{"id":10072,"date":"2010-06-01T00:00:38","date_gmt":"2010-05-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10072"},"modified":"2022-07-26T14:14:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:36","slug":"eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/06\/eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein-3\/","title":{"rendered":"&#8222;Eine andere Gesellschaft muss auch eine liebevollere sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: Du verstehst Dich als Pazifist. <\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker:<\/em> Ja. Ich werde oft gefragt, und mich haben auch meine S\u00f6hne gefragt, warum ich denn immer wieder vom Pazifismus spreche und warum ich mich mit mir selbst auf die Gewaltfreiheit geeinigt habe.<\/p>\n<p>Das ist ja etwas, das man nur mit sich selbst ausmachen kann. Ich kann zu dir nicht sagen: &#8222;Sei du gewaltfrei.&#8220; Ich kann nur hoffen, dass du es bist, vor allem, wenn wir Streit haben.<\/p>\n<p>Vor allem, wenn man \u00e4lter wird, gegen Ende seines Lebens, fragt man sich, wie man seine Haltung wirklich vertreten kann, auch \u00fcber die Zeiten hinweg. Du kannst dich als 20-J\u00e4hriger f\u00fcr eine bestimmte Sache begeistern, die du gerade im Moment toll findest. Ob sich das \u00fcber die Zeit halten l\u00e4sst, ist ungewiss.<\/p>\n<p>Also, wenn du z.B. als 17-J\u00e4hriger dummerweise begeistert warst von der Hitlerjugend, dann wird dich das dein Leben lang belasten, auch wenn du ein paar Jahre sp\u00e4ter klug wirst und erkennst, dass das ein absoluter Bl\u00f6dsinn war.<\/p>\n<p>Albert Schweitzer ist f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Vorbild, mit seiner Ethik, dieser Ehrfurcht vor allem Lebendigem. Die Gewaltfreiheit und diese bedingungslose Liebe zu allem, was lebt, das ist etwas, was alle Systeme und alle Zeiten als guter und sch\u00f6ner Gedanke \u00fcberdauern wird.<\/p>\n<p>Es gab ja nur einen Einzigen, der die Gewaltfreiheit wirklich so konsequent auch zu einem Politikum machen konnte, und das war Gandhi. Und um Gandhi zu sein, muss man ein sehr besonderes Leben f\u00fchren. Ich meine, der Mann hat sich sehr im Griff gehabt. Man wird nicht einfach so Gandhi, weil man ihn toll findet.<\/p>\n<p><strong>GWR: Also, ich sehe Gandhi nicht unbedingt als Vorbild. Ich meine, er hatte ja auch, wie jeder Mensch, Fehler und Macken. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele f\u00fcr erfolgreichen gewaltfreien Widerstand, und besonders viele, die nicht so bekannt sind. Gandhi ist bis heute nat\u00fcrlich der prominenteste gewaltfreie Revolution\u00e4r. Vor allem auch deshalb, weil der von ihm inspirierte und international popul\u00e4r gemachte Zivile Ungehorsam gegen die britische Kolonialherrschaft sehr erfolgreich war und letztlich 1947 zur Unabh\u00e4ngigkeit Indiens f\u00fchrte. <\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker: <\/em>Aber gerade Menschen mit Fehlern und Macken eignen sich doch zu Vorbildern! Den Fehlerfreien trau ich nicht. Das wirklich Vorbildliche an Gandhis Gewaltfreiheit ist doch, dass er eine wirklich gro\u00dfe politische Wirkung hatte. Aber es gibt nat\u00fcrlich viele andere Beispiele, gar keine Frage, die werden nur nie thematisiert. Das w\u00e4re mal etwas, was Ihr machen k\u00f6nntet, ein Sonderheft, in dem genau die ganzen Beispiele aus der Geschichte genannt werden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es gibt das <em>Graswurzelrevolution<\/em>-Sonderheft &#8222;Anarchismus und Gewaltlose Revolution heute&#8220;, mit vielen Beispielen. <\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker: <\/em>Toll! Das interessiert mich sehr. Da habe ich noch geschichtlichen Nachholbedarf. Kannst Du mir das zuschicken?