{"id":10183,"date":"2010-10-01T00:00:10","date_gmt":"2010-09-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10183"},"modified":"2022-07-26T14:14:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:34","slug":"je-mehr-gewalt-desto-weniger-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/je-mehr-gewalt-desto-weniger-revolution\/","title":{"rendered":"&#8222;Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Auf das Buch &#8222;Ein weltweiter Aufbruch&#8220; ist unter mehreren Gesichtspunkten aufmerksam zu machen. Es enth\u00e4lt neben einem l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch zwischen Bernd Dr\u00fccke, dem Koordinationsredakteur der gewaltfrei-libert\u00e4ren Zeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;, und dem langj\u00e4hrigen Aktivisten Johann Bauer, zwei Grundlagentexte dieser kleinen, aber sowohl theoretisch als auch politisch hoch bedeutsamen Str\u00f6mung der Linken.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Linkspartei in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zeigt, dass eine Perspektive der Emanzipation und freien Gesellschaft nicht in der Beteiligung an Wahlen und in der Exekutive gewonnen werden kann.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst hat die Schwerkraft des herk\u00f6mmlichen Parteiensystems alle Ans\u00e4tze einer bewegungsorientierten Politik, wie sie nach 2004 bis zur Fusion von WASG und PDS 2007 wenigstens ansatzweise bestanden haben, kassiert. Von den aus der Bewegung gegen die Hartz-Gesetze kommenden AktivistInnen gehen in der neuen Linkspartei keine Impulse mehr aus.<\/p>\n<p>Es besteht trotz des Extremismus-Geschreis einer hysterisierten Medien- und Politiklandschaft keine reale Gefahr f\u00fcr die bestehenden Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Man darf prognostizieren, dass das zum Projekt hochstilisierte Regierungsb\u00fcndnis &#8222;Rot-Gr\u00fcn-Rot&#8220; in einer Phase Realit\u00e4t werden k\u00f6nnte, in der die Legitimationsvorr\u00e4te anderer Konstellationen aufgebraucht und eine \u00f6kologisch verbr\u00e4mte Variante harter Austerit\u00e4tspolitik durchzusetzen sein wird. Dies ist der eigentliche Gehalt der Rede von einem &#8222;Green New Deal&#8220;.<\/p>\n<p>Die schwachen Kr\u00e4fte einer anderen Politik wie Katja Kipping in der Linkspartei oder Robert Zion bei den Gr\u00fcnen werden dann kaum mehr als Erinnerungsposten an die M\u00f6glichkeit einer emanzipatorischen Politik sein. Dass dies die wahrscheinliche Variante zuk\u00fcnftiger Politik der Linkspartei sein wird, zeigt auch die Stellungnahme des Parteivorsitzenden Klaus Ernst zum j\u00fcngsten Urteil des Bundesarbeitsgerichts zur Tarifeinheit: im Zweifel z\u00e4hlt der objektiv kaum mehr begr\u00fcndbare Alleinvertretungsanspruch der etablierten Gewerkschaftsorganisationen mehr als die Er\u00f6ffnung von Freiheitsr\u00e4umen in der betrieblichen und tariflichen Auseinandersetzung f\u00fcr libert\u00e4re und unabh\u00e4ngige Gewerkschaftsorganisationen. Deshalb und vor dem Hintergrund einer noch nicht ausgestandenen \u00f6konomischen Weltkrise, der weiterhin ungel\u00f6sten und sich versch\u00e4rfenden \u00f6kologischen Probleme ist eine Diskussion um andere Wege zu einer freien Gesellschaft angezeigt.