen ihrer j\u00fcdischen M\u00e4nner &#8211; alle genannten                 Revolten waren erfolgreich, und in ihnen waren Frauen nicht blo\u00dfe                 ZuschauerInnen, sondern den Widerstand pr\u00e4gende K\u00e4mpferinnen.                 Das waren &#8222;pure Revolten&#8220;. In Abwandlung eines Wortes des niederl\u00e4ndischen                 Anarchisten Bart de Ligt: &#8222;Je mehr Gewalt, desto weniger Revolte!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gewaltdiskussion, die nun in Griechenland aufbricht, ist \u00fcberf\u00e4llig, weil dort nicht nur die Brutalisierung der Herrschaft, sondern auch &#8211; in einer unbewussten Identifikation mit dem Aggressor &#8211; die Brutalisierung der sozialen Kampfformen weit fortgeschritten ist. 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