<\/p>\n<p><strong>GWR: Ja. &#8230; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Verlag Graswurzelrevolution ist auch das Buch &#8222;Zeiten des Kampfes&#8220; von Clayborne Carson erschienen. Dort geht es um das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den sechziger Jahren. Da wird u.a. die Geschichte der antirassistischen &#8222;Bus-Bewegung&#8220; erz\u00e4hlt, wo sich die Schwarzen in den S\u00fcdstaaten der USA demonstrativ in die Busse gesetzt haben, die &#8222;nur f\u00fcr Wei\u00dfe&#8220; erlaubt waren. Das sind gro\u00dfartige Beispiele f\u00fcr die Effektivit\u00e4t des Zivilen Ungehorsams. Das SNCC war eine bedeutende Organisationen der schwarzen B\u00fcrgerrechtsbewegung [vgl. GWR 347]. Es wurde 1960 von schwarzen und wei\u00dfen StudentInnen gegr\u00fcndet. Dabei wurde die dominierende Rolle Martin Luther Kings, der gegen Ende der f\u00fcnfziger Jahre durch den von ihm geleiteten Busboykott in Montgomery die F\u00fchrungsfigur der US-B\u00fcrgerrechtsbewegung war, konstruktiv in Frage gestellt. Das SNCC war der radikale Fl\u00fcgel der gewaltfreien Bewegung. Es organisierte u.a. Protestaktionen und Sit-Ins, gr\u00fcndete Kooperativen und Gesundheitszentren und k\u00e4mpfte f\u00fcr die Alphabetisierung der schwarzen Landbev\u00f6lkerung. <\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker:<\/em> Was ich auch sehr spannend finde, ist der Schnittpunkt zur spirituellen Szene &#8211; das wird sicher nicht so sehr Euer Thema sein, aber es ist das meine. Es gibt immer mehr bewundernswerte Leute, wie zum Beispiel den Bernard Glassmann. Das ist ein amerikanischer Zen-Buddhist, der der Meinung ist, dass man Erleuchtung heute nicht mehr in erster Linie dadurch erreicht, indem man sich auf einen Berg zur\u00fcckzieht, sondern durch t\u00e4tiges Mitf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Er lebt und arbeitet seit 30 Jahren auf bewundernswerte Weise z.B. mit Obdachlosen in New York. Jedes Jahr in der Weihnachtszeit verbringt er wochenlang im eiskalten New York mit Obdachlosen zusammen unter der Br\u00fccke. F\u00fcr Euch ist sicher auch interessant, dass er eine B\u00e4ckerei gegr\u00fcndet hat, die sehr erfolgreich ist. Die ist genossenschaftlich aufgebaut, jeder verdient das Gleiche. Also: es geht. Es gibt mehrere solcher Projekte.<\/p>\n<p>Er kriegt immer wieder \u00c4rger mit Leuten aus der spirituellen Szene, die sagen, er m\u00fcsse dann doch lieber eine Woche ein Schweigeretreat machen. Dann sagt er: &#8222;Ja, das mag schon sein, aber wenn die Leute mich brauchen, dann ist das wichtiger als ein Schweigeretreat.&#8220;<\/p>\n<p>Er ist trotzdem ein praktizierender Zen-Meister, der am Tag sicherlich auch seine ein, zwei Stunden meditiert. Aber er setzt das mit in die Tat um.<\/p>\n<p>Es gibt immer mehr spirituelle Menschen, die das \u00e4hnlich machen. Diese Leute halte ich im Endeffekt auch f\u00fcr Anarchisten, auch wenn sie es nie so nennen w\u00fcrden. Es geht ihnen in den Modellen, die sie aufbauen, um Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit. Es gibt in diesen Modellen keine Herrscher, das ist anders als bei der spirituellen F\u00fchrer-Szene.