{"id":10124,"date":"2010-09-01T00:00:06","date_gmt":"2010-08-31T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10124"},"modified":"2022-07-26T13:31:13","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:13","slug":"klein-aber-fein-reform-der-bundesweh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/09\/klein-aber-fein-reform-der-bundesweh\/","title":{"rendered":"&#8222;Klein, aber fein!&#8220; &#8211; Reform der Bundesweh"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Zeitrahmen sollten 80 Milliarden Euro eingespart werden.                 Nach diesem Beschluss entf\u00e4llt auf das Bundesverteidigungsministerium                 (BMVg) eine Summe von 8,4 Milliarden Euro. <\/p>\n<p>Unter Punkt 4 der &#8222;Eckpunkte&#8220; mit der \u00dcberschrift &#8222;Anpassung                 der Bundeswehr an neue Anforderungen&#8220; wird der Bundesverteidigungsminister                 Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in Zusammenarbeit mit der sogenannten                 Strukturkommission zur Reform der Bundeswehr unter dem Vorsitz                 von Frank-J\u00fcrgen Weise (Chef der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit) von                 der Bundesregierung mit &#8222;einer der gr\u00f6\u00dften Reformen in ihrer Geschichte&#8220;                 (zu Guttenberg 2010a) beauftragt. Danach soll bis Anfang September                 2010 aufgezeigt werden, welche Folgen eine Reduzierung der Streitkr\u00e4fte                 um bis zu 40.000 Berufs- und ZeitsoldatInnen f\u00fcr <\/p>\n<p>(1) die sicherheitspolitische Handlungsf\u00e4higkeit Deutschlands,                 <br \/>                 (2) die Einsatz- und B\u00fcndnisf\u00e4higkeit, <br \/>                 (3) die Beschaffung von R\u00fcstungsg\u00fctern, <br \/>                 (4) die Strukturen und den Gesamtumfang der Bundeswehr, <br \/>                 (5) die Wehrform (Wehrpflicht) und ihre Ausgestaltung h\u00e4tte und                 <br \/>                 (6) welche Einsparpotentiale durch eine bessere Arbeitsteilung                 im B\u00fcndnis (NATO) gewonnen werden k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich wurde in der Klausur beschlossen, an der Verabschiedung                 des Wehrrechts\u00e4nderungsgesetzes 2010 festzuhalten. Das bedeutet,                 die im Koalitionsvertrag der CDU\/CSU und FDP vereinbarte Verk\u00fcrzung                 der Kriegsdienstzeit <\/p>\n<p>von neun auf sechs Monate zum 1. Januar 2011 wurde auf den 1.                 Juli 2010 vorgezogen (vgl. Bundesregierung 2010: 5 f.). <\/p>\n<p>Angesichts dieser Auftragsinhalte d\u00fcrfte klar sein, dass es hierbei                 keineswegs ausschlie\u00dflich um eine finanzbedingte Reduzierung der                 Kopfst\u00e4rke der Bundeswehr geht. Hingegen findet eine v\u00f6llig neue                 Ausplanung der Streitkr\u00e4fte und ihrer Funktionen statt. Zu diesem                 Zweck erstellte das BMVg die am 30. Juni 2010 ver\u00f6ffentlichten                 &#8222;Leitlinien zur Ausplanung der neuen Bundeswehr&#8220;. Nach diesem                 Papier wird auf Grundlage der von zu Guttenberg unterbreiteten                 Vorschl\u00e4ge die Bundesregierung im September 2010 ihre Entscheidungen                 treffen, welche dann in einem &#8222;Realisierungsplan&#8220; (BMVg 2010:                 8) f\u00fcr die kommenden Jahre umgesetzt wird (vgl. zum gesamten Beitrag                 ausf\u00fchrlicher Haid 2010).<\/p>\n<h3>Knappe Finanzen als Ursache der Reform?