{"id":10148,"date":"2010-09-01T00:00:17","date_gmt":"2010-08-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10148"},"modified":"2012-08-23T20:56:52","modified_gmt":"2012-08-23T18:56:52","slug":"ein-meisterwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/09\/ein-meisterwerk\/","title":{"rendered":"Ein Meisterwerk"},"content":{"rendered":"<p>Also gut. Alle, die Nils Koppruch nicht kennen, tun jetzt folgendes: Solltet ihr im Erdgeschoss wohnen, springt ihr bitte umgehend aus dem Fenster und macht euch schleunigst auf den Weg zum n\u00e4chsten Plattenladen. F\u00fcr alle, die in den oberen Etagen wohnen, empfiehlt sich, auf dem Weg nach unten nicht den Aufzug zu benutzen. Der kann steckenbleiben, und ein bi\u00dfchen Treppensteigen ist gut f\u00fcr die Gesundheit. Wenn ihr \u00fcberhaupt noch eine Chance haben wollt gegen die Erdgesch\u00f6ssler, dann w\u00fcrde ich mich &#8218;ran halten. Oder reitende Boten durchs Internet senden. Geht auch.<\/p>\n<p>Nils Koppruchs neues Album mit dem sp\u00f6ttischen Titel &#8222;Caruso&#8220; ist ein Meisterwerk. Nicht mehr und nicht weniger. Wann hat man diesen Titel eigentlich zuletzt mit Recht einer Platte mit deutschsprachigen Songs verleihen d\u00fcrfen, ohne rot zu werden oder sich fragen lassen zu m\u00fcssen, seit wann man auf der Soldliste des Labels stehe? Bestimmt nicht seit der Zeit, da engagierte Liedermacher oder Leute, die Folk-, Blues- und Rockrhythmen ausnahmsweise nicht mit holprigem Schulenglisch besingen wollten, offenbar zwangsl\u00e4ufig beim Schlager landeten. Oder bei der DKP. Oder im Graben.<\/p>\n<p>Koppruch, ehemaliger S\u00e4nger und Gitarrist der unvergessenen Band <em>Fink<\/em>, ist beileibe kein Neuling, und das h\u00f6rt man seiner Musik auch an. Es geht erstaunlich dunkel zu auf seinem zweiten Soloalbum, bedrohlicher und bitterer als bisher. Der Mann am Mischpult hat Tom Waits geh\u00f6rt, und was viel wichtiger ist: Er hat ihn auch verstanden. Die Produktion ist erstklassig, ebenso wie die Musiker, die Koppruch ins Studio geladen hat. Glatt t\u00f6nt hier gar nichts: Die Bluesharp faucht und kratzt, Gitarren und der Contrabass klingen, als h\u00e4tte man das Ohr daran gelegt, das Schlagzeug h\u00f6rt sich wie ein Schlagzeug an, nicht wie ein Protools-verst\u00e4rkter Mouseclic. Der Groove rollt gewaltig, gelegentlich gibt es satte Bl\u00e4sers\u00e4tze zu bestaunen, und allein das wundervoll versoffene Barrellhouse-Piano von reverend ch.d. zieht den Finger zuweilen magisch Richtung Wiederholungstaste. Aber gute Musiker brauchen gute Songs, sonst k\u00f6nnen sie nicht arbeiten. Und Nils Koppruch schreibt gute Songs. Seit langem schon. Wenn man seine Musik mit einem Satz umschreiben wollte, m\u00fc\u00dfte man wohl sagen: Koppruch ist die sch\u00f6nste und intelligenteste Ermutigung zu k\u00fcnstlerischer Eigenst\u00e4ndigkeit, die sich denken l\u00e4\u00dft. Er ist einzigartig eigensinnig, schreibt seine Verse ohne Netz und doppelten Boden. Gelgentlich wird dabei der ein oder andere Reim mit der Faust zurecht ger\u00fcckt, zugegeben.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr jede sanfte Gewalt am Wort wird man entsch\u00e4digt mit Dutzenden von Bildern von geradezu traumwandlerischer, poetischer Sicherheit und Sch\u00f6nheit. Koppruchs Worte sind Fenster nach drau\u00dfen, wo andere ihre Lieder oft mit schweren Tischen, Truhen oder Schr\u00e4nken \u00fcberm\u00f6blieren. Sie \u00f6ffnen einen schier endlosen Raum. Nichts steht im Weg, nichts versperrt die Sicht. Jeder Koppruch-Song ist eine liebevolle, verspielte Einladung an die Phantasie, ganz gleich, ob er nun traurig ist, sehns\u00fcchtig, witzig, zynisch, nachdenklich oder alles auf einmal. Und, nur, um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Gerade auf &#8222;Caruso&#8220; k\u00f6nnten selbst b\u00f6swilligste Sicherheitsbeamte der Regelpoetiken allenfalls drei, viermal das Klemmbrett z\u00fccken. Musik und Text f\u00fcgen sich nahtlos ineinander. Der knorrige Ton bekommt Koppruch sp\u00fcrbar gut. Seine Metaphern sitzen, seine Sprachkunst erreicht neue H\u00f6hen, und es macht