{"id":10085,"date":"2010-06-01T00:00:31","date_gmt":"2010-05-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10085"},"modified":"2022-07-26T14:14:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:36","slug":"das-traurig-in-der-zelle-gepfiffne-lustige-lied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/06\/das-traurig-in-der-zelle-gepfiffne-lustige-lied\/","title":{"rendered":"Das traurig in der Zelle gepfiffne lustige Lied"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem 2007 erschienenen Tagungsband &#8222;Nomadische Existenzen&#8220; (vgl. Unpindownables. Nomadische Existenzen, Artikel von R\u00fcdiger Haude, in: GWR 331, Sept. 2008) hat das &#8222;Fritz-H\u00fcser-Institut f\u00fcr deutsche und ausl\u00e4ndische Arbeiterliteratur&#8220; im Oktober 2009 einen Materialband herausgegeben, der die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts als &#8222;Epoche der Vagabunden&#8220; pr\u00e4sentiert. Auf etwa 240 Seiten werden meist kurze Selbstzeugnisse aus der Vagabunden-Bewegung wiedergegeben: Gedichte, Prosa, politische Bekenntnisse; Zeichnungen und Linolschnitte; ganz vereinzelt auch mal ein Blick von au\u00dfen auf die Tippelbr\u00fcder und Tippelschicksen &#8211; so z.B. ein Bericht des Polizeipr\u00e4sidiums Stuttgart \u00fcber das dortige Vagabundentreffen von 1929.<\/p>\n<p>Walter F\u00e4hnders hat dieser Sammlung eine informative Einleitung vorangestellt, und der von Henning Zimpel besorgte Anhang liefert die vollst\u00e4ndige Bibliographie der Landstreicher-Zeitung &#8222;Der Kunde&#8220; bzw. &#8222;Der Vagabund&#8220; (1927-1931), aus der viele der abgedruckten Dokumente stammen. Am Ende des Buches wird die genaue Herkunft der Texte und Bilder nachgewiesen und der Lebenslauf ihrer UrheberInnen kurz skizziert. Ein Register, das die Orientierung in der F\u00fclle der Zeugnisse erleichtern w\u00fcrde, fehlt leider.<\/p>\n<p>In den Texten f\u00e4llt wieder (wie schon beim Tagungsband) die starke N\u00e4he zwischen Vagabundentum und politischem Anarchismus auf, vor allem in der Kernzeit der geltend gemachten &#8222;Epoche&#8220;: der zweiten H\u00e4lfte der Weimarer Republik. Dabei zieht sich eine starke Spannung durch die Textsammlung, zwischen einer emphatisch begr\u00fc\u00dften Freiheit des ungebundenen Lebens einerseits und der Emp\u00f6rung gegen das den Ausgesto\u00dfenen zugef\u00fcgte Leid andererseits. Im Erleben des Einzelnen kann sich das als Ambivalenz \u00e4u\u00dfern; in der Bewegung der Vagabunden jedoch nimmt dies zuweilen den Charakter der Widerspr\u00fcchlichkeit an. Ist man stolz darauf, keiner Lohnarbeit nachzugehen &#8211; oder ist das ein Unrecht, das einem widerf\u00e4hrt? Bei Gregor Gog, Organisator des Stuttgarter Vagabunden-Treffens 1929, Herausgeber der genannten Zeitschrift und Gr\u00fcnder des &#8222;Weltbundes der Vagabunden&#8220;, zeigt sich dieser Widerspruch politisch-biografisch.<\/p>\n<p>&#8222;Generalstreik das Leben lang!&#8220; rief der Anarchist Gog den in Stuttgart Versammelten 1929 zu (220). Ein Jahr sp\u00e4ter sehen wir ihn, von einer Moskau-Reise zur\u00fcckgekehrt, als \u00fcberzeugten Kommunisten, der die VagabundInnen in die Kampffront des Proletariats eingliedern will. Im Moskauer Exil erschienen ihm 1936 die VagabundInnen als &#8222;Millionen gesunde, arbeitsf\u00e4hige und arbeitswillige Menschen&#8220;, die durch die Skrupellosigkeit von &#8222;Profithaien&#8220; zugrunde gingen (243).<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndlicherweise ist die \u201aaktive&#8216; Lesart des Landstreicher-Daseins philosophisch ergiebiger. Zuweilen wird dort ein &#8222;Trieb zum Vagabundenleben&#8220; angenommen (146). Der Schriftsteller Alfons Paquet nahm einen solchen &#8222;Trieb, sich an den Rand zu leben&#8220;, als allgemein menschlich an (200). Der &#8222;akademische Tippelfreiwillige&#8220; Karl Roltsch behauptete ihn demgegen\u00fcber als &#8222;altgermanisches Erbe&#8220; (76, 85).