{"id":10239,"date":"2010-11-01T00:00:59","date_gmt":"2010-10-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10239"},"modified":"2022-07-26T14:24:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:05","slug":"victoria-anarchist-bookfair","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/11\/victoria-anarchist-bookfair\/","title":{"rendered":"Victoria Anarchist Bookfair"},"content":{"rendered":"<p>Die Buchmesse in der Hauptstadt der kanadischen Provinz British                 Columbia, am S\u00fcdzipfel des sch\u00f6nen Vancouver Island gelegen, zeugte                 von einer h\u00f6chst lebendigen libert\u00e4ren Kultur. <\/p>\n<p>Als ich eine Woche vor der Messe in Victoria eintraf, waren meine                 Gastgeber gerade damit besch\u00e4ftigt, mit ein paar Dutzend Jugendlichen                 ein &#8222;Urban Capture the Flag&#8220; durchzuf\u00fchren, eine Weiterentwicklung                 des alten militaristischen Mannschaftsspiels der Pfadfinder, das                 nun dazu dient, Stra\u00dfen und \u00f6ffentliche R\u00e4ume zur\u00fcckzufordern,                 Protesttaktiken zu entwickeln und Gemeinschaftsbewusstsein aufzubauen.               <\/p>\n<p>Viele weitere Veranstaltungen akzentuierten die Woche vor den                 zwei Messetagen, von denen die &#8222;Nacht des Widerspruchs&#8220; am 10.                 September ein H\u00f6hepunkt war. Neben Poetry-Slammern, HipHoppern                 und schwer kategorisierbaren Musikrichtungen hinterlie\u00dfen die                 Agitations-Vortr\u00e4ge des aus New York stammenden &#8222;World War 3&#8220;-Kollektives                 bei mir den st\u00e4rksten Eindruck: Umsetzungen von Comic-Strips aus                 den gleichnamigen Magazinen in Powerpoint-Pr\u00e4sentationen mit eindringlichem                 Textvortrag.<\/p>\n<p>Was dabei z.B. \u00fcber das US-Justizsystem zu lernen war, lie\u00df einem                 den Atem stocken.<\/p>\n<p>Die Bookfair selbst fand in der Turnhalle der &#8222;St. Andrews Kirk&#8220;                 in Downtown Victoria statt. Die Pr\u00e4sentationen der Verlage, Buchl\u00e4den                 und sonstigen AktivistInnengruppen wurden erg\u00e4nzt durch ein flankierendes                 Programm von Workshops. So lie\u00df sich insgesamt gut erkennen, inwiefern                 sich die Agenda nordamerikanischer AnarchistInnen von europ\u00e4ischen                 Vertrautheiten unterscheidet. Mir war z.B. neu, mit welchem Nachdruck                 die Toiletten der Turnhalle in &#8222;gender neutral washrooms&#8220; umgewidmet                 wurden, um heterosexistische Routinen zu durchbrechen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zeigte sich bei den etwa 2000 BesucherInnen der Messe                 nicht nur beinahe ein zahlenm\u00e4\u00dfiges \u00dcbergewicht von Frauen gegen\u00fcber                 M\u00e4nnern, sondern auch eine bemerkenswerte Pr\u00e4senz von Transgender-Personen.<\/p>\n<p>Ebenfalls ungewohnt war ein Workshop, der sich mit dem Thema                 &#8222;radikale N\u00fcchternheit&#8220; besch\u00e4ftigte. Verschiedene, teilweise                 aus der Punkszene stammende AktivistInnen schilderten dort, auf                 welche Schwierigkeiten sie nach ihrer Entscheidung gegen Alkohol                 und Drogen gesto\u00dfen waren: wie ihre Freundeskreise schmolzen,                 sie aus informellen Entscheidungsprozessen, die sich um einen                 Joint herum abspielten, ausgeschlossen waren, usw. <\/p>\n<p>Flankiert von der These, dass eine Sucht jedenfalls nicht die                 ideale Umsetzung des anarchistischen Gedankens der Selbstbestimmung                 sei, wurde gefordert, in radikalen Gemeinschaften &#8222;sober safe                 spaces&#8220; zu schaffen. Da konnte ich sp\u00e4ter in meinem eigenen Workshop                 \u00fcber &#8222;Piraterie, Egalitarismus und Radikalismus&#8220; nur konstatieren,                 dass ein karibisches Piratenschiff ganz sicher kein solcher &#8222;n\u00fcchterner                 sicherer Raum&#8220; gewesen sei.