{"id":1018,"date":"1997-03-01T00:00:33","date_gmt":"1997-02-28T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1018"},"modified":"2022-07-26T13:57:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:57:00","slug":"tierausbeutung-und-antifaschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/03\/tierausbeutung-und-antifaschismus\/","title":{"rendered":"Tierausbeutung und Antifaschismus"},"content":{"rendered":"<p>Begriffe wie &#8222;Genozid an Tieren&#8220;, &#8222;H\u00fchner-KZ&#8220; sind auf veganen\/tierrechtlerischen Flugbl\u00e4ttern Legion. Am Eingang der KZ-Gedenkst\u00e4tte Dachau bekamen BesucherInnen schon mal ein Flugblatt in die H\u00e4nde gedr\u00fcckt, auf dem sie gefragt wurden, warum sie &#8222;Menschen-KZs&#8220; besichtigen, aber um &#8222;Tier-KZs&#8220; einen Bogen machten. Der Untertitel von Hans Wollschl\u00e4gers tierrechtlerischem Standardbuch &#8222;Tiere sehen dich an&#8220; hei\u00dft &#8222;Das Potential Mengele&#8220; (nach dem Menschenversuchs- und Selektionsarzt von Auschwitz) und er beginnt seine Beschreibung von der Qual der Tiere mit einem Vergleich mit den &#8222;Stehs\u00e4rgen von Oranienburg&#8220;. W\u00e4hrend VeganerInnen einerseits einen sensibilisierten Umgang mit tierverachtenden Sprachformen einfordern ((1)), ist ihnen andererseits oft gar nicht bewu\u00dft, wie menschenverachtend der qualitative Unterschiede einebnende sprachliche Vergleich der Massent\u00f6tung von Tieren mit der Massenvernichtung von Menschen, insbesondere j\u00fcdischer Menschen im Nationalsozialismus ist. Peter K\u00f6pf schreibt in seinem neuen Buch \u00fcber die radikale Tierrechtsbewegung:<\/p>\n<p>&#8222;Die Ma\u00dfnahmen gegen die wachsende Populationen der Tauben in den Gro\u00dfst\u00e4dten als &#8218;ethnische S\u00e4uberung&#8216; zu bezeichnen, mu\u00df den Opfern der Kriegsherren auf dem Balkan wie Hohn in den Ohren klingen.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Und er fragt VeganerInnen weiter: &#8222;Warum suchen sie so verzweifelt nach Argumenten, die beweisen sollen, da\u00df Hitler kein Vegetarier war? Er war es, aber deshalb ist doch nicht jeder heute lebende Vegetarier ein Hitler. Genausowenig ist aber jeder Tierexperimentator ein Mengele, jeder Schlachthofarbeiter ein Himmler.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>So falsch und einer tats\u00e4chlichen Auseinandersetzung mit der Singularit\u00e4t des Systems Auschwitz abtr\u00e4glich wie ein Aufrechnen mit den Opfern des Stalinismus sind solche Ineinssetzungen von Tier- und Menschenopfern. Mit solcher Sprache geht der Kampf gegen Tierausbeutung ganz sicher nach hinten los.<\/p>\n<p><a name=\"oben4\"><\/a><a name=\"oben5\"><\/a><\/p>\n<h3>Tierschutz im Nationalsozialismus<\/h3>\n<p>Himmler erkl\u00e4rte in seiner Posener Ansprache von 1944, &#8222;da die Deutschen Tierfreunde seien, m\u00fc\u00dften auch die Juden human beseitigt werden.