{"id":10096,"date":"2010-09-01T00:00:43","date_gmt":"2010-08-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10096"},"modified":"2022-07-26T14:24:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:06","slug":"schreiben-und-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/09\/schreiben-und-verstehen\/","title":{"rendered":"&#8222;Schreiben und verstehen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mandus: Da sich unser erster Fragekomplex an Sie als eine Person mit altersbedingt gr\u00f6\u00dferer Erfahrung in sozialen Bewegungen richtet, m\u00f6chten wir Sie vorab fragen, ob Sie Verbindungen ziehen zwischen Ihrer Theorie und Ihrer Praxis?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Nein, ich denke&#8230;<\/p>\n<p><strong>&#8230;in Ihrem pers\u00f6nlichen Leben!<\/strong><\/p>\n<p>Oh, mein pers\u00f6nliches Leben! Das ist ein Problem, (lacht) ich habe kaum ein pers\u00f6nliches Leben. Als ich ein Student war, war ich sehr frustriert \u00fcber meine Unf\u00e4higkeit, mein wissenschaftliches Interesse mit meinem politischen Leben \u00fcbereinstimmen zu lassen. Ich f\u00fchlte mich, als ob ich eine Tages- und eine Nachtarbeit hatte und ich konnte die zwei nicht zusammen bringen. Tats\u00e4chlich gab es zu der Zeit in den USA, ich ging in den 80ern zur Universit\u00e4t, einen richtigen &#8222;Anti-Intellektualismus&#8220; in den Bewegungen. Das machte es noch schwerer, meine Interessen an wissenschaftlichen Dingen, Philosophie und so zu meinem politischen Leben passen zu lassen.<\/p>\n<p>So fing ich dann damals an, \u00fcber die Ereignisse im Italien der 1970er Jahre und in den B\u00fcchern von Toni Negri zu lesen. Ich dachte mir beim Lesen, dass er jemand ist, der es schafft, die zwei zusammen zu bringen: das politische und das wissenschaftliche Leben.<\/p>\n<p>Ich las sein Buch \u00fcber Spinoza, wovon ich zuvor dachte: &#8222;Was k\u00f6nnte abstraktere Philosophie sein als Spinoza?&#8220;; doch irgendwie zeigte sich das Buch dann als wirklich engagiert. Es war politisch! Es f\u00fchlte sich f\u00fcr mich an, dass das f\u00fcr Toni zusammen l\u00e4uft. Und so ging ich los, um Toni zu treffen, weil ich dachte, das k\u00f6nnte gegen meine Frustrationen helfen.<\/p>\n<p>Ich war n\u00e4mlich doppelt frustriert: Neben der fehlenden Theorie-Praxis-Verbindung war es die Tatsache, dass die f\u00fcr mich politisch anregenden Ereignisse nicht in meiner N\u00e4he, sondern in Zentralamerika stattfinden. Das geschah vor allem in El Salvador. Die El Salvadorianer schienen eine Art der Politik zu machen, die sich anscheinend von der US-amerikanischen unterschied. In den USA schien alles moralistisch und mit Schuldgef\u00fchlen verbunden zu sein (3x schien!). Die Politik in Salvador war fr\u00f6hlich und beinhaltete Tanzen und solche Sachen. Aber einmal war ich dort, auf einem dieser Treffen, beim Abendessen und ein gewisser Freund sagte: &#8222;Ich m\u00f6chte den nordamerikanischen Genossen danken, dass sie hier her gekommen sind, aber es w\u00fcrde uns mehr helfen, wenn ihr zur\u00fcck in die USA gehen und dort eine Revolution machen w\u00fcrdet!&#8220;<\/p>\n<p>Ich dachte mir: &#8222;Schei\u00dfe! Reagan war im wei\u00dfen Haus, was meinst du, wie k\u00f6nnte ich?&#8220;<\/p>\n<p>Und so sagte er: &#8222;Nun, ihr habt Berge, oder?&#8220; Er sagte es sei einfach: &#8222;Ihr geht in die Berge, startet eine bewaffnete Gruppe und macht die Revolution.&#8220;<\/p>\n<p>Ich dachte mir noch mal &#8222;Schei\u00dfe! Es gibt nichts zu tun!