<\/p>\n<p>Das ist eine andere Generation von Menschen, das ist hochinteressant.<\/p>\n<p>Mich interessiert es, weil ich meditiere. Ich w\u00fcrde jetzt nicht sagen, dass ich praktizierender Buddhist bin, aber im Endeffekt ist auch fast jeder Moment, in dem ich am Klavier improvisiere, Meditation. Das verschafft einem auch Einblicke in das Mysterium des Daseins und den Weg hin zur Liebe.<\/p>\n<p>Ein interessanter Weg des Mannes \u00fcbrigens. Der Mann ist ja in unserer Gesellschaft der, der geliebt werden will. Das wollen alle, das ist klar, aber man hat erst einmal nicht so viel Bezug zum aktiven Lieben. Man ist sehr gut im Geliebt Werden und ersch\u00fcttert, wenn man nicht mehr geliebt wird, keine Frage. Das Geliebt Werden ist eine tr\u00fcgerische Geschichte. Es ist h\u00fcbsch, wenn es dir passiert, aber es ist nicht deine eigene Entscheidung, es ist nicht deines, es ist kein aktives Handeln von dir, sondern du musst immer darauf warten, ob du das Gl\u00fcck hast, dass du geliebt wirst. Derjenige, der dich liebt, kann dich auch verlassen und pl\u00f6tzlich einen anderen haben.<\/p>\n<p>Deine Liebe, die hast du wirklich. Wenn du liebst, dann liebst du. Das kann dir niemand nehmen. Das ist in Eigenverantwortlichkeit. Geliebt Werden ist dagegen nie in Eigenverantwortlichkeit.<\/p>\n<p>Als junger Mann war ich stolz darauf, wenn viele M\u00e4dchen nach mir schmachteten. Ich war der klassische Macho und fand das toll &#8211; &#8222;ja, die Susi, die ist auch noch verliebt in mich&#8220; &#8211; und habe vor andern Jungs a bisserl angeben k\u00f6nnen. Die haben das genauso gemacht. So viel hat man gar nicht davon gehabt, weil ja jeder damit angegeben hat.<\/p>\n<p>Aber ich hatte damals schon immer den Verdacht, dass es diejenige &#8222;Susi&#8220;, die einen schmachtend geliebt hat, eigentlich viel besser hat! Bei mir war so eine Leere da, dieses Gef\u00fchl, dass da jemand auf mich steht, hat mir nichts gegeben. W\u00e4hrend auch derjenige, der ungl\u00fccklich geliebt hat, etwas hat. Der hat gelebt.<\/p>\n<p>Wir sind so eine leblose Gesellschaft geworden, durch dieses ganze Konkurrenzdenken, durch dieses Ber\u00fchmt-Sein-Wollen, Geliebt-Werden-Wollen.<\/p>\n<p>Wenn du heute einen Jugendlichen fragst, kannst du erstaunliche Antworten bekommen. Ich habe eine 16-J\u00e4hrige gefragt, was sie denn beruflich machen will, da sagte sie mir: &#8222;Ich will ber\u00fchmt werden.&#8220; Da fragte ich: &#8222;Mit was denn?&#8220; Darauf sie: &#8222;Das ist mir ganz egal.&#8220;<\/p>\n<p>Ber\u00fchmt werden als Beruf!<\/p>\n<p>Hochinteressant. Aber das ist kein Leben, es ist immer nur eines im Blickwinkel der anderen, es ist eine Schatulle, es ist ein virtuelles Dasein.<\/p>\n<p>Ein eigenes, selbstverantwortliches, gelebtes Leben, da m\u00fcssen wir wieder hinf\u00fchren. Und das f\u00fchrt einen dann automatisch auch zur Liebe.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und zur Anarchie? <\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker:<\/em> Vielleicht. Nach meinem Verst\u00e4ndnis vertraut die Anarchistin, der Anarchist dem Menschen, er vertraut, dass er liebevoll genug, selbstst\u00e4ndig genug ist und keine Herrschaftskreise braucht, die ihn lenken, leiten und f\u00fchren. Also hat es viel mit Vertrauen und Liebe zu tun.