<\/h3>\n<p>Als Ursache der Reform gab zu Guttenberg in seiner &#8222;Grundsatzrede&#8220;                 am 26. Mai 2010 an der F\u00fchrungsakademie der Bundeswehr in Hamburg                 den &#8222;absehbaren finanzpolitischen Canossagang der Bundesregierung&#8220;                 (2010b: 17) an. Er bezeichnete mit dieser Formulierung die von                 der Bundesregierung beschlossene Haushaltsk\u00fcrzung. Jedoch ist                 denkbar, dass durch die Betonung der leeren Kassen des BMVg eine                 solch grundlegende Reform der Bundeswehr \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich                 bzw. durchsetzbar wird. Voraussichtlich hat das Argument des knappen                 Geldes einen gewichtigen Anteil an der \u00dcberwindung von sicherlich                 gravierenden (regional-) politischen und bundeswehrinternen Widerst\u00e4nden.                 Das Argument der Finanzierbarkeit k\u00f6nnte quasi als Hebel zur Verwirklichung                 der Reform der Bundeswehr gegen externe und interne Widerst\u00e4nde                 benutzt werden. <\/p>\n<p>Dass die Finanzlage f\u00fcr das BMVg nicht derma\u00dfen dramatisch ist,                 wie der Verteidigungsminister gern suggeriert, wurde bereits Anfang                 Juli 2010 deutlich, als im Kabinettsentwurf f\u00fcr den Bundeshaushalt                 2011 mehr Gelder als in diesem Jahr f\u00fcr den Verteidigungshaushalt                 (Einzelplan 14) eingeplant wurden. Es handelt sich um eine Steigerung                 von rund 450 Mio. Euro gegen\u00fcber 2010 auf 31.549 Mrd. Euro. Das                 sind circa 1,4% mehr. Zum Vergleich: der Sozialetat soll um 7,9%                 gek\u00fcrzt werden (vgl. Haydt 2010). <\/p>\n<p>Dieser Entwurf steht im Widerspruch zu den Sparbeschl\u00fcssen der                 Kabinettsklausur im Vormonat. Ebenso wird diese Einsch\u00e4tzung von                 Bundeskanzlerin Merkel untermauert. Sie \u00e4u\u00dferte auf der letzten                 Pressekonferenz vor der Sommerpause: &#8222;Finanzen sind wichtig, aber                 Finanzen sind nicht die treibende Kraft einer Bundeswehr der Zukunft&#8220;,                 da sie wegen &#8222;zwei Milliarden [Euro] (&#8230;) nicht die deutsche                 Sicherheit aufs Spiel setzen&#8220; (Merkel, in: L\u00f6wenstein 2010a) k\u00f6nne.<\/p>\n<h3>&#8222;Paradigmenumkehr&#8220; in der R\u00fcstungsbeschaffung?<\/h3>\n<p>Auch vor diesem Hintergrund k\u00f6nnte die von zu Guttenberg angek\u00fcndigte                 &#8222;Paradigmenumkehr&#8220; (2010b: 29) in der R\u00fcstungsbeschaffung mehr                 als Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit des BMVg mit der deutschen                 R\u00fcstungsindustrie interpretiert werden, als eine tats\u00e4chliche                 Gefahr, die angeforderten Waffenprojekte nicht mehr bezahlen zu                 k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Die entsprechenden Unternehmen hatten in der Vergangenheit ihre                 Waffensysteme meist kostenintensiver als urspr\u00fcnglich vereinbart,                 daf\u00fcr zeitlich versp\u00e4tet, technisch unausgereift und in zu geringer                 St\u00fcckzahl als bestellt ausgeliefert. Mit &#8222;Paradigmenumkehr&#8220; d\u00fcrfte                 der Minister vereinfacht ausgedr\u00fcckt den bisher g\u00fcltigen Grundsatz                 gemeint haben, dass die Bundeswehr bisher alle R\u00fcstungsg\u00fcter,                 die sie anforderte, auch bekam. Unter den neuen finanziellen Bedingungen                 k\u00f6nnten die Streitkr\u00e4fte nur noch zugeteilt bekommen, wof\u00fcr Geld                 da ist (vgl. Gaschke 2010a). Jedenfalls legte k\u00fcrzlich der F\u00fchrungsstab                 der Streitkr\u00e4fte ein Papier mit dem Titel &#8222;Priorisierung Materialinvestitionen                 &#8211; Handlungsempfehlungen&#8220; vor. Darin werden f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre                 bestellte Waffensysteme im Wert von 9,3 Milliarden Euro und auch                 bereits in Dienst befindliches veraltetes Ger\u00e4t zur Ausmusterung                 bzw. Abbestellung empfohlen (vgl. Die Zeit 2010).