&#8220;. Dies in den USA zu machen, erschien mir selbstm\u00f6rderisch und dumm. Es schien einfach nicht zu passen. Das war meine zweite Frustration, dass die Form der Politik, die mich am meisten faszinierte, nicht passend f\u00fcr meine Gesellschaft erschien.<\/p>\n<p>Gerade dann las ich \u00fcber Italien in den 70ern, \u00fcber Autonomie, Soziale Zentren und freie Radios. Das schien den USA viel \u00e4hnlicher zu sein als die salvadorianischen Berge. Diese beiden Frustrationen zusammen, die Frustration \u00fcber die Trennung zwischen dem aktivistischen und intellektuellen Leben und die Trennung zwischen den Guerilla-Bewegungen und dem, was in den USA m\u00f6glich war &#8211; das waren die zwei Dinge, mit denen ich zu k\u00e4mpfen hatte.<\/p>\n<p><strong>Mandus: F\u00fcr mich ist eine wichtige Verbindung von Theorie und Praxis &#8211; vor allem ein wichtiger Nutzen der Theorie f\u00fcr die Praxis, aber auch anders herum &#8211; die Frage, ob die Situation f\u00fcr Bewegungen fr\u00fcher besser war als heute? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Denn in Empire schreiben Sie \u00fcber den Mangel an Kommunikation zwischen einzelnen K\u00e4mpfen, aber mit der &#8222;globalisierungskritischen&#8220; oder &#8222;altermondialistischen&#8220; Bewegung findet genau diese Kommunikation statt &#8211; mit &#8222;Peoples Global Action&#8220;,<\/strong> <strong>&#8222;Dissent!&#8220; und all diesen Netzwerken &#8211; aber es gibt immer noch keine Revolution: Zumindest gibt es immer noch den Kapitalismus und immer noch ist es ein langer Weg oder sogar ein noch l\u00e4ngerer und viele Leute sagen, dass die Situation heute schlechter ist als fr\u00fcher. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Dagegen sagt Ihr neues Buch mehr oder weniger, dass die Situation heute viel besser ist &#8211; vielleicht nicht speziell f\u00fcr die Bewegungen, aber f\u00fcr einen echten nicht-kapitalistischen Weg von Gemeinschaft. Ist die Situation betrachtet von all diesen Werten also nun besser oder schlechter als fr\u00fcher?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Ich denke, dass es gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen gab zwischen meiner Generation und Eurer und die heutigen Bewegungen bringen die intellektuellen Aktivit\u00e4ten &#8211; sich eine andere Welt vorzustellen und auch die gegenw\u00e4rtige zu analysieren &#8211; und den Aktivismus mehr zusammen. Das fing an mit dem, was die Zapatistas &#8222;die Generation von 1994&#8220; nennen &#8211; oder man kann es auch die &#8222;Millennium-Generation&#8220; nennen. Ich wei\u00df nicht, was der Name dieser Generation ist, aber sie ist aktivistischer und zugleich intellektueller, das ist ein gro\u00dfer Vorteil. Es ist schwierig zu sagen, ob die Bewegung insgesamt jetzt besser oder schlechter dasteht, das kann ich nicht.<\/p>\n<p><strong>Mandus: Gestatten Sie mir einen letzten Versuch: Ob die Situation f\u00fcr die Allmenden <em>(der deutsche Begriff f\u00fcr die in Hardts aktuellem Buch zentralen &#8222;commons&#8220;) <\/em>verschlechtert oder verbessert? Z.B. gibt es heute mehr und mehr Privatisierung \u00fcberall, zum anderen werden manche Dinge besser &#8211; wie sieht es also im Gesamten aus?