Spa\u00df, sich beim Zuh\u00f6ren schwummrige Kellerclubs vorzustellen, grell flackernde Tanzl\u00e4den, verregnete Stadtviertel oder B\u00e4ume, durch deren Kronen die Sonne herunterschmunzelt. Politisch ist dabei das Fest der Kreativit\u00e4t, der freie Flug der Sprache. Und dass auf einem Song Gisbert zu Knyphausen mitsingt, m\u00f6chte man nur allzu gerne als Zeichen deuten: Daf\u00fcr, dass der endlos scheinende Nachtmarsch unterm Silbermond zuende geht und f\u00fcr intelligente, deutsche Songs ein neuer Morgen anbricht. Wenn es aber tats\u00e4chlich wieder hell wird und ein paar schr\u00e4ge V\u00f6gel in den Zweigen singen, dann wird Koppruchs Stimme vor allen anderen zu h\u00f6ren sein. Er ist die T\u00fcr, durch die die anderen gehen &#8211; ganz einfach, weil er so wunderbar Koppruch ist. In diesem Sinne: siehe oben.<\/p>\n<h3>weil&#8217;s m\u00f6glich ist<\/h3>\n<p>&#8222;klingt echt&#8220;, h\u00f6r ich sie sagen, &#8222;macht ein foto f\u00fcr zu haus.<br \/>\ndas ist ein anblick, den man zweimal so nicht sieht&#8220;<br \/>\nund von hinten schiebt die menge, denn die wollen alle auch<br \/>\nganz nah dran sein, wo die echte bombe tickt<br \/>\nin all den affen stecken schl\u00fcssel, die man dreht, damit sie k\u00fcssen<br \/>\ndie fragen nie und tanzen um den mist<br \/>\ndie legen sich f\u00fcr einen f\u00fcnfer hin und klatschen, nur weil&#8217;s m\u00f6glich ist<br \/>\nein kind dreht an der kurbel, irgendwo, wo man&#8217;s nicht sieht<br \/>\nund ein fetter mann tanzt nackt dazu im licht<br \/>\n&#8222;noch heller&#8220; ruft der riese, &#8222;ich will mehr davon&#8220;<br \/>\nund das kind dreht an der kurbel rum und schwitzt<br \/>\nes l\u00e4uft das lied vom sch\u00f6nen leben, vom vergessen und vergeben<br \/>\nund alle sitzen um den gleichen tisch<br \/>\nund vor aller augen nehmen sie dir den teller weg nur weil&#8217;s m\u00f6glich ist<br \/>\ndu willst die wahrheit sagen und dann f\u00e4llt dir nicht mehr ein<br \/>\nwas das bedeutet und am ende sagst du nichts<br \/>\nich h\u00e4ng derweil die w\u00e4sche raus, das r\u00f6ntgenbild vom arzt<br \/>\nerkl\u00e4rt die schmerzen, aber all das andere nicht<br \/>\nda ist nicht viel anzugeben mit dem kleinen bisschen leben,<br \/>\nnur, dass es ein eigenes leben ist.<br \/>\nmir kannst du auf den grabstein schreiben: weil ich konnte und weil&#8217;s m\u00f6glich ist<br \/>\n&#8222;na gut&#8220;, sind deine worte, &#8222;in der klemme, in der ich steck,<br \/>\nist nicht viel platz, doch wei\u00df ich, dass es eine ist&#8220;<br \/>\nich will ein anderes leben leben und du stehst schon in der t\u00fcr<br \/>\nnur in der kurve h\u00e4lt dich immer jemand fest<br \/>\nes ist gar nicht zu beschreiben, ist&#8217;n furchtbar altes leiden<br \/>\ntyphus, masern, pocken, husten, pest &#8211; der henker macht den knoten und sagt<br \/>\n&#8222;m\u00f6glich ist es nur wenn man mich l\u00e4sst&#8220;<\/p>\n<p><strong>Text: Nils Koppruch (aus dem Beiheft der CD &#8222;Caruso&#8220;, Grand Hotel van Cleef, August 2010)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also gut. Alle, die Nils Koppruch nicht kennen, tun jetzt folgendes: Solltet ihr im Erdgeschoss wohnen, springt ihr bitte umgehend aus dem Fenster und macht euch schleunigst auf den Weg zum n\u00e4chsten Plattenladen. F\u00fcr alle, die in den oberen Etagen wohnen, empfiehlt sich, auf dem Weg nach unten nicht den Aufzug zu benutzen. Der kann &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/09\/ein-meisterwerk\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ein Meisterwerk - graswurzelrevolution","description":"Also gut. Alle, die Nils Koppruch nicht kennen, tun jetzt folgendes: Solltet ihr im Erdgeschoss wohnen, springt ihr bitte umgehend aus dem Fenster und macht euc"},"footnotes":""},"categories":[570,45],"tags":[],"class_list":["post-10148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-351-september-2010","category-concert-for-anarchy"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10148"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10148\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}