{"id":10192,"date":"2010-10-01T00:00:35","date_gmt":"2010-09-30T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10192"},"modified":"2022-07-26T14:14:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:33","slug":"anarchie-im-hier-und-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/anarchie-im-hier-und-jetzt\/","title":{"rendered":"Anarchie im Hier und Jetzt"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel des Uri Gordon Buches &#8222;Hier und Jetzt&#8220; beschreibt den Inhalt perfekt. Gordon h\u00e4lt sich nicht mit der Darstellung des Anarchismus in der Geschichte, der ProtagonistInnen der anarchistischen Theorie und Praxis oder der Vorstellung diverser anarchistischer Str\u00f6mungen auf. Aus seiner Sicht verbindet der gegenw\u00e4rtige Anarchismus die Betonung auf das Hier und Jetzt mit einer ausgepr\u00e4gten Ergebnisoffenheit. Gordon: &#8222;Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die anarchistische Bewegung Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehender Visionen, wie der kommunistische Anarchismus, der Kollektivismus, der Mutalismus etc. Heute dagegen kommt der anarchistische Diskurs ohne die Erwartung eines revolution\u00e4ren Abschlusses der K\u00e4mpfe aus und interessiert sich auch nicht f\u00fcr utopische Entw\u00fcrfe einer &#8218;postrevolution\u00e4ren&#8216; anarchistischen Gesellschaft&#8220; (S. 67).<\/p>\n<p>Ebenso verzichtet er darauf, eine Vorstellung einer zuk\u00fcnftigen anarchistischen Gesellschaft zu entwerfen. Gordon geht es um den Anarchismus und die anarchistische Bewegung im Hier und Jetzt. Die Theorie hat in diesem Buch die Funktion, die anarchistische Praxis und die anarchistische Bewegung zu reflektieren, Sachen zu hinterfragen, zu bewerten oder zu begr\u00fcnden. Gordon geht es nicht darum, Antworten auf dr\u00e4ngende Fragen zu geben, sondern er will lediglich Denkanst\u00f6sse geben. So ist sein Buch weder eine Einf\u00fchrung in den Anarchismus noch f\u00fcr den Einstieg geeignet. Es richtet sich an die Aktiven.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit Macht, Gewalt und Technologie aus einer anarchistischen Theorie und Praxis heraus.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst stellt Gordon im Kapital &#8222;Anarchism Reloaded&#8220; dar, was er unter der gegenw\u00e4rtigen anarchistischen Bewegung versteht, was die verbindenden Inhalte und vor allem die Organisationsformen sind. Dazu geh\u00f6rt f\u00fcr ihn z.B. der Ethos der &#8222;vorwegnehmenden Politik&#8220;, der die Mittel und Wege der angestrebten neuen Gesellschaft vorwegnehmen muss. Ebenso geh\u00f6rt f\u00fcr ihn die schon erw\u00e4hnte Ergebnisoffenheit dazu. Von zentraler Bedeutung f\u00fcr den Anarchismus sei seine netzwerkf\u00f6rmige Organisationsform. Diese Netzwerkstruktur, die mit einem Rhizom verglichen wird, sei dabei auf der Mikroebene der Bezugsgruppen (ein punktuelles Zusammengehen von Menschen) und Kollektive (dauerhafte Gruppen) als auch auf der mittleren und der Makroebene anzutreffen.<\/p>\n<p>Das Netzwerk wird hier als eine durchgehende kulturelle Logik begriffen.<\/p>\n<p>In dem Kapital &#8222;Macht und Anarchie&#8220; geht es darum, dass die anarchistische Bewegung bei &#8222;aller Dezentralisierung, Autonomie und allem Im-Kreis-Sitzen&#8220; (S. 75) nicht frei von der Machtfrage ist. Deshalb m\u00fcsse die Diskussion \u00fcber die Macht <em>innerhalb<\/em> der eigenen Bewegung in einer anarchistischen politischen Theorie an erster Stelle stehen. Seine Besch\u00e4ftigung mit dem Thema bezieht sich auf den dreifachen Machtbegriff der \u00d6kofeministin Starhawk. &#8222;Sie unterscheidet zwischen &#8218;Macht zu&#8216; (die Grunddeutung von Macht als F\u00e4higkeit, die Wirklichkeit zu befassen); &#8218;Macht-\u00fcber&#8216; (Macht-zu, die als Herrschaft in hierarchischen und Zwangszusammenh\u00e4ngen ausge\u00fcbt wird); und &#8218;Macht-mit&#8216; (Macht-zu, die als nicht mit Zwang verbundener Einfluss und als Initiative unter Menschen ausge\u00fcbt wird, die sich gegenseitig als Gleiche betrachten)&#8220; (S. 77).<\/p>\n<p>Die Ungleichheiten in der anarchistischen Bewegung resultieren u.a. aus der ungleichen Verteilung von Ressourcen. Dabei handelt es sich um finanzielle Mittel, Zeitressourcen, Wissen, Kontakte und Verbindungen. Gordon setzt sich damit auseinander, welche Bedeutung dies f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Bewegung hat, aber er besch\u00e4ftigt sich auch mit der Frage, welche Rolle welche Macht bei der Durchsetzung von anarchistischer Politik hat.