<\/p>\n<p><strong>GWR: Vielleicht noch etwas Pers\u00f6nliches. Die Homepage &#8222;Hinter den Schlagzeilen&#8220; machst Du zusammen mit Deiner Frau Annik?<\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker:<\/em> In den ersten Jahren hat Annik die Website mit mir zusammen gemacht. Jetzt macht sie ihre eigenen Projekte und ist beruflich unglaublich involviert in ihre B\u00fccher und Backen und\u2026<\/p>\n<p><strong>GWR: Wir haben ihr Kochbuch &#8222;Anniks g\u00f6ttliche Kuchen&#8220; auch zuhause.<\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker:<\/em> Toll! Es macht Freude, das nach zu backen. Annik hat jetzt f\u00fcr dieses Buch bei Paris einen Sonderpreis des World Cooking Award bekommen. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Sie hat www.hinter-den-schlagzeilen.de (HDS) anfangs gemacht. Jetzt, seit zwei, drei Jahren, habe ich den Redakteur Roland Rottenfu\u00dfer eingestellt. Er hat mit mir auch das Interview f\u00fcr den <em>Zeitpunkt<\/em> gemacht. Der wiederum kam von der <em>Connection<\/em>. <em>Connection<\/em> kennst Du wahrscheinlich?<\/p>\n<p><strong>GWR: Connection e. V., der antimilitaristische Verein aus Offenbach? <\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker:<\/em> Nein, ich meine die Zeitung <em>Connection<\/em>. Das ist eine spirituelle Zeitschrift. Eine sehr vern\u00fcnftige \u00fcbrigens, die auch selbstkritisch-ironisch ist und sich total abhebt von den spirituellen Engelsbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Und dann habe ich jetzt noch den &#8222;Prinz Chaos&#8220;, der auch immer wieder mal etwas f\u00fcr &#8222;HDS&#8220; schreibt. Wir versuchen das jetzt auszuweiten. Ich habe meinen Internet-Auftritt ver\u00e4ndert. Das ist gut. Die Zugriffe haben gezeigt, dass es einen Sinn hat.<\/p>\n<p>Man muss dazu nat\u00fcrlich sagen, dass ich nicht das ausgesprochene Netz-User-Publikum habe. Ein Gro\u00dfteil meines Publikums, das sind in der Regel nicht die ganz jungen Leute.<\/p>\n<p>Aber es gibt mittlerweile gen\u00fcgend Computerkurse f\u00fcr Senioren. Und &#8222;der flei\u00dfige Senior&#8220; ist schon ganz gut dabei, er l\u00e4sst sich von jemandem Internet und E-Mail einrichten und dann\u2026 Ich habe neulich eine 90-J\u00e4hrige kennen gelernt, die sagte: &#8222;Ich will jetzt E-Mail!&#8220;<\/p>\n<p>Das hat sie hingekriegt, jetzt mailt sie.<\/p>\n<p><strong>GWR: &#8230; Du bist bei Deinem gestrigen Konzert in Kaufungen auch auf Goethe eingegangen. Er hat \u00fcbrigens Anarchie zuerst, wie \u00fcblich, als negativen Begriff verwendet und mit Chaos und Terror gleichgesetzt. Im Alter hat sich das bei ihm deutlich ge\u00e4ndert. 1787 hat er noch gepoltert: &#8222;Mir ist von Jugend auf Anarchie verdrie\u00dflicher gewesen als der Tod selbst.&#8220; 1808 h\u00f6rte sich das dann so an: &#8222;Ob wir gleich, was Wissenschaft und Kunst betrifft, in der seltsamen Anarchie leben, die uns von jedem erw\u00fcnschten Zweck immer mehr zu entfernen scheint, so ist es doch eben diese Anarchie, die uns nach und nach aus der Weite ins Enge, aus der Zerstreuung zur Vereinigung treiben muss.&#8220; 1821 verwendete er den Begriff schlie\u00dflich positiv: &#8222;Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gef\u00e4llt? Ein jeder lebt nach seinem Sinn. Das ist nun also auch mein Gewinn. Ich lass einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker: <\/em>Das ist am\u00fcsant. Also, Goethe hat am Schluss dann eigentlich alles gewusst. Ein solches Leben ist erstaunlich. Ich wei\u00df nicht, woher er seinen Zugriff hatte.