{"id":10249,"date":"2010-11-01T00:00:46","date_gmt":"2010-10-31T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10249"},"modified":"2022-07-26T14:24:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:05","slug":"die-russisch-deutsche-atomrenaissance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/11\/die-russisch-deutsche-atomrenaissance\/","title":{"rendered":"Die russisch-deutsche Atomrenaissance"},"content":{"rendered":"<h3>Was bedeutet eigentlich Atomrenaissance?<\/h3>\n<p>Sie zeigt sich, wenn man viele Atomreaktoren baut und viel Atomm\u00fcll                 produziert, um anschlie\u00dfend ein Atomm\u00fcllendlager in einem Land                 zu errichten, in dem der herrschende Diktator eine Vorliebe f\u00fcr                 Atomwaffen hat. <\/p>\n<p>Nachdem diese drei Schritte get\u00e4tigt wurden, werden viele Menschen,                 die in der N\u00e4he dieser Endlager leben, sterben, w\u00e4hrend eine kleine                 Gruppe von Leuten &#8211; die BesitzerInnen der Reaktoren &#8211; extremen                 Reichtum anh\u00e4ufen wird. Auch einige PolitikerInnen &#8211; die die ReaktorbesitzerInnen                 unterst\u00fctzen &#8211; bekommen finanziell ihren Teil vom Kuchen. Der                 Diktator, der den Atomm\u00fcll akzeptiert, wird ebenfalls reich werden,                 obwohl seine Mission etwas riskant ist.<\/p>\n<p>Lasst uns aber nun die theoretische Ebene verlassen. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich befinden sich Russland und Deutschland mitten in                 einer Atomrenaissance, wie sie oben beschrieben wurde. <\/p>\n<h3>Ein Blick auf die Fakten <\/h3>\n<p>Die deutsche Atomindustrie war lange Zeit nicht in der Lage,                 neue Atomreaktoren zu bauen. Sie war aber dazu im Stande, Kernbrennstoff                 zu erzeugen und zu nutzen, Atomm\u00fcll aus anderen L\u00e4ndern zu bekommen                 und beim Bau neuer Reaktoren in anderen L\u00e4ndern mitzuwirken. <\/p>\n<p>Sie schloss sich mit der franz\u00f6sischen Industrie zusammen, um                 am Atommarkt bestehen zu k\u00f6nnen, was jedoch nur m\u00e4\u00dfig erfolgreich                 ist. <\/p>\n<p>Hier kommt unser Diktator ins Spiel, der eine Schl\u00fcsselfigur                 dieser Atomrenaissance ist.<\/p>\n<p>Das gesamte Projekt w\u00fcrde ohne ihn nicht funktionieren. Nennen                 wir ihn einfach &#8222;Putin&#8220; und all die Ressourcen, die er zur Verf\u00fcgung                 hat, &#8222;Russischer Staatshaushalt&#8220;, der sich aus den Einnahmen des                 \u00d6l- und Erdgasexports speist. Man k\u00f6nnte ihn auch &#8222;Sarkozy&#8220; oder                 &#8222;Berlusconi&#8220; nennen, diese sind aber nicht dreist und gewaltt\u00e4tig                 genug und ganz allgemein nicht geeignet f\u00fcr diesen Job.<\/p>\n<p>Nun kommt also Putin mit all seinen M\u00f6glichkeiten auf Regierungsebene                 her und sagt &#8222;Hey, ich nehme euren Atomm\u00fcll und ihr verschafft                 uns daf\u00fcr Zugang zum Markt&#8220;. <\/p>\n<p>So funktioniert das. Siemens arbeitet mit dem staatlichen russischen                 Atomunternehmen Rosatom zusammen, um an der Entwicklung neuer                 Reaktoren beteiligt sein zu k\u00f6nnen, was wiederum zu mehr Atomm\u00fcll                 f\u00fchrt. Somit n\u00e4hrt sich dieser Prozess selbst.<\/p>\n<p>Russland \u00fcbernimmt schon seit 1996 Atomm\u00fcll von deutschen Atomkraftwerken                 &#8211; wom\u00f6glich aber bereits l\u00e4nger. Von der Urananreicherungsanlage                 in Gronau (NRW) aus ging seit 13 Jahren Atomm\u00fcll zu vier verschiedenen                 russischen Anlagen in Sibirien und im Ural.<\/p>\n<p>Aufgrund des Drucks deutscher und russischer Umweltschutzgruppen                 wurde dieser Export von Atomm\u00fcll im Jahr 2009 gestoppt. Zumindest                 ist das die offizielle Version. <\/p>\n<p>Die Anlage in Gronau ist Teil des multinationalen Konzerns Urenco                 (das deutsche Tochterunternehmen geh\u00f6rt E.ON und RWE). Angeblich                 wurden \u00fcber 100.000 Tonnen Atomm\u00fcll nach Russland verfrachtet.                 Dieses &#8222;wertvolle Produkt&#8220; lagert dort in verrosteten Containern                 unter freiem Himmel. <\/p>\n<p>Laut der russischen Regulierungsbeh\u00f6rde f\u00fcr Atomenergie besteht                 das Risiko, dass es hier zu einem Leck kommt und die Umwelt radioaktiv                 verseucht wird. Aber die Betreiberin in Gronau k\u00fcmmert das nicht,                 denn dieser Atomm\u00fcll geh\u00f6rt nicht mehr ihr &#8211; und sollte irgendetwas                 damit passieren, ist Russland daf\u00fcr verantwortlich.<\/p>\n<p>Du bist also davon ausgegangen, dass Atomm\u00fcll keine Staatsgrenzen                 mehr \u00fcberschreitet? Nicht wirklich. Vor langer Zeit wurde im Reaktor                 Rossendorf nahe Dresden Atomm\u00fcll produziert. 2005 wurde dieser                 in das Zwischenlager Ahaus (NRW) transportiert. Und nun wollen                 die BesitzerInnen des Atomm\u00fclls diesen nach Russland verfrachten                 und sind bereit, daf\u00fcr 35 Millionen Euro zu bezahlen. Das ist                 selbst nach den Standards des so genannten &#8222;nuklearen Marktes&#8220;                 eine Menge Geld. Oder ist das vielleicht ein Geschenk an unseren                 Diktator f\u00fcr seine gute Freundschaft in der Vergangenheit?<\/p>\n<p>Dieser Atomm\u00fcll wird nach Mayak geschickt werden. Das ist eine                 Anlage, die in der Lage ist, diese Art des Atomm\u00fclls wiederaufzubereiten.                 Wenn du aber davon ausgehst, dass &#8222;wiederaufbereiten&#8220; bedeutet,                 dass das Problem aus der Welt geschafft wird, dann irrst du. <\/p>\n<p>F\u00fcr jedes Kilo, dass in Mayak wiederaufbereitet wird, werden                 150 bis 200 Kilo radioaktiver Abfall produziert! Teile davon werden                 in die nahegelegenen Fl\u00fcsse Karachay und Techa geleitet. Diese                 Anlage versenkt radioaktiven M\u00fcll in Seen und Fl\u00fcssen seit 1949.               <\/p>\n<p>Aufgrund dessen ist der Fluss Techa bereits in einem derart hohen                 Grad radioaktiv verseucht, dass die Belastung \u00e4hnlich hoch ist                 wie bei der Katastrophe von Tschernobyl.<\/p>\n<p>Und das ist immer noch nicht alles, es lagert n\u00e4mlich in Form                 von fl\u00fcssigem Atomm\u00fcll noch 20mal soviel Material in Mayak. \u00dcber                 30.000 lokal Ans\u00e4ssige, die um Mayak lebten, waren dieser radioaktiven                 Strahlung ausgesetzt. Die meisten von ihnen sind bereits verstorben,                 es leben aber immer noch rund 5.000 Menschen auf den L\u00e4ndereien                 entlang des Flusses Techa. <\/p>\n<p>Und wer schert sich darum? Mit Sicherheit nicht die russische                 oder die deutsche Regierung. Die sind damit besch\u00e4ftigt, die Menschheit                 mit ihrer atomaren Renaissance gl\u00fccklich zu machen. <\/p>\n<p>Und wenn deutscher Atomm\u00fcll in Mayak wiederaufbereitet wird und                 das fl\u00fcssige und t\u00f6dliche Resultat dessen dann in die umliegenden                 Fl\u00fcsse und in das Grundwasser gelangt (und die Menschen vergiftet,                 bis sie sterben), so ist dies f\u00fcr diese Regierungen ebenso unwichtig.                 Ein bisschen mehr Atomm\u00fcll in den Fluss gekippt; ein paar mehr                 Todesf\u00e4lle; ein bisschen mehr Geld &#8211; und es geht immer so weiter.               <\/p>\n<p>Wenn man jemals Zweifel an den t\u00f6dlichen Folgen von radioaktiver                 Strahlung bekommen sollte, dann ergibt es Sinn, die D\u00f6rfer rund                 um Mayak zu besuchen &#8230;<\/p>\n<p>Manchmal versuchen Leute, die von der freigesetzten Radioaktivit\u00e4t                 gesch\u00e4digt wurden, von der russischen Regierung Entsch\u00e4digungszahlungen                 zu bekommen. <\/p>\n<p>Im September 2010 zogen die Gruppe Ecodefense und 23 BewohnerInnen                 von D\u00f6rfern am Techa vor Gericht. In diesem Verfahren verlangten                 wir, dass die Regierung ein sarcophagus oberhalb des Flusses errichten                 sollte, da das der einzige Weg sei, wie man eine Barriere zwischen                 den Menschen und der Radioaktivit\u00e4t des Flusses schaffen k\u00f6nne.               <\/p>\n<p>Dieser Prozess wird wahrscheinlich Jahre dauern. In der Vergangenheit                 war es so, dass manche Leute, die vor Gericht gingen, um Entsch\u00e4digungszahlungen                 f\u00fcr die Folgen der radioaktiven Strahlung einzuklagen, das Ende                 des Prozesses aufgrund eben dieser Folgen nicht mehr miterlebten                 und vorher verstarben. <\/p>\n<h3>Beinahe jeder, der oder die an den Ufern der Techa lebt, hat                 Krebs oder Leuk\u00e4mie <\/h3>\n<p>Wir hoffen, dass sich die Situation bessern wird, aber wir wissen                 alle, wie sich so etwas normalerweise entwickelt. Es sieht so                 aus, als ob sich Frau Merkel dazu entschlossen h\u00e4tte, dass die                 Situation der BewohnerInnen um Mayak nicht verbessert werden k\u00f6nne                 &#8211; warum also nicht ein Atomm\u00fcllendlager daraus machen?<\/p>\n<p>Die deutsche Atomindustrie schickt nicht nur Atomm\u00fcll, sondern                 stellt auch die Container zur Verf\u00fcgung, in denen dieser gelagert                 wird. GNS wird Castor-Beh\u00e4lter f\u00fcr neue russische Endlager produzieren,                 welche rund 38.000 Tonnen verbrauchten Kernbrennstoff fassen.               <\/p>\n<p>Zusammen mit den bereits existierenden Anlagen wird Russland                 im Stande sein, fast 50.000 Tonnen von hochradioaktivem Atomm\u00fcll                 lagern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der 60 Jahre der sowjetischen und post-sowjetischen Atomindustrie                 wurden rund 20.000 Tonnen dieses t\u00f6dlichen Abfalls produziert.                 Ich denke, dass die geheimen Pl\u00e4ne, deutschen Atomm\u00fcll nach Russland                 zu verfrachten, sehr umfangreich sind.<\/p>\n<h3>Die Kooperation zwischen Atomindustrien und Regierungen in Russland                 und Deutschland schreitet schnell voran<\/h3>\n<p>Rosatom und Siemens arbeiten bereits an neuen Reaktoren in Bulgarien,                 wobei hier gl\u00fccklicherweise nicht viel weitergeht. Rosatom \u00fcbt                 jedoch starken Druck auf Bulgarien aus, die Errichtung eines neuen,                 riskanten und teuren Reaktors voranzutreiben. Zudem hofft man                 auf viele neue Reaktoren in der EU, in L\u00e4ndern wie der Tschechischen                 und Slowakischen Republik, Ungarn, Bulgarien, Polen usw. Auch                 in Russland selbst, nahe Kaliningrad, gibt es diesbez\u00fcgliche Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p>In offiziellen Rosatom-Papieren wird best\u00e4tigt, dass die M\u00f6glichkeit                 besteht, dass aus diesen Reaktoren irgendwann Radioaktivit\u00e4t austreten                 wird.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versichern sie jedoch, dass die Strahlung nicht                 \u00fcber die Grenzen der Anlage hinausreichen wird. <\/p>\n<p>Ich nehme an, das ist eine neue und kluge Form der radioaktiven                 Strahlung, weil sie genau zu wissen scheint, wo sie hin soll und                 wo nicht &#8211; nicht wie die in Tschernobyl. Diese neue Form der Strahlung                 wei\u00df, dass sie nicht 600 Kilometer nach Berlin oder 1.200 Kilometer                 nach Moskau fliegen soll.<\/p>\n<p>Rosatom hat mehreren deutschen Firmen angeboten, an der Errichtung                 des Atomkraftwerks in Kaliningrad mitzuwirken, um dann Energie                 von ihr zu beziehen. EnBW wurde gefragt, wahrscheinlich auch E.ON                 und RWE. Keine dieser Firmen hat bislang eine Beteiligung an dem                 Projekt best\u00e4tigt, aber es ist mit Sicherheit zu fr\u00fch, um endg\u00fcltige                 Schl\u00fcsse zu ziehen. Weitere Bereiche, in denen Rosatom versuchen                 wird, deutsche Unterst\u00fctzung zu bekommen, sind Privatbanken und                 die staatlichen Hermes-B\u00fcrgschaften. Das ist der Bereich, in dem                 Siemens vermutlich am n\u00fctzlichsten ist.<\/p>\n<h3>Gemeinsamer Widerstand<\/h3>\n<p>Ich habe das Bild der modernen Atomrenaissance beinahe fertig                 gezeichnet. Nur noch ein Aspekt fehlt: Vor 60 Jahren wussten die                 Menschen, die um Mayak wohnten, nicht, dass sie wie Tiere f\u00fcr                 Atomtests gehalten wurden, und sie hatten keine Chance, dem Widerstand                 entgegenzusetzen. Nun ist diese Umgebung zu einem Atomlager geworden.               <\/p>\n<p>In Deutschland k\u00e4mpfen viele Menschen gegen eine Lagerung von                 Atomm\u00fcll auf ihrem Land. In der Freien Republik Wendland, Ahaus                 und anderen Orten kann das beobachtet werden. Heute gibt es die                 M\u00f6glichkeit, die Atomindustrie zu stoppen. Wenn es aber keinen                 Widerstand geben wird, werden wir mehr derartige Atomrenaissancen                 sehen, was bedeuten wird, dass es zu neuen Mayaks kommen wird                 &#8211; nicht nur in Russland.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen der Atomindustrie gemeinsam Widerstand entgegensetzen                 und solidarisch miteinander sein. Das wird unsere Bewegungen st\u00e4rker                 machen. Wir m\u00fcssen die Atomindustrie dazu zwingen, keinen Atomm\u00fcll                 mehr zu produzieren, und sichere und verl\u00e4ssliche L\u00f6sungen f\u00fcr                 dieses Problem finden. <\/p>\n<p>Diese L\u00f6sungen m\u00fcssen nach unseren Standards verl\u00e4sslich sein                 und nicht nach jenen der IAEO oder irgendeiner Regierung. Mayak                 ist nicht nur ein russisches Problem, es ist eine Warnung f\u00fcr                 jedes Land und f\u00fcr die ganze Welt. <\/p>\n<p>Diese Warnung ist simpel: Stoppt die Atomenergie. Stoppt die                 Produktion von Atomm\u00fcll. Beginnt mit der Anti-Atomrenaissance!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet eigentlich Atomrenaissance? Sie zeigt sich, wenn man viele Atomreaktoren baut und viel Atomm\u00fcll produziert, um anschlie\u00dfend ein Atomm\u00fcllendlager in einem Land zu errichten, in dem der herrschende Diktator eine Vorliebe f\u00fcr Atomwaffen hat. Nachdem diese drei Schritte get\u00e4tigt wurden, werden viele Menschen, die in der N\u00e4he dieser Endlager leben, sterben, w\u00e4hrend eine kleine &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/11\/die-russisch-deutsche-atomrenaissance\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die russisch-deutsche Atomrenaissance - graswurzelrevolution","description":"Was bedeutet eigentlich Atomrenaissance? 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