<\/p>\n<p>Der vorliegende Band gibt einer solchen Str\u00f6mung Stimme und Ausdruck. Seit ihrer Herausbildung Anfang der Siebzigerjahre stellt sie den libert\u00e4ren und gewaltfreien Fl\u00fcgel der Linken dar. Die seit Sommer 1972 erscheinende Zeitung &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; und die sich zu den Prinzipien eines freiheitlichen und antimilitaristischen Sozialismus bekennenden Gruppen um sie herum, haben die &#8222;Liquidation der antiautorit\u00e4ren Bewegung&#8220; und die verbl\u00fcffende Wendung Vieler von libert\u00e4ren zu leninistischen Denk- und Aktionsformen in zentralistischen und etatistisch orientierten Gruppen nie mitgemacht.<\/p>\n<p>In der Tradition des anarchistischen Antibolschewismus hat sie die Verbrechen des Parteikommunismus massiv kritisiert und nie die Illusion geteilt, in den staatskapitalistisch organisierten Gesellschaften werde ein wie auch immer gearteter Sozialismus aufgebaut.<\/p>\n<p>Dabei ging ihre Kritik tiefer, erkannten sie doch, dass in das Konzept der gewaltsamen Revolution bzw. der Machtergreifung Hierarchie, Unterordnung, Unterdr\u00fcckung und \u00dcberw\u00e4ltigung notwendig eingeschrieben sind und mit den falschen Mitteln die richtigen Ziele nicht zu erreichen sein werden. Der Ausgangspunkt der in dem Buch abgedruckten Erkl\u00e4rung &#8222;Was hei\u00dft Graswurzelrevolution?&#8220; (S. 57-74) ist daher auch die Analyse der Gewaltverh\u00e4ltnisse in der kapitalistischen Gesellschaft und leitet aus dieser Situation die Notwendigkeit der freien Assoziierung der Unterdr\u00fcckten ab. Dies ist ein fundamental anderer Ansatz als die h\u00e4ufig von der Beschreibung von Gro\u00dfstrukturen ausgehenden Analysen in linken Organisationsprogrammen.<\/p>\n<p>Den Kern des Buches bildet das Gespr\u00e4ch mit Johann Bauer (S. 7-54), der zur Gr\u00fcndungsgeneration der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; geh\u00f6rt. Er beschreibt seine Politisierung in der Zeit der Eskalation des Vietnamkrieges und der antiautorit\u00e4ren Bewegung und die Trennung von den neoleninistischen Gruppen, die alles was wertvoll war an der antiautorit\u00e4ren Kampfansage gegen Spie\u00dfb\u00fcrgertum und Autoritarismus dies- und jenseits der Grenze zur DDR, sich austrieben und an ihre Stelle die farcehafte Wiederholung der Niedergangsgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung in der sp\u00e4ten Weimarer KPD setzten.<\/p>\n<p>Dagegen orientieren sich die Graswurzelrevolution\u00e4rInnen bis heute unbeirrt auf einen &#8222;gewaltfreien, antiautorit\u00e4ren Sozialismus, basisdemokratisch organisiert, unabh\u00e4ngige Gruppen, im Gegensatz zu parlamentarischer Politik und herk\u00f6mmlichen Vereinsformen, aber auch im Gegensatz zu diesen neoleninistischen Organisationen.&#8220;(S. 15)<\/p>\n<p>Logisch, dass f\u00fcr diese Libert\u00e4ren in den Organisations- und Aktionsformen, die zu einer freien Gesellschaft f\u00fchren sollen, schon jetzt die Prinzipien dieser freien Gesellschaft aufscheinen m\u00fcssen: \u00dcbereink\u00fcnfte durch freie Vereinbarung, Herstellung von Solidarit\u00e4t durch gemeinsam diskutierte Aktionen, die auf \u00dcberzeugung und nicht auf \u00dcberw\u00e4ltigung abzielen. Bauer weist darauf hin, dass gerade in der Anti-Atom- und Friedensbewegung in den Siebzigern und Achtzigern auf dieser Grundlage viele erfolgreiche und auf das Massenbewusstsein mobilisierend wirkende Aktionen durch die Graswurzelbewegung erzielt worden sind.