<\/p>\n<p>Eine Vertreterin des &#8222;Forest Action Network&#8220; erkl\u00e4rte, wie das                 Prinzip der direkten Aktion im Kampf gegen die Kommodifizierung                 der W\u00e4lder nutzbar gemacht werden kann. <\/p>\n<p>Sie berichtete von guten Erfahrungen mit der Methode des &#8222;tree                 spiking&#8220;. Sobald eine Waldfl\u00e4che zur k\u00fcnftigen Abholzung ausgewiesen                 wird, pr\u00e4parieren die AktivistInnen die B\u00e4ume, indem sie lange                 N\u00e4gel in die St\u00e4mme treiben, die beim Versuch, den Baum zu f\u00e4llen,                 unweigerlich die S\u00e4ge zerst\u00f6ren. <\/p>\n<p>Eine in der Diskussion ge\u00e4u\u00dferte Kritik, es gehe doch darum,                 die Waldarbeiter zu Verb\u00fcndeten zu machen, was mit dieser Taktik                 unm\u00f6glich gemacht werde, fand wenig Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Eine richtig spannende (und am Ende offen bleibende) Diskussion                 entspann sich hingegen um die Forderung der &#8222;No One Is Illegal&#8220;-Gruppe                 aus Vancouver, jeder Mensch m\u00fcsse seinen Wohnort selbst w\u00e4hlen                 d\u00fcrfen. <\/p>\n<p>Die anwesenden VertreterInnen der First Nations wiesen darauf                 hin, dass diese Forderung sie an die schmerzliche Erfahrung der                 Landnahme durch europ\u00e4ische Siedler erinnere. Die indigenen V\u00f6lker                 beanspruchten das Recht, Zuwanderern den Zutritt zu ihrem Land                 zu verweigern. Nur die Einsicht, dass man gemeinsam gegen jene                 staatlichen Instanzen k\u00e4mpft, die heute dar\u00fcber entscheiden, wer                 wo leben darf, deckte einstweilen das hier lauernde Konfliktpotenzial                 zu.<\/p>\n<p>F\u00fcr die OrganisatorInnen der Victoria Anarchist Bookfair ist                 es ein gro\u00dfes Erfolgserlebnis, dass in diesem Jahr, in dem die                 Messe zum f\u00fcnften Mal durchgef\u00fchrt wurde, erstmals indigene AktivistInnen                 sich nennenswert beteiligten. <\/p>\n<p>An der hierf\u00fcr notwendigen Vertrauensbildung hat man in Victoria                 lange gearbeitet. Auch Angeh\u00f6rige der Songhees-Nation waren anwesend,                 der das Land geh\u00f6rt, auf dem die Buchmesse stattfand. Immer wieder                 wurde betont, dass hier, wie fast \u00fcberall in British Columbia,                 das Land nie durch Vertr\u00e4ge abgetreten wurde und die Okkupation                 durch die &#8222;Siedler&#8220; daher noch skandal\u00f6ser sei als im Rest von                 Kanada.<\/p>\n<p>Bedenkt man, dass die indigenen Kulturen der kanadischen Westk\u00fcste,                 die Schnitzer der ber\u00fchmten Totempf\u00e4hle, im Unterschied zu den                 meisten anderen &#8222;Indianer&#8220;-V\u00f6lkern traditionell keine egalit\u00e4ren                 Gesellschaften waren, sondern stark stratifiziert, so ist es besonders                 erfreulich, dass hier heute die Verteidigung der kulturellen Tradition                 mit einer Hinwendung zu anarchistischen Ideen einhergeht.<\/p>\n<p>Der bedeutende K\u00fcnstler Gord Hill, der ein Kwakwaka-wak&#8217;w ist                 und auf der Victoria Anarchist Bookfair zusammen mit dem &#8222;World                 War 3&#8220;-Kollektiv eine Podiumsdiskussion \u00fcber &#8222;Graphic Radicals&#8220;                 durchf\u00fchrte, ist ein herausragendes Beispiel f\u00fcr diesen Prozess.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Buchmesse in der Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia, am S\u00fcdzipfel des sch\u00f6nen Vancouver Island gelegen, zeugte von einer h\u00f6chst lebendigen libert\u00e4ren Kultur. 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