{"id":10209,"date":"2010-10-01T00:00:44","date_gmt":"2010-09-30T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10209"},"modified":"2022-07-26T14:24:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:06","slug":"arbeitsforschung-in-revolutionarer-absicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/arbeitsforschung-in-revolutionarer-absicht\/","title":{"rendered":"Arbeitsforschung in revolution\u00e4rer Absicht"},"content":{"rendered":"<p><i>Antizipierte Autonomie<\/i>: Der Titel mag den einen oder die                 andere irref\u00fchrend zu der Meinung verleiten, dass hier ein Buch                 zur &#8222;anti-autorit\u00e4ren Internationale&#8220; vorgelegt wurde, welche                 sich einst das Programm einer antizipierten Autonomie auf die                 Fahnen geschrieben hatte, indem sie im sogenannten Jurazirkular                 (1871) erkl\u00e4rte, dass es &#8222;unm\u00f6glich&#8220; sei, dass &#8222;eine egalit\u00e4re                 und freie Gesellschaft aus einer autorit\u00e4ren Organisation hervorgehen&#8220;                 k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Andrea Gabler aber hat einen nicht ganz so weiten Weg in die                 Vergangenheit zur\u00fcckgelegt. Ihr geht es darum, die Geschichte                 und Theorieentwicklung der in Frankreich aktiven Gruppe <i>Socialisme                 ou Barbarie<\/i> (1949-1967) nachzuzeichnen und zu kommentieren.<\/p>\n<p>Im ersten Teil des Buches schildert Gabler anschaulich den Weg,                 der urspr\u00fcnglich aus dem oppositionellen Lager der TrotzkistInnen                 stammenden AktivistInnengruppe, die sich mehr und mehr vom Trotzkismus                 und Marxismus abgrenzt. Einer der wichtigsten Theoretiker der                 Gruppe, Cornelius Castoriadis, wird schlie\u00dflich die These vertreten,                 dass man vor der Wahl stehe, &#8222;entweder Marxist zu bleiben oder                 Revolution\u00e4r zu bleiben&#8220; (<i>Gesellschaft als imagin\u00e4re Institution<\/i>,                 1975, S.28). <\/p>\n<p>Thematisch standen in den Diskussionen der Gruppe die Kritik                 des Realsozialismus und das Ausarbeiten einer (nicht nur auf die                 realsozialistischen L\u00e4nder bezogene) B\u00fcrokratiekritik im Mittelpunkt.                 Der Sto\u00dfrichtung der Kritik entspricht als positive Gegenvision                 das Setzen auf Arbeiterselbstverwaltung und R\u00e4teorganisation,                 wobei sich <i>Socialisme ou Barbarie<\/i> nach und nach &#8211; und nicht                 ohne heftige Auseinandersetzungen &#8211; vom traditionellen Bezugsrahmen                 mit seinem Fokus auf das <i>eine<\/i> revolution\u00e4re Subjekt (das                 Industrieproletariat) verabschiedeten (113; vgl.221). Wie Gabler                 betont, habe <i>Socialisme ou Barberie<\/i> &#8222;den orthodoxen Marxismus&#8220;                 zu einem Zeitpunkt entzaubert, sowie &#8222;an einer Neubestimmung revolution\u00e4rer                 Theorie und Praxis gearbeitet (\u2026), als die Entwicklung einer westlichen                 Neuen Linken allenfalls im Keime zu erkennen war.&#8220; (12). Neben                 der Hellsichtigkeit, mit der die Gruppe &#8222;Problemstellungen vorweggenommen&#8220;                 habe, &#8222;auf die der politische und theoretische Mainstream erst                 sehr viel sp\u00e4ter gesto\u00dfen&#8220; sei (123), scheint es die &#8222;seltene                 F\u00e4higkeit&#8220; zu sein, &#8222;sich selbst, die eigenen theoretischen und                 praktischen Voraussetzungen radikal in Frage stellen zu k\u00f6nnen,                 ohne linke Politik insgesamt aufzugeben&#8220;, welche die Autorin fasziniert                 (18; vgl.115,123).