{"id":10105,"date":"2010-09-01T00:00:02","date_gmt":"2010-08-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10105"},"modified":"2022-07-26T13:31:13","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:13","slug":"zapfnix-gegen-militarisierung-und-auslandseinsatze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/09\/zapfnix-gegen-militarisierung-und-auslandseinsatze\/","title":{"rendered":"Zapfnix &#8211; gegen Militarisierung und Auslandseins\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem feierlichen Appell in der m\u00fcnsterischen Manfred-von-Richthofen-Kaserne                 ist am 30. Juni das Lufttransportkommando der Bundeswehr nach                 40 Jahren au\u00dfer Dienst gestellt worden. Konnten Milit\u00e4rs und lokale                 PolitikerInnen am Nachmittag noch in Ruhe hinter der Kasernenmauer                 feiern und einem Geschwader von Milit\u00e4rtransportflugzeugen beim                 Schauflug \u00fcber die Stadt zusehen, war es f\u00fcr sie bei der \u00f6ffentlichen                 Abschiedszeremonie am Abend vor dem Schloss nicht mehr so gem\u00fctlich:                 FriedensaktivistInnen &#8211; darunter die <i>Graswurzelrevolution<\/i>                 &#8211; hatten zum &#8222;zapfnix&#8220;-Protest &#8222;Gegen Milit\u00e4rspektakel und Auslandseins\u00e4tze&#8220;                 aufgerufen.<\/p>\n<p>Rund 250 DemonstrantInnen kamen und brachten Trommeln, Trillerpfeifen                 und die von der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft bekannten Vuvuzelas                 mit um das Milit\u00e4rschauspiel zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die angemeldete Kundgebung auf dem nahegelegenen Hindenburgplatz                 wurde schon kurz nach Beginn wieder aufgel\u00f6st und die FriedensaktivistInnen                 &#8211; darunter auch bunt gekleidete und herumtollende Mitglieder der                 &#8222;Rebel Clowns Army&#8220; &#8211; str\u00f6mten direkt an die Absperrgitter vor                 dem barocken Schloss. <\/p>\n<p>Die schwarz gekleideten, behelmten und mit Fackeln ausgestatteten                 Soldaten wurden beim Einmarsch auf dem Schlossplatz von einem                 lauten Get\u00f6se empfangen. Eine Hundertschaft der Polizei sowie                 Feldj\u00e4ger der Bundeswehr dr\u00e4ngten die DemonstrantInnen jedoch                 schnell zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Die Bundeswehr hatte f\u00fcr den Abend das Hausrecht auf dem Schlossplatz                 von der Leitung der Uni M\u00fcnster \u00fcbertragen bekommen und setzte                 dieses auch gewaltsam durch: AntimilitaristInnen wurden geschlagen                 und geschubst, zwei Aktivisten von der Polizei festgenommen. <\/p>\n<p>Gegen sie wurden Anzeigen erstattet. Eine Demonstrantin wurde                 von Polizisten in eine Hecke geworfen und blutete nach weiteren                 Schl\u00e4gen und Tritten der Ordnungsh\u00fcter. <\/p>\n<p>&#8222;Die aggressive Stimmung der Polizei war au\u00dfergew\u00f6hnlich&#8220;, so                 Bernd Dr\u00fccke, Mitorganisator des Protests und Gr\u00fcndungsmitglied                 der &#8222;Friedensinitiative Pulverturm&#8220;. Er vermutet, dass die Aggressivit\u00e4t                 der Ordnungsh\u00fcter auch mit der unsachlichen Berichterstattung                 der lokalen Presse zu tun hatte. Die FriedensaktivistInnen wurden                 im Vorfeld von der Lokalpresse scharf angegriffen und