&#8220; ((4)) Guido Knopp zitiert in seiner ZDF-Filmreihe &#8222;Hitlers Helfer&#8220; (von denen er insgesamt nur 6 ausmachen kann) Hitlers auf die Juden\/J\u00fcdinnen gem\u00fcnzten Satz, wer Tiere anst\u00e4ndig behandle, werde schon auch &#8222;Menschentiere anst\u00e4ndig behandeln&#8220;. Und Daniel Jonah Goldhagen, der nun im Gegensatz zu Knopp auf immerhin bis zu 500 000 &#8222;willige Vollstrecker&#8220; kommt, zitiert Befehle gegen die \u00dcberladung von Eisenbahnwaggons mit Schlachttieren bei Viehtransporten, wonach erhebliche Verluste unter den Tieren und damit eine Gef\u00e4hrdung der Ern\u00e4hrungslage zu bef\u00fcrchten sei, sowie Vorsichtsma\u00dfnahmen zum Gesundheitsschutz von Polizeihunden. All dies gerade in einer Zeit, als j\u00fcdische Menschen weit enger als K\u00fche in Viehwaggons zur Deportation in die Vernichtungslager &#8222;gepfercht&#8220; worden sind. ((5))<\/p>\n<p>Wenige Wochen vor der Machtergreifung beantragten die Nazis das Verbot der Vivisektion (wissenschaftliche Versuche am lebenden Tier). Am 21.4.1933 verboten die Nazis das j\u00fcdische &#8211; und \u00fcbrigens auch muslimische &#8211; &#8222;Sch\u00e4chten&#8220; (T\u00f6tung des Tieres durch Ausblutenlassen, soll gegen Infektionen sichern und Fleisch haltbarer machen) und erf\u00fcllten damit eine langj\u00e4hrige Forderung auch der b\u00fcrgerlichen Tierschutzbewegung. Das Reichstierschutzgesetz von 1934 stellte u.a. Pferde und Jagdhunde unter besonderen Schutz. ((6))<\/p>\n<p>VeganerInnen von heute weigern sich, den proklamierten Tierschutz der Nazis, der als &#8222;urdeutscher&#8220; Wesenszug sogar im Parteiprogramm stand, \u00fcberhaupt zur Kenntnis zu nehmen und sich daher um genaueste eigene theoretische Begr\u00fcndungen zu bem\u00fchen, um nicht Ideologeme der Nazis zu \u00fcbernehmen. Die behauptete Gleichsetzung von Mensch und Tier hat jedenfalls zur Herabsetzung der Juden\/J\u00fcdinnen zu &#8222;Untermenschen&#8220; oder &#8222;Menschentieren&#8220; beigetragen.<\/p>\n<p>Gleichwohl w\u00e4re es v\u00f6llig falsch, nationalsozialistischen Tierschutz mit heutigen veganen bzw. tierbefreierischen Positionen ineinszusetzen. Tierschutz gilt VeganerInnen gerade als Gegensatz zum Lebensrecht der Tiere, sozusagen als reformistische, &#8222;artgerechte&#8220; Ausbeutung und T\u00f6tung. Und in der Tat waren noch die artgerechten Viehtransporte, die Goldhagen in Kontrast zu den Deportationen j\u00fcdischer Menschen in Viehwaggons setzt, zu nichts anderem als zur guten Verpflegung deutscher Frontsoldaten mit gesundem Fleisch vorgesehen. Sch\u00e4ferhunde sollten gut behandelt, aber gleichzeitig immer abgerichtet werden, sie standen sinnbildlich als Symbol f\u00fcr deutsche Befehlsh\u00f6rigkeit &#8211; keine VeganerIn w\u00fcrde darin je Respekt vor Tieren erkennen k\u00f6nnen. Tierversuche waren zwar offiziell verboten, aber unter Kontrolle von Institutsleitern, bei bet\u00e4ubten Tieren oder wenn Erfolge zu erwarten waren (welch schwammiges Kriterium!), gab es sofort Ausnahmen. Das &#8222;j\u00fcdische&#8220; Sch\u00e4chten war zwar verboten, keineswegs aber das Schlachten, im Gegenteil: &#8222;Alle sollten schlachten wie Deutsche schlachten.