{"id":10194,"date":"2010-10-01T00:00:05","date_gmt":"2010-09-30T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10194"},"modified":"2022-07-26T14:24:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:06","slug":"gegen-den-strom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/gegen-den-strom\/","title":{"rendered":"Gegen den Strom"},"content":{"rendered":"<p>Als Howard Zinn am 27. Januar 2010 starb, war klar, dass hier                 nicht nur ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher kritischer Intellektueller, sondern                 auch ein engagierter libert\u00e4rer Aktivist gestorben ist (vgl. GWR                 347 &#038; GWR 348). <\/p>\n<p>Kurz nach seinem Tod erschien &#8211; nachdem auch sein Standardwerk                 <i>A People&#8217;s History of the United States<\/i> (dt. <i>Eine Geschichte                 des Amerikanischen Volkes<\/i>) endlich \u00fcbersetzt wurde &#8211; die deutsche                 \u00dcbersetzung seiner Autobiographie <i>You Can&#8217;t Be Neutral On a                 Moving Train<\/i>, zu der er auch noch ein eigenes Vorwort beisteuern                 konnte (siehe Vorabdruck in GWR 342\/Libert\u00e4re Buchseiten).<\/p>\n<p>Howard Zinns Leben (er wurde 1922 geboren) wurde historisch von                 mehreren Epochen gepr\u00e4gt, in denen er in unterschiedlicher Art                 Ungerechtigkeiten entgegentrat. Ein einschneidendes Erlebnis waren                 seine Erfahrungen als Pilot der US-Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg.                 Damals, mit 21 Jahren, trat er in das Army Air Corps ein, weil                 er &#8222;gegen die Nazis k\u00e4mpfen wollte&#8220; und den Krieg gegen Hitler-Deutschland                 als &#8222;ehrenvollen Kreuzzug gegen Rassenwahn, Militarismus, fanatischen                 Nationalismus und Expansionismus&#8220; (S. 121) betrachtete. <\/p>\n<p>Es waren aber genau jene Kriegserfahrungen &#8211; hier insbesondere                 ein Bombenangriff auf deutsche SoldatInnen in Royan\/Frankreich,                 die sich bereits ergeben hatten, sowie der Atombombenabwurf auf                 Hiroshima und Nagasaki &#8211; die ihn sp\u00e4ter zum erbitterten Kriegsgegner                 machten. Er spricht davon, dass ihn diese Erfahrungen an der &#8222;absoluten                 Moralit\u00e4t des Krieges gegen den Faschismus&#8220; (S. 135) zweifeln                 lie\u00dfen. Nach einem l\u00e4ngeren Reflexionsprozess verlor er schlie\u00dflich                 in den 60er Jahren seinen &#8222;Glauben an einen \u201agerechten Krieg'&#8220;.               <\/p>\n<p>Zwar g\u00e4be es &#8222;\u00fcble Feinde der Freiheit und der Menschenrechte&#8220;                 auf der Welt, der &#8222;\u00fcbelste aller Feinde&#8220; (S. 137) sei jedoch der                 Krieg selbst. Diese Maxime sollte sich sp\u00e4ter im Kalten Krieg                 (z.B. Vietnam), sowie im Krieg gegen den Terror (z.B. Afghanistan,                 Irak) kein bisschen ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ein weiterer pr\u00e4gender Teil seines Lebens begann im Jahr 1956,                 als er als (wei\u00dfer) Professor eine Anstellung am Spelman College                 &#8211; das damals als &#8222;Neger-College&#8220; verschrien war &#8211; bekam. Dort                 begann auch, noch lange bevor die B\u00fcrgerrechtsbewegung richtig                 gro\u00df wurde, sein Engagement f\u00fcr die Gleichberechtigung von African                 Americans in den USA, was ihn bald zu einem hingebungsvollen und                 wichtigen Aktivisten des S<i>tudent Nonviolent Coordinating Committee<\/i>                 (SNCC) machte. <\/p>\n<p>Er war begeistert von der Art wie dort Widerstand geleistet wurde                 und &#8222;von einer Formulierung, die sich auch King und das SNCC zu                 eigen machten: gewaltfreie, direkte Aktion. Nicht einfach nur                 passive Gewaltfreiheit [\u2026], sondern Aktion, Widerstand, Engagement                 [\u2026].&#8220; (S. 139)<\/p>\n<p>Auch der Vietnamkrieg und die Proteste dagegen sind in seiner                 Autobiographie von entscheidender Bedeutung. Er beteiligte sich                 an Demos, Blockaden, hielt Teach-ins ab und agitierte unerm\u00fcdlich                 &#8211; auch bei Vorlesungen auf der Universit\u00e4t, was ihm einige erbitterte                 GegnerInnen in der Uni-Hierarchie einbrachte &#8211; gegen den Krieg.                 