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Ich glaube in dieser Hinsicht ist es ein bisschen schwer, die Frage nach &#8222;besser oder schlechter&#8220; zu stellen. Und au\u00dferdem \u00e4ndern sich bestimmte Umst\u00e4nde, die f\u00fcr die Bewegung besser oder schlechter scheinen, so schnell, dass man das gar nicht richtig begreift. Wir haben im Moment sicher in vielen Teilen der Welt (den USA und dem gr\u00f6\u00dften Teil von Europa) gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten beim Organisieren als vor f\u00fcnf Jahren. Oder die Denkweise dar\u00fcber ver\u00e4ndert sich vielleicht, so dass wir nicht mehr die gleiche Zahl an Menschen haben, die an Aktionen teilnehmen, wie zuvor.<\/p>\n<p>Mich haben die Aktionen zum Kopenhagener Klimagipfel interessiert, die als neuer Auftakt gedacht wurden. Ich wei\u00df nicht, ob es ein neuer Anfang war, aber es gab einen wichtigen Sprung der Denkweise. Ich denke dabei an nichts in Zusammenhang mit dem Gipfel &#8211; was auch immer sich auf der Konferenz abgespielt hat, k\u00fcmmert mich nicht. Was mich interessiert, ist, dass die den Gipfel umringende Bewegung ein Zusammentreffen zwischen der antikapitalistischen &#8211; oder alter-globalistischen &#8211; und der \u00f6kologischen Klimabewegung war.<\/p>\n<p>Ein Zusammentreffen, das mir relativ neu erscheint und das, wie ich glaube, viele konzeptionelle Schwierigkeiten hat wegen der wirklichen Unterschiede zwischen den Bewegungen und ihrer W\u00fcnsche und sogar ihrer Slogans. Zum Beispiel ist einer meiner Lieblings-Slogans der alterglobalistischen Bewegung der letzten zehn Jahre &#8222;Wir wollen Alles f\u00fcr Alle!&#8220;- &#8222;Todo para todos!&#8220; Ein exzellenter Slogan. Von der Perspektive der &#8222;Climate Change&#8220;-Leute jedoch scheint das wie ein Aufruf zur Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Wohingegen von der anderen Perspektive eines meiner Lieblings-Banner aus dem &#8222;Legal March&#8220; in Kopenhagen war: &#8222;There is no Planet B!&#8220;. Das ist ein kluger Slogan, aber aus der Perspektive der antikapitalistischen K\u00e4mpfe h\u00f6rt es sich sehr nach Margret Thatcher&#8217;s &#8222;There is no alternative!&#8220; an.<\/p>\n<p>Ich glaube, beide Seiten lassen sich zusammen bringen, wenn man die unterschiedlichen Definitionen von Gemeingut verkn\u00fcpft: Das eine Gemeingut, gedacht als die Erde und das \u00d6kosystem, ist grunds\u00e4tzlich begrenzt und wir m\u00fcssen uns mit diesen Grenzen auseinandersetzen. Wohingegen das Gemeingut, wenn man an Ideen, Wissen, Bilder und Informationen denkt, grunds\u00e4tzlich unbegrenzt ist. Und so fokussieren alle antikapitalistischen Anstrengungen prim\u00e4r die Idee der Unbegrenztheit des Gemeinguts, w\u00e4hrend die \u00d6kologie- und Klimawandel-Bewegung prim\u00e4r auf die Idee der Begrenztheit des Gemeinguts fokussiert ist. Ich sage nicht, dass dies eine Unm\u00f6glichkeit der Zusammenarbeit bedeutet, aber ich denke, es ist eine interessante Konfrontation, die Herausforderungen aufwirft, durch die wir durch m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Konne: Die begrenzten Ressourcen sind n\u00e4her an der Basis der Gesellschaft, sie sind mehr mit der Produktion verbunden, mit wirklicher und nicht ideeller Arbeit.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber es ist auch mit der Luft und dem Klima verbunden, auch diese Dinge sind begrenzt, wie die Erde.