diffamiert,                 da sie darauf aufmerksam machten, dass schon die Wehrmacht \u00e4hnliche                 Zeremonien vor dem M\u00fcnsteraner Schloss durchf\u00fchrte und sich die                 Bundeswehr in eine uns\u00e4gliche Tradition stelle. &#8222;Bundeswehr-Gegner                 ziehen Nazivergleich&#8220;, titelte die M\u00fcnstersche Zeitung und witterte                 einen Skandal. Dabei wurde nicht nur die Milit\u00e4rzeremonie von                 der Reichswehr bzw. sp\u00e4ter der Wehrmacht \u00fcbernommen. Vor der Manfred-von-Richthofen-Kaserne                 in M\u00fcnster &#8211; einem vom SA-Mann Ernst Sagebiel errichteten Geb\u00e4ude                 &#8211; prangt noch heute der Reichsadler \u00fcber dem Eingang. Einzig das                 Hakenkreuz unter dem martialischen Greifvogel wurde entfernt.                 Als ma\u00dflos und vollkommen unangemessen bezeichnete Ali Atalan,                 nordrhein-westf\u00e4lischer Landtagsabgeordneter der Linkspartei und                 Anmelder der Kundgebung, das Vorgehen von Polizei und Bundeswehr:                 &#8222;Ich habe selber miterlebt wie mit den friedlichen Demonstranten                 umgegangen wurde. Mit Demonstrationsfreiheit hatte das nichts                 mehr zutun.&#8220;<\/p>\n<p>Neben der k\u00f6rperlichen Gewalt kam es auch zu mehreren sexistischen                 \u00c4u\u00dferungen m\u00e4nnlicher Besucher der Zeremonie, Feldj\u00e4ger und Polizisten                 gegen Mitglieder der Clowns Army. <\/p>\n<p>Trotz der Repression lie\u00dfen sich die FriedensaktivistInnen bei                 ihrer Protestaktion vor dem Schloss nicht einsch\u00fcchtern und machten                 vor dem Spalier aus Polizei und Feldj\u00e4gern in etwa 100 Metern                 Entfernung zur Milit\u00e4rveranstaltung weiter L\u00e4rm. Dabei mussten                 sie allerdings ohne Licht auskommen: Auf Befehl der Polizei hatten                 die Stadtwerke M\u00fcnster dem Areal vor dem Schloss den Strom abgestellt.                 Wahrscheinlich vermuteten die Ordnungsh\u00fcter, dass FriedensaktivistInnen                 die Milit\u00e4rzeremonie mit einer Musikanlage im Haus des Allgemeinen                 Studierendenausschusses direkt vor dem Schloss st\u00f6ren k\u00f6nnten.               <\/p>\n<p>Von der Stromabschaltung waren allerdings auch Stra\u00dfenbeleuchtungen                 und Ampeln einer nahegelegenen Hauptstra\u00dfe betroffen. Die Stadtwerke                 M\u00fcnster stellten sich auf Anfrage dumm und gaben vor von nichts                 zu wissen.<\/p>\n<p>Auch die Arbeit der kritischen Presse fiel der Repression zum                 Opfer: trotz zuvor von der Bundeswehr best\u00e4tigter Akkreditierung                 und Vorzeigen des Presseausweises wurde einem Journalisten der                 Tageszeitung <i>junge Welt<\/i> der Zutritt in den umz\u00e4unten Bereich                 der Milit\u00e4rzeremonie durch Feldj\u00e4ger verwehrt. Sp\u00e4ter wurde ihm                 nicht einmal mehr der Zugang vor die Absperrgitter, vor denen                 eine Handvoll B\u00fcrgerInnen dem Milit\u00e4rspektakel zuschauten, erm\u00f6glicht.                 Gr\u00fcnde wollten die Milit\u00e4rpolizisten dem Betroffenen nicht nennen,                 man f\u00fchre nur Befehle aus. Auch ein Gespr\u00e4ch mit dem Pressesprecher                 des Lufttransportkommandos wurde abgewiesen. Der Sprecher habe                 keine Zeit, sei besch\u00e4ftigt und das Funkger\u00e4t angeblich kaputt,                 um den Pressesprecher \u00fcberhaupt zu kontaktieren, so die Feldj\u00e4ger.                 