<\/p>\n<p>Trotz dieser Streichliste d\u00fcrfte die Einsatzf\u00e4higkeit der Bundeswehr                 keinesfalls beschnitten werden. Im Gegenteil teilt der Informationsdienst                 &#8222;Griephan&#8220; mit, dass es lediglich bei der R\u00fcstungsbeschaffung                 zu Schwerpunktverlagerungen kommen werde. Es bedeute lediglich:                 &#8222;Nice to have ist vorbei!&#8220; Sprich: \u00fcberfl\u00fcssig gewordene Projekte                 zur Landesverteidigung werden eingestampft, daf\u00fcr wird die Bestellung                 der Ausr\u00fcstung f\u00fcr die Auslandseins\u00e4tze sichergestellt oder gar                 erweitert. Im Endeffekt k\u00f6nnte ein solcher Sparzwang zu kriegsf\u00fchrungsf\u00e4higeren                 Streitkr\u00e4ften als bisher f\u00fchren. <\/p>\n<p>Die &#8222;Griphan&#8220;-Einsch\u00e4tzung sieht die zuk\u00fcnftige Bundeswehr unter                 dem Motto: &#8222;Klein, aber fein!&#8220; (Griephan 2010: 1). <\/p>\n<h3>Drei Modelle der neuen Bundeswehr und ein Generalstab<\/h3>\n<p>Kurz vor der Sommerpause stellte zu Guttenberg der Kanzlerin                 drei m\u00f6gliche Modelle der neuen Bundeswehr als Stand der bisherigen                 Planung seines Ministeriums vor. <\/p>\n<p>Das erste Modell sieht eine Armee mit rund 150.000 Zeit- und                 BerufssoldatInnen sowie 50.000 Wehrpflichtigen mit sechs Monaten                 Dienstzeit vor. Es w\u00fcrde sich dann um eine Gr\u00f6\u00dfenordnung von insgesamt                 205.000 SoldatInnen handeln. Das zweite Modell h\u00e4tte ganz auf                 Wehrpflichtige verzichtet und war als reine Berufsarmee mit 150.000                 Angeh\u00f6rigen konzipiert worden. Diese Variante hat der Minister                 allerdings zwischenzeitlich ausgeschlossen. <\/p>\n<p>Das letzte Modell mit einer Gesamtgr\u00f6\u00dfe von circa 168.000 K\u00f6pfen                 setzt als Basis ebenfalls auf 150.000 Berufs- und ZeitsoldatInnen.                 Es w\u00fcrde zus\u00e4tzlich als eine neu geschaffene Kategorie zwischen                 15.000 und 20.000 sog. Kurzzeitdienende beherbergen. Das sind                 Wehrpflichtige, die als auslandsverwendungsf\u00e4hig deklariert werden                 und sich freiwillig auf eine bisher angedachte Dienstzeit von                 zw\u00f6lf bis 23 Monate verpflichten k\u00f6nnen (vgl. Friedrichs 2010,                 L\u00f6wenstein 2010a). <\/p>\n<p>Au\u00dfer \u00fcber die vorgestellten Modelle denkt die BMVg-F\u00fchrung laut                 \u00fcber eine Aufwertung des Postens des Generalinspekteurs der Bundeswehr                 nach. Der Berliner Erlass aus dem Jahr 2005 des damaligen Verteidigungsministers                 Peter Struck (SPD) definiert die Stellung des Generalinspekteurs                 als eine der BMVg-Leitung nachgeordnete Instanz. Hierarchisch                 steht der Generalinspekteur also unter einer zivilen Leitung.                 