<\/p>\n<p>Als scharfer Einschnitt wird der &#8222;Deutsche Herbst&#8220; 1977 dargestellt. Dabei weist Bauer zu recht darauf hin, dass in der aktuellen Rezeption diese Phase auf &#8222;RAF contra Staat&#8220; verk\u00fcrzt wird (S.31). Es ging aber um mehr: der Staatsapparat und die herrschenden Medien und politischen Eliten zeigten der bunten Szene die harten Konsequenzen auf, die f\u00fcr Unbotm\u00e4\u00dfigkeit drohen und im Gefolge der &#8222;Mescalero&#8220;-Aff\u00e4re fand in der gesamten Linken ein Entmischungsprozess \u00e4hnlich dem nach 1969 statt: &#8222;Die Politischen wurden allm\u00e4hlich \u201aGr\u00fcn&#8216;, die anderen \u201aprofessionalisierten&#8216; sich, ein neuer langer Marsch durch die Institutionen, diesmal au\u00dfer der Uni auch therapeutische Einrichtungen, die \u201aPsycho-&#8218; und Esoterikszene&#8230;Aus den Utopien und Idealen suchte man eine Gesch\u00e4ftsidee zu retten.&#8220;(S.40)<\/p>\n<p>Die politische Auseinandersetzung der GraswurzelaktivistInnen mit staatlicher Repression und dem Stadtguerillakonzept der RAF findet sich in der Erkl\u00e4rung &#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland&#8220; auf den Seiten 75 bis 119. Diese Arbeit zur Kenntnis zu nehmen ist wichtig, denn es droht in der aktuellen Auseinandersetzung um und mit 1968 bzw. der RAF das Wissen darum verloren zu gehen, dass die bunte Subversion der Jahre von 1966 bis 1977 durch eine Bewegung getragen wurde, die zentrale Felder b\u00fcrgerlicher Herrschaft in Frage stellte. Ihre Verfallsgeschichte erreicht mit dem Herbst 1977 einen weiteren H\u00f6hepunkt und steht nicht umsonst am Anfang des Aufstiegs der Gr\u00fcnen zu einer linksliberalen b\u00fcrgerlichen Partei.<\/p>\n<p>Deutlich wird allerdings in dem Gespr\u00e4ch auch, dass die Graswurzelrevolution\u00e4re, ebenso wie die anderen Str\u00f6mungen, kaum Zugang fanden zu den lohnabh\u00e4ngigen Majorit\u00e4ten der Gesellschaft. Durch die Konzentration des Gespr\u00e4chs auf die Zeit bis 1977 erf\u00e4hrt man auch nichts \u00fcber die Entwicklung des globalen Kapitalismus, insbesondere nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Regime in Osteuropa, von den sozialen Bewegungen mit indigenem Einschlag in Lateinamerika usw.<\/p>\n<p>Insofern bleibt die Darstellung etwas vergangenheitsbehaftet, zu sehr fokussiert auf die notwendige Abrechnung mit der etatistischen Linken. Dennoch: F\u00fcr die Herausbildung einer emanzipatorischen Alternative zum sozialdemokratischen und leninistischen Weg ist die Auseinandersetzung mit diesen freiheitlich-sozialistischen Ans\u00e4tzen erforderlich und lohnenswert. Ein Beginn kann gemacht werden mit der Lekt\u00fcre des vorliegenden Bandes.<\/p>\n<p>Es ist zu w\u00fcnschen, dass diese Arbeit weite Verbreitung und eine breite kritische Rezeption erf\u00e4hrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf das Buch &#8222;Ein weltweiter Aufbruch&#8220; ist unter mehreren Gesichtspunkten aufmerksam zu machen. Es enth\u00e4lt neben einem l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch zwischen Bernd Dr\u00fccke, dem Koordinationsredakteur der gewaltfrei-libert\u00e4ren Zeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;, und dem langj\u00e4hrigen Aktivisten Johann Bauer, zwei Grundlagentexte dieser kleinen, aber sowohl theoretisch als auch politisch hoch bedeutsamen Str\u00f6mung der Linken. 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