{"id":10204,"date":"2010-10-01T00:00:11","date_gmt":"2010-09-30T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10204"},"modified":"2022-07-26T13:31:13","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:13","slug":"frieden-schaffen-ohne-waffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/frieden-schaffen-ohne-waffen\/","title":{"rendered":"Frieden schaffen ohne Waffen"},"content":{"rendered":"<p>Das soeben bei Pluto Press erschienene Buch &#8222;From Pacification to Peacebuilding. A Call to Global Transformation&#8220; ist bereits das dritte Pl\u00e4doyer der engagierten Autorin Diana Francis f\u00fcr den weit gehenden Verzicht auf Gewalt zur Schaffung von dauerhaft friedlichen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Als Aktivistin im Committee for Conflict Transformation Support (CCTS), das sie 1992 mit gr\u00fcndete, ver\u00f6ffentlichte sie schon mit &#8222;People, Peace and Power&#8220; (2002) und &#8222;Rethinking War and Peace&#8220; (2004) einschl\u00e4gige Appelle im gleichen Verlag. Ihre Argumente richten sich haupts\u00e4chlich an MitstreiterInnen in Friedenskampagnen, die von der Einsicht geleitet werden, dass &#8222;positiver Frieden viel mehr ist als das Ende von Krieg. Dies setzt ein Verst\u00e4ndnis der Welt voraus, in dem das Wohlbefinden Anderer mit dem unsrigen verkn\u00fcpft ist&#8220; (S. 166).<\/p>\n<p>Die Erfahrungen aus der Zeit der Solidarit\u00e4tsbewegung f\u00fchrten zu ihrer Einsicht, dass &#8222;der \u201aKampf&#8216; nicht unbedingt in Formen oder mit Zielen gef\u00fchrt wurde, die mit unseren eigenen Werten in \u00dcbereinstimmung waren, und dass die Diskurse \u00fcber Gerechtigkeit und Befreiung oft mit der Verfolgung ausgrenzender nationalistischer oder separatistischer Ziele verkn\u00fcpft waren, die sich gegen die Bed\u00fcrfnisse der einfachen Menschen richteten&#8220; (S. 2).<\/p>\n<p>Die Verfasserin ist sich jedoch bewusst, dass &#8222;unsere eigenen Werte&#8220; keinesfalls ein Freibrief sind, diese als dominante Normen von Hegemonialstaaten und -kulturen auf andere Gesellschaften und Menschen einfach \u00fcber zu st\u00fclpen: &#8222;Die einzig m\u00f6gliche Art die Einhaltung von Menschenrechten und politischer Teilhabe zu f\u00f6rdern ist es, deren Respektierung durch den Austausch von Ideen und das Vertrauen auf die st\u00e4ndige \u00dcberzeugungskraft zu demonstrieren. Dies kann nur durch Bescheidenheit auf der Grundlage einer menschlichen Gleichheit geschehen, nicht durch die Reklamierung vermeintlicher \u00dcberlegenheit. Jene mit Kriegsskeletten in ihren Kellern, haben keinerlei Grund sich als Modelle der Respektierung von Menschenrechten oder demokratischer Prozesse in Szene zu schmei\u00dfen.&#8220; (S. 175)<\/p>\n<p>Francis diagnostiziert, dass &#8222;die Kultur der Gewalt alle unsere Gesellschaften vergiftet&#8220; (S. 69). Sie behauptet dem gegen\u00fcber, dass &#8222;da, wo es keinen Frieden zu erhalten gibt, Friedenserhaltung nicht funktionieren kann&#8220; (S. 100). Der vorherrschende Ansatz zu Konfliktvermittlungen ist keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Er setzt auf Befriedung, anstatt Versuche einen dauerhaften Frieden zu schaffen, und wird so zumeist Teil des Problems statt zu dessen L\u00f6sung bei zu tragen. Die einzig m\u00f6gliche Form des Schutzes hingegen liegt in der Entmilitarisierung der Denkformen und der Gesellschaften.<\/p>\n<p>Macht und Kultur sind hierbei zwei wesentliche Bezugspunkte. Die Herausforderung besteht darin, an der Schnittstelle zwischen einer Politik der Macht und der Konfliktumwandlung zu intervenieren. Zugang zu jenen Aspekten einer spezifischen Kultur zu finden, die Respekt, Anteilnahme und Zusammenarbeit anerkennen, um jene Bereiche neu \u00fcberdenken zu k\u00f6nnen, die zur Grausamkeit und der Verherrlichung von Gewalt ermuntern. Die globale Transformierung von Werten, die dies erfordert, &#8222;muss die \u201aNormalit\u00e4t&#8216; von Krieg \u00fcberwinden und die Gleichsetzung von M\u00e4nnlichkeit mit Militarismus. Sie muss Freundlichkeit und Zusammenarbeit \u00fcber alles andere setzen.&#8220; (S. 106)<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtigen Friedensinitiativen s\u00e4en meist nur mehr Gewalt: &#8222;Die Pr\u00e4senz von Besatzungstruppen &#8230; normalisiert Gewalt und verleiht dieser ein respektables Antlitz&#8220; (S. 100). Dessen ungeachtet macht es sich die Autorin nicht so einfach, die Diskussion um die neue Schutzverantwortung (die &#8222;Responsibility to Protect&#8220;), wie sie derzeit in den Vereinten Nationen gef\u00fchrt wird, einfach nur zu verwerfen. Sie pl\u00e4diert zwar f\u00fcr einen Paradigmenwechsel von der Schutzverantwortung zur Verh\u00fctungsverantwortung (&#8222;Responsibility to Prevent&#8220;), erkennt aber die Notwendigkeit gelegentlicher Formen von Druckaus\u00fcbung auch durch Androhung milit\u00e4rischer Konsequenzen gegen\u00fcber verantwortungslosen Gewaltregimes an. Jedoch problematisiert sie zugleich auch die potenzielle Unterminierung einer friedlichen L\u00f6sung, die solche Ma\u00dfnahmen transportieren.<\/p>\n<p>Das Dilemma besteht in der Gratwanderung zwischen dem Bed\u00fcrfnis nach einem dauerhaften Frieden, der nicht hergestellt werden kann solange die Gewalt durch notorische Verbrecher nicht durch darauf reagierende Gewaltanwendung in erzwungene Verhandlungen kanalisiert werden kann. Sie ist deshalb bereit, die Vereinten Nationen und deren Versuche zur Etablierung einer normativen Schutzverantwortung als potenziellen Verb\u00fcndeten zu sehen, obgleich deren Rolle und Funktion allzu oft durch die Interessen einzelner Staaten missbraucht wird.<\/p>\n<p>Das Eingest\u00e4ndnis eines solchen Spannungsfeldes und Widerspruchs macht das Anliegen der Autorin glaubw\u00fcrdiger. Auch verhindert dies, dass ihr Engagement und das zugrunde liegende Motiv als weltfremd oder naiv abgetan und denunziert werden k\u00f6nnte. Mit relativer Offenherzigkeit ist sie z.B. auch bereit, auf die internen Widerspr\u00fcche einzugehen, die sie selbst innerhalb der britischen Friedensbewegung erfahren hat (S. 162 ff.).<\/p>\n<p>Ihr Vorwort beschlie\u00dft Diana Francis mit der Einsicht, dass positiver Friede nicht von wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten und Schutz der Lebenswelt isoliert werden kann: &#8222;Wir m\u00fcssen die Verbindungen st\u00e4rker betonen; intellektuell, politisch und praktisch. Dies sind alles essentielle G\u00fcter f\u00fcr die Menschheit, und Krieg ist ihr gemeinsamer Feind.&#8220; (S. xi) Mit ihrem programmatischen und pragmatischen Manifest tr\u00e4gt die Verfasserin zu dem vertieften Verst\u00e4ndnis bei, weshalb wir Friedensschaffung anstelle von Befriedungsma\u00dfnahmen brauchen. Dabei verpasst sie aber die Gelegenheit, zugleich auf die damit zusammen h\u00e4ngenden Bestandteile sozialer Gerechtigkeit einzugehen, die sie in ihrem Vorwort zu recht als untrennbare Dimensionen benennt.<\/p>\n<p>Leider bietet die Wirklichkeit unserer Welt mehr als nur eine Gelegenheit, darauf in weiteren Arbeiten ausf\u00fchrlicher einzugehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das soeben bei Pluto Press erschienene Buch &#8222;From Pacification to Peacebuilding. A Call to Global Transformation&#8220; ist bereits das dritte Pl\u00e4doyer der engagierten Autorin Diana Francis f\u00fcr den weit gehenden Verzicht auf Gewalt zur Schaffung von dauerhaft friedlichen Verh\u00e4ltnissen. 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