{"id":10140,"date":"2010-09-01T00:00:03","date_gmt":"2010-08-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10140"},"modified":"2022-07-26T14:24:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:06","slug":"sag-mir-wo-die-helden-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/09\/sag-mir-wo-die-helden-sind\/","title":{"rendered":"Sag mir wo die Helden sind\u2026"},"content":{"rendered":"<p>Joan Baez kreierte das Antikriegslied &#8222;Where have all the flowers                 gone&#8220; vor nunmehr fast einem halben Jahrhundert im Protest gegen                 den Vietnam-Krieg. Marlene Dietrich trug es mit ihrer unnachahmlichen                 Stimme als &#8222;Sag mir wo die Blumen sind&#8220; noch eindrucksvoller vor.                 Jene, die an einschl\u00e4gigen Heldengedenktagen zu den diversen Monumenten                 militaristischer Verherrlichung pilgern, m\u00f6gen davon unbeeindruckt                 sein. <\/p>\n<p>Dabei ist es kein wesentlicher Unterschied in der Mentalit\u00e4t,                 ob solche Gedenkst\u00e4tten in Washington, Dakar, Harare, dem Teutoburger                 Wald, am Rhein, auf diversen Anh\u00f6hen in der Windhoeker Innenstadt                 bzw. den Auasbergen oder vor der Sommerresidenz des Staatspr\u00e4sidenten                 in Swakopmund ihre Pseudo-Autorit\u00e4t durch architektonische Einf\u00e4ltigkeit                 ehrfurchtgebietend einfordern. <\/p>\n<p>In nahezu allen Kulturen und Traditionen steht die latente Kriegs-                 und damit Gewaltverherrlichung auf einem Sockel. Indem vermeintlich                 an die Opfer erinnert wird, werden Pseudo-Helden geschaffen, denn                 es geht dabei ja keinesfalls um die Abschaffung einer Gewaltkultur.                 Dabei sollten Denkm\u00e4ler doch eigentlich &#8211; so es Denkm\u00e4ler geben                 sollte &#8211; den Kriegsverweigerern, Fahnenfl\u00fcchtigen und Pazifisten                 gewidmet werden. Jenen \u00dcberzeugungst\u00e4tern, die als Feiglinge verunglimpft                 werden, und dabei doch die eigentlich Mutigen sind. Jenen, die                 daf\u00fcr hingerichtet wurden und werden, weil sie sich weigern, anderen                 Menschen Gewalt an zu tun. <\/p>\n<p>Das sind die Helden, und sie bleiben fast immer namenlos. Aber                 mit namenlosen Helden l\u00e4sst sich nirgendwo Staat machen. Denn                 Staat versinnbildlicht Macht, und Macht wird noch immer mit Gewalt                 in Verbindung gebracht. Dabei sind die Schwachen keinesfalls immer                 die Machtlosen. Viele unter diesen sind die eigentlichen Helden                 im t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf, auch wenn ihrer an Heldentagen nicht                 gedacht wird. <\/p>\n<p>Am 26. August wird ungeachtet solcher Gedanken vermutlich ohnehin                 nur haupts\u00e4chlich gefeiert, dass dieser auf einen Donnerstag f\u00e4llt.                 Damit wird vielen, die das Privileg haben arbeiten und damit Geld                 verdienen zu k\u00f6nnen, ein verl\u00e4ngertes viert\u00e4giges Wochenende beschert.                 Die wenigstens werden dies zum Anlass nehmen besinnliche Gedanken                 darauf zu verwenden, wem eigentlich wof\u00fcr dank dieser zus\u00e4tzlichen                 Freizeit gedacht werden sollte.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Fall, dass unter den H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern welche sind,                 die diesen Kommentar als Anregung nehmen dar\u00fcber noch ein wenig                 nachzudenken, h\u00e4tte ich einige Vorschl\u00e4ge zu machen: Wie w\u00e4re                 es mit den vielen alleinerziehenden M\u00fcttern im Lande, die sich                 unter schwierigsten Bedingungen abm\u00fchen, ihren Kindern Nahrung,                 Kleidung, ein Dach \u00fcber dem Kopf und eine Schulbildung zu erm\u00f6glichen.               <\/p>\n<p>Deren t\u00e4gliches Heldentum versucht dazu beizutragen, dass wir                 eine Nachkommenschaft haben, die das anst\u00e4ndige Leben bejaht und                 respektiert. Sie h\u00e4tten einen Heldentag nur ihnen zu Ehren verdient,                 auch wenn sie zu sehr mit wichtigeren Dingen besch\u00e4ftigt sind,                 als sich dar\u00fcber den Kopf zu zerbrechen. <\/p>\n<p>Auch die Jugendlichen und Kinder sind Helden, die als AIDS-Waisen                 versuchen, ihren j\u00fcngeren Geschwistern die Eltern zu ersetzen,                 w\u00e4hrend sie doch eigentlich selbst noch den Schutz und die F\u00fcrsorge                 eines beh\u00fcteten Heimes n\u00f6tig h\u00e4tten, das sie nie hatten. Auch                 sie werden wohl kaum registrieren, dass da anderer Helden gedacht                 wird, w\u00e4hrend sie versuchen, den Alltag zu meistern.<\/p>\n<p>Aber auch der wei\u00dfe Farmer aus Simbabwe, der sich lieber halb                 tot schlagen l\u00e4sst als sein Recht und Land aufzugeben, geh\u00f6rt                 zu den wirklichen Helden &#8211; auch wenn er einer der wenigen ist,                 der durch seine Zivilcourage aus dem Schatten der Anonymit\u00e4t zu                 treten vermochte. Der Dokumentarfilm &#8222;Mugabe and the white African&#8220;,                 in dem er im Mittelpunkt steht und der die Verhandlungen am SADC                 Tribunal in Windhoek festh\u00e4lt, zeigt auch ein anderes Heldentum.                 Das der schwarzen namibischen Anw\u00e4ltin, die angesichts der Fotos                 des misshandelten Farmers in Tr\u00e4nen ausbricht und die den Fall                 f\u00fcr ihn gewinnt, weil f\u00fcr sie Gerechtigkeit nichts mit Hautfarbe                 zu tun hat. <\/p>\n<p>Namenlos sind diese beiden im Unterschied zu den unz\u00e4hligen M\u00fcttern                 und jugendlichen Ersatzeltern nicht. Dennoch wird auch ihnen wohl                 kaum am Heldentag gedacht. <\/p>\n<p>Sie zeigen aber, dass es reichlich Auswahl g\u00e4be, anderen als                 den in Gedenkst\u00e4tten und Denkm\u00e4lern Gehuldigten die Ehre zu erweisen                 und Respekt entgegen zu bringen, so es denn einen solchen Gedenktag                 geben soll. Denn das eigentliche &#8222;Heldentum&#8220; spielt sich im allt\u00e4glich                 Unscheinbaren ab. Es ist wenig spektakul\u00e4r und wird oft gar nicht                 zur Kenntnis genommen. Auch nicht von den &#8222;Helden&#8220; selbst.<\/p>\n<p>Ein Heldentag aber dient wohl ohnehin weniger den zu Helden er-                 und verkl\u00e4rten, zumal diese meist bereits tot sind. Er ist eher                 denen n\u00fctzlich, die eine bestimmte Sorte Heldentum brauchen, um                 ihr Weltbild zum gesellschaftlich bestimmenden Leitmotiv zu erheben                 und damit ihr eigenes Herrschaftsverst\u00e4ndnis zu festigen. Egal                 wo und fast egal wie. Das mag manchmal subtiler und mitunter auch                 recht drastisch vermittelt werden. Aber im Wesensgehalt ist das                 offizielle Heldentum eigentlich \u00fcberall mit Vorsicht zu genie\u00dfen.                 Die wirklichen Helden kommen darin fast nie vor. <\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste jetzt Marlene Dietrich singen. Und die Strophe                 h\u00e4tte den Beginn &#8222;Sag mir wo die Helden sind&#8230;&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joan Baez kreierte das Antikriegslied &#8222;Where have all the flowers gone&#8220; vor nunmehr fast einem halben Jahrhundert im Protest gegen den Vietnam-Krieg. Marlene Dietrich trug es mit ihrer unnachahmlichen Stimme als &#8222;Sag mir wo die Blumen sind&#8220; noch eindrucksvoller vor. 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