<\/p>\n<p><strong>Nat\u00fcrlich, aber auch sie werden nicht von Ideen oder dem Nachdenken verbraucht, sondern nur, wenn etwas materiell produziert wird. Es ist also eine Hinwendung zum Gemeingut auf beiden Seiten. Auf verschiedenen Ebenen, aber es ist ein grunds\u00e4tzlicher Wandel hin zu einem nicht-kapitalistischen Zugang. Man kann nicht alles verbrauchen, aber auf der anderen Seite kann man alles gebrauchen. F\u00fcr alles die angemessene Herangehensweise &#8211; so k\u00f6nnte das Gemeingut die materielle Verbindung darstellen. Sie sprachen in Ihrem Vortrag \u00fcber die Bauern in Bolivien und den deutschen Hacker, der diesen relativ einfach helfen k\u00f6nnte, ihnen zum Beispiel ein Programm f\u00fcr ihre Organisation schreiben k\u00f6nnte. Ist es das, worum es in Ihrem Buch geht? Wird das die Zukunft sein? Die Basis, das Sein, das wie Marx sagt, das Bewusstsein bestimmt. Die Entwicklung einer neuen Art von Materialismus, eine Basis f\u00fcr die Verbindung zwischen den Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Ja, das scheint richtig. Es k\u00f6nnte sein, dass Toni und ich vielleicht noch auf einer fr\u00fcheren Ebene denken, als diejenigen, auf die du dich in gewisser Weise zu bewegst. Diese ist, zun\u00e4chst die Verbindungen anzuerkennen zwischen den K\u00e4mpfen in Bolivien um das Wasser oder dem Kampf um das Wissen der Eingeborenen am Amazonas und dem Kampf des Hackers f\u00fcr freie Informationen. Zu versuchen all diese verschiedenen K\u00e4mpfe zu verbinden, ist wenigstens ein erster Schritt dahin.<\/p>\n<p><strong>Mandus: Ich muss dabei an eine der Fragen denken, die Ihnen in der Diskussion nach dem Vortrag gestellt wurde: Ob es m\u00f6glich ist, die &#8222;common wealth&#8220;-Revolution zu machen, ohne das Buch dazu zu lesen &#8211; weil der Kapitalismus ebenfalls funktioniert, weil CO2 ebenfalls emittiert wird, ohne dass jemand zuvor ein Buch dar\u00fcber liest &#8211; oder vielleicht sogar genau, weil niemand ein Buch dazu liest. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Meine Frage ist also, ob es einen ebenso intuitiven, affektiven Weg dazu gibt, das Empire zu \u00fcberwinden, wie es zu erschaffen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich muss dabei an eine indirekte These des Poststrukturalismus denken, dass der Kapitalismus zusammenbrechen w\u00fcrde, wenn die Leute einfach aufh\u00f6ren w\u00fcrden, ihr Geld und ihre Arbeitskraft zu sparen f\u00fcr die Akkumulation und stattdessen anfangen w\u00fcrden, einfach jeden Tag zu leben und die Gegenwart zu genie\u00dfen &#8211; wie Foucaults Philosophie zur Lebenskunst von Manchen interpretiert wird. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich denke, dass die Arbeit von Umwelt-NGOs sich dann dahin \u00e4ndern m\u00fcsste, Leute zu dieser Lebenskunst zu ermuntern, da genau dies den Akkumulationsprozess verhindert und damit die Emissionen von Abgasen, Abw\u00e4ssern etc. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich w\u00fcrde gerne wissen, ob Sie dieser Logik zustimmen und welche politischen Implikationen daraus f\u00fcr Sie folgen?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Ich denke ich stimme zu. Wogegen ich allerdings argumentieren w\u00fcrde, ist eine Art individualistischer Interpretation dieser ethischen Forderung, sowohl in \u00f6kologischer, aber dann auch in politischer Hinsicht. Denn manchmal wird das, was du gerade gesagt hast, als individuelle Ethik interpretiert. Wie: &#8222;Ich werde die Erde retten, indem ich meine Plastikflaschen recycle und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre!&#8220; Und ich denke, als individuelle Entscheidung rettet das weder in \u00f6kologischer Hinsicht die Erde, noch funktioniert das politisch. Andererseits denke ich, wenn man es als politisches Projekt versteht, anstatt als individuelle ethische Entscheidung, dann ist das etwas, was Toni und ich oft als den &#8222;Weg neue Formen des Lebens zu schaffen&#8220; bezeichnen. &#8222;Neue Formen des Lebens zu schaffen&#8220; bedeutet nicht, eine Art ethische Entscheidung, sondern eher neue soziale Beziehungen zu erschaffen, die auch manchmal beinhalten k\u00f6nnen, meine Plastikflaschen zu recyceln und zur Arbeit zu radeln, aber eher als ein kollektives politisches Projekt anstatt als ein individuell-ethisches. Ich habe daran gedacht, weil du dich auf Foucault und die &#8222;Kunst zu Leben&#8220; beziehst, das oft gelesen wird und ich glaube in einigen F\u00e4llen hat er es eher als individuelle ethische Entscheidung denn als politisches Projekt gemeint. Ich bin mehr an anderen Teilen von Foucaults Werk interessiert, wo es eher um ein kollektives politisches Projekt als um eine individuelle ethische Entscheidung geht.<\/p>\n<p><strong>Mandus: Ich denke, dass das keinen Widerspruch darstellt, aber das l\u00e4sst sich hier vielleicht nicht kl\u00e4ren.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Merle: Neulich kam eine deutsche Professorin von mir auf Ihr Konzept von Empire und Multitude zu sprechen, erkl\u00e4rte es und f\u00fcgte es in eine Art neue Design-Theorie ein: Sie sagte, dass letztlich die Multitude nur entsteht als eine f\u00fcr das Empire n\u00f6tige Antwort oder als n\u00f6tiges Gegengewicht. Das Empire ist demnach gro\u00df genug, um den Exodus der Leute wieder zu vereinnahmen und die Multitude zu verwandeln, so dass die Leute nicht direkt faul, aber unf\u00e4hig werden, das Empire zu verlassen. Sie zeigte daf\u00fcr u.a. Bilder von Slums, die neben gro\u00dfen H\u00e4usern koexistieren als Beispiel zweier im Empire vereinigter Welten. Meine Frage ist, ob es Ihrer Meinung nach diesen Prozess der Vereinnahmung durch das System oft bei revolution\u00e4ren Bewegungen oder Strategien gibt und was die Ursache daf\u00fcr ist, ob diese speziell mit der Frage der Gewalt zusammenh\u00e4ngt? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Damit h\u00e4ngt f\u00fcr mich auch die Frage der L\u00f6sung der Vereinnahmungsproblematik zusammen: Wenn der Kapitalismus so schnell selbst Dinge wie Kommunikationsguerilla vereinnahmen kann, braucht es dann irgendwie Gewalt, um das zu l\u00f6sen?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Das ist eine gro\u00dfe Frage. Dazu habe ich zwei verschiedene Sachen zu sagen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Das w\u00e4re eine Interpretation, dass es eine Art grundlegende Natur des Kapitalismus und der aktuellen globalen Ordnung ist, dass alles, sogar das Widerst\u00e4ndische, in es zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann.<\/p>\n<p>Und so ist dann die Frage: Welche Art von Sabotage w\u00e4re m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Man kann sich das alles als Maschine vorstellen, die alles schluckt was in sie hinein kommt. Guerilla-Kunst, Subkulturen, sogar st\u00e4dtische Revolten lassen es als eine Maschine erscheinen, die funktioniert. Dann fragt man sich, was f\u00fcr eine Sabotage m\u00f6glich ist, Sabotage im urspr\u00fcnglichen Sinne, wenn man einige Dinge in die Maschine wirft um sie zu stoppen. Man fragt sich &#8222;Was kann sie nicht aufnehmen?