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen ja noch so sehr glauben, dass wir mit unserem Denken auch nur ann\u00e4hernd die Welt erfassen k\u00f6nnen. Aber selbst wenn wir nicht nur 20 % unseres Hirns verwenden, sondern 100, wir haben keine Chance, in das Mysterium auch nur irgendwie einzudringen, au\u00dfer \u00fcber die Inspiration, die Poesie, die Musik. Wie Nietzsche so sch\u00f6n sagte: &#8222;Ohne Musik w\u00e4re das Leben ein Irrtum.&#8220; Die Musik ist eine non-rationale Sprache. Deswegen ist sie aber nicht d\u00fcmmer. Sie ist eine eigene Sprache, die dich weiterf\u00fchrt, weiser macht und bereichert.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was bedeutet es f\u00fcr Dich, Anarchist zu sein?<\/strong><\/p>\n<p><em>Konstantin Wecker: <\/em>Es bedeutet nicht das, was normalerweise in der Gesellschaft geglaubt wird, wenn jemand sagt: &#8222;Ich bin Anarchist&#8220;.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren war ich Gast einer ARD-Talkshow von Alfred Biolek. Da fragte mich Biolek nach meiner politischen Einstellung. Und da sagte ich: &#8222;Ja, ich bin Anarchist.&#8220;<\/p>\n<p>Da stockte der Atem im Raum, ich habe das genau gemerkt. Den Leuten stockte der Atem, weil die RAF noch existierte und die Medien sie immer als &#8222;anarchistisch&#8220; bezeichneten <em>[obwohl die marxistisch-leninistische <\/em>Rote Armee Fraktion<em> den Anarchismus als &#8222;kleinb\u00fcrgerlich-pseudorevolution\u00e4r&#8220; ablehnte, Anm. BD]<\/em>. Ich habe dann versucht, das zu erkl\u00e4ren. Das war kaum mehr m\u00f6glich, weil da etwas im Raum war, weil die Leute gedacht haben, der Mann, der zieht jetzt sofort die Bombe raus und zerst\u00f6rt dieses Studio.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend kamen unglaubliche Leserbriefe an: Bis jetzt sei ich ihnen so sympathisch gewesen, wie k\u00f6nne ich so etwas sagen!<\/p>\n<p>Ich sagte das genau aus diesem Gedanken heraus, den wir jetzt so entwickeln, erstens als K\u00fcnstler und zweitens, weil ich an die Liebe glaube. Ich habe w\u00f6rtlich gesagt, dass ich an das Gute im Menschen glaube und daran, dass der Mensch sich selbst verantworten und selbst bestimmen kann.<\/p>\n<p>Es ist interessant, wie die Herrschenden immer wieder die Begriffe f\u00fcr sich erobern. Bestes Beispiel in der letzten Zeit ist das Wort &#8222;Reform&#8220;. &#8222;Reform&#8220; war bis jetzt immer etwas, was zu einer gerechteren Situation f\u00fchrt. Mittlerweile nennt man &#8222;Reform&#8220; etwas, das dazu f\u00fchrt, dass es den Armen noch schlechter geht und den Reichen besser. Das sind &#8222;Reformen&#8220;! Man hat dieses gut besetzte Wort f\u00fcr sich verwendet. Prekariat statt Armut, Friedensmission statt Krieg und vieles mehr. Da ist die Konterrevolution, da sind die Neoliberalen mit ihren &#8222;Think Tanks&#8220; schon sehr clever. Es ist schade, dass es viele Worte gibt, die sie f\u00fcr sich erobert haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich als Poeten geht es auch darum, die Hoheit des Wortes zur\u00fcck zu erobern.