<\/p>\n<p>Nicht biologisch, sondern historisch argumentierte eine andere apologetische Strategie. Gog reklamierte 1929 das Vorbild der Begharden des Sp\u00e4tmittelalters f\u00fcr die Vagabunden (220), einer &#8222;undefinierbaren, ruhelosen Bruderschaft&#8220; bettelnder und vagierender christlicher Laien, wie Norman Cohn sie genannt hat. ((2)) Paquet argumentierte sogar, dass alle Zivilisation von den Landstreichern herr\u00fchre. So habe \u00c4neas, vom zerst\u00f6rten Troja kommend, Rom gegr\u00fcndet. &#8222;K\u00f6nnt ihr euch vorstellen&#8220;, so Paquet weiter, &#8222;da\u00df ein Kolonialwarenh\u00e4ndler Amerika entdeckt h\u00e4tte?&#8220; (199)<\/p>\n<p>Der bedeutende Vagabunden-Poet Hugo Sonnenschein (&#8222;Sonka&#8220;) verwies auf die &#8222;Vagabunden-Biographien&#8220; der Religions- und Kulturstifter &#8222;Buddha, Christus, Laotse&#8220; (185). So sah sich auch Gog, der erbitterte Feind der Kirchen, in der Nachfolge des &#8222;Meisters der Vagabunden, des Zimmermannsohns aus Nazareth&#8220; (220).<\/p>\n<p>In einer solchen Ahnenreihe stehend, entwickelte sich verst\u00e4ndlicherweise bei den Wortf\u00fchrerInnen der Vagabundenbewegung ein entschiedenes Avantgarde-Bewusstsein.<\/p>\n<p>Sonka sieht die Landstreicher als &#8222;Pioniere&#8220;, die eine &#8222;Heimat f\u00fcr alle Menschen&#8220; vorbereiten (188). Der bibelfeste Gog schlie\u00dft seine Stuttgarter Ansprache mit dem Ausruf: &#8222;Vielleicht, liebe Kumpels, [\u2026] werden doch noch einmal die Letzten die Ersten sein!&#8220; (224) Aber auch das war zu h\u00f6ren: Karl Roltsch, der sich aufs germanische Erbe berief, hielt die Vagabunden f\u00fcr &#8222;die einzigen tats\u00e4chlichen Herrenmenschen&#8220; (85).<\/p>\n<p>Abseits solcher kultureller und ideologischer Unterschiede erweisen sich in den Texten des Bandes zwei wissenssoziologisch erkl\u00e4rbare wichtige Beitr\u00e4ge der VagabundInnen zum politischen Denken im 20. Jahrhundert: Zum einen erm\u00f6glicht der radikale Au\u00dfenseiterblick den ProtagonistInnen, die Welt von einem &#8222;archimedischen Punkt&#8220; (F\u00e4hnders, 18) aus zu betrachten. Mit den Worten Willi Hammelraths: &#8222;Schon wer nur in andere L\u00e4nder kommt, empf\u00e4ngt ganz andere Anschauungen als die gewohnten und bisher als ewig geglaubten und verehrten, wird vom Alleinseligkeitsfimmel seines Heimatortes gr\u00fcndlich kuriert.&#8220; (109f)<\/p>\n<p>Zum anderen belegen die Textzeugnisse einen echten Internationalismus der (vorwiegend deutschen) VagabundInnen.<\/p>\n<p>Sonka: &#8222;Auf allen Stra\u00dfen der Erde erhoben tausende Br\u00fcder \/ Die wei\u00dfen, gelben und schwarzen H\u00e4nde \/ Gel\u00f6st und offen den unsern entgegen.&#8220; (44) Das macht die Vagabunden zun\u00e4chst zu radikalen K\u00e4mpfern gegen die Staatsgrenzen. Der Vagabund, schreibt Artur Streiter, sei &#8222;ein Don Quixote, der mit den niederschlagenden M\u00fchlenfl\u00fcgeln der Staatsgrenze zu k\u00e4mpfen hat&#8220; (176).<\/p>\n<p>Die Wahlverwandtschaft zwischen Vagabundentum und Anarchismus ist auch insofern verst\u00e4ndlich. Erich M\u00fchsam hatte diese N\u00e4he schon vor dem Ersten Weltkrieg erkannt. Zwischen &#8222;Das Leben her! &#8211; Es lebe die Welt!&#8220; ((3)) und &#8222;Das Leben ist versaut! versaut!&#8220; (168) lag auch bei ihm nur ein Wimpernschlag.<\/p>\n<p>Insgesamt liefert der Band einen sehr gelungenen \u00dcberblick \u00fcber die widerspruchsvolle Sicht der Welt <em>von unten<\/em> in turbulenter Zeit &#8211; manchmal mit verbl\u00fcffend aktuellen Einsichten. Ausgerechnet der &#8222;Herrenmensch&#8220; Roltsch r\u00fcckt die anti-vagabundische Sicht des Spie\u00dfb\u00fcrgers gerade, als schreibe er 80 Jahre sp\u00e4ter: &#8222;Wir sch\u00e4digen das Volksganze in keiner Weise; denn wir schleppen keine Kapitalien ins Ausland.&#8220; (85)<\/p>\n<p>Sondern nur sich selbst. &#8211; Bunt oder trist, frei oder gedem\u00fctigt &#8211; zusammengehalten wird dieses Mosaik von einem unb\u00e4ndigen Drang <em>zu leben<\/em>.<\/p>\n<p>Wer dieses Buch kennt und Kultur noch f\u00fcr eine Angelegenheit von Eliten h\u00e4lt, ist einE BanausIn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem 2007 erschienenen Tagungsband &#8222;Nomadische Existenzen&#8220; (vgl. Unpindownables. 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