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Es gibt im Nationalsozialismus keinen Hinweis darauf, da\u00df die proklamierte Tierfreundschaft zur politisch wirksamen Praxis gegen Tierausbeutung wurde: die Kultur des Fleischkonsums wurde nie wirklich angegriffen, sowenig wie der Mythos vom &#8222;deutschen Wald&#8220; die Nazis auch nur im Traum daran gehindert h\u00e4tte, ihn zu f\u00e4llen, um Schneisen f\u00fcr moderne Autobahnen zu bauen. Die Blut-und-Boden-Mythologie war noch immer der industrialistisch-modernistischen Praxis der Nazis unterlegen. Und so falsch es ist, den proklamierten &#8222;Sozialismus&#8220; der Nazis beim Wort zu nehmen, weil sie die Wirtschaft &#8222;arisiert&#8220; und j\u00fcdische Unternehmer enteignet haben, so falsch w\u00e4re es, ihre Politik als gegen Tierausbeutung gerichtet einzusch\u00e4tzen, weil sie das j\u00fcdische Sch\u00e4chten verboten. Beides war Antisemitismus &#8211; und nur das.<\/p>\n<h3>Tierausbeutung in der sozialistischen Begr\u00fcndung des ISK<\/h3>\n<p>Geschichtsblindheit zeigen manche VeganerInnen jedoch noch heute nicht nur in unangemessenen Sprachvergleichen, sondern auch wenn sie sich z.B. auf historische Tierversuchsgegner wie etwa Richard Wagner, der dem &#8222;Bund gegen die Vivisektion&#8220; angeh\u00f6rte, beziehen und dessen Antisemitismus gerne ausblenden.<\/p>\n<p>Dabei g\u00e4be es doch vielf\u00e4ltige libert\u00e4re und sozialistische Traditionen, auf die sich heutige VeganerInnen problemlos beziehen k\u00f6nnten, wenn ihnen historische und theoretische Fundierung der eigenen Position nur etwas M\u00fche und Forschung wert w\u00e4re. Eine dieser Traditionen sei hier kurz vorgestellt: der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK), der 1925-1945 existierte und dem der von Leonard Nelson und Minna Specht 1917 gegr\u00fcndete Internationale Jugendbund (IJB) vorausging. Der G\u00f6ttinger Philosophieprofessor Nelson pr\u00e4gte den ISK, insbesondere seine am kategorischen Imperativ Kants (sinngem\u00e4\u00df: handle so, wie du auch willst, da\u00df andere dich behandeln) und an radikalem Rationalismus ausgerichtete Philosophie. Nelson lehnte die deterministische Geschichtsphilosophie im Marxismus ab, bejahte aber den Klassenkampf. Zun\u00e4chst in der USPD, dann sowohl in der kommunistischen Jugend wie auch bei den JungsozialistInnen und in der Gewerkschaftsjugend aktiv, wurden die IJB-Leute 1922 von den KommunistInnen und 1925 von der wiedervereinigten SPD ausgeschlossen. Nelson und Specht gr\u00fcndeten daraufhin den ISK als eigenst\u00e4ndige Partei, beteiligten sich aber nicht an Wahlen. Problematische Seiten des ISK sollen hier nicht verschwiegen werden, etwa der gegen eine Massendemokratie gerichtete F\u00fchrungsanspruch von zum rationalen Gebrauch der Vernunft erzogenen Intellektuellen (woraus Nelson seine F\u00fchrungsposition im ISK begr\u00fcndete) oder der \u00dcbergang vieler ehemaligen ISKlerInnen zur SPD nach 1945, u.a. von Willi Eichler, der die ISK-F\u00fchrung nach Nelsons Tod 1927 \u00fcbernahm und sp\u00e4ter programmatisch am reformistischen Godesberger Programm der SPD mitarbeitete. Hier interessieren aber die emanzipatorischen Seiten des ISK und die verbl\u00fcffend klarsichtigen Analysen und politischen Aktionen vor und w\u00e4hrend des Nationalsozialismus, die die ISK-Schw\u00e4chen in der Bewertung mehr als ausgleichen sollten.