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das war ein sch\u00f6nes Schlusswort. Ich danke Dir herzlich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<h3>Sage nein<\/h3>\n<p>Sage nein<br \/>\nWenn sie jetzt ganz unverhohlen<br \/>\nMit bew\u00e4hrten Kriegsparolen<br \/>\nScheinheilig zum H\u00f6chsten beten<br \/>\nUnd das Recht mit F\u00fc\u00dfen treten<br \/>\nWenn sie dann in lauten T\u00f6nen<br \/>\nEinzig ihrer Machtgier fr\u00f6nen<br \/>\nDenn am kriegerischen Wesen<br \/>\nMuss nun mal die Welt genesen<br \/>\nDann steh auf und misch dich ein<br \/>\nSage nein<\/p>\n<p>Meistens r\u00fcckt dann ein Herr Wichtig<br \/>\nDie Geschichte wieder richtig<br \/>\nUnd behauptet, nur mit Kriegen<br \/>\nLie\u00dfe sich die Welt befrieden<br \/>\nDiese fleischgewordne L\u00fcge &#8211;<br \/>\nAch man kennt es zur Gen\u00fcge<br \/>\nMach dich stark und misch dich ein<br \/>\nZeig es diesem dummen Schwein<br \/>\nSage Nein<\/p>\n<p>Ob als Penner oder S\u00e4nger<br \/>\nB\u00e4nker oder M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger<br \/>\nOb als Priester oder Lehrer<br \/>\nHausfrau oder Stra\u00dfenkehrer<br \/>\nOb du sechs bist oder hundert<br \/>\nSei nicht nur erschreckt, verwundert<br \/>\nTobe, z\u00fcrne, misch dich ein:<br \/>\nSage Nein<\/p>\n<p>Wenn sie dich jetzt rekrutieren<br \/>\nHab den Mut zu desertieren<br \/>\nLass sie stehn, die Gener\u00e4le<br \/>\nUnd verweigre die Befehle<br \/>\nMenschen werden zu Maschinen<br \/>\nIn den Milit\u00e4ranstalten<br \/>\nNiemand soll mehr denen dienen<br \/>\nDie die Welt so schlecht verwalten<br \/>\nNie mehr solln uns jene lenken<br \/>\nDie nicht mit dem Herzen denken<br \/>\nLass dich nie mehr auf sie ein<br \/>\nSage Nein<\/p>\n<p>Doch es tut sich was, ihr Lieben<br \/>\nAuf den Stra\u00dfen, auf den Pl\u00e4tzen<br \/>\nFinden sich die Freunde ein<br \/>\nSich dem Wahn zu widersetzen<br \/>\nJetzt muss Schluss sein mit dem Schweigen<br \/>\nDem Gehorsam, dem Verstecken<br \/>\nWenn f\u00fcr unser Wohlbefinden<br \/>\nHunderttausende verrecken<br \/>\nDann ist&#8217;s Zeit zu widerstehen<br \/>\nWenn, dann aufrecht untergehn<br \/>\nSage Nein<\/p>\n<p><strong>Konstantin Wecker<br \/>\n<\/strong>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wecker.de\/cgi-bin\/cgi_lieder1?id=249&amp;ok\">http:\/\/www.wecker.de\/cgi-bin\/cgi_lieder1?id=249&amp;ok<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Du verstehst Dich als Pazifist. Konstantin Wecker: Ja. Ich werde oft gefragt, und mich haben auch meine S\u00f6hne gefragt, warum ich denn immer wieder vom Pazifismus spreche und warum ich mich mit mir selbst auf die Gewaltfreiheit geeinigt habe. Das ist ja etwas, das man nur mit sich selbst ausmachen kann. Ich kann zu &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/06\/eine-andere-gesellschaft-muss-auch-eine-liebevollere-sein-3\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Eine andere Gesellschaft muss auch eine liebevollere sein\" - graswurzelrevolution","description":"GWR: Du verstehst Dich als Pazifist. Konstantin Wecker: Ja. Ich werde oft gefragt, und mich haben auch meine S\u00f6hne gefragt, warum ich denn immer wieder vom Pazi"},"footnotes":""},"categories":[569,45,1042],"tags":[],"class_list":["post-10072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-350-sommer-2010","category-concert-for-anarchy","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10072"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10072\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}