Zus\u00e4tzlich hat jede Teilstreitkraft noch ihren eigenen Inspekteur                 mit einem dazu geh\u00f6rigen Stab. Diese Dezentralisierung und schwache                 Position des Generalinspekteurs ist historisch begr\u00fcndet. <\/p>\n<p>Die BMVg-Leitung besteht aus dem Minister und den zwei ihn nach                 au\u00dfen gegen\u00fcber dem Parlament, der \u00d6ffentlichkeit oder dem Ausland                 vertretenden, aber keinerlei Befugnisse nach innen besitzenden                 Staatssekret\u00e4ren. Gegenw\u00e4rtig ist ein Zwei-S\u00e4ulen-Modell im Gespr\u00e4ch,                 das die bisherige, rein zivile Struktur der BMVg-Spitze aus den                 Angeln heben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch ist ihre rechtliche Zul\u00e4ssigkeit zumindest fraglich. Statt                 bislang zweier ziviler Staatssekret\u00e4re w\u00fcrde dann der Generalinspekteur                 als Befehlshaber der Streitkr\u00e4fte gleichwertig neben einem verbleibenden                 Staatssekret\u00e4r an der Spitze der Verwaltung stehen. Die FAZ meinte,                 dass mit der Aufwertung des Generalinspekteurs &#8222;das historisch                 heikle Wort &#8218;Generalstabschef&#8216; kaum mehr zu vermeiden&#8220; (L\u00f6wenstein                 2010b) sei.<\/p>\n<h3>Die Wehrpflicht-Debatte<\/h3>\n<p>Obwohl diese Diskussion einen breiten Raum in der gesamten medial                 gef\u00fchrten Auseinandersetzung \u00fcber die Reform der Bundeswehr einnimmt,                 ist sie f\u00fcr die vorgegebene Aufgabenerf\u00fcllung der Bundeswehr von                 untergeordneter Bedeutung. Wehrpflichtige d\u00fcrfen rechtlich nicht                 in die Auslandseins\u00e4tze entsandt werden. <\/p>\n<p>Auch d\u00fcrfte der Debatte etwas die Sch\u00e4rfe genommen haben, dass                 bei den beiden noch im Rennen befindlichen Reformmodellen die                 eine Version eine herk\u00f6mmliche Wehrpflichtigenkomponente aufweist                 und die andere Variante zumindest noch auf die Kurzzeitdienenden                 setzt. Eine reine Berufsarmee ist folglich vom Tisch. <\/p>\n<p>Der Verteidigungsminister, der erstmals seit der Einf\u00fchrung der                 Wehrpflicht ihre Aussetzung \u00f6ffentlich zur Disposition stellte,                 hat in seiner eigenen Partei, der CSU, und in deren Schwesterpartei                 CDU, harsche Kritik erfahren. Die Positionen der anderen Bundestagsparteien                 sind uneinheitlich. Die SPD bef\u00fcrwortet eine sog. Freiwilligenwehrpflicht                 (die Kurzzeitdienenden), die zuerst den Bedarf mit Wehrpflichtigen                 deckt, die freiwillig kommen wollen und dann den Rest mit Zwangsverpflichteten                 auff\u00fcllt (vgl. Arnold 2010: 4 f.). FDP, Gr\u00fcne und Linkspartei                 pl\u00e4dieren f\u00fcr die Aussetzung der Wehrpflicht.<\/p>\n<p>Die Aussetzung ist von einem finanziellen Aspekt her gesehen                 lohnend. Ein internes BMVg-Papier beziffert die Einsparungen auf                 412 Millionen Euro pro Jahr (vgl. Kramer\/ Scholz 2010). Ihre Abschaffung,                 also die Streichung der entsprechenden Passagen aus dem Grundgesetz,                 wird kategorisch ausgeschlossen (vgl. Friedrichs 2010). Sie soll,                 falls die Bundesregierung dies wieder als notwendig erachten sollte,                 jederzeit reaktivierbar sein. <\/p>\n<p>Aus friedenspolitischer Sicht ist die Frage, die Wehrpflicht                 beizubehalten oder nicht, f\u00fcr die Kriegsf\u00fchrungsf\u00e4higkeit der                 Bundeswehr in den Auslandseins\u00e4tzen irrelevant. <\/p>\n<p>Deshalb ist weder das eine noch