<\/p>\n<p>So hat der ISK sehr fr\u00fch eine realistische Einsch\u00e4tzung von der Gefahr der NSDAP entwickelt und ab 1931 alle erziehungspolitischen Aktivit\u00e4ten (u.a. das von Minna Specht geleitete Landerziehungsheim Walkem\u00fchle) eingestellt, um mit nicht mehr als 300 Mitgliedern ab dem 1.1.1932 in Berlin eine Tageszeitung, &#8222;Der Funke&#8220;, herauszugeben (bis zum Verbot im Februar 1933), die kontinuierlich die Aktionseinheit zwischen SPD und KPD propagierte und dabei viel Zuspruch von der Basis beider Parteien erhielt, gegen die ideologische Feindschaft der F\u00fchrungen jedoch machtlos blieb. Der ISK ging dabei von Anfang an von einer wahrscheinlich langen Dauer einer einmal zur Macht gekommenen NSDAP aus und bereitete bereits seit Mitte 1932 die illegale antifaschistische Arbeit vor. Die in klandestinen F\u00fcnfergruppen organisierten ISK-Zirkel bildeten eine Widerstandsstruktur, die bis ins Jahr 1938 und damit viel l\u00e4nger als andere von den Nazis verbotene sozialistische Organisationen direkte Aktionen durchf\u00fchren konnte. Spektakul\u00e4r waren nicht nur die unz\u00e4hligen ISK-Gegenpropagandaaktionen mit Flugbl\u00e4ttern, liegengelassenen Geldbeuteln, abgestellten Koffern (die als Stempel benutzt wurden) und Gegenparolen wie &#8222;Hitler ist unser Ungl\u00fcck!&#8220;, sondern insbesondere erfolgreiche Agitationen wie bei den NS- Vertrauensleutewahlen 1934 und 1935, die Listen ganz durchzustreichen, wonach die Nazis nie wieder solche Wahlen durchf\u00fchrten. Sie wurden durch die illegal eingef\u00fchrten und gut verbreiteten &#8222;Reinhart-Briefe&#8220; der ISK vorbereitet, in denen sich immer wieder praktische Anweisungen zu passivem Widerstand in den Betrieben fanden. Der gr\u00f6\u00dfte Erfolg der Widerstandst\u00e4tigkeit des ISK war die Sabotierung der Einweihung des ersten Autobahnteilst\u00fccks Frankfurt-Darmstadt am 19.5.1935 durch Hitler. Eine Gruppe des Rhein-Main-Bezirksleiters Ludwig Gehm bemalte Br\u00fccken und Fahrbahnen mit den Parolen &#8222;Hitler = Krieg&#8220; und &#8222;Nieder mit Hitler&#8220; und sabotierte die Lautsprecheranlagen. Die Sch\u00e4den konnten nicht mehr behoben werden (die Fahrbahnen wurden mit Sand beworfen, doch Regen und die Einweihungsfahrzeuge legten die Parolen wieder frei). Zur Strafe lie\u00dfen die Nazis zwei SS-Wachleute erschie\u00dfen. ((8))<\/p>\n<p>Nicht nur der Widerstand des ISK war vorbildlich. Auch die Gleichstellung von Frauen in der Organisation war weit fortgeschritten. Frauen wie Minna Specht (1879-1961) waren von Anfang an dabei, zur Zeit der Gr\u00fcndung des IJB waren viele Frontsoldaten noch gar nicht zur\u00fcckgekehrt. Auch wurden Frauen immer wieder in schwierigen Zeiten verantwortungsvolle Leitungsaufgaben \u00fcbertragen. So leitete Erna Blencke (1896-1991) im Jahr 1937 die gesamte ISK-Widerstandsarbeit innerhalb Deutschlands. ((9)) Dieselbe Gleichberechtigung hatten j\u00fcdische Mitglieder im ISK erfahren. So war z.B. Julius Philippson der letzte Widerstandsleiter des ISK in Deutschland \u00fcberhaupt, 