<\/p>\n<p>In &#8222;Peace, Love und Mollies&#8220; geht Gordon die Gewaltfrage an, die die anarchistische Bewegung wohl immer begleiten wird und auch muss. In der Frage der Gewalt &#8222;sind sich Anarchisten dar\u00fcber einig, dass sie sich nicht einig sind&#8220; (S. 121).<\/p>\n<p>Gordon zeichnet zun\u00e4chst die US-amerikanische Debatte nach, die es nach den Riots von Seattle 1999 gab. Nachdem er versucht hat eine Definition von Gewalt zu geben, wendet er sich der Frage nach der Rechtfertigung anarchistischer Gewalt zu, wobei es ihm dabei um die Frage &#8222;Wer rechtfertigt was wem gegen\u00fcber?&#8220; (S. 142) geht. In welchem Verh\u00e4ltnis die Anwendung von Gewalt zur &#8222;vorwegnehmenden Politik&#8220; steht, dazu hat Gordon eine klare Position: &#8222;Heute ist die vorwegnehmende Verwirklichung eines anarchistischen Modells freiwilliger Gewaltfreiheit eindeutig nicht umzusetzen, weil der Staat dem entgegensteht und systematisch Gewalt einsetzt, die Idee einer universellen \u00dcbereinkunft \u00fcber die Gewaltfreiheit also vereitelt. Jedenfalls bez\u00fcglich der Gewalt ist eine vorwegnehmende Politik heute nur innerhalb anarchistischer Zusammenh\u00e4nge zu verwirklichen&#8220; (S. 147). Aufgrund des anarchistischen Anspruchs einer vorwegnehmenden Politik m\u00fcsse folgende Frage aufgeworfen werden: &#8222;Kann die Erfahrung von Gewalt selber befreiend, erm\u00e4chtigend und als Radikalisierung auf die daran Beteiligten wirken?&#8220; (S. 152). Welche Wirkung hat die Erfahrung und Aus\u00fcbung von kollektiver Gewalt auf den Einzelnen oder die Bewegung?<\/p>\n<p>In seinem Kapitel \u00fcber Anarchismus und Technologie geht es Gordon um die Ambivalenz heutiger AnarchistInnen zur Technologie. W\u00e4hrend moderne Kommunikations- und Informationstechnologien genutzt werden, werden andere wie z.B. die Gentechnologie grunds\u00e4tzlich abgelehnt. Problematisch an diesem Kapitel ist, dass Gordon grunds\u00e4tzlich darauf verzichtet sich mit einer zuk\u00fcnftigen anarchistischen Gesellschaft auseinander zu setzen. Die Frage nach der Ablehnung und Bef\u00fcrwortung von Technologien und deren Einsatz ist aber nicht zu trennen von der Frage, wie die Gesellschaft organisiert sein soll. Wie ist Produktion und Konsumtion lokal, regional und global organisiert?<\/p>\n<p>Zum Beispiel geht er davon aus, dass es unbestritten ist auf die &#8222;industrielle Nutzung&#8220; von Erd\u00f6l zu verzichten (S. 186f.). Welche Konsequenzen hat dies f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Gesellschaft? Darauf geht Gordon er nicht ein.<\/p>\n<p>Zum Schluss besch\u00e4ftigt er sich aus seiner israelisch-anarchistischen Sicht mit dem Israel\/Pal\u00e4stina-Konflikt. Nachdem er kurz die Situation des Anarchismus in Israel\/Pal\u00e4stina beschreibt, geht er der Frage des Verh\u00e4ltnisses von &#8222;Anarchismus, Nationalismus und neue Staaten&#8220; nach. Das ist eine wichtige Frage f\u00fcr die Zusammenarbeit von anarchistischen mit pal\u00e4stinensischen Gruppen im Kampf gegen die Mauer\/den Zaun und die israelische Besatzung. Gustav Landauer und Rudolf Rocker m\u00fcssen daf\u00fcr herhalten, dass sich auch heute noch AnarchistInnen positiv auf &#8222;Nation&#8220; und &#8222;Volk&#8220; beziehen k\u00f6nnen. Gordon stellt die Frage, ob es auch aus anarchistischer Sicht sinnvoll sein kann, sich f\u00fcr einen neuen (pal\u00e4stinensischen) Staat einzusetzen, wenn sich dadurch f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung eine reale Verbesserung der Lebensbedingungen ergibt. Keine leichte Frage? Aber Gordon will in seinem Buch ja keine Antworten geben, sondern nur Denkanst\u00f6sse, die sich aus der gegenw\u00e4rtigen Praxis der anarchistischen Bewegung ergeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel des Uri Gordon Buches &#8222;Hier und Jetzt&#8220; beschreibt den Inhalt perfekt. Gordon h\u00e4lt sich nicht mit der Darstellung des Anarchismus in der Geschichte, der ProtagonistInnen der anarchistischen Theorie und Praxis oder der Vorstellung diverser anarchistischer Str\u00f6mungen auf. 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