das andere w\u00fcnschenswerter. Davon                 abgesehen, ist die &#8222;Wehrpflicht&#8220; ein Zwangsdienst. Aus diesem                 Grund macht eine Abschaffung nat\u00fcrlich Sinn. <\/p>\n<h3>Der NATO geht das Geld aus&#8230;<\/h3>\n<p>Die Neugestaltung der Bundeswehr muss auch als Reaktion auf die                 Ver\u00e4nderung der globalen Machtstruktur infolge der Finanz- und                 Wirtschaftskrise gesehen werden. In das &#8222;Leitlinien&#8220;-Papier des                 BMVg zur Reform der Bundeswehr wurden als Entwicklungen, welche                 f\u00fcr die Sicherheit Deutschlands ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen,                 Folgendes neu aufgenommen: <\/p>\n<p>(1) &#8222;der Aufstieg neuer staatlicher Akteure, die \u00fcber wachsendes                 politisches und \u00f6konomisches Gewicht auch unsere Werte, Normen                 und Interessen herausfordern werden&#8220;; und <\/p>\n<p>(2) &#8222;die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, die noch                 anhalten und die M\u00f6glichkeiten der westlichen Welt zur globalen                 Ordnungspolitik einschr\u00e4nken werden&#8220; (BMVg 2010: 1). <\/p>\n<p>Damit kommen neben dem sog. Krisenmanagement als Hauptgegenstand                 milit\u00e4rischer Aufgabenwahrnehmung die Konkurrenz zu China und                 vermutlich auch zu Indien, Brasilien und Russland in diesen Konfliktgebieten                 hinzu, die von strategischem und \u00f6konomischem Interesse sind.<\/p>\n<p>Nach Ansicht von Kersten Lahl, Pr\u00e4sident der Bundesakademie f\u00fcr                 Sicherheitspolitik (BAKS), seien die NATO-Staaten durch die Folgen                 der Finanz- und Wirtschaftskrise gezwungen, tiefe &#8222;Einschnitte                 ins Milit\u00e4rbudget&#8220; (Handelsblatt 2010: 9) vorzunehmen, weshalb                 ihre weltweite milit\u00e4rische Pr\u00e4senz in der gegenw\u00e4rtigen Form                 schwerlich durchgehalten werden k\u00f6nne (2010: 49). Ebenso zieht                 Elke Hoff, sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion,                 in ihrem Papier &#8222;Zukunft der Bundeswehr&#8220; daraus die Schlussfolgerung                 &#8211; was einer Z\u00e4sur gleichkommt -, dass das derzeitige intensive                 milit\u00e4rische Engagement der NATO und der EU und die deutsche Beteiligung                 daran in dieser Form nicht mehr l\u00e4nger aufrechterhalten werden                 k\u00f6nne: &#8222;Breit angelegte und auf Jahre hin ausgerichtete internationale                 Stabilisierungseins\u00e4tze &#8211; wie auf dem Balkan, im Irak oder in                 Afghanistan &#8211; k\u00f6nnen in dieser Form nicht die Eins\u00e4tze der Zukunft                 sein. Dazu sind wir selbst und unsere Partner in der NATO und                 in der EU finanziell und strukturell dauerhaft nicht in der Lage&#8220;                 (2010: 9). <\/p>\n<h3>Aufstandsbek\u00e4mpfung, Spezialkr\u00e4fte und &#8222;Nachsorge&#8220; in Konflikten<\/h3>\n<p>Bis die Bundeswehr voraussichtlich mit dem angek\u00fcndigten Abzug                 der US-Armee in Afghanistan ab Juli 2011 ebenfalls nach und nach                 abziehen wird, ist die Hauptaufgabe des deutschen ISAF-Kontingents                 das &#8222;Partnering&#8220; (gemeinsame Offensiven mit der afghanischen Nationalarmee                 gegen Aufst\u00e4ndische). <\/p>\n<p>Dazu werden derzeit die deutschen Truppen in Nordafghanistan                 in zwei Ausbildungs- und Schutzbataillone umgegliedert, die bis                 Oktober 2010 vollst\u00e4ndig einsatzbereit sein sollen. &#8222;Die Welt&#8220;                 zitierte den Sprecher der Infanterieschule des Heeres im fr\u00e4nkischen                 Hammelburg, wo die deutschen Einheiten derzeit vorbereitet werden,                 der deutlich machte, welchen Inhalt ihre T\u00e4tigkeit in Folge des                 &#8222;Partnering&#8220; pr\u00e4zise hat: &#8222;Die Soldaten werden den Feind suchen                 und vernichten. Genau darum wird es gehen.