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Zusammenhang von Tierausbeutung und Antifaschismus ist nun wichtig, da\u00df der ISK deshalb so erfolgreich und lange Widerstand leisten konnte, weil er an seine Mitglieder hohe ethisch-moralische Anforderungen stellte, die sich dann in der illegalen Arbeit bew\u00e4hrten. Zu den expliziten Bedingungen der ISK-Mitgliedschaft geh\u00f6rten das Nichtrauchen, der Kirchenaustritt, Vegetarismus bzw. die Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere und Antialkoholismus. Alle diese Bedingungen wurden rationalistisch begr\u00fcndet, der Alkoholismus etwa als Vernebelung der Gehirne in der ArbeiterInnenschaft kritisiert. Der Vegetarismus (VeganerInnen gab es damals kaum) und der Kampf gegen Tierausbeutung wurden in den Zusammenhang einer weitergehenden sozialistischen Kritik von Ausbeutung \u00fcberhaupt gestellt. Willi Eichler 1926:<\/p>\n<p>&#8222;Sozialismus hei\u00dft <cite>ausbeutungsfreie<\/cite> Gesellschaft. Ausbeutung ist auf verschiedene Weise m\u00f6glich: Der Kapitalist beutet den Proletarier aus, dieser sehr oft seine Frau und Kinder&#8230; (&#8230;) Das Gemeinsame all dieser Ausbeutungsarten liegt in der Mi\u00dfachtung der Interessen anderer Wesen, in der Verletzung ihrer Rechte &#8211; kurz darin, da\u00df sie auf Grund eines blo\u00dfen Gewaltverh\u00e4ltnisses zu pers\u00f6nlichen Zwecken mi\u00dfbraucht werden. (&#8230;) Aber, so fragen manche, haben denn Tiere Interessen? Die Antwort kann nur lauten: Seht euch die Tiere an. Wer Tiere einmal beobachtet hat, der wei\u00df, da\u00df sie Interessen haben; denn die Tiere haben sehr wohl die M\u00f6glichkeit, uns eindeutig ihre Interessen mitzuteilen. Zwar fehlt ihnen die Sprache; aber was folgt daraus anderes, als da\u00df sie uns nicht bel\u00fcgen k\u00f6nnen. (&#8230;) Hier m\u00fcssen wir uns daran erinnern, da\u00df wir die vegetarische Lebensweise deshalb fordern, weil wir die Ausbeutung bek\u00e4mpfen. Ausbeutung liegt aber nicht schon in dem <cite>blo\u00dfen<\/cite> Verletzen eines Interesses. W\u00e4re das der Fall, dann w\u00e4re die Ausbeutung <cite>nie<\/cite> aus der Welt zu schaffen: man m\u00fc\u00dfte sonst einen Zustand annehmen, in dem es <cite>keine <\/cite>einander widerstreitenden Interessen gibt. Eine Interessenverletzung wird erst dadurch zur Ausbeutung, da\u00df sie willk\u00fcrlich &#8211; z.B. lediglich einem Gewaltverh\u00e4ltnis zufolge &#8211; ohne Ber\u00fccksichtigung der <cite>beiderseitigen<\/cite> Interessen vorgenommen wird. Man braucht also nicht zu verhungern und braucht trotzdem kein Ausbeuter zu sein, ja sogar nicht einmal dann, wenn wir annehmen, die Pflanzen h\u00e4tten Interessen und wir kennten sie. Wir k\u00f6nnen n\u00e4mlich in diesem Fall die verschiedenen Interessen dem <cite>Gewicht <\/cite>nach abw\u00e4gen und die gewichtigeren Interessen bei der Befriedigung vorziehen.