Die Journalisten der Lokalpresse hingegen konnten sich \u00fcberall                 frei bewegen. Die Deutsche-Journalisten-Union (DJU) wurde eingeschaltet                 um den Fall aufzukl\u00e4ren. Der Vorstand der DJU M\u00fcnster sieht aber                 kaum Chancen auf Besserung bei kommenden Milit\u00e4rveranstaltungen:                 Es sei nicht der erste Fall von Behinderung kritischer Presse                 durch die Bundeswehr. Abmahnungen w\u00fcrden einfach im Sande verlaufen.<\/p>\n<p>Die OrganisatorInnen des Protests in M\u00fcnster zogen dennoch ein                 positives Fazit: &#8222;Die ekelhafte Marschmusik der Bundeswehr konnte                 man wegen des L\u00e4rms der Demonstranten nicht h\u00f6ren&#8220;, freute sich                 <i>Graswurzelrevolution<\/i>-Redakteur Bernd Dr\u00fccke. Nur wenige                 B\u00fcrgerInnen h\u00e4tten dem Spektakel beigewohnt. Zudem habe die Bundeswehr                 nicht wie anfangs von ihr angek\u00fcndigt einen &#8222;Gro\u00dfen Zapfenstreich&#8220;                 durchgef\u00fchrt, sondern nur eine kleinere &#8222;Serenade&#8220;. Ali Atalan                 forderte zu weiteren Protestaktionen auf: &#8222;Egal wo solche Veranstaltungen                 stattfinden muss es Gegendemonstrationen geben.&#8220; Die Militarisierung                 des \u00f6ffentlichen Raums m\u00fcsse verhindert werden. Wer &#8211; wie die                 Bundeswehr &#8211; die \u00d6ffentlichkeit suche, m\u00fcsse sie auch ertragen.                 Die Armee macht aber genau dies nicht.<\/p>\n<h3>Gel\u00f6bnix in Stuttgart<\/h3>\n<p>In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Protestaktionen                 gegen Milit\u00e4rveranstaltungen, die der Staat mit Repression beantwortete.                 Deutsche Armee-Uniformen sollen wieder zur Normalit\u00e4t auf den                 Stra\u00dfen in Deutschland und dem Ausland werden. <\/p>\n<p>Wer sich dagegen wehrt bekommt die harte Faust des Staates zu                 sp\u00fcren. Am 30. Juli kam es in Stuttgart bei einer Protestaktion                 gegen ein Gel\u00f6bnis zu 77 Festnahmen. <\/p>\n<p>Rund 1.000 Menschen gingen in der baden-w\u00fcrttembergischen Landeshauptstadt                 gegen die Banalisierung des Milit\u00e4rs auf die Stra\u00dfen. <\/p>\n<h3>Repression gegen AntimilitaristInnen in Husum und Berlin<\/h3>\n<p>Ebenfalls im Juli wurde eine Aktivistin vom Amtsgericht Husum                 zu 120 Tagess\u00e4tzen zu je 15 Euro verurteilt, weil sie im Februar                 2008 einen Milit\u00e4rtransport f\u00fcr mehrere Stunden blockierte (vgl.                 Artikel auf S. 6). <\/p>\n<p>In Berlin ermittelt die Staatsanwaltschaft aktuell gegen Mitglieder                 der DFG-VK, da diese mit einer satirischen Aktion gegen einen                 neuen milit\u00e4rischen Heldenkult Soldaten &#8222;verhetzt&#8220; haben sollen                 (vgl. GWR 349 &#038; GWR 350). Wer in diesem Land f\u00fcr Frieden k\u00e4mpft,                 muss mit Krieg rechnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem feierlichen Appell in der m\u00fcnsterischen Manfred-von-Richthofen-Kaserne ist am 30. Juni das Lufttransportkommando der Bundeswehr nach 40 Jahren au\u00dfer Dienst gestellt worden. 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