&#8220; Ein \u00dcbungsleiter wurde                 im selben Artikel erg\u00e4nzend wiedergegeben: &#8222;Die Jungs sind auch                 hier, um das Sterben zu lernen&#8220; (Wolff 2010).<\/p>\n<p>Klar ist auch, dass dieses Vorgehen zu erh\u00f6hten Verlusten unter                 den SoldatInnen f\u00fchren wird, und diese Tatsache m\u00fcsse, wie der                 Verteidigungsminister in seiner &#8222;Grundsatzrede&#8220; klarstellte, auch                 von der Gesellschaft akzeptiert werden: &#8222;Die Bundeswehr ist heute                 eine Armee im Einsatz. (&#8230;) Der Einsatz und der Kampf r\u00fccken                 st\u00e4rker in den Mittelpunkt &#8211; auch der Betrachter. Daf\u00fcr m\u00fcssen                 wir als Streitkr\u00e4fte, aber insbesondere auch als Gesellschaft,                 insbesondere da, neben Einsatzbereitschaft auch eine gewisse &#8211;                 und ich bitte, den Begriff nicht misszuverstehen &#8211; Opferbereitschaft                 aufbringen. Ein Begriff, der viele in der \u00d6ffentlichkeit zu erschrecken                 und aufzuw\u00fchlen vermag. (&#8230;) Doch eine Gesellschaft, die generell                 und auch au\u00dferhalb der Streitkr\u00e4fte und des Milit\u00e4rischen nicht                 mehr bereit ist, Opfer zu bringen, deren Abstieg wird unabwendbar                 sein [sic!]&#8220; (2010b: 11 f.). <\/p>\n<p>\u00dcber das zuk\u00fcnftige Profil der Bundeswehr kann derzeit nichts                 sicher ausgesagt werden. Die Entscheidungen hierf\u00fcr stehen erst                 noch an. Nach Klaus Naumann, Milit\u00e4rhistoriker des Instituts f\u00fcr                 Sozialforschung in Hamburg, sei in der &#8222;Politik&#8220; bereits &#8222;von                 einer Sicherheitspolitik &#8217;nach Afghanistan&#8216; die Rede. Die Auswirkungen                 reichen bis in die anlaufende Debatte \u00fcber die Strukturreform                 der Streitkr\u00e4fte hinein. Stabilisierungseins\u00e4tze vom Typ Afghanistan,                 so der sich abzeichnende Konsens, sollen k\u00fcnftig nicht zum Normalfall                 geh\u00f6ren. Gleichwohl bekr\u00e4ftigen die internen Papiere den Willen,                 weiterhin durchhaltef\u00e4hig Krisenmanagement und Konfliktpr\u00e4vention                 zu betreiben&#8220; (2010). <\/p>\n<p>Das wahrscheinlichste Szenario vor dem Hintergrund der begrenzten                 Finanzmittel des zuk\u00fcnftigen &#8222;Krisenmanagements&#8220; in Afghanistan,                 k\u00f6nnte so aussehen: Hamid Karsais milit\u00e4rischer und polizeilicher                 Apparat wird durch Ausbildung und Versorgung mit Informationen,                 Waffen und Nachschub aller Art durch die NATO-Staaten aufgebaut                 und dazu in die Lage versetzt, weiterhin die Aufst\u00e4ndischen in                 Schach zu halten. In Ausnahmef\u00e4llen greifen die NATO-Armeen mit                 Spezialkr\u00e4ften, Drohnen und Luftunterst\u00fctzung selbst in die K\u00e4mpfe                 ein. Generell ist dies aber den afghanischen Soldaten \u00fcberlassen.               <\/p>\n<p>Eine solche Vorgehensweise h\u00e4tte mehrere Vorteile: diese eingeschr\u00e4nkte                 Pr\u00e4senz d\u00fcrfte deutlich billiger sein, die Kontrolle \u00fcber Afghanistan                 und die ganze Region kann weiter aufrecht erhalten werden und                 es w\u00e4re f\u00fcr die NATO-Soldaten ein verlustarmer Einsatz, womit                 die Zustimmung in der heimischen \u00d6ffentlichkeit weniger gef\u00e4hrdet                 sein d\u00fcrfte (vgl. Wagner 2010). <\/p>\n<p>Sicherlich wird sich die Reform der Bundeswehr an dieser Ver\u00e4nderung                 orientieren. Elke Hoff schl\u00e4gt in ihrem Diskussionspapier einen                 dementsprechenden Ansatz vor. Unter dem Zwang fehlender finanzieller                 Ressourcen f\u00fcr umfassende milit\u00e4rische Stabilisierungseins\u00e4tze                 w\u00fcrden nach ihrer Meinung hochmobile und flexibel einsetzbare                 Spezialkr\u00e4fte, strategische Aufkl\u00e4rung und die Nachrichtendienste                 sowie zivile Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen in                 Zukunft eine weit wichtigere Rolle in der Konfliktverh\u00fctung und                 -bew\u00e4ltigung spielen m\u00fcssen als bisher (vgl. 2010: 9). <\/p>\n<p>Derzeit wirbt der Verteidigungsminister in einer sog. Sommerreise                 quer durch die Bundesrepublik f\u00fcr seine Vorschl\u00e4ge des neuen Bundeswehrprofils.                 Sein k\u00fcnftiger Ansatz sieht dabei &#8222;hochintensive Eins\u00e4tze&#8220; ebenso                 wie die Teilnahme an &#8222;Ausbildungs- und Beobachtermissionen&#8220; und                 die Verwendung von &#8222;nachrichtendienstlichen Mitteln&#8220; sowie den                 &#8222;Einsatz von Spezialkr\u00e4ften und moderner Nachrichtentechnik&#8220; (zu                 Guttenberg 2010a) vor. &#8222;Die Zeit&#8220; mutma\u00dft bereits, dass das Kommando                 Spezialkr\u00e4fte (KSK) &#8222;so etwas wie das politische Rollenvorbild                 einer radikal verkleinerten, ausschlie\u00dflich einsatzorientierten                 Profiarmee werden&#8220; (Gaschke 2010b) k\u00f6nnte. Zu Guttenberg unterst\u00fctzt                 diese Einsch\u00e4tzung: &#8222;F\u00fcr die Zukunft ben\u00f6tigen wir Kr\u00e4fte, die                 strukturell \u00fcber die F\u00e4higkeiten zum Kampf im hochintensiven Gefecht                 verf\u00fcgen&#8220; (2010b: 21).<\/p>\n<h3>Die Armee der Exekutive<\/h3>\n<p>Angesichts der steigenden Verluste unter den NATO-Truppen und                 der afghanischen Zivilbev\u00f6lkerung d\u00fcrfte das Scheitern der ISAF-Mission                 immer offensichtlicher werden. <\/p>\n<p>Deshalb bef\u00fcrchten die politisch Verantwortlichen, dass auch                 im Bundestag die Unterst\u00fctzung f\u00fcr diesen Einsatz und auch f\u00fcr                 \u00e4hnliche, zuk\u00fcnftige Eins\u00e4tze schwinden k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit steht dem deutschen Afghanistaneinsatz ohnehin                 seit geraumer Zeit klar ablehnend gegen\u00fcber. Die Stiftung Wissenschaft                 und Politik (SWP), welche die Bundesregierung und die Bundestagsabgeordneten                 ber\u00e4t, stellt diese Entwicklung treffend heraus: &#8222;Internationales                 Statebuilding steckt gegenw\u00e4rtig in einer schweren Legitimit\u00e4tskrise                 (&#8230;) dies [h\u00e4ngt] vor allem mit der geringen Wirksamkeit breit                 angelegter Staatsaufbaumissionen zusammen (Afghanistan, Bosnien-Herzegowina,                 Kosovo). Das aktuelle Friedensgutachten 2010 der f\u00fcnf f\u00fchrenden                 deutschen Friedensforschungsinstitute beurteilt den Erfolg des                 Engagements der Staatengemeinschaft in Afghanistan daher pointiert                 so: &#8218;Die bisherige Afghanistanpolitik ist gescheitert.