&#8220; ((10)) Der ISK forderte ein &#8222;Lebensrecht der Tiere&#8220; und setzte damit die Tiere keineswegs banal mit den Menschen gleich. Bei Gewichtung der Interessen ist es nach dieser Begr\u00fcndung jederzeit m\u00f6glich, menschliche Interessen den tierischen vorzuziehen, vorausgesetzt da\u00df beide im Widerstreit liegen. Der ISK hat u.a. auch die Sch\u00e4chtung kritisiert, wenngleich vor Auschwitz. Mit seiner damaligen Begr\u00fcndung f\u00fcr das Lebensrecht der Tiere k\u00f6nnte heute aber sehr wohl eine andere Interessensgewichtung vorgenommen werden und es k\u00f6nnte so diskutiert werden, ob etwa die tierbefreierische Kritik der Sch\u00e4chtung gegen\u00fcber der j\u00fcdisch- religi\u00f6sen Sensibilit\u00e4t und Leidensgeschichte gerade in Deutschland vor dem Hintergrund der NS-Geschichte nicht anders zu gewichten w\u00e4re als das etwa in der Schweiz, Schweden oder Norwegen der Fall ist (dort ist die Sch\u00e4chtung als Tierqu\u00e4lerei verboten, in der BRD als Bestandteil j\u00fcdischer Religionsaus\u00fcbung erlaubt). Strategisch ausgedr\u00fcckt: Tierbefreiung sollte sich nie mehr auf das j\u00fcdische oder muslimische Sch\u00e4chten konzentrieren, sondern sinnvollerweise gerade auf das &#8222;deutsche&#8220; Schlachten und h\u00e4tte damit lange Zeit genug zu tun.<\/p>\n<p>Aber es gibt noch eine andere Ebene, auf der der ISK-Vegetarismus ganz praktisch antinazistisch wirksam wurde. Zur illegalen Widerstandsstrategie des ISK geh\u00f6rte es, nach 1933 in mehreren deutschen St\u00e4dten (2 in K\u00f6ln, je 1 in Berlin, Hamburg, Frankfurt\/M. und Bochum, sp\u00e4ter im Exil auch in Paris und London) vegetarische Gastst\u00e4tten einzurichten. Eigent\u00fcmerinnen waren ISK-Frauen. &#8222;Diese meist gutgehenden kleinen Betriebe waren in mehrfacher Hinsicht von gro\u00dfem Nutzen: Sie verschafften Arbeitslosen ein Einkommen, erbrachten \u00dcbersch\u00fcsse, die f\u00fcr die Finanzierung der Widerstandsarbeit verwendet wurden, und sie boten den am Widerstand Beteiligten die M\u00f6glichkeit, untereinander in Verbindung zu bleiben.&#8220; ((11)) Der Gem\u00fcseeinkauf bei vertrauensw\u00fcrdigen Marktfrauen diente &#8211; wie auch die Errichtung eines Brotgro\u00dfhandels durch Erna Blencke in Hannover und das dadurch notwendige Brotausfahren &#8211; gleichzeitig der Verbreitung illegaler Schriften. So war der ISK-Vegetarismus strategisch in die Widerstandsarbeit integriert. Diese emanzipatorische Kritik der Tierausbeutung gelang aber nur, weil der ISK verschiedene Herrschaftsmechanismen thematisierte, sie bei Widerspruch gewichtete und bei unterschiedlicher Interessenlage nie das Tier \u00fcber den Menschen stellte &#8211; daraus sollten heutige VeganerInnen lernen k\u00f6nnen. Ludwig Gehm war in seiner NS-Haftzeit im Moorarbeitslager Schilp bei Nortorf Lagerkoch und gab zun\u00e4chst wahrheitsgetreu an, nur vegetarisch kochen zu k\u00f6nnen. \u00dcber ihn hei\u00dft es dann, er kochte &#8222;mit R\u00fccksicht auf die schwer arbeitenden Mith\u00e4ftlinge selbstverst\u00e4ndlich auch Fleisch, wie er \u00fcberhaupt ein sehr toleranter Vegetarier war und blieb.&#8220; ((12))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begriffe wie &#8222;Genozid an Tieren&#8220;, &#8222;H\u00fchner-KZ&#8220; sind auf veganen\/tierrechtlerischen Flugbl\u00e4ttern Legion. 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