&#8220;, denn auf eine Art scheint sie alles aufnehmen, schlucken und weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Es wird an uns sein, herauszufinden was es nicht aufnehmen kann, was es nicht schlucken kann, was das System wirklich unterbrechen w\u00fcrde. Es scheint wie eine wichtige strategische politische Frage. Und es hei\u00dft nicht, dass wir das Gegenteil tun sollten. Das hei\u00dft es nicht, weil das Kapital sogar durch die Idee der ethnischen Vielfalt funktioniert, wie bei der Benetton-Werbung. Was nicht hei\u00dft, dass wir gegen ethnische Vielfalt sein sollten! Ich denke manchmal, dass der \u00dcbergang passieren wird, indem wir durch das Innere des Kapitalismus durchgehen. Das war ein Teil des Deleuze&#8217;s &amp; Guattari&#8217;s Buch &#8222;Anti-\u00d6dipus&#8220;, indem sie metaphorisch sagen, dass Revolution nicht durch ein Losketten, eine Trennung vom Kapital passiert, sondern eher dadurch, es weiter zu treiben als es gehen kann. Das verweist dann zur\u00fcck auf die Frage, was es hei\u00dfen w\u00fcrde, es weiter zu treiben als es gehen kann. In Bezug auf Guerilla-Kunst und auch der ethnischen Vielfalt habe ich keine definitive Antwort darauf. Es ist wichtig, die Flexibilit\u00e4t der Herrschaftssysteme anzuerkennen und das dann als Ausgangspunkt zu nehmen. Das beantwortet das nicht wirklich, aber damit kann der schwierige Weg beginnen.<\/p>\n<p><strong>Mandus: In einem Kapitel von Empire sagen Sie, Sie w\u00fcrden gerne eine Art postmodernen Republikanismus einf\u00fchren. Das habe ich nicht verstanden, warum nicht Kommunismus oder Anarchismus oder vielleicht Nomadismus. <\/strong><\/p>\n<p><strong>War der Republikanismus nur eine kleine Idee, die Sie im Laufe der letzten 10 Jahre \u00fcber Bord geworfen haben, oder ist diese Idee immer noch aktuell?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Das ist sie nicht wirklich. Tats\u00e4chlich ist das erste Kapitel des aktuellen Buches eine komplette Kritik der Republik. Denn die Bedeutung der Republik, ist die Republik des Eigentums. Und so ist irgendwie das ganze erste Kapitel gegen die Republik und f\u00fcr das Gemeinsame.<\/p>\n<p>Ich denke, es trifft f\u00fcr all unsere B\u00fccher zu, aber definitiv f\u00fcr das aktuelle Buch, dass wir den Begriff Kommunismus nicht oft gebrauchen, weil er so einfach missverstanden wird. Er wird oft als das genaue Gegenteil von dem verstanden, was wir meinen. Wenn man Kommunismus sagt, denken die Menschen oft an absolute Kontrolle des Staates \u00fcber die Wirtschaft und die Gesellschaft, was das Gegenteil von dessen, was wir meinen. Deshalb schreiben wir anstatt \u00fcber den gesamten Begriff oft \u00fcber das, was wir als grundlegende Elemente des kommunistischen Denkens verstehen: die Kritik des Eigentums, absolute Demokratie, neue Formen der sozialen Organisation, Revolution&#8230; Das ist eine Art Strategie der Kommunikation, aber ich m\u00f6chte nicht den alten Gebrauch des &#8222;Republikanismus&#8220; verteidigen &#8211; ich kritisiere ihn, da hast du recht.<\/p>\n<p><strong>Konne: Aber ist das nicht auch ein bisschen das Problem mit dem Begriff &#8222;Demokratie&#8220;? Wenn man von Demokratie redet, denke ich immer: &#8222;Oh nein, wir haben das gerade &#8211; wir wollen dar\u00fcber hinaus kommen!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Ja, das wei\u00df ich auf eine Art! Ich glaube, dass fast alle unserer prim\u00e4ren Konzepte unseres politischen Vokabulars korrumpiert wurden. Auch Demokratie und Freiheit. Wenn man Bush zuh\u00f6rt, ich glaube es war seine zweite Antrittsrede, dann ging es da nur \u00fcber Freiheit und Demokratie und doch meint er mit diesen Begriffen genau das Gegenteil von uns. Weil f\u00fcr ihn Demokratie nicht einmal die regul\u00e4re parlamentarische Wahl bedeutet, sondern im Wesentlichen, Leute zu bombardieren, damit sie sich seinem Willen f\u00fcgen &#8211; genau das Gegenteil dessen, was wir denken.