&#8216; (\u2026) F\u00fcr                 die an Statebuilding beteiligten Regierungen wird die Aufrechterhaltung                 ihres Engagements innenpolitisch also riskanter. Politiker und                 Parteien reagieren mit wachsender Distanzierung auf die zunehmenden                 Zweifel der \u00d6ffentlichkeit an der Durchf\u00fchrbarkeit der Eins\u00e4tze&#8220;                 (Brozus 2010: 1 f.).<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung einer k\u00fcnftigen Entwicklung, die f\u00fcr die Bef\u00fcrworter                 milit\u00e4rischer Interventionen in Bundesregierung und Parlament                 \u00e4u\u00dferst hinderlich werden k\u00f6nnte, teilt auch das &#8222;Leitlinien&#8220;-Papier                 des BMVg, das davon ausgeht, &#8222;dass aufgrund der Erfahrungen insbesondere                 in Afghanistan, die politischen H\u00fcrden f\u00fcr die Mandatierung vergleichbarer                 Eins\u00e4tze von Streitkr\u00e4ften mit nachfolgendem langanhaltenden kostentr\u00e4chtigen                 und zugleich risikoreichen Stabilisierungsoperationen k\u00fcnftig                 deutlich h\u00f6her liegen k\u00f6nnen&#8220; (BMVg 2010: 2).<\/p>\n<p>Aus diesem Grund k\u00fcndigte die Regierungskoalition in ihrem Koalitionsvertrag                 Folgendes an: &#8222;Soweit mit den Regelungen des Parlamentsbeteiligungsgesetzes                 eine jeweils zeitnahe und ausreichende Information des Parlaments                 in besonderen F\u00e4llen durch die Bundesregierung nicht sichergestellt                 werden kann, legen die Koalitionsfraktionen Initiativen zur \u00c4nderung                 des Parlamentsbeteiligungsgesetzes oder zur Schaffung eines Vertrauensgremiums                 vor&#8220; (CDU\/CSU-FDP 2009: 125). Als das Bundesverfassungsgericht                 im Jahr 1994 die Vereinbarkeit von Auslandseins\u00e4tzen mit der Verfassung                 festlegte, bestimmte es im selben Urteil zumindest auch, dass                 die Bundeswehr eine &#8222;Parlamentsarmee&#8220; sei und der Bundestag, nicht                 die Exekutive, vor der Entsendung bewaffneter Streitkr\u00e4fte seine                 konstitutive Zustimmung zu erteilen habe. Das sog. Parlamentsbeteiligungsgesetz                 vom 18. M\u00e4rz 2005 konkretisiert im Prinzip dieses parlamentarische                 Kontrollrecht. Die Vornahme von \u00c4nderungen dieses Gesetzes zur                 Einschr\u00e4nkung der exekutiven Informationspflicht oder gar die                 Etablierung eines &#8222;Vertrauensgremiums&#8220;, mutma\u00dflich aus den Obleuten                 der Bundestagsfraktionen bestehend, anstelle der bisherigen Gesamtverantwortung                 des Bundestags, w\u00fcrde de facto die st\u00e4ndige Rechtsprechung des                 Bundesverfassungsgerichts umgehen und die Bundeswehr zu einer                 Armee der Exekutive machen, die nahezu bar jeglicher parlamentarischer                 Kontrolle agieren w\u00fcrde. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Zeitrahmen sollten 80 Milliarden Euro eingespart werden. Nach diesem Beschluss entf\u00e4llt auf das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) eine Summe von 8,4 Milliarden Euro. 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