Er berichtet von den Anf\u00e4ngen der Antikriegsbewegung, von Aktionen,                 bei denen AntikriegsaktivistInnen in Armeegeb\u00e4ude eindrangen und                 Einberufungsbescheide verbrannten und vom Engagement der SNCC-AktivistInnen,                 die &#8222;zu den Ersten [geh\u00f6rten], die sich der Einberufung widersetzten.&#8220;                 (S. 148)<\/p>\n<p>Howard Zinn hat stets mit AktivistInnen unterschiedlichster Backgrounds                 zusammengearbeitet und schildert dies eindr\u00fccklich in dieser Autobiographie.                 Dazu z\u00e4hlten z.B. die Anarchopazifisten Paul Goodman und Eric                 Weinberger, der engagierten katholischen Priester Daniel Berrigan                 (w\u00e4hrend des Vietnamkriegs gemeinsam mit seinem Bruder Philip                 einer der meistgesuchtesten M\u00e4nner des FBI), der Pazifist David                 Dellinger (Teil der &#8222;Chicago Seven&#8220;) und Noam Chomsky. Als historische                 Pers\u00f6nlichkeit, die ihn stark beeinflusste, streicht er vor allem                 Emma Goldman heraus, \u00fcber die er sogar ein Theaterst\u00fcck verfasst                 hat das schon mehrmals zur Auff\u00fchrung kam.<\/p>\n<p>Obwohl er sich in der Autobiographie nie ausdr\u00fccklich als Anarchisten                 bezeichnet (im Gegenteil beschreibt er wie ihn kommunistische                 Gruppen in seiner Jugend stark beeinflussten) ist der libert\u00e4re                 rote Faden in seinem Leben nicht zu \u00fcbersehen. Die zweite Konstante                 ist sein Engagement im, und sein \u00dcberzeugt sein vom gewaltfreien                 Widerstand sowie seine kompromisslose Antikriegshaltung.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist jedoch anzumerken, dass es schade ist, dass                 die Autobiographie Mitte der 1990er endet, so dass aktuelle Entwicklungen                 leider nur im Vor- und Nachwort (zu) kurz behandelt werden k\u00f6nnen.               <\/p>\n<p>Das Nachwort, das er extra f\u00fcr die deutsche \u00dcbersetzung im Jahr                 2009 verfasst hatte, steht ganz im Zeichen der Wahl Barack Obamas                 zum US-Pr\u00e4sidenten &#8211; und erscheint leider auch nicht mehr sehr                 aktuell. <\/p>\n<p>Auch sein Appell im Nachwort, Streik, Boykott und zivilen Ungehorsam                 dazu einzusetzen um die PolitikerInnen dazu zu n\u00f6tigen, eine Politik                 zu machen, die weniger abgehoben ist, da &#8222;die Regierung die Interessen                 ihrer B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu vertreten&#8220; (S. 283) h\u00e4tte, kann                 aus anarchistischer Sicht nicht als der Weisheit letzter Schluss                 betrachtet werden.<\/p>\n<p>Das Buch ist trotzdem eine Lekt\u00fcre die sich zu lesen lohnt. <\/p>\n<p>Es ist ein Zeugnis davon, dass Howard Zinn sein Leben lang ein                 erbitterter K\u00e4mpfer gegen Ungerechtigkeit und Unterdr\u00fcckung war                 und dies stets mit einem libert\u00e4ren und gewaltfreien Ethos verkn\u00fcpfte                 &#8211; was dieses Engagement und diese Autobiographie besonders bemerkenswert                 macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Howard Zinn am 27. Januar 2010 starb, war klar, dass hier nicht nur ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher kritischer Intellektueller, sondern auch ein engagierter libert\u00e4rer Aktivist gestorben ist (vgl. GWR 347 &#038; GWR 348). Kurz nach seinem Tod erschien &#8211; nachdem auch sein Standardwerk A People&#8217;s History of the United States (dt. Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes) &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/gegen-den-strom\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gegen den Strom - graswurzelrevolution","description":"Als Howard Zinn am 27. Januar 2010 starb, war klar, dass hier nicht nur ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher kritischer Intellektueller, sondern auch ein engagierter libert\u00e4re"},"footnotes":""},"categories":[574,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-10194","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-352-oktober-2010","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10194"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10194\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}