<\/p>\n<p>Und deshalb kann man Begriffe wie diesen entweder einfach aufh\u00f6ren zu benutzen &#8211; was glaube ich die haupts\u00e4chliche Entscheidung in DER bzw. genauer UNSERER Linken ist &#8211; einfach nicht mehr \u00fcber Demokratie zu reden, weil sie so korrumpiert wurde, sie einfach liegen zu lassen und dann einen neuen Ausdruck zu schaffen. Oder man kann \u00fcber das Konzept streiten, weil man denkt, dass es so viele Bem\u00fchungen und Leiden durchgemacht hat, dass es vielleicht wert ist, es neu zu definieren, es das meinen zu lassen, was es meinen sollte.<\/p>\n<p>Ich bin nicht sicher, ob das die richtige Herangehensweise ist, aber ich erkenne auf jeden Fall und f\u00fchle es auch oft selbst, dass die Leute etwas anderes darunter verstehen, wenn ich Demokratie sage. Wie bei Kommunismus oder Freiheit oder Liebe. Also ist es ein wichtiger Teil unserer Arbeit, das politische Vokabular zu redefinieren. Manchmal kreieren wir auch neue W\u00f6rter, aber die Leute hassen das.<\/p>\n<p><strong>Multitude war ein gutes Wort.<\/strong><\/p>\n<p>Ja das war ein Gutes.<\/p>\n<p><strong>Konne: Sie kreieren die Multitude durch ihre B\u00fccher und wir versuchen es, indem wir dies hier verbreiten, durch dieses Interview. Und nat\u00fcrlich wissen Sie nicht, was die Menschen tun sollen, und nat\u00fcrlich sollen die Menschen ihnen nicht &#8222;folgen&#8220;. Aber jetzt, da Sie wissen, dass Tausende das hier lesen werden, was wollen Sie den Leuten mitteilen, was sollen sie tun? Was k\u00f6nnen sie tun, um mitzumachen? Was ist im Moment das Wichtigste?<\/strong><\/p>\n<p>Hardt: Nein, ich glaube, so kann das nicht laufen! Ich betone das manchmal vielleicht zu sehr, aber ein wesentlicher Gedanke unserer B\u00fccher ist es, zu schreiben und zu verstehen, was die Bewegungen schon denken.<\/p>\n<p>Es ist genauer so, dass da ein Theoretisieren in den Bewegungen passiert, das oft und speziell in letzter Zeit Konzepte erfand und Probleme gel\u00f6st hat &#8211; viel effizienter als irgendwelche Intellektuellen an den Universit\u00e4ten. Was Toni und ich oft machen, ist der Versuch, auf eine Art zur\u00fcck zu reflektieren, was die Leute schon sagen, schon denken. Ich denke, dass das Konzept des Empire und der Multitude schon von den Bewegungen erfunden worden waren und die Formen der horizontalen Organisation schon da waren &#8211; also haben wir versucht, zu interpretieren, was schon passierte.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re vielleicht einer anderen Generation an als ihr, aber vielleicht teilen unsere Generationen die Abneigung gegen Intellektuelle, die Leuten sagen wollen, was sie zu tun haben. Oder eben gegen politische F\u00fchrer, die den Menschen sagen, was sie zu tun haben. Es gibt da eine Art von nicht nur Angst, sondern eher Abneigung dem gegen\u00fcber, es scheint einfach h\u00e4sslich, falsch &#8211; deshalb f\u00fchle ich hier irgendwie ein Z\u00f6gern, zu antworten.<\/p>\n<p><strong>VIELEN DANK!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mandus: Da sich unser erster Fragekomplex an Sie als eine Person mit altersbedingt gr\u00f6\u00dferer Erfahrung in sozialen Bewegungen richtet, m\u00f6chten wir Sie vorab fragen, ob Sie Verbindungen ziehen zwischen Ihrer Theorie und Ihrer Praxis? Hardt: Nein, ich denke&#8230; &#8230;in Ihrem pers\u00f6nlichen Leben! Oh, mein pers\u00f6nliches Leben! 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