<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Buches besch\u00e4ftigt sich mit den von verschiedenen                 Gruppenmitgliedern durchgef\u00fchrten <i>t\u00e9moignages<\/i> (w\u00f6rtlich:                 Zeugnisse oder Zeugenberichte), als &#8222;Projekt einer Arbeitsforschung                 in revolution\u00e4rer Absicht&#8220; (227). Ausgangspunkt f\u00fcr diese Arbeitsuntersuchungen                 ist einmal die \u00dcberwindung des Gegensatzes zwischen &#8222;der Zentralit\u00e4t                 der Produktionssph\u00e4re und den Mangel an systematischen Analysen                 des Produktionsprozesses im Marxismus&#8220; (127). Zum Anderen aber                 auch die St\u00e4rkung des &#8222;subjektiven Faktors&#8220;, indem &#8222;durch diese                 Art der Untersuchung es den ArbeiterInnen selbst&#8220; erm\u00f6glicht werden                 soll, &#8222;ihre Erfahrung zu reflektieren&#8220; (134). Wurden auch nicht                 alle Anspr\u00fcche dieses ehrgeizigen Vorhabens umgesetzt, sei &#8222;die                 Qualit\u00e4t der vorgelegten Dokumente&#8220; jedoch &#8222;in vielerlei Hinsicht                 beeindruckend&#8220; (215) &#8211; eine Position, die die Autorin \u00fcberzeugend                 an den Texten begr\u00fcnden kann. <\/p>\n<p>Im dritten Teil wird die Aktualit\u00e4t der Gruppe reflektiert. <i>Socialisme                 ou Barberie<\/i> bleibe insofern aktuell, als dass sich im Postfordismus                 das &#8222;Problem der b\u00fcrokratisch-kapitalistischen Herrschaft \u00fcber                 Arbeit&#8220; &#8222;in neuen Gestalten&#8220; fortsetze und so, &#8222;bei aller Zeitbedingtheit                 im Detail&#8220;, an den grunds\u00e4tzlichen Thesen der Gruppe angekn\u00fcpft                 werden k\u00f6nne (243). <\/p>\n<p>Ebenso lasse sich an dem &#8222;ernsthaften und beharrlichen Versuch&#8220;                 ankn\u00fcpfen &#8222;&#8218;aus der Bewegung der Wirklichkeit selbst die Grundlagen                 des revolution\u00e4ren Handelns und seiner Orientierung herzuleiten&#8216;                 (Castoriadis)&#8220; (250).<\/p>\n<p>Wie die von Gabler ausgewerteten <i>t\u00e9moignages<\/i>, ist ihr                 Buch spannend und lehrreich; zur Lekt\u00fcre ausdr\u00fccklich empfohlen.<\/p>\n<p>Interessant &#8211; und nicht nur weil sich die Cohn-Bendit-Br\u00fcder                 1968 in ihrem &#8222;Linksradikalismus&#8220;-Bestseller positiv auf <i>Socialisme                 ou Barbarie<\/i> bezogen &#8211; w\u00e4re es, das Verh\u00e4ltnis der Gruppe zu                 anarchistischem Denken zu untersuchen. Gabler selbst nennt <i>Socialisme                 ou Barberie<\/i> eine &#8222;linkslibert\u00e4re Gruppe&#8220; (11), ohne dass daraus                 klar wird, was darunter genauer zu verstehen sei. An einer Stelle                 hei\u00dft es: &#8222;Im Gegensatz zum Anarchismus, der ja auch die Idee                 der Selbstorganisation propagiert, wird Castoriadis der Bezug                 auf den R\u00e4tekommunismus leicht gefallen sein, weil er zu dieser                 Zeit [Anfang der 50er Jahre] noch in marxistischem Bezugsrahmen                 argumentiert. Je mehr er sich von diesem entfernt, umso distanzierter                 wird das Verh\u00e4ltnis zum R\u00e4tekommunismus, der (\u2026) einen gewissen                 marxistischen Dogmatismus beibeh\u00e4lt.&#8220; (64f.) <\/p>\n<p>Folgt auf die Distanzierung zum R\u00e4tekommunismus eine Ann\u00e4herung                 an den Anarchismus oder zumindest eine vertiefte Auseinandersetzung,                 in der gegebenenfalls \u00dcbereinstimmungen er\u00f6rtert wurden? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antizipierte Autonomie: Der Titel mag den einen oder die andere irref\u00fchrend zu der Meinung verleiten, dass hier ein Buch zur &#8222;anti-autorit\u00e4ren Internationale&#8220; vorgelegt wurde, welche sich einst das Programm einer antizipierten Autonomie auf die Fahnen geschrieben hatte, indem sie im sogenannten Jurazirkular (1871) erkl\u00e4rte, dass es &#8222;unm\u00f6glich&#8220; sei, dass &#8222;eine egalit\u00e4re und freie Gesellschaft aus &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/arbeitsforschung-in-revolutionarer-absicht\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Arbeitsforschung in revolution\u00e4rer Absicht - graswurzelrevolution","description":"Antizipierte Autonomie : Der Titel mag den einen oder die andere irref\u00fchrend zu der Meinung verleiten, dass hier ein Buch zur \"anti-autorit\u00e4ren Internationale\""},"footnotes":